Nicht fertig

Unser Garten ist groß und pflegeleicht angelegt. Jedes Jahr im Frühling denken wir, dass wir „dieses Jahr“ nicht mehr so viel machen müssen wie früher, um den Ist-Zustand zu erhalten. Jedes Jahr im Frühsommer merke ich, dass das nicht stimmt. Der Garten überrascht mich immer wieder: hier und dort und da mit dem Wachstum neuer Pflänzlein, die sich schneller ausbreiten, als mir lieb sein kann. Jedes Jahr im Herbst bekomme ich langsam wieder die Kontrolle – vor allem weil die Wachstumsperiode endet. Jedes Jahr im Winter vergesse ich alle Überraschungen des Frühjahrs und fiebere dem Moment entgegen, wenn draußen wieder alles wächst und grünt.

Heute dauert das Unkrautjäten länger (wie immer), weil ich in einer Ecke des Gartens fündig werde, die ich vorab gedanklich „nur kurz durchgehen“ wollte. Ich beweise Mut zur Lücke (wie immer) und jäte so gründlich, wie ich muss, und nicht so gründlich wie möglich. Anders geht es nicht; zu sehr sind Pflanzen, die ich will, verwachsen mit denen, die ich nicht will. Sonst werde ich nicht fertig, denke ich, und plötzlich verstehe ich: Ein Garten ist kein Ort, an dem man jemals fertig oder mit irgendetwas fertig werden kann. Das Unkraut wird nicht restlos verschwinden; auch während ich es rausreiße, werde ich nicht damit fertig. Mein Garten wird ewig unvollendet bleiben – wie entlastend.

Ich habe die Wahl!

Irgendwo habe ich gelesen, dass es die kleinen Entscheidungen sind, die dem Leben eine Richtung geben. Oder so. Tägliche Routinen, die unseren Geist und Körper formen. Deutlich wird es mir bei der Frage, ob ich das Auto nehme oder das Rad. Wähle ich die bequeme, einfache Variante oder die unbequeme und beschwerliche? Fast immer fahre ich mit dem Rad; nur selten bereue ich es hinterher. Ich tue etwas für mein Immunsystem und für meinen Kreislauf, spare das Geld für Sprit und schone die Umwelt. Deshalb streife ich mir auch heute die Regenhose über und radele zum Spargelkaufen in die nächste Ortschaft. Als ich losfahre, nieselt es nur leicht, mit jedem halben Kilometer wird es heftiger. Erst als ich wieder zu Hause bin, hört der Regen auf – logisch.

Ich hätte das Auto nehmen können. Dieses eine Mal hätte weder meinem Immunsystem noch meinem Kreislauf geschadet; das Geld für den Sprit – eine Kleinigkeit. Manchmal tue ich es auch; aber heute war es gut, trotz des durchwachsenen Wetters mit dem Rad zu fahren. Bequem werde ich von allein, träge und passiv auch. Es braucht viele kleine Entscheidungen gegen den inneren Schweinehund, um aktiv und widerstandsfähig zu werden und zu bleiben.

Was mich motiviert

Regeln begrenzen meine Freiheit; manche leuchten mir ein, manche nicht. Letztlich akzeptiere ich auch die Grenzen, die mir nicht gefallen: entweder weil ich Strafen für Fehltritte fürchte, oder aus Liebe zu demjenigen, der die Regeln macht. Letzteres ist die deutlich stärkere Motivation.

Einfach weg

Ob und wohin ich in den Urlaub fahren würde, fragt mich die Schwester in der Arztpraxis. Ich antworte wahrheitsgemäß und klar, während sie mir das Narkosemittel spritzt. „Dann schicke ich sie jetzt schon mal dahin“, höre ich sie noch sagen – und vorbei. Als ich aufwache, liege ich auf der anderen Seite, auf einer anderen Liege und in einem anderen Raum. Die 20 Minuten dazwischen: einfach weg.

Es fasziniert mich, wie von einer Sekunde auf die andere das Bewusstsein sich verabschiedet. Und genauso in einem Augenblick ist alles wieder da – wo ich bin und warum, worüber wir gerade noch gesprochen haben und wie der Tag für mich weitergehen wird.

Heutzutage gehören Narkosemittel zum Standard bei bestimmten Eingriffen; noch vor 200 Jahren war das unmöglich: Menschen zum Schlafen zu bringen, um sie zu operieren oder zu untersuchen. Toll, dass es immer wieder Pioniere gab – und gibt, die ausprobieren, was andere für undenkbar halten.

War nix – oder doch?

Schwierige Zeiten in meinem Leben lassen sich nicht vermeiden, auch wenn mir das lieb wäre. Entsprechend freue ich mich, wenn sie vorbei gehen. Dennoch wäre es schlau, diese Hürden auch als Chance zu begreifen: nämlich etwas über mich zu lernen und stärker zu werden. 

Keine Sorge?

Manchmal wache ich nachts auf und denke an das, was war – oder an das, was kommt. Leider entwickeln diese Gedanken oft eine eigene Dynamik, so dass ich erst nach langer Zeit wieder einschlafen kann. Ich habe schon alles Mögliche probiert: stoisch liegen bleiben und die Augen schließen, an etwas anderes denken, beten. „Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch“, heißt es schließlich in der Bibel (1. Petrus 5, 7). Ich weiß, dass Gott sich kümmert; das Endergebnis liegt in seiner Hand. Von mir kommt nur ein kleiner Beitrag. Diesem in großer Gelassenheit nachzugehen, sich also keine Sorgen zu machen – wie geht das? Für mich ist das nicht so einfach. Ich übe noch.

Akzeptanz statt Arroganz

Ich würde das anders machen, denke ich manchmal – entweder zu Recht oder aus Arroganz: wahrscheinlich von jedem etwas. Das liegt auch daran, dass ich mich zu selten bemühe, verstehen zu wollen. Warum sagt oder tut der andere, was er sagt oder tut? Welche Prägung und Erfahrung bringt derjenige mit und durch welche Brille sieht er deswegen die Welt? Dabei würde ein wenig Perspektivwechsel den Wind der Missbilligung aus meinem Denken nehmen.

Aber es ist schwer, dem anderen dasselbe Recht zuzugestehen wie mir selbst: dass er es sich nicht leicht macht mit seiner Sicht der Dinge und diese ebenso legitim ist wie meine eigene. Bekanntermaßen führen viele Wege nach Rom. Alle als gleichermaßen berechtigt nebeneinander stehen zu lassen – ist nicht so einfach. 

Musik verbindet

Bei der Arbeit besuchen uns zwei musizierende Frauen: Beide studieren in Hannover und spielen ganz ausgezeichnet Violine. Eine stammt aus der Ukraine, die andere aus der Türkei. Sie harmonieren wunderbar – musikalisch und persönlich: „Wir sind sehr dankbar füreinander“, sagt die eine, „wir haben hier keine Familie, aber wir haben uns.“ Wie schön, dass sie sich durch ihre Freundschaft hier in Deutschland ein bisschen zu Hause fühlen können. 

Stur oder unbelehrbar

„Eine Besteckschublade kommt mir nicht ins Haus“, sagt eine Kollegin, „diese Sortiererei mag ich nicht.“ Alle Einwände, dass man irgendwann sortieren müsse, nützen nichts: Beim Einräumen des Geschirrspülers fehle ihr dazu die Geduld – es klingt stur. Ich bin in der Hinsicht leidenschaftslos und komme mit oder ohne Besteckschublade zurecht. Aber ich gebe zu, dass mir ihre Vehemenz an sich vertraut ist. Sie erinnert mich an die Wasserscheide zwischen Automatik- und Schaltgetriebe. „Einmal Automatik, immer Automatik“, heißt es oft: wie praktisch das sei, vor allem im Stadtverkehr oder auf der Autobahn im Stau. Mag sein, denke ich dann und bleibe doch unbelehrbar: Ein Automatikwagen kommt mir nicht in den Carport!

Alle Jahre wieder … 

Im Frühling tut sich erst lange nichts. Dann aber grünt, wächst und blüht es selbst in unserem Garten. Überall und flächendeckend: der Vorteil von Bodendeckern. Der Blick auf all das Gelb und Blau ist wunderbar und irgendwie beruhigend. Ohne großes Zutun von unserer Seite, schenkt Gott alle Jahre wieder neues Leben.