So lustig

Himmlische Torte verdankt ihren Namen der leckeren Kombination aus einem einfachen Nussboden, Kirschen, geschlagener Sahne und geriebener Schokolade. Diese Torte geht vergleichsweise schnell – nicht nötig sind lästiges Herumhantieren mit Gelatine oder langes Kühlen. Am längsten dauert es, die Schokolade mit der Hand zu reiben. Meine Tochter schaut mir dabei zu und bemitleidet mich: Sie hat es auch schon einmal gemacht. „Das ist so anstrengend, und man kann sich so leicht an der Reibe verletzen“, sagt sie.

Stimmt, denke ich, ist mir auch schon passiert. Käse reiben ist noch anstrengender und dauert länger – wenn man ein Pfund braucht für ein Mal Nudeln mit Tomatensauce. Wäschekörbe wiegen vor dem Aufhängen mehr als danach; und mir wird warm, wenn ich Betten ab- und neu beziehe. Fußböden wischen, Teppiche saugen, Lebensmittel besorgen, im Haus verteilen und irgendwann zu Mahlzeiten verarbeiten – macht alles Arbeit. Diese ist zwar nicht unbedingt schweißtreibend, aber doch anstrengend. Selbst in einer Himmlischen Torte steckt irdisches Tun. Es ist so lustig, wenn die Kinder das merken.

Normal oder anders?

Im Januar liegt das Jahr normalerweise vor mir wie ein offenes Buch mit vielen beschriebenen Seiten: Feste Termine, der Sommerurlaub, Einladungen, besondere Geburtstage… Dieses Jahr kam das Corona-Virus dazwischen und mit ihm diverse Absagen, wochenlang keine richtige Schule und eine merkwürdige, andere Normalität. Die nächsten Monate liefen anders, als ich sie mir vorher vorgestellt hatte – nicht „normal“, „Familie pur und sonst kaum etwas“ in Dauerschleife.

Vor meinem 50ten Geburtstag diesen Sommer war ich wochenlang leicht angespannt: Ich wollte nicht groß feiern, das Ereignis aber auch nicht so wenig beachten wie einen normalen anderen Geburtstag. Und – ganz unbegründet – fürchtete ich mich tatsächlich ein wenig davor, fünfzig zu werden. Der Tag selbst war sehr schön. Meine Geschwister waren für ein paar Stunden da – trotz weiter Anreise. Einige dachten an meinen Geburtstag, andere nicht. Im Nachhinein verlief er anders, als ich ihn mir vorher vorgestellt hatte – nicht furchterregend, sondern eher schön „normal“.

Einige Jahre träumte ich davon, den West Highland Way in Schottland zu wandern. Ich stellte mir die Landschaft vor und auch das Wandern an sich. Dieses Jahr überraschte mich mein Mann mit einer gebuchten Wanderreise. Die Tage in Schottland wurden wunderbar und besonders – aber ganz anders, als ich sie mir vorher vorgestellt hatte – viel anstrengender, gleichzeitig erholsamer und eindrücklicher als ein „normaler“ Urlaub.

Normal ist weder gut noch schlecht; normal ist nur eine Vorstellung.

Eine spekulative Betrachtung

Es interessiert mich, was Wolf Schneider zu Herbert Grönemeyer sagen würde – und anders herum. Der eine gilt schon Jahrzehnte als der „beste Deutschlehrer der Nation“, der andere prägt seit meiner Kindheit die deutschsprachige Musik. Durch Herbert Grönemeyer ist Bochum für mich mehr als der Name einer Stadt, obwohl ich noch nie dort war.

„Bochum, ich komm aus dir, Bochum, ich häng`an dir – oh Glückauf, Bochum!
Du bist keine Schönheit, vor Arbeit ganz grau. Ich lieb` dich ohne Schminke, bist `ne ehrliche Haut, leider total verbaut – aber gerade das macht dich aus!“

Aufgrund eines anderen Liedtextes ahne ich: Gehörlose Menschen empfinden laute Geräusche anders als ich.

„Sie weiß nicht, dass der Schnee lautlos zu Boden fällt, merkt nichts vom Klopfen an der Wand.
Sie mag Musik nur, wenn sie laut ist, das ist alles, was sie hört.
Sie mag Musik nur, wenn sie laut ist, wenn sie ihr in den Magen fährt.
Sie mag Musik nur, wenn sie laut ist, wenn der Boden unter den Füßen bebt.
Dann vergisst sie, dass sie taub ist …“ 

Die Sätze sind kurz und prägnant, verständlicher geht es nicht. Herbert Grönemeyers Vergleiche sind bildhaft und überraschend, sie lassen mich aufhorchen. All das könnte Wolf Schneider gefallen. Die Lektüre seiner Bücher offenbart seine Liebe zu einfachen Sätzen. „Im Hauptsatz liegt die Kraft“, schreibt er, mehr noch: „Hauptsätze sind die erste Wahl.“ Direkt danach lese ich: „Der Nebensatz, sinnvoll angehängt, schafft Abwechslung.“ (Wolf Schneider in „Deutsch für junge Profis“)

Wie gesagt: Ich weiß nicht, ob Wolf Schneider die Texte von Herbert Grönemeyer mag. Genauso wenig kann ich beurteilen, ob Herbert Grönemeyer sich an Wolf Schneiders Ratschlägen orientiert. Ich mag beide und finde, sie gehen ähnlich sorgfältig mit der deutschen Sprache um. Es interessiert mich, ob sie das auch so sehen.

Nicht das Wichtigste!

Mein Sohn sieht mich fragend an, als ich kurz nach dem Weggehen wieder ins Haus stürme. „Ich habe das Wichtigste vergessen“, erkläre ich. „Die Maske?“, fragt er zurück. Innerlich zucke ich zusammen und denke: ´Nein, die Maske war nie, ist nicht und wird nie das Wichtigste für mich sein.´

In diesem Fall meine ich den Einkaufszettel, der auf dem Küchentisch liegt – noch vor einem halben Jahr wäre dieser auch meinem Sohn als erstes eingefallen. Wie die Zeiten sich ändern!

Zwischen Generalprobe und Premiere

Eine Generalprobe ist eben nicht die Premiere – und bereitet sie manchmal nur unzureichend vor: Für unsere Probewanderung – 23 Kilometer, Flachland, gutes Wetter – hatten wir fünf Stunden gebraucht, ohne nennenswerte Pausen. Danach war ich ziemlich erledigt. In Schottland wollten wir an sechs aufeinanderfolgenden Tagen zwischen 21 und 32 Kilometer schaffen – nur wie? Mich selbst beruhigend dachte ich: „Wir haben dort den ganzen Tag Zeit und brauchen uns nicht zu beeilen; wir werden uns mehr Zeit für Pausen nehmen.“

Nach dem Urlaub weiß ich: Alles Quatsch. Wir hatten zwar den ganzen Tag Zeit, brauchten aber auch jeweils sieben bis zehn Stunden für die Strecke und nahmen uns nur selten Zeit für kurze Pausen. Stattdessen sind wir fast pausenlos einfach immer nur weiter gegangen.

Genau das hätte mich vorher abgeschreckt und verunsichert;
genau das hat diesen Urlaub so besonders und schön gemacht;
gut, dass wir das vorher nicht wussten.

Der frische Strich

Ich würde mich als Vielleser bezeichnen – und als versierte Vorleserin noch dazu; mich bringt so schnell kein noch so schwieriges deutsches Wort aus dem Fluss. Dachte ich. Bis ich an einem „frischen Strich“ vorbeikam und einen kleinen Moment an meinem Verstand zweifelte:

„Der frische Strich“, dachte ich, „was soll das wohl sein? Und wieso schreiben die das zusammen – Frischestrich?“ Der große Betonmischer mit dem Schriftzug stand und drehte sich nicht, was die Sache aber nicht einfacher machte. Tatsächlich, da stand Frischestrich. „Ein frischer Strich auf einem fahrenden Betonmischer…“, rätselte mein Hirn und kombinierte gleichzeitig. Trotzdem dauerte es einige Sekunden, bis ich zur einzig logischen Erklärung kam: Frisch-Estrich muss gemeint sein! „Na, dann schreibt das doch auch so“, entfuhr es mir, „wozu haben wir im Deutschen einen Bindestrich?“. Im Netz finden sich noch Transportestrich, Fertigteilestrich oder Haftstoffestrich; wenn man weiß, worum es geht, ist es klar – und liest sich immer noch blöd.

Lesen

„Lesen – wozu braucht man das? Es soll ja klug machen, aber das braucht doch kein Mensch“, sagte mein jüngster Sohn gestern Abend, als er an seiner Ferienlektüre saß. Ich lächelte, er grinste. Er weiß, wie gern wir lesen und wie sehr wir uns wünschen, er täte es ebenso gern. Seinem eigenen Widerwillen gegen das Lesen kann das jedoch bisher nichts anhaben – und wird es vielleicht nie tun. Es fällt mir schwer, mich damit abzufinden.

Ich bedauere die Horizonterweiterung, die ihm entgeht; es tut mir leid, dass er sich nicht für schöne Formulierungen begeistern kann; und ich ahne, dass ihm auch Bücher in anderen Sprachen verschlossen bleiben werden. Wie viel Schönes entgeht ihm, wie viel mehr muss er sich den Umgang mit Sprache selbst erarbeiten – nur weil er nicht liest.

Andererseits: Wieso ist mir sein Interesse fürs Lesen so viel wichtiger als beispielsweise die Fähigkeit, ein Instrument zu spielen? Vielleicht kann ich mir nicht vorstellen, dass er quietschfidel durchs Leben kommt, ohne Bücher zu lesen. Ich sollte mich mit dem Gedanken anfreunden, er ist elf und in dieser Frage sehr entschieden.

Nicht umsonst

Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?! Manchmal ist es eben nicht umsonst, wenn man eine Tätigkeit für etwas anderes unterbricht: Weil ich heute mein Laufen stoppte und zwei Erntehelfer ansprach, weiß ich jetzt (wieder), dass Kartoffelkraut eben nicht immer tot gespritzt wird. Man kann auch mit der Kartoffelernte warten, bis das Kraut von selbst welkt und trocknet. Nur wer früher roden und weniger Kraut auf dem Band haben will, greift zu Chemie.

Es ist auch selten umsonst, die eigene Geschäftigkeit für ein Gespräch oder eine Umarmung zu unterbrechen …

Müde geredet

Tiefergehende persönliche Gespräche sind anstrengend. Ich muss mich konzentrieren, aufmerksam zuzuhören und eher Fragen zu stellen, als Antworten parat zu haben. Oft bin ich ratlos und frage mich im Anschluss leicht frustriert: „War das jetzt für irgendjemanden hilfreich? Wie hätte ich anders oder besser reagieren können?“ Außerdem finden derartige Gespräch meist gerade dann statt, wenn es nicht zu passen scheint: Auf die Not eines Kindes oder den Bedarf an ehrlicher Auseinandersetzung bin ich selten vorbereitet. Wie sehr mich die tägliche intensive Beziehung zu den Kindern fordert, spüre ich daran, wie müde ich abends bin – und wie wenig ich mich manchmal nach weiteren Sozialkontakten sehne.

Kürzlich traf ich Freunde zum Quatschen. Es blieb beim Smalltalk und eher oberflächlich – leider. Es gelang mir nicht, unserem Treffen eine persönlichere Note zu geben. Stattdessen langweilte ich mich und wurde zunehmend müder. Irgendwie erschöpft fuhr ich nach Hause und dachte: „Alles ist besser, als wenn es nur um unwichtiges Zeug geht. Lieber müde geredet, weil angestrengt, als gelangweilt.“

Spurlos

„Seine 17 Jahre sieht man ihm nicht an“, denke ich, als ich den Teppichboden bei uns in der oberen Etage sauge. Die Kinder mögen ihn nicht. Klar, sie haben ihn nicht ausgesucht und fänden Parkett oder Laminat schöner – wie unten. Es interessiert sie nicht, dass man darauf mehr Staubflusen sähe und es nachts beim Toilettengang kühl an den Füßen wäre.

Dieses Mal dürfen sie nicht mitreden – wir werden den Boden nicht erneuern. Dafür sind wir zu pragmatisch und ersetzen ungern etwas Funktionierendes durch Neues. Außerdem sind wir dankbar, dass wir damals diesen Teppich gewählt haben. Er hat uns gute Dienste geleistet, während fünf Kinder auf ihm groß wurden. Diese haben in den letzten 17 Jahren auch mal außerhalb des Badezimmers diverse Flüssigkeiten verschüttet oder von sich gegeben, sind gerannt und gesprungen. Wir haben ausgebaut, Zimmer getauscht und Möbel umgeräumt, Tapeten gestrichen und Türen erneuert. In 17 Jahren haben sich das Haus, die Kinder und wir uns sehr verändert. Nur der Teppich hat sie nahezu spurlos überstanden.