Nicht nur ein Kalb

Ich gehe über die Felder und sehe meine Freundin winken: „Komm her, ich muss dir etwas zeigen!“, ruft sie mir zu – und strahlt über das ganze Gesicht. Sie klingt, als wäre etwas Besonderes passiert. Dabei erlebt sie jedes Jahr mindestens 50 Geburten; aber auch über die von heute freut sie sich sehr. Im Stall darf ich es bewundern, das neugeborene Kalb. Da liegt es im Stroh, ganz frisch und feucht – und winzig im Vergleich mit seiner 600 Kilogramm schweren Mama. Alles ist super gelaufen bei dieser Geburt; das ist oft so, aber nicht immer. Dieses Mal werden sehr sicher beide überleben, Kuh und Kalb. Das ist natürlich eine schöne Bestätigung für die Bäuerin – die Umstände in diesem Stall sind lebensförderlich. Noch dazu ist ein gesundes Kuh-Kalb ein finanzieller Gewinn. Aber für meine Freundin ist es eben nicht nur das: Sie erlebt ein fröhliches Staunen, die beiden da so liegen zu sehen. Und es ist völlig egal, ob sie das schon hunderte Male miterlebt hat: Für sie bleibt es etwas Besonderes.

Zwei Stunden später bekomme ich eine Nachricht: „Übrigens, Dagmar, da kam noch ein zweites hinterher, noch ein Kuh-Kalb.“ Aber es ist nicht nur ein Kalb, denke ich. Es ist auch schwarz-weiß gefleckte Bestätigung ihrer Arbeit, finanzieller Gewinn – und Anlass zu großer Freude über das Leben.

Entdecke mehr von mehr.klartext-schreiben

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen