Feiner Unterschied

Zu wandern ist kein Spaziergang: Spazierengehen geht nebenbei, beim Wandern muss ich mich auf den Weg konzentrieren. Es dauert in der Regel länger und findet eher in unberührtem Geländer statt. Um die Umgebung zu betrachten, muss ich den Blick heben – und möglichst stehenbleiben. Einen Spaziergang kann ich gut in meinen Alltag einbauen; zum Wandern brauche ich Zeit – und gewinne Abstand vom Tagesgeschäft: Beim Spaziergang schalte ich kurz ab; mit einer Wanderung gönne ich mir eine Auszeit.

Zu wandern ist kein Spaziergang – es sieht nur genauso aus.

(Nicht) effektiv

„Wenn ich viel um die Ohren habe, bin ich effektiver“, sagt eine alte Schulfreundin am Telefon. Momentan ist sie (nicht effektiv) in Quarantäne und hat Zeit. Drei Wochen ist sie (mit Mann und zwei Söhnen) schon zu Hause; ihr fehlt der Job. Das Nebeneinander von Beruf und Familie strengt sie zwar an. Schon lange schwingt in unseren Gesprächen mit, dass ihr Leben zu voll ist und sie zu viel zu tun hat. Dennoch ändert sie nichts daran, denn: Sie will arbeiten (gern auch viel), Geld verdienen und für ihre Rente sorgen; sie will die Karrierestufe halten, die sie erreicht hat. 

Sie könnte die Zwangspause genießen und nach drei Wochen erholt sein und entspannt. Stattdessen ist sie unruhig – und froh, dass sie bald wieder arbeiten gehen kann. Morgen fangen sie wieder an, die langen Tage im Job und zusätzlich zu Hause das große Haus mit dem noch größeren Garten. Und das jüngere Kind, das Unterstützung braucht – und sie nicht will. Dann wird meine Freundin wieder gestresst sein, aber eben auch effektiv: Das ahnt sie und freut sich darauf.

Sie ist für das zu Hause-Sein so verdorben, wie ich verdorben bin für einen geregelten Beruf – schießt es mir durch den Kopf. Ich bin auch beschäftigt, aber effektiv bin ich dabei nicht. Was heißt das schon – effektiv? Ich denke nicht in dieser Kategorie, sie kommt in meinem Leben nicht vor. Stattdessen praktiziere ich die sogenannten „soft skills“: Ich bin belastbar, kann mich in andere hineinversetzen, kommunizieren und halte Konflikte aus, bin vertrauenswürdig, kann meine Zeit gut einteilen, mich selbst beherrschen, bin neugierig, motiviert und flexibel – und all das nicht immer gleich gut. Jeder andere braucht diese Fähigkeiten auch, aber ich brauche sie nicht für einen Job: Mein Job besteht darin, sie auszuleben.

Es ist nicht effektiv, hier zu Hause die Basisstation für meine Familie zu bilden, mit einer einsamen alten Frau spazieren zu gehen, Gespräche am Gartenzaun zu führen oder ermutigende Karten zu schreiben. In Gesprächen wie mit meiner Freundin denke ich, das sei zu wenig. Nach einer Weile weiß ich wieder: Mir reicht es; für mich ist es genug, nicht effektiv zu sein.

Vorsichtig

In einem Kommentar zur Wirksamkeit der Corona-Maßnahmen lese ich: „Die ohnehin Vorsichtigen werden vorsichtig bleiben. Diejenigen, die sich bisher eher leichtsinnig oder gar fahrlässig im Umgang mit dem Virus verhalten haben, werden dies ebenfalls bleiben.“ Geht`s noch?, denke ich. Das klingt, als sei der einzig mögliche Gegensatz zu `vorsichtig´ eben `leichtsinnig oder gar fahrlässig´. Als gäbe es dazwischen nichts anderes – wie zum Beispiel `mutig´, `entschlossen´ oder `angstfrei´. Es schwingt auch eine Wertung mit: als wäre `vorsichtig´ die beste Haltung im Leben. So etwas würde ich nie behaupten – und wenn doch, dann nur sehr vorsichtig.

Alternativlos

Meine Waschmaschine ist kaputt. Insgesamt eine ganze Woche kann ich sie nicht benutzen. Ich suche temporär nach einem anderen Gerät, denn: Wir haben schlicht nicht so viele Unterhosen und Socken; der Dreckwäsche-Berg wächst entmutigend schnell; es ist keine Alternative, mit der Hand zu waschen. Ein Freund in unserer Straße hilft mir aus der Misere. Jedes Waschen ist mit Absprache, einem Gang und einem Gespräch verbunden. Ich bin dankbar. Ich kann auf eine Menge verzichten, aber ohne Waschmaschine geht es für mich nicht.

Horizonterweiternd

Meine Landwirt-Freunde haben genaue Auflagen, wie viel sie beregnen dürfen. Bei Zuwiderhandlungen werden Strafen fällig. Für die Bewässerung des Sportplatzes daneben gelten andere Regeln. Darüber kann man staunen oder sich ärgern – je nachdem.

Der ehemalige Fußballtrainer meiner Tochter – um die 40, kurdische Wurzeln – erzählt mir, dass seine Mutter langsam durchdreht: Der November-Lockdown fällt mit einigen Trauerfällen in der erweiterten „Familie“ zusammen, zu denen sie aufgrund der Kontaktbeschränkungen nicht fahren darf. In seiner Kultur sei das im Grunde undenkbar und fast unverzeihlich, sagt er – jedenfalls für die Generation seiner Mutter.

Eine Frau in der Nachbarschaft fegt Laub auf ihrer Straße. Ich bleibe kurz stehen und erfahre von den Schwierigkeiten, „in dieser besonderen Zeit“ ihre Goldene Hochzeit mit den drei Kindern und deren Familien zu feiern.

Seit einiger Zeit begleite ich eine ältere Dame manchmal bei ihren Spaziergängen; wir unterhalten uns sehr ehrlich miteinander: Ihr Leben ist durchzogen von Zerbruch, Entzweiung und kaputten Beziehungen. „Ich habe mir mein Leben anders vorgestellt“, sagte sie kürzlich. Mich macht das traurig – für sie – und dankbar für das gute Miteinander, in dem ich seit 50 Jahren „zu Hause“ bin. 

Spaziergänge sind horizonterweiternd!

Unverblümt

„Wir können uns zum Tee treffen – aber nur für ein Stündchen, möglichst am Nachmittag und erst nächste Woche.“ Das ist meine Antwort auf die Anfrage einer Bekannten. Daraufhin schreibt sie, sie schätze meine unverblümte Ehrlichkeit – und zieht ihre Anfrage zurück. Wenn ich Lust verspüren sollte, könne ich mich ja melden. Sie klingt verletzt, so, als hätte ich – unverblümt ehrlich – geschrieben, dass ich mich nicht treffen möchte. Ich bin verwirrt und antworte (unverblümt ehrlich), dass wir uns treffen können – für ein Stündchen, möglichst am Nachmittag und erst nächste Woche.

Es ist nicht so leicht mit der Ehrlichkeit, sie kann ebenso verletzen wie die Lüge.

Rebellisch?

Mich gegen Anordnungen aufzulehnen, fällt mir schwer; ich tue eher, was man mir sagt. Diese nicht immer hilfreiche Eigenschaft schiebe ich zum Teil auf mein Aufwachsen im Osten der Republik: Dort legte man vor 40 Jahren keinen Wert darauf, Menschen zur kontroversen Mitsprache zu motivieren. Stattdessen galt es, Vorschriften zu befolgen und möglichst nicht zu hinterfragen. In diesem „gesellschaftlichen Klima“ bin ich aufgewachsen – es hat mir nicht nur gut getan. Nach dem Fall der Mauer fühlte ich mich oft belächelt wegen meiner vermeintlichen Obrigkeitshörigkeit.

Seit 30 Jahren lebe ich in einem anderen „gesellschaftlichen Klima“. „Eine Demokratie, in der nicht gestritten wird, ist keine“, hat Helmut Schmidt gesagt. Das stimmt und hat Schattenseiten: Im Westen der Republik weiß (und sagt) heute jeder Grundschüler, welche Rechte er hat – und welche seine Lehrerin eben nicht hat. Auch das tut uns nicht nur gut. Vor diesem Rechtsbewusstsein zucke ich innerlich zusammen und frage mich, wie es unsere Gesellschaft langfristig verändern wird. 

Das Corona-Virus bringt es mit sich, dass diese beiden „Klimata“ aufeinanderprallen wie schon lange nicht mehr – und zwar überall in der Republik. Da sind diejenigen, die hinsichtlich der Maßnahmen
kritiklos alles mitmachen, was vorgeschrieben ist;
alles mitmachen und schweigen, obwohl sie nicht alles gutheißen;
alles mitmachen und – in bestimmten Kreisen – ihre Zweifel artikulieren;
nur mitmachen, was ihnen einleuchtet, und sich teilweise widersetzen;
sich gegen alles auflehnen – in Wort und Tat
… und dazwischen noch so einige Abstufungen.

Den meisten von uns fällt es schwer, andere Meinungen zu akzeptieren – denn wir sind von unserer eigenen überzeugt, zumindest im Stillen: Was wir wirklich denken, bleibt unsere Sache; nur was wir tun, sieht jeder. In einer Gesellschaft können wir uns entscheiden zwischen Gehorsam und Ungehorsam. Gehorsam muss manchmal sein, weil die Freiheit des Einzelnen nicht über dem Gemeinwohl stehen darf. Ungehorsam darf manchmal sein, wenn die Freiheit des Einzelnen zu stark eingeengt wird – und sei es zum (vermeintlichen) Wohl der Gemeinschaft.

Eine Mitschülerin meiner Kinder wurde wegen wiederholter „Verstöße gegen die Maskenpflicht“ für eine Woche vom Unterricht suspendiert. Sie musste einmal zu oft dazu aufgefordert werden, ihre Maske auch über die Nase zu ziehen.

Ihr Verhalten lässt sich sehr unterschiedlich „bewerten“: Einige sagen: „Sie ist schlecht erzogen, rebellisch und akzeptiert keine Autorität.“ Andere – wie ich – finden: „Das war kein offener Akt der Rebellion. Ihr fehlt die Einsicht in den Sinn dieser Maßnahme und darum macht sie nur halbherzig mit.“ Ich kann sie gut verstehen – zumal sie genau in dem Alter ist, in dem man hierzulande und heutzutage nicht einfach tut, was einem gesagt wird.

Ohne Hund

Nach dem morgendlichen Familiengewusel und bevor ich mich meinen Aufgaben widme gehe ich oft spazieren. Dabei treffe ich immer einige Menschen auf meiner Runde, wir sind Gleichgesinnte. Dennoch bin ich ein Sonderling: Ich bin eine der wenigen, die ohne Hund unterwegs ist. Wahrscheinlich ist ein Hund ein wundervoller Gefährte, aber mir fehlt keiner – im Gegenteil: Ich bin froh, dass ich in meinem Tempo gehen und mit mir allein sein kann. Hinterher muss ich nur die Wanderschuhe putzen, keine Hundepfoten.

Manchmal bleibe ich spontan, entspannt und guten Gewissens zu Hause. Ohne Hund geht das.

Pizza

Heute kommen alle Kinder mittags gleichzeitig aus der Schule nach Hause. Ich nutze die Gelegenheit und mache Pizza. Hefeteig ansetzen und gehen lassen, Gemüse schnippeln, Käse reiben – es dauert.

Was mich trotzdem motiviert und mit Schwung bei der Sache sein lässt, ist nicht meine Leidenschaft fürs Kochen. Es ist auch nicht der Gedanke daran, wie gesund selbst gemachte Pizza vielleicht ist oder wie gut sie schmeckt. Was mich bei der Stange hält, ist der Gedanke an die heimkommenden Kinder: Sie werden die Tür öffnen und die Nase in die Luft recken; ihre Augen werden sich kurz schließen, und ein sehr zufriedenes Lächeln wird über ihre Gesichter huschen. Die Anstrengung des Vormittages fällt in diesem Moment von ihnen ab – und dann gibt es auch noch Pizza: „Mama, das ist super!“ Ich bin dankbar, dass ich diese Stimmung miterleben und sogar dazu beitragen kann.

Die Wiederbelebung des Briefes

Seit Corona erschallt laut und oft der Ruf nach mehr digitaler Entwicklung – als wäre dies die Lösung für alles. Dabei ist Digitalisierung zwar sicher hilfreich, aber eben kein 100-prozentiger Ersatz für analogen Kontakt: Weder Lehre in Schule oder an der Uni noch das Arbeiten zu Hause funktionieren digital genauso gut wie die tatsächliche Anwesenheit im Unterricht oder im Büro. Das liegt nicht nur an fehlenden Gerätschaften, schwachem Internet, den Kosten oder dem eventuell nicht vorhandenen Know-how: Das Miteinander über Bildschirme hat Grenzen – im Privatleben und ebenso in Schule oder Beruf. Menschen fühlen sich allein, auch wenn sie über ein Handy verfügen und auf diverse Social Media-Dienste zurückgreifen können. Daher initiieren einige Ehrenamtliche in unserer Stadt derzeit Brieffreundschaften. Wer will, darf mitmachen und Patienten im Krankenhaus oder auch allein lebenden Menschen Briefe schreiben.

Ich finde das großartig und hoffe, es wird nicht nur ein kurzes Aufflackern: Corona kann verschwinden, der Brief darf bleiben!