Herausfordernd

Menschen sind in unterschiedlichen Lebensentwürfen glücklich. Dabei gilt für allein Lebende ebenso wie für Familien: Regelmäßig verlassen wir unser heimisches Umfeld und treffen andere Menschen.

Während des Lockdowns sollen persönliche Kontakte auf ein Minimum reduziert werden. Allein Lebende erleben diese Zeit als herausfordernd: Der Schritt von „allein“ zu „einsam“ ist nach einigen Wochen sehr kurz und fast unvermeidlich – digitale Medien hin oder her. (Sie helfen nur unzureichend und haben nicht empfehlenswerte Nebeneffekte.)

Auch Familien erleben diese Zeit als herausfordernd: Der Schritt von „Ich liebe meine Familie“ zu „Meine Familie geht mir auf den Keks“ ist nach einigen Wochen sehr kurz und fast unvermeidlich – digitale Medien hin oder her. (Sie helfen nur unzureichend und haben nicht empfehlenswerte Nebeneffekte.)

Sicher ist Vereinsamung deutlich anstrengender und menschenfeindlicher als nervende Mitbewohner. Dennoch: An niemandem geht der momentane Zustand spurlos vorbei.

Der Hingucker

Vater und Tochter tanzen während ihrer Quarantäne-Zeit, drehen ein Video und stellen es ins Internet. Nichts daran ist perfekt: Die beiden tanzen zu typischer „gute Laune-Musik“ in ihrem Wohnzimmer; die Choreographie ist peppig, aber nicht anspruchsvoll; sie tanzen drauflos, einige Patzer sind inklusive. Die Teenager-Tochter ist schlank, bewegt sich fließend, schrittsicher und rhythmisch, sogar mit Gefühl – sie ist eindeutig die Initiatorin dieser Aktion. Der Vater macht mit. Er ist Anfang 50, von der Figur her eindeutig kein Tänzer und nicht besonders ernsthaft, aber engagiert bei der Sache: Alles an ihm tanzt – Füße, Hände, Rumpf, Gesicht. Manchmal weiß er nicht weiter, aber er kommt immer schnell „wieder rein“.

Meine Tochter raunt mir zu: „Man schaut irgendwie nur zu ihm, oder?“ Sie hat recht – beide tanzen, aber so richtig „sieht“ man nur den Vater. Woran liegt das? Eine perfekte Vorstellung liefert dieser Normalo-Mann um die 50 nicht; das schafft eher seine Tochter. Ja, er hat Taktgefühl und kann sich erstaunlich schnell bewegen. Aber vor allem hat er ganz offensichtlich viel Spaß und strahlt Leichtigkeit und Lebensfreude aus. Er nimmt sich selbst nicht zu ernst und wird doch nicht dilettantisch. Und genau dadurch ist er attraktiv und wirkt total ansteckend – ein (unvollkommener) Hingucker eben.

Playlist

CDs waren gestern, der Tonträger von heute heißt Playlist. Eine meiner Töchter mag alles mögliche und ordnet das verschiedenen dieser „Listen“ zu – 13 sind es insgesamt: Auf einer läuft nur Musik aus den 80ern, eine andere ist für ihre Lieblingslieder aus dem Bereich Lobpreis. In einer Playlist parkt sie die Lieder, von denen sie sich schon halb verabschiedet hat – aber noch nicht endgültig. Dann sind da noch einige Liedersammlungen, die sie von ihren Freunden bekommen hat: Afro-Beat zum Beispiel von der einen, russische Hits von dem anderen. Sie hat außerdem eine eigene Playlist für ruhige Stücke und eine weitere mit Klaviermusik ohne Gesang. Meine Tochter hört gern und viel Musik, aber sie „verwaltet“ außerdem regelmäßig ihre Playlists und ergänzt oder bereinigt diese.

Auch ich habe eine Playlist. Auf ihr sammle ich alles an Musik, was mir (schon lange oder erst ganz kurz) gefällt: Deutsche und englische Lieder, laute und leise, schnelle und langsame, säkulare und christliche ….. Manche sind aus meiner Jugend, andere von heute – gern lasse ich mich von meiner Tochter inspirieren. Ich ergänze, wenn mir danach ist, und werfe fast nie etwas raus. Ich benutze meine Playlist ebenso wie früher meine CDs: anschalten, hören, ausschalten.

In der Sache bin ich modern, von der Art und Weise her bleibe ich ein Kind des letzten Jahrhunderts.

Nebenbei Schule

Am Küchentisch arbeiten und lernen diejenigen unserer Kinder, die gern in Gesellschaft sind. Sie – und somit auch ich – beschäftigen sich (heute) mit Erdkunde, Latein, Französisch, Politik, Deutsch und Mathe. Ich beantworte Fragen zu dem einen oder anderen Fach und bereite irgendwann nebenbei das Mittagessen vor. Zwei weitere Kinder sitzen oben an ihren Schreibtischen; manchmal kommen auch sie nicht allein weiter. (Der Abiturient darf in die Schule.) Ich weiß nicht immer die Antwort auf fachliche Fragen, aber als ermutigendes und die allgemeine Stimmung belebendes Element bin ich super.

„Hier sieht es nach Arbeit aus“, sagt mein Mann, als er nach Hause kommt, und scheint mich ein wenig zu beneiden: „Ich schätze, du wirst durch den Lockdown zur Universalgelehrten.“ Er hat nur ein bisschen recht. Die Beschäftigung mit verschiedenen Fächern macht mir Spaß und versüßt mir das Kochen: Ich kann nebenbei altes Wissen wiederbeleben und Synapsen neu verknüpfen. Allerdings hoffe ich, die „echten“ Schüler kommen gelehrter (als vorher) aus dem Lockdown heraus.

Holz hacken ist leichter

„Man muss heutzutage flexibel einsetzbar sein, denkst du nicht?“, fragt mich ein sehr junger Angestellter unseres Supermarktes. Ich habe keine Ahnung, ich bin nicht berufstätig. „Ach ja, du bist Hausfrau“, sagt er. „Und Mutter“, ergänze ich. Er lächelt ein wenig verständnislos – so als wäre das dasselbe. „Mutter ist mehr Arbeit als Hausfrau“, schiebe ich deshalb hinterher. Jetzt schaut er tatsächlich ungläubig. Eine Frau hinter mir mischt sich ein: „Manchmal ist Holz hacken leichter.“ Sofort erinnere ich mich an mein Studium: Ich wohnte mit sieben anderen auf einem Bauernhof, die Zimmer waren nur mit Holzöfen beheizbar. Für das Brennmaterial hatten wir selbst zu sorgen. Die Frau hat recht: Holz zu hacken ist vergleichsweise leicht (und monoton); es lässt sich immer mal ein Stündchen damit füllen und irgendwann ist man fertig. Der Job als Mutter ist abwechslungsreicher, funktioniert nicht stundenweise und dauert viel länger.

Demütig lernen und lehren

„Persönlich bin ich immer bereit zu lernen, obwohl ich nicht immer belehrt werden möchte.“
Winston Churchill

Wie recht er hat, der Churchill. Wenn ich von mir aus erkenne, dass ich etwas nicht weiß oder kann, bitte ich gern um Rat oder Hilfe. Dagegen lasse ich mir nicht gern helfen, wenn mir jemand schulmeisterlich begegnet. Ich möchte meine Hilfsbedürftigkeit gern selbst erkennen – und nicht von außen darauf aufmerksam gemacht werden, dass ich allein nicht weiterkomme.

Es sei denn, es kommt Demut ins Spiel: Dann gelänge es mir als Lernender wohl, selbst dem belehrendsten Gespräch das Gute zu entnehmen, und mich zu freuen über denjenigen, der mehr weiß oder kann als ich. Andersherum tritt ein schlauer und dabei demütiger Mensch eben nicht überheblich belehrend auf, sondern hilft freundlich, ohne den anderen klein zu machen. Wie aber werden wir beide demütig? Beste Möglichkeit: Gott verändert uns dahingehend. (Möglichst mehrmals) zu merken, dass wir allein nicht weiterkommen, zerstört ebenfalls sehr nachhaltig den eigenen Größenwahn.

Dann klappt es: Wer (demütig ist und) lernen will, streckt sich empfänglich und neugierig nach Wissen und Hilfe aus; wer (demütig ist und) lehren kann, bietet respektvoll und behutsam sein Wissen an. Und schwups – sind die beiden eine gute Kombination!

Nicht verantwortlich

Durch den Frühjahrs-Lockdown 2020 weiß ich, dass sich echte Schule nicht durch Home Schooling ersetzen lässt. Unsere Kinder gingen nach den Sommerferien in die Schule zurück – und hatten Defizite, die sich nur mühsam aufholen ließen. Kurz vor Weihnachten waren sie wieder bei „normal und wie vor Corona“ angelangt. Nun werden die Kinder noch mindestens den ganzen Januar zu Hause bleiben. Wieder ist Home Schooling angesagt.

Unsere Voraussetzungen sind vergleichsweise gut: Die Lehrer bemühen sich, eine digitale Ausstattung ist vorhanden. Darüber hinaus bin ich zu Hause und achte darauf, dass die Kinder tatsächlich etwas für die Schule TUN. Am Küchentisch geht gemeinsames Lernen; in den übrigen Zimmern kann arbeiten, wer allein sein möchte. Der Garten (oder die Walachei) vor der Tür ermöglicht Bewegung an der frischen Luft – und wir nutzen das auch.

Dennoch können wir kein Unterrichtsgespräch ersetzen; die Familie ist nicht dasselbe wie die Klassengemeinschaft; ich bin kein Pädagoge. Daher gehe ich entspannt und mit einer realistischen Erwartung in die nächsten Wochen: Die Kinder werden irgendwann trotz Home Schoolings mit schulischen Defiziten wieder in die Schule gehen – und verantwortlich dafür sind weder Lehrer, Schüler noch Eltern. (Und die Lösung heißt auch nicht „mehr Digitalisierung“!)

Duschbad

„Hallo Mama, ich habe dich sehr lieb, auch wenn dich das manchmal ärgert, wenn ich irgendetwas falsch mache. Entschuldigung!“, schreibt mir mein elfjähriger Sohn auf einen Zettel. Ich bin beschämt und nehme meinen Jüngsten in den Arm. Er wollte mir helfen: „Mama, ich fülle die Seife im Bad nach, die ist alle.“ Jaja, denke ich. Aufmerksam werde ich erst, als er hinterher sagt, die Nachfüll-Seife im Keller sei jetzt aufgebraucht. Ich weiß ziemlich gut über meine Bestände Bescheid und ahne, was er tatsächlich aufgebraucht hat. Ein Blick in den Müll bestätigt: Wir werden uns in der nächsten Zeit mit meinem Duschbad die Hände waschen.

Ärgerlich halte ich meinem Sohn die leere Packung vor die Nase: „Lies mal, was hier steht. Und jetzt geh in den Keller und lies, was dort auf den Beuteln steht.“ Betretenes Schweigen – er versteht: Ich ärgere mich über verbrauchtes Duschbad, anstatt mich über seine Hilfe zu freuen. Langsam kommen die Tränen – und ich verstehe: Mein sensibler Sohn wollte etwas Gutes tun, hat dafür aber keinen Dank, sondern Ärger geerntet.

Anschließend ist er traurig und entschuldigt sich für seinen „Fehler“. Auch ich bin anschließend traurig und entschuldige mich für mein Fehlverhalten. Es klingt nur, als wäre es dasselbe: Mein Sohn hat nicht alles richtig gemacht und hatte dabei mich im Blick. Ich habe nicht alles richtig gemacht und hatte dabei ebenfalls mich im Blick. 🙁 Falls mein Sohn nächstes Mal wieder freundlich helfen will, möchte ich vor allem ihn und sein Bemühen im Blick haben und weniger das Duschbad und mich.

Ärzte

Einige Ärzten befreien Menschen per Attest von der Maskenpflicht, so dass diese dann nicht maskiert herumlaufen – und vielleicht gegen die Corona-Maßnahmen protestieren. Andere Ärzten befreien Kinder per Attest von der Schulpflicht – weil deren Eltern aus Angst vor dem Corona-Virus lieber auf Heim-Unterricht umstellen.

Ich kann über beide Ärzte-Gruppen die Köpfe schütteln oder auch nur über eine von ihnen. Meine Reaktion hat nichts mit dem medizinischen Sachverstand der Ärzte zu tun: Dieser spielt für ihre Handlungsweise eine untergeordnete Rolle, außerdem kann ich ihn nicht beurteilen. Was ich von den jeweiligen Medizinern und ihrem Tun halte, hat viel mehr etwas mit MEINER Einschätzung der Lage zu tun und mit dem, was ICH für richtig, angemessen und gut halte. Den meisten Normalo-Menschen um mich herum unterstelle ich eine ähnlich geartete „vorgefertigte Meinung“, die sich aus allem möglichen speist. Uns stehen dieselben Informationen zur Verfügung; aber wir ziehen unterschiedliche Schlüsse. Die Grenze zwischen „klar richtig“ und „eindeutig falsch“ ist fließend. Unser aller Wissen und Überblick sind begrenzt. Das geht Wissenschaftlern ebenso wie Nicht-Wissenschaftlern. Würden wir das zugeben, hätte das Virus weniger Chancen, unsere Gesellschaft zu spalten – auch wenn es weiterhin solche und solche Ärzte gibt.

Weihnachts-Lockdown

Durch Corona war unser Weihnachtsfest sehr ruhig. Natürlich ist es bei sieben Leuten per se nicht ruhig, aber in den drei freien Tagen dieses Jahr „irgendwie“ doch: Keine Besuche bei den Großeltern – wir sprengen jede erweiterte Verordnung, keine Besuche bei uns. Drei Tage nur wir. Teenager können tagelang chillen und ausgiebig schlafen; Nicht-Teenager verabreden sich am liebsten außer Haus. Ich war viel spazieren, viel allein und sehr still. Normalerweise macht mir das nicht viel aus, dieses Jahr schon, denn – wir waren die Wochen davor auch schon immerzu „nur wir“.

Meine Nachbarn meinten hinterher, man müsse sich ein Programm einfallen lassen – einfach so in die Tage hinein leben, schlage nach einer Weile jedem aufs Gemüt. Hätte ich das doch nur vorher gewusst! Für nächstes Weihnachten plane ich dementsprechend: gemeinsame Spiele, Spaziergänge, zur Not Koch-Aktionen und dergleichen. Es bleibt zu hoffen, dass mir für derartige Initiative in der Weihnachtszeit nicht die Energie fehlen wird – oder dass wir im Dezember 2021 ohne Lockdown davonkommen. Ich weiß, was mir lieber wäre.