Rücksichtslos verständnislos

Beim Nachhause-Fahren ist mir kalt. Langsamer zu werden und eine rote Ampel zu riskieren – keine Option. Stattdessen trete ich fest in die Pedale und schieße zwischen den mir entgegenkommenden Fußgängern durch. Eine ruft mir etwas hinterher, das klingt wie „man könnte ja mal bremsen“. Das wird mir in dem Moment auch klar, aber ich entschuldige mich trotzdem nicht. Stattdessen rechtfertige ich meine rabiate Fahrweise vor mir selbst: Auf dem gemeinsam genutzten Rad- und Fußweg könnten die Fußgänger auf ihrer Seite bleiben; ich friere und will nach Hause; wenn die wüsste, welche guten Gründe ich für mein Tempo habe; und außerdem: Es hat doch alles gepasst!

Ich verhalte mich rücksichtslos und erwarte Verständnis. Wie oft geht es mir genau andersherum: Jemand verhält sich rücksichtslos und es interessiert mich nicht die Bohne, warum. Ertappt, denke ich, auch ich praktiziere selten den von mir geschätzten (vielleicht indianischen) Tipp fürs Miteinander: 1.000 Schritte in den Mokassins eines anderen zu gehen, um ihn zu verstehen. Für 1.000 Schritte ist hier an der Ampel (und auch sonst oft) keine Zeit – und genau das ist vielleicht das Problem.

Keine Freunde

Von Berufs wegen muss ich mich mit den sogenannten sozialen Medien beschäftigen, privat nutze ich diese nur sehr sparsam – bewusst, aber in diesem Zusammenhang sehr unpraktisch. All meine diesbezüglichen Bemühungen sind entsprechend dilettantisch; es dauert, bis ich etwas fertigstelle. Das ist insofern blöd, als die sehr kurze Halbwertszeit von „Social Media“ diesen zeitintensiven Aufwand nicht rechtfertigt. Ergo bleibt mein Verhältnis zum Nutzen von Insta und Co. mindestens verhalten und skeptisch.

Es geht mir wie einer guten alten Freundin, die mir einmal schrieb: „Die sozialen Medien und ich, wir werden keine Freunde.“ Genau. Das Medium, das Menschen einander näherbringen soll, bleibt auch mir fremd und „nicht meins“. Vielleicht ist es gut, dass ich mich von Berufs wegen damit beschäftigen muss: Diese Horizonterweiterung bliebe mir sonst sicherlich verschlossen.

Weniger ist mehr

Inzwischen kann ich gut Dinge sein lassen – notgedrungen. Denn wenn ich zu viel in meine Tage stopfe, schlafe ich schlecht. Der Preis ist mir zu hoch. Fokus nennt mein Mann das und lächelt dabei, weil ihm diese Konzentration auf Wesentliches sehr sympathisch ist. Sie ist vergleichbar mit dem, welche immense Kraft in der Sonne steckt: In der Breite sorgt sie vor allem für gleichmäßige Helligkeit und Wärme, gebündelt durch eine Linse setzt sie Dinge in Brand. Der Vergleich beeindruckt und motiviert mich, bewusst auszuwählen, was dran ist und was warten kann. Es geht nicht immer darum, wie effektiv ist, was wir tun – und doch ist es befriedigend, wenn wir mit unseren begrenzten Kräften etwas ausrichten können, was bleibt. 

Freundschaft

Wir sehen uns nicht oft, meine Freundin und ich, weil sie in England und ich in Deutschland lebe. Jetzt schneit sie für ein paar Tage vorbei und nutzt uns als Basisstation, von der aus sie andere alte Freunde hier besuchen oder treffen kann. Zwei Abende haben wir sie bei uns; an einem davon kocht sie: „Was hast du im Haus? … Ich mach ein Curry!“ Als ich am späten Nachmittag von der Arbeit nach Hause komme, ist sie schon mitten dabei: Die Arbeitsplatte steht voll, der Herd und die Abzugshaube sind an; „wo sind deine Rührlöffel und das Tomatenmark?“ Ich setze mich daneben und lasse sie machen; momentan kann ich mit ihrer Energie nicht mithalten. Die Stunden ab und an, die sie tatsächlich bei uns verbringt, tun mir gut – und sind gleichzeitig gesprächs- und auch sonst intensiv.

Später werde ich mich erinnern an ihr ehrliches Interesse, ihre sprunghafte Art zu erzählen, ihre Wertschätzung und wie unkompliziert und dankbar sie hier mitläuft bei uns. Ich schätze ihren Blick auf Dinge, der anders ist als meiner und den sie immer als Vorschlag und mit Demut präsentiert: „Ich denke, man könnte es auch so und so sehen.“ Ihre Kochkünste sind legendär, grundsätzlich „immer so viel ginger wie geht“ und bei Gewürzen eine gute Mischung „von dem, was man so da hat“. Er entspricht mir sehr, dieser Stil, Rezepte mehr als Vorschlag denn als Aufforderung zu verstehen. Von ihrer Leichtigkeit beim Kochen möchte ich mich anstecken lassen.

Wir sehen uns nicht oft, meine Freundin und ich. Noch ist sie hier und ich freu mich.

Später – wie immer!

In einer Besprechung klingelt ein Mobiltelefon. Die Besitzerin schaut auf das Display: „Geht gerade nicht“, nuschelt sie und versucht, den Anruf wegzuwischen – leider in die falsche Richtung. Also muss sie doch reagieren, verschiebt das Gespräch und wird sich später darum kümmern.

Ich erinnere mich, wie wir das früher gemacht haben: Wir waren einfach weg und gingen für eine Weile NICHT ans Telefon. Wer etwas von uns wollte, versuchte es wieder, und wir kümmerten uns später darum.

In beiden Fällen wird ein Anliegen nicht sofort, sondern später abgearbeitet. Das ist nicht zu ändern und meist nicht schlimm. Es fühlt sich nur heute stressiger an, weil wir zwar erreichbar, aber nicht verfügbar sind.

Buchstäblich irre 

„Wenn noch ´was ist, melde dich!“, sagt die Stimme aus dem Handy meines Sohnes. „Danke“, antwortet der – „Na, klar!“ kommt es zurück. Er redet nicht etwa mit einem Freund, sondern mit ChatGPT. Ob denn Deutschland nach der Niederlage gegen Griechenland raus sei aus der Nations League, gefragt. „Nein, Deutschland ist noch nicht raus“, kam als Antwort und dazu, dass Deutschland auf Platz 3 sei in der Gruppe und noch vier Spiele habe. Diese Information ist beruhigend und beunruhigend gleichermaßen: Beruhigend für Deutschland; beunruhigend, wie künstliche Intelligenz Informationen liefert. Umfassender als gefragt, in der Tonalität fast kumpelhaft.

Eine Freundin empfindet diese persönliche Note bei der KI unangemessen und verstörend. Wenn man mit einer Maschine kommuniziert, dürfe man das auch merken, sagt sie. Ich gebe ihr recht. „Wenn noch ´was ist, melde dich“, klingt anbiedernd und vermittelt eine persönliche Nähe, die überhaupt nicht existiert. Ständig warnen Menschen vor den Gefahren von Künstlicher Intelligenz: dass sie unser Leben übernimmt – von uns unbemerkt. Zumindest letzteres ließe sich vermeiden: Leiht der KI weder eure Stimme noch eure Formulierungen, sondern lasst die Maschine wie eine solche klingen. Das ist beeindruckend genug, alles Menschliche an der KI ist mindestens irreführend, wenn nicht sogar irre.

Ein Clown

Bei einer Spendenübergabe begegne ich einem Klinikclown: Fupp – im „normalen“ Leben eine Frau mit Vor- und Zunamen wie jede andere auch. Der Clown hat ein erstaunliches Repertoire an Mimik, bewegt sich ein wenig ungelenk, ist lustig und zurückhaltend zugleich. Fupp ist keine Rolle, die von einer Frau gespielt wird; Fupp ist ein Clown. Zwischendrin zieht er aus jeder seiner großen Taschen einige Überraschungen: eine Rolle Glück und eine Rolle Nichts zum Beispiel und eine Schraube zum Verankern, „sogar mit Unterlegscheibe“.

Ich werde eingesogen in Fupps Perspektive auf die Welt: Es ist logisch, dass sich der rote Helium-Luftballon irgendwann selbstständig macht, Menschen rote Schaumstoffbälle angeheftet bekommen, an meinem T-Shirt für den Reste des Tages ein kleines leuchtend-rotes Herz klebt und Fupp erschrocken und freundlich ablehnt, als wir ihn fragen, ob er bei uns mitfahren will: „Im Kofferraum? Das ist sicher dunkel! Also lieber nicht.“

Clown zu sein, ist mehr als ein Job, mehr als ein Ehrenamt. Clown zu sein, ist eine Berufung. Du hast es oder du hast es nicht in dir. In dieser Frau steckt Fupp; wenn er übernimmt, entsteht um ihn herum eine Clowns-Welt. Das fasziniert und beschwingt mich für die nächsten paar Stunden. Danke Fupp!

Eine Klasse!

Die meisten erkenne ich sofort wieder, einige nach zweimal hinschauen: meine ehemaligen Mitschüler, mit denen ich vor 50 Jahren eingeschult wurde. Wir haben uns natürlich verändert und sind doch noch die Alten. Mimik, Gestik, Stimme und Temperament – alles fast so wie früher, nur erwachsener. Und man sitzt genau wie damals mit einigen Menschen gern zusammen und mit anderen gar nicht. Würden wir uns heute kennenlernen, fänden wir nur wenige Schnittmengen. Was uns verbindet, sind zehn gemeinsame Schuljahre in einem Land, das es nicht mehr gibt – nicht greifbar und doch besonders. Sie werden uns auch in Zukunft motivieren, uns irgendwie füreinander zu interessieren.

Grimassen

„Schneiden Sie Grimassen“, empfiehlt mir die Physiotherapeutin zum Abschied. Mimik wirke gegen den Kiefermuskel und sorge so dafür, dass dieser sich entspannt. Es klingt so einfach – ein paar Grimassen –, aber jeden Tag und über einen längeren Zeitraum? Das schaffe ich nicht von heut auf morgen; es dauert, bis man eine neue Gewohnheit ausgebildet hat. „Ein verspannter Kiefermuskel hat außerdem oft mit Stress zu tun“, schiebt die Physiotherapeutin noch hinterher. Kann sein, denke ich, es ist gerade ein bisschen viel los bei uns. Ob Pfeifen auch als Mimik gilt, frage ich mich. Auf dem Heimweg probiere ich es gleich aus, höre mich aber selbst kaum – und Spaß macht es auch nicht.

Wenn ich nicht wieder schmerzhafte Kau-Probleme haben möchte, muss ich etwas tun. Ich kann mir überlegen, was leichter und mir lieber wäre: mich von der Fülle des Lebens nicht stressen lassen oder regelmäßig Grimassen schneiden. Eine Mischung aus beiden wäre nicht schlecht – regelmäßige Bildschirm-Pausen mit weit aufgerissenen Augen und hochgezogenen Brauen, pfeifen, wenn (noch) jemand etwas von mir will, Mundwinkel runter, wenn die Stressreduzierung nicht klappt.

Nicht so einfach, aber lohnt sich

„Ein jeder hat zuerst in seiner Sache recht; kommt aber der andere zu Wort, so findet sich´s.“
Sprüche 18, 17

In einem Konflikt hat jeder seine ganz eigene, sehr berechtigte Sicht auf die Lage – und oft auch auf die Frage der Schuld. Wenn man mit einer Partei redet, erhält man ein stimmiges Bild; andersherum ebenso. Man könnte meinen, beide Parteien redeten von einer anderen Situation. Keiner erzählt die Unwahrheit und doch haben beide Sichtweisen ebenso wenig gemein wie die Konfliktpartner selbst. Es scheint unmöglich, der „Gegenseite“ dasselbe Recht auf die „richtige Sicht“ zuzugestehen, welches man für sich selbst in Anspruch nimmt.

Wie so oft finden sich in der Bibel weise Worte zu diesem Dilemma: sich an einen Tisch setzen, einander zu Wort kommen lassen und verstehen wollen. Verhält man sich derart offen und kompromissbereit, dann findet sich´s, sagt Salomo. Ganz so einfach, wie es klingt, ist es in der Praxis nicht. Es strengt an, durch eine andere Brille zu schauen als durch die eigene: liebgewonnen und gewohnt. Aber im besten Fall – und mit Bemühen auf beiden Seiten – weitet ein solcher Perspektivwechsel sowohl Geist als auch Herz und bringt näher zusammen, was vorher unvereinbar schien.