Beim Nachhause-Fahren ist mir kalt. Langsamer zu werden und eine rote Ampel zu riskieren – keine Option. Stattdessen trete ich fest in die Pedale und schieße zwischen den mir entgegenkommenden Fußgängern durch. Eine ruft mir etwas hinterher, das klingt wie „man könnte ja mal bremsen“. Das wird mir in dem Moment auch klar, aber ich entschuldige mich trotzdem nicht. Stattdessen rechtfertige ich meine rabiate Fahrweise vor mir selbst: Auf dem gemeinsam genutzten Rad- und Fußweg könnten die Fußgänger auf ihrer Seite bleiben; ich friere und will nach Hause; wenn die wüsste, welche guten Gründe ich für mein Tempo habe; und außerdem: Es hat doch alles gepasst!
Ich verhalte mich rücksichtslos und erwarte Verständnis. Wie oft geht es mir genau andersherum: Jemand verhält sich rücksichtslos und es interessiert mich nicht die Bohne, warum. Ertappt, denke ich, auch ich praktiziere selten den von mir geschätzten (vielleicht indianischen) Tipp fürs Miteinander: 1.000 Schritte in den Mokassins eines anderen zu gehen, um ihn zu verstehen. Für 1.000 Schritte ist hier an der Ampel (und auch sonst oft) keine Zeit – und genau das ist vielleicht das Problem.

