Lektüre

Grundsätzlich macht es mir Spaß zu lesen. Dennoch gibt es Lektüre, die mich anstrengt – nicht mein Thema, langatmiger oder komplizierter Schreibstil, intellektuell zu herausfordernd etc. Die Bonhoeffer-Biographie von Eberhard Bethge ist so ein Buch: Es ist scharf an der Grenze dazu, dass es mich geistig nicht nur heraus-, sondern überfordert. Noch bleibe ich dran, noch kann ich dem Inhalt grob folgen, wenn auch nicht bis ins Detail. Ich lese über die Passagen hinweg, die ich nicht ganz verstehe, und merke – es entsteht ein Bild dieses Menschen, das immer mehr Gestalt gewinnt.

So geht es mir ehrlich gesagt auch oft mit der Bibel: Darin stehen Geschichten, die einfach und klar sind und schön. Andere „malen“ einen Gott, an dem ich mich reibe, und „gefallen“ mir nicht ganz so gut. Und dann sind da noch die Texte, die mich vom theologischen Denken her überfordern – dicht geschriebene Abschnitte im Römerbrief zum Beispiel oder im Hebräerbrief.

Es gibt zwei Möglichkeiten, damit umzugehen: Ich kann Verse einzeln lesen, genau hinschauen und darüber nachsinnen. Diese Form der Schriftmeditation hat ihre Berechtigung; aber sie macht mir oft nicht so viel Spaß. Für mich habe ich entdeckt, dass ich derartige Bücher der Bibel lese wie die Bonhoeffer-Biographie – einfach immer weiter. Ich will den Text als Ganzes auf mich wirken und mich nicht bremsen lassen von Ungereimtheiten und Versen, die kompliziert formuliert sind. Ich akzeptiere „das Wort“ als von Gott inspiriert und lebendig. Und dann vertraue ich, dass es in mir eine Wirkung entfaltet, die sich meinem Verstand entzieht und mich trotzdem prägt und verändert.

„So soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein: Es wird nicht wieder leer zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende.“
Jesaja 55, 11

Enttäuschung

Eine große Enttäuschung ist dazu geeignet, einem den Wind aus den Segeln zu nehmen. Alles weitere Tun ist mühselig, Resignation stehen Tür und Tor offen – die Seele weint.

Was man so braucht …

Meine großen Söhne haben Stundenpläne, durch die sie oft erst nach der zehnten Stunden nach Hause kommen. Das ist anstrengend und schlägt auf die Stimmung – so auch gestern. Der eine hatte einen Stapel Bücher aus der Bibliothek unterm Arm. Er braucht sie für eine Hausarbeit, zu der er sich zwingen muss, und schaute voller Unlust auf die Lektüre. Der andere war ebenso genervt und schimpfte: „Es ist unglaublich, wie viel man lernen muss – und einfach nie wieder braucht.“ Während er die Treppe hochging, murmelte er vor sich hin: „Ich muss nicht wissen, wie viele Elektronen ein Wasserstoffatom hat.“

Es stimmt, denke ich: Inhaltlich braucht man Vieles davon nie wieder, aber das WIE des geistigen Arbeitens – gerade auch in Themenbereichen, die einen nicht interessieren – braucht man eben doch immer wieder. Mit ungeliebten Aufgaben zu kämpfen und sie klaglos zu erledigen, das hilft im Erwachsenenleben. Wahrscheinlich braucht man diese Kompetenz in den meisten Jobs, ganz sicher aber in jeder Art Familien- oder Single-Leben.

Komisch?

Es ist für mich kein Problem, ohne Begleitung in der Walachei unterwegs zu sein – egal, ob zu Fuß oder mit dem Rad. Dieses Alleinsein löst in mir keine Gefühle der Einsamkeit aus. Selbst wenn ich den Weg nicht kenne und mich neu orientieren muss, ist das Verlorensein nur `äußerlich´.

Ganz anders geht es mir in einer Großstadt: Inmitten von tausenden Menschen ist es von „allein“ nur ein kleiner Schritt zu „einsam“. Obwohl ich vielleicht genau weiß, wo ich mich befinde, fühle ich mich `innerlich´ verloren.

Einmal gesagt

Jemand bezeichnete mich vor Jahren einmal als Meckerzicke. Ich fand und finde diese Einschätzung falsch – wen wundert`s. Dennoch kann ich sie nicht einfach ignorieren. Egal ob begründet oder nicht – aus der Perspektive dieser Frau meckerte ich viel. Wie richtig oder falsch ihre Einschätzung auch war, wie wenig begründet: Wahrscheinlich steckte darin ein Kern Wahrheit.

Dieser Kern war und ist wie ein Sandkorn in meinem Auge – es stört mich, ich würde es gern loswerden. Ich weiß nur nicht, wie! Mit der Frau habe ich nichts mehr zu tun; aber immer wenn ich mich über etwas ärgere, frage ich mich, wie ich ehrlich damit umgehe. Berechtigte Kritik ist okay, verbalisierter Ärger hängt vom Ton ab, nur Meckern ist per se negativ konnotiert. Kritischer Mensch – na gut, manchmal verärgert – geht in Maßen, aber eine Meckerzicke will ich nicht sein.

Lass mir mein Gefühl!

Menschen mit 20 fühlen sich wie 20. 30 Jahre später ist das anders: Bei uns „Alten“ passt, wie alt wir sind, nicht dazu, wie alt wir uns fühlen. Wenn wir uns auch körperlich nicht mehr taufrisch wähnen, im Geist sind wir es noch. Gegenüber einer (gleichaltrigen) Freundin sinniere ich: „Ich fühle mich nicht mehr wie 20; aber ich fühle mich auch noch überhaupt nicht wie fast 50.“ Sie nickt und ergänzt: „Dagmar, wir können uns schon seit 30 Jahren nicht mehr wie 20 fühlen.“ Ich sehe sie ungläubig an und stöhne: „So genau wollte ich es gar nicht wissen.“ Wir müssen beide lachen.

Versöhnung

Zwischen mir und einem meiner Söhne gab es Streit. Der Anlass selbst war eine Kleinigkeit, aber: Die Stimmung zwischen uns war angespannt – es gab „ein G`schmäckle“. Ich hatte mich für meinen Beitrag schon entschuldigt, er nicht so wirklich. Das Leben ging weiter, aber richtig geklärt war die Sache nicht.

In mir kämpfte die Einsicht, den ersten Schritt zur Versöhnung zu machen, mit der Erwartung, dass dieser von meinem Sohn gegangen werden sollte. Nach ein paar Stunden gewann die Einsicht. Als ich auf meinen Sohn zuging, musste ich ihn nur anlächeln und sagen: „Mein Lieber …“ Als Antwort schenkte er mir offene Arme und ein Lächeln, das sagte: „Ja, ich will auch wieder gut mit dir sein; ja, es tut mir auch leid; ja, lass uns das ausräumen.“

Hinterher ist es egal, wer den ersten Schritt gemacht hat. Hinterher ist es einfach nur schön, wieder entspannt miteinander umzugehen. Ich will mir das merken und mit gutem Beispiel voran erste Schritte gehen. Denn: Ich bin fast 50, er noch keine 20. Ich weiß schon, dass der erste Schritt mehr bringt, als er kostet. Mein Sohn darf das noch lernen.

Nicht günstig genug?

Vor einiger Zeit las ich in der Zeitung einen Kommentar zu den momentan laufenden Bauernprotesten. In einem Leserbrief schrieb ein Mann: „Solange in unserem wohlhabenden, hoch technologisierten Land auch nur ein Mensch zu den Tafeln gehen muss, um sein natürliches und garantiertes Recht auf Nahrung zu decken, können Nahrungsmittel gar nicht günstig genug sein.“

Ich glaube, diese Kausalkette stimmt so nicht:

Man kann in unserem Land für vergleichsweise wenig Geld Nahrungsmittel kaufen – vor allem die, die wir hierzulande erzeugen. Zusätzlich gibt es teurere Lebensmittel. Das gesamte Sortiment – egal ob günstig oder nicht – ist im Überfluss vorhanden: Kurz bevor die Läden schließen, sind die Regale voll.

Die Menge ist der Grund dafür, dass wir viel „entsorgen“ müssen und nachlässig beziehungsweise wählerisch mit Lebensmitteln umgehen: Es gibt Menschen, die sich sklavisch an die Verfallsdaten halten, nur gleich große Äpfel ohne Druckstelle kaufen und erwarten, dass am Samstagabend die Auslagen so voll sind wie am Montagmorgen.

Die Menge – und nicht der Preis – ist auch der Grund dafür, dass bei den Tafeln verteilt wird, was nicht mehr verkauft werden kann oder darf – egal wie teuer es ursprünglich war. Es ist großartig, dass Menschen sich dort abholen können, was sie brauchen.

Noch günstigere Lebensmittel dagegen kann es nur geben, wenn wir noch stärker eingreifen in den Kreislauf von Agrargütern, heimischen Erzeugern und Konsumenten. Dieser ist ohnehin schon aus der Balance: Was bleibt sind Überschüsse. Diese können wir entweder entsorgen – oder über so eine großartige Einrichtung wie die Tafeln verteilen an Menschen, die sie brauchen.

Nur begrenzt sprachbegabt

Vor fast 30 Jahren belegte ich an der Uni ein halbes Jahr Französisch und Spanisch. Ein halbes Jahr ist zu kurz für eine Sprache, ich war damals nur halb bei der Sache – und folgerichtig habe ich inzwischen mehr oder weniger alles wieder vergessen. Gestern kam meine Tochter mit einer Französisch-Arbeit nach Hause, die mich staunen ließ, was sie nach einem halben Jahr schon kann. „Könntest du den Text etwa nicht verstehen?“, fragte sie mich. Ich versuchte es – und siehe da: Es war gar nicht so schwer: Ich konnte wirklich fast alles übersetzen. Wir staunten beide.

Ich schob es auf meine ganz passablen Englischkenntnisse und auf die schier nicht mehr zählbaren Stunden, in denen ich Latein-Vokabeln abgefragt habe: Insgeheim war ich ganz begeistert, wie viel Französisch „ich konnte“. Diese Begeisterung verleitete mich zu der anmaßenden Äußerung, die alles Können relativierte: „I am good at France … äh French.“ Staunen vorbei, großes Gelächter.

Kapitulation und Vertrauen

„Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“
2. Korinther 12, 9

Ich habe es schon erlebt, dass Gottes Kraft wirksam wird, wenn meine eigene versagt. Das zu erfahren, ist kostbar. Es passiert nicht oft – und das liegt nicht an einem „zu wenig“ von Gottes Kraft. Der Grund ist, das zuerst etwas anderes geschehen muss – Kapitulation. Ohne diese geht es nicht. Sie fällt schwer, weil sich Schwäche nicht gut anfühlt und weil wir es gewohnt sind, Dinge selbst im Griff zu haben. Kontrolle loszulassen erfordert Vertrauen: Irgendwer muss schließlich eingreifen, oder? Gott sehe ich nicht, Gottes Pläne kenne ich nicht – meine eigenen schon. Vielleicht kommt Gott mit zu wenig Kraft oder zu spät? Weiß ich`s?

Wahrscheinlich ist Schwachsein leichter, wenn ich mich selbst nicht so wichtig nehme, flexibel hinsichtlich meiner Pläne bin, vertrauensvoll jemand anderem die Letztverantwortung überlasse und zugebe, dass ich weder alles kann noch alles weiß. Kurz gesagt – wenn ich werde wie ein Kind:

„… Jesus … sprach zu ihnen: Lasset die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht, denn solchen gehört das Reich Gottes.“
Markus 10, 14