Vorher oder nachher?

Manchmal fällt mir erst nachher ein, dass ich vorher ein Foto hätte machen können, um den Vorher-Nachher-Effekt festzuhalten. Nachher ist es dann zu spät; nachher ist vom `Vorher´ nicht mehr viel zu sehen. Dadurch lässt sich das `Nachher´ nur noch ansatzweise würdigen – es fehlt der Vergleich. Andererseits: Was nutzen einem nachher die Fotos von vorher? Wen interessiert es, was mal war? Ist das `Nachher´ gelungen, sollte man sich daran erfreuen. Ist es dagegen missraten, hilft einem die Erinnerung an das wunderbare `Vorher´ jedenfalls nicht, sich mit dem neuen Ist-Zustand gut zu arrangieren.

Das Beschneiden unseres Pflaumenbaums hat nicht viel vom `Vorher´ übrig gelassen – dennoch ist dieses `Nachher´ ein Erfolg: Die bisherige Fülle bestand aus kranken, krüppeligen Trieben, nie ordentlich in Form geschnitten. Jetzt darf der Baum noch einmal versuchen, eine schöne Krone auszubilden. Dieser Ist-Zustand ist das neue `Vorher´: Mal schauen, was nachher daraus wird.

Nicht irgendein Baum

Bei uns um die Ecke, eingequetscht zwischen einem Garagenhof und einer engen Kurve steht ein Baum – es könnte eine Blasenesche sein. Er ist wunderschön gleichmäßig gewachsen mit einer üppigen und ausladenden Krone. „Der wäre einer für die große Bühne, äh Wiese“, sagt meine Tochter, „der kommt hier gar nicht richtig zur Geltung.“ Recht hat sie. Einerseits.

Andererseits macht dieser Baum den Unterschied in dieser Kurve – ohne ihn wirkte sie steril und langweilig. Zwar nimmt man diesen Baum im Vorbeifahren kaum richtig wahr: Eindrucksvoll erscheint er erst, wenn man ein paar Schritte zurückgeht und ihn wirklich ANSCHAUT. Dennoch verschönert seine meist nur unbewusst wahrgenommene Präsenz diesen Ort.

Ich denke, manche Menschen sind ebenso. Die wahren menschlichen Helden unseres Lebens sind nicht unbedingt diejenigen, die unübersehbar und für jedermann zu hören auf der Bühne stehen. Mich beeindrucken die am meisten, die ihren Platz wunderschön ausfüllen – wie unscheinbar dieser auch sein mag. Sie kommen oft gar nicht richtig zur Geltung, aber ihre Präsenz verschönert doch jedes Miteinander.

Des einen Freud, des anderen Leid … 

Es soll mehr Verkehr von der Straße auf die Schiene umgeschichtet werden – dafür muss es bessere (und mehr) Zugverbindungen geben. Auf dem Weg durch die Lüneburger Heide sehen wir Kreuze aus roten und weißen Latten: Mit ihnen protestieren Anwohner gegen eine geplante Bahntrasse.

Windräder produzieren Strom aus der erneuerbaren Energie Wind – Klimaschützer freuen sich. Menschen in Gegenden mit viel Wind erleben die schon vorhandenen Windparks als landschaftszerstörend und wehren sich engagiert gegen weitere Windkraftanlagen.

Bei uns im Stadtteil quält sich der Fernverkehr mitten durch die Siedlung; Anlieger nervt das schon seit mehreren Jahrzehnten. Eine Umgehungsstraße wird immer nur teilweise genehmigt. Gegen den letzten Abschnitt, der meinen Stadtteil entlasten würde, kämpfen sowohl Naturschützern als auch andere Anwohnern seit ebenso vielen Jahrzehnten – entschlossen und bisher erfolgreich.

Mein Sohn geht in drei Wochen für elf Monate ins Ausland. Er freut sich auf diese Erfahrung und das, was fernab der Heimat (und der Familie) möglich sein wird. Während wir uns mit ihm freuen, sind wir gleichzeitig wehmütig: Wir werden ihn vermissen.

Des einen Freud und des anderen Leid liegen manchmal nah bei einander – und entziehen sich dennoch einem zufrieden stellenden Kompromiss.

Mehr Abschied

Die Pubertät des jüngsten Sohnes fühlt sich anders an als die des ältesten; sieben Jahre liegen dazwischen. Aber vor allem haben die Umstände sich verändert: Es ist kein Kleiner mehr da, der rückhaltlos bewundert, bedingungslos vertraut und generell Nähe zulässt – all das, zu dem der `Große´ nur noch hin und wieder bereit ist. Diesmal schmeckt alles mehr nach Abschied.

Wohlstand

Wir werden unseren Wohlstand einbüßen, warnen uns Politiker und andere Experten – und beziehen das hauptsächlich auf materielle Dinge. Aber Wohlstand ist laut Wikipedia ein `positiver Zustand, der individuell unterschiedlich wahrgenommen wird´. Dieser setzt sich zusammen aus materiellem, geistigem und emotionalem Wohlergehen.

Es klingt nach einem schweren Verlust, wenn wir etwas einbüßen – als wären wir danach automatisch arm. Dabei bleibt unserer Wohlstand erhalten, wenn wir `positiver Zustand´ anders definieren als bisher. Denn zumindest in Deutschland existiert etwas zwischen Wohlstand und Armut: ein breites Feld von `genug´, das (zugegeben) jeder anders wahrnimmt. Ich darf für mich selbst überlegen, in welchem Spielraum ich mir genügen lassen möchte – materiell, geistig und emotional. Viele von uns wären wahrscheinlich nicht automatisch arm, selbst wenn sie mit weniger Besitz auskommen müssten als bisher.

Seltsam

In der Mittagshitze wässert jemand den Rasen und reinigt seine schmutzigen Garagenwände mit dem Hochdruckreiniger. Ich wundere mich: Ob er von der Trockenheit und den Folgen für die Bauern – und UNS ALLE – nichts mitbekommt? Oder finde nur ich ein derartiges Verhalten seltsam beziehungsweise ziemlich ignorant? 

Teuer?

Ich kaufe ein Glas Honig und ein paar Haribo-Tüten, um beides ins Vereinte Königreich zu schicken. Als ich bei der Post den Preis für den Versand höre, stockt mir fast der Atem – und ich versende das Paket trotzdem. Auf dem Weg nach Hause beruhige ich mich mit dem Gedanken, wofür ich alles kein Geld ausgebe: teures Make Up, Schmuck, häufiges Essengehen, Flugreisen, ein zweites Auto, neueste Technik … Ich hatte das Geld übrig, dieses Päckchen zu verschicken, der Adressat ist es mir wert. Dennoch: In mir drin meldet sich ein unüberhörbares Stimmchen, das `zu teuer´ flüstert.

Dabei sind Dinge nicht nur objektiv teuer, sondern auch relativ. Verglichen damit, dass eine Schachtel Zigaretten mittlerweile 7€ kostet, ist ein Brot vom Bäcker seine vier, fünf Euro wert: Zigaretten kann ich rauchen, Brot muss ich essen. Wenn ich ein schickes Auto der neuesten Generation lease, nur um `mithalten zu können´, wäre der Griff zu einem gebrauchten Wagen deutlich günstiger – und außerdem noch gut fürs Selbstbewusstsein.

Und: In Relation zu den 50€, die meine Nachbarin kürzlich für überhöhte Geschwindigkeit zahlen musste, war mein Paket nicht teuer – und macht niemanden ärgerlich, aber jemanden glücklich.

Unsportlich

Englands Fußballerinnen sind Europameister. Sie haben sicherlich gut gespielt, vielleicht sogar besser als die Deutschen – sonst hätten sie nicht gewonnen. Aber in den letzten Minuten der Verlängerung, beim Stand von 2:1, spielten sie derart auf Zeit, dass es mir beim Zuschauen peinlich war. Die letzten Aktionen nach dem 2:1 schmälern meiner Meinung nach den sicherlich verdienten Sieg. Ein derartiges Verhalten in einer solchen Situation mag Usus sein – das macht es allerdings überhaupt nicht besser. Zeitspiel ist meines Erachtens unsportlich, einfach unsportlich. Den Pokal für den Sieg können sich die Spielerinnen ins Regal stellen; einen für Fairness bis zum Schluss bekämen sie von mir nicht.

Krank und nicht allein

Einer meiner Söhne ist krank; innerhalb von drei Tage hat er vier Kilo abgenommen – fast zehn Prozent seines Körpergewichtes. Sein Radius ist reduziert auf die Wege zwischen Bett, Bad und Sofa. Er ist aber nicht nur körperlich am Boden, sondern ebenso seelisch: Er möchte Schwung haben und Hunger, Freunde treffen können und die Ferien genießen. Dass er das momentan nicht kann, macht ihn sehr traurig – und lässt mich mit ihm fühlen.

Ich selbst habe seit Wochen wiederholt mit Augenentzündungen zu tun und bin zusätzlich grippal infiziert. Mein Immunsystem ist offensichtlich gerade nicht auf der Höhe. Außerdem ist mir eine Magen-Darm-Erkrankung IMMER unwillkommen. Anstecken will ich mich auf keinen Fall und könnte auf Abstand gehen. Ohne jedoch darüber nachzudenken, tue ich genau das Gegenteil: Mein Sohn ruht sich viel aus – meist bei uns im Wohnzimmer auf dem Sofa. Ich fühle seine Stirn, streiche ihm über die Haare und sitze oft direkt neben ihm. Wenn er besonders niedergeschlagen ist, nehme ich ihn in den Arm.

All das bräuchte ich nicht zu tun: Schließlich ist er mit seinen 13 Jahren `schon groß´; außerdem nehmen seine Beschwerden trotz meiner Gegenwart ihren Lauf. Aber ich kann gar nicht anders und bin sicher, das Richtige zu tun. Ich habe ähnliche Situationen schon erlebt. Vor etwa fünf Jahren zum Beispiel litten zwei Söhne unter ähnlichen Symptomen – vor allem nachts und schön gleichzeitig. Einer war damals acht, der andere 15 Jahre alt. Dem Jüngeren musste ich ganz praktisch beistehen, der Ältere bekam `technisch´ alles selbst hin. Trotzdem stand ich auch für ihn auf. Zwei Tage später bedankte er sich bei mir: „Mama, du konntest mir zwar nicht helfen; aber es war so schön, dass ich nachts nicht allein war.“

Wer krank ist, braucht Fürsorge, Mitgefühl und Nähe – die unschätzbare Stärke der menschlichen Gemeinschaft. Jeder, der Kranke isoliert, schwächt auch das Miteinander.

Von Frau zu Frau

Ein Artikel in einer Wochenzeitung ist betitelt mit `Frauen, an die Arbeit!´. Die Autorin wirbt dafür, nein sie fordert, dass Frauen berufstätig sein sollten, Mutter hin oder her. Sie führt dafür mehrere Gründe auf:

Schließlich fehlten die Frauen dem Arbeitsmarkt – so dass Preise für alles mögliche steigen und damit auch die gesellschaftliche Armut.
Außerdem könnten sich Frauen durch Berufstätigkeit eigene Rentenansprüche verdienen und bräuchten im Falle einer Scheidung `keine Transferleistungen´: „Alle gewinnen.“
Ein weiteres Argument lautet, es rentiere sich einfach nicht mit (zum Beispiel) einem abgeschlossenen Anglistik-Studium zu Hause die Wäsche zu waschen. Das könnten professionell Wäsche waschende Menschen besser und effizienter – und würden dabei wenigstens Steuern und Krankenversicherungsbeiträge zahlen.
Zu guter Letzt schreibt die (offenbar unverheiratete, kinderlose) Autorin, es wäre nur gerecht, wenn auch verheiratete Mütter berufstätig wären: „Unverheiratete Leute müssen ja auch arbeiten gehen.“ (Anna Mayr in der ZEIT Nr. 30)

Ich ärgere mich über diesen Artikel. Natürlich rede ich wie die Blinde von der Farbe, wenn es um Berufstätigkeit geht. Andererseits redet die Autorin offenbar wie die Blinde von der Farbe, wenn es um Erziehungs- und Hausfrauen-Arbeit geht. Warum nur ist diese Diskussion so vergiftet? Warum ist es so schlimm, wenn Frauen (teilweise) zu Hause arbeiten und damit dem Arbeitsmarkt nicht mehr in Gänze zur Verfügung stehen? Hält diese Autorin sich aufgrund ihrer Meinung für emanzipiert und meint, sie würde für meine Rechte streiten? Oder warum sonst schüttelt sie immer neue Argumente dafür aus dem Ärmel, warum mir als Mutter die Berufstätigkeit möglichst leicht und schmackhaft gemacht werden sollte? Ich glaube ihr nicht, dass es ihr tatsächlich ums Bruttoinlandsprodukt geht: Obwohl ich für meine Arbeit zu Hause nicht entlohnt werde, hat diese doch einen (monetär schlecht messbaren) Wert. Ohne weiteres lassen sich die Leistungen einer Hausfrau und Mutter nicht von Externen erledigen. Ich bezweifle stark, dass `alle gewinnen´, wenn Mütter früh wieder berufstätig sind und ihre Kinder dafür von welchem Profi auch immer betreuen lassen. Aber das ist nur meine persönliche Meinung. Ohne Lobby, ohne recherchierte Argumente, ohne große Leserschaft.