Sport und so

Kürzlich diskutierte halb Deutschland darüber, dass Frauen im Profifußball nicht nur weniger verdienen als die Männer, sondern insgesamt viel zu wenig. Das gilt umso mehr für die meisten anderen Sportarten – egal, ob Männer oder Frauen sie ausüben. Ein fußballbegeisterter Mensch in meiner Familie findet diesen Umstand durchaus ungerecht, gibt aber zu bedenken: „Wo soll das Geld denn herkommen?“ Herren-Fußball sei nun einmal der Sport, den die meisten sich anschauten und viele selbst ausübten; Markenhersteller würden lieber mit einem Fußballer werben als mit einem Zehnkämpfer oder gar Tischtennisspieler; und die Fußball-Vereine hätten einfach `wahnsinnig viel Geld´. Daran ließe sich nicht so leicht etwas ändern.

Wahrscheinlich hat er Recht: Was nicht da ist, lässt sich schlecht verteilen. Andererseits sind wir als ganze Nation aber nicht nur dann enttäuscht, wenn `unsere Elf´ den WM-Titel nicht holt. `Wir´ schimpfen auch über das schlechte Abschneiden all jener Sportler, die Deutschland anderswo erfolglos vertreten – zum Beispiel im Schwimmbecken, auf der Tartan-Bahn oder am Stufenbarren. Immer bemängeln Journalisten dann auch die ungerechte Unterstützung und Entlohnung anderer Spitzensportler. Aber abseits großer Ereignisse wie Olympia oder der einen oder anderen Leichtathletik-Meisterschaft berichten sie herzlich wenig über Nicht-Fußball. Auch die beste Sendezeit im Fernsehen ist der Bundesliga vorbehalten – oder all den Wettkämpfen, bei denen das `Runde ins Eckige´ muss. Das ist einfach so.

Dabei betreiben ALLE Profi-Sportler einen immensen Aufwand, um in ihrer Disziplin sehr gut zu sein. Es wäre schön, wenn sie dann auch ALLE gut davon leben könnten und ihre Nation hinter sich wüssten. Wie und wodurch das gelingt, weiß ich auch nicht: Aber wenn man an den vorhandenen Strukturen festhält, wird Fußball diesbezüglich weiter in einer anderen Liga spielen – unabhängig davon, ob sich die meisten Menschen dafür interessieren oder nicht.

Kürzlich zum Beispiel beherrschte die Leichtathletik-EM in München die Sportschau und die Gemüter; die Deutschen Teilnehmer lieferten super Ergebnisse. In der Zeitung fand sich die eine oder andere (kleine bis mittelgroße) Notiz dazu. Da geht noch ein bisschen mehr, finde ich, regelmäßig und immer wieder. Eine veränderte mediale Aufmerksamkeit (langfristig und dauerhaft) zöge sicherlich ein verstärktes öffentliches Interesse für all die Rand-Sportarten nach sich, denen man nachgehen kann. Vielleicht würden dann (langfristig und dauerhaft) auch ein paar mehr Kinder laufen wollen oder springen, turnen, schwimmen, schießen usw. Mindestens deren Eltern läsen gern darüber oder verfolgten Sendungen dazu – so dass Werbung sich lohnen würde. Könnte ja sein.

Auch dann würde es nicht schnell und umfassend anders: Das Sportinteresse der Deutschen wird sicher nie gleichmäßig verteilt sein. Jedes Land hat Lieblings-Sportarten. Wahrscheinlich bleibt Fußball bei uns immer auf Platz eins – es ist schließlich ein Spiel, das sich für die Menge eignet wie kein anderes. Aber wir könnten es anderen Sportarten (und den dazugehörigen Athleten) leichter machen.

Damensauna

In einer Wochenzeitung schreibt eine junge Frau kritisch über die Einrichtung eines Damensauna-Tages: Ihrer Meinung nach trägt ein extra Tag für Frauen in der Sauna dazu bei, dass dafür an den anderen Tagen keine Frauen in die Sauna gehen. Sie selbst jedenfalls war an einem `gemischten´ Tag die einzige Frau in der Sauna. Das wäre meiner Meinung nach kein Problem und auch die junge Dame fand diesen Umstand nicht unangenehm. Nichtsdestotroz inspirierte er sie zu einem vorwurfsvollen Kommentar: So ein Damensauna-Tag sei ihrer Meinung nach nur die Entschuldigung für Männer, sich an anderen Tagen mit aufdringlichen Blicken nicht zurückhalten zu müssen. Wohl gemerkt: Sie war nicht angestarrt worden.

Warum nur sind junge Frauen dermaßen kritisch gegenüber Umständen, die ihnen letztlich dienen sollen? Wäre ich Sauna-Gängerin, würde ich mich persönlich aus mehreren Gründen über einen Damensauna-Tag sehr freuen.

Ich mag mich nicht nackt vor Männern zeigen, mit denen ich nicht verheiratet bin. Meine Einstellung mag vielen überholt vorkommen oder altmodisch – so `verklemmt´ darf man heutzutage als emanzipierte Frau einfach nicht sein. Dabei habe ich nur eine andere Meinung zu dem Thema. Ich bin nicht von gestern oder unfrei, nur weil meine Schamgrenze früher greift – und ich es bedauerlich finde, wie leichtfertig vor allem Frauen (und junge Mädchen) ihre Körper präsentieren. In anderem Zusammenhang wollen Frauen gerade nicht auf ihren Körper reduziert werden: Die Kritik an den geforderten sehr knappen Outfits beim Beachvolleyball ist ein sehr aktuelles Beispiel.

Männer und Frauen unterscheiden sich. Wenn die Autorin verheiratet wäre, in einer Beziehung mit einem Mann stände oder aber einen ihr nahestehenden Bruder hätte, wüsste sie das. Zwar existiert eine kleine Gruppe Menschen, die allen anderen weismachen will, sexuelle Identität sei reine Kopfsache und mehr oder weniger frei wählbar. Ich teile diese Ansicht nicht. Mein Wissen ist zwar nicht evidenz-basiert, aber ich habe schon lange und viel mit Menschen zu tun. Es sind in der Regel bestimmte Anlagen und Verhaltensmuster vorhanden – je nach Geschlecht; sehr seltene Ausnahmen bestätigen eine gewisse Regel. Daher weiß ich, dass Männer auf das äußere Erscheinungsbild von Frauen stärker reagieren, als das andersherum der Fall ist. Daher dient ein Damensauna-Tag sowohl Frauen wie mir als auch Männern, die beim Anblick nackter Frauen nicht völlig gleichgültig bleiben. Es steht dennoch jeder Frau frei, (auch) in die gemischte Sauna zu gehen – wie die Dame es getan hat. Und dann sollte sie natürlich NICHT angestarrt oder gar angemacht werden, klar. Aber sie sollte wissen, dass das manchen Männern mehr abverlangt, als sie sich als Frau vielleicht vorstellen kann.

Die Definition dessen, was angemessen ist, liegt aus Sicht der Autorin offenbar allein in Frauenhand. Wie Frauen sich anziehen und präsentieren, entscheiden Frauen; wie Männer darauf reagieren sollten, entscheiden auch Frauen. Das klingt mir nicht nach einem gelingenden Miteinander, sondern nach einem sehr trotzigen `Jetzt legen wir die Regeln fest!´ Interessanterweise ist es genau diese Einstellung, die Frauen an Männern kritisieren: Wieder einmal fehlt es, dass Menschen ehrlich miteinander reden, die Befindlichkeiten des anderen ernst nehmen und sich um einen guten Kompromiss bemühen.

Natürlich steht es jeder Frau offen, allein in eine gemischte Sauna zu gehen. Das kann ein super Erlebnis sein, frei von Scham und ebenso frei von irgendwelchen Anzüglichkeiten – wie es offenbar bei der Autorin der Fall war. Frau darf sich auch darüber ärgern, wenn sie sich als einzige Frau unter Männern wiederfindet. Den Männern allerdings die Schuld dafür in die Schuhe zu schieben, das halte ich für völlig unbegründet und ziemlich ich-bezogen. Nicht alle Regelungen, die Männer einführen, sind letztlich dazu da, Frauen zu diskriminieren. Es nutzt genau niemandem, das immer und immer wieder zu unterstellen. Unsere Gesellschaft wird dadurch nicht harmonischer.

Vorgaben

Eine Straße in unserer Nähe wurde zur Fahrradstraße umgewidmet und sehr üppig mit den dabei üblichen Markierungen versehen: Alle 20 Meter sieht man weiße Fahrräder auf der Straße, mindestens zwei oder drei große rote Flächen – auf 200 Meter Länge. Die Markierungen sind erhaben und holperig: JEDER Radfahrer weicht ihnen aus. Bei Nässe und Kälte werden sie außerdem gefährlich rutschig. Mein Mann fährt täglich dort entlang. Kürzlich telefonierte er aus anderem Grund mit einem Verantwortlichen der Stadt und fragte freundlich nach. Ja, er wisse, dass das nicht optimal sei, sagte dieser, der ADFC habe sich auch schon gemeldet. Aber so seien eben die Vorgaben – wie alltagstauglich diese sind stelle sich immer erst durch Probieren heraus.

Meine Freundin hat einen neuen Kuhstall gebaut und musste dafür Ausgleichsflächen anlegen und Lerchen-Fenster im Acker stehenlassen. Lerchen sind Bodenbrüter: Dort, wo der Stall jetzt steht, können logischerweise keine Lerchen mehr brüten. Zwar hätten sie das vorher auch nicht getan – der Stall liegt direkt an einer Straße. Aber das spielt bei den Vorgaben keine Rolle: Die Ausgleichsflächen befinden sich nun ebenfalls direkt an der Straße und die Lerchen-Fenster liegen unweit der Route, die sämtliche Hundebesitzer der Gegend TÄGLICH benutzen. Welche Lerche wäre so doof, hier ihr Nest zu bauen? Gar keine – genau. Die Vorgabe ist da, aber alltagstauglich ist sie nicht.

In einem Artikel über Menschen, die sich um die Erfassung von Flüchtlingen kümmern, lese ich von den Schwierigkeiten, die damit verbunden sind. Abläufe stocken, Software erweist sich als nicht anwendbar – das erzeugt Stress und Ärger bei allen Beteiligten. Die Mitarbeiter in den Behörden werden jedoch nicht gefragt, wie es aus ihrer Sicht besser laufen könnte. Stattdessen macht man sie sogar noch verantwortlich, wenn´s hakt. In dem Artikel wird eine von ihnen zitiert: „Es sind immer die Vorgaben, die den Stress erzeugen, nie die Menschen auf dem Flur.“ Das klingt für mich nicht besonders alltagstauglich.

Vorgaben sind gut, wenn sie sich in der Praxis bewähren und diese bestenfalls erleichtern. Diejenigen, die sie beschließen, haben meist eine ungesunde Distanz zu den real existierenden Umständen `an der Basis´. Es wäre also schlau, die Entscheidungsträger würden sich vorher Rat holen: vornehmlich bei denen, die alltäglich von Vorgaben betroffen sind oder/und sie umsetzen müssen – Fahrradfahrer, Bauern, Mitarbeiter …

Schön?

Mitten auf der Straße steht ein sportlich aussehendes Auto – mit Publikum. Ich gehe zufällig vorbei, aber offenbar gerade im richtigen Moment: „Schön oder nicht schön?“, fragt mich einer der Männer. „Also, wenn man solche Autos mag, dann ist es schön“, formuliere ich vorsichtig – leider nicht vorsichtig genug: „Sie finden es also nicht schön“, sagt er und klingt ein bisschen enttäuscht. Ich murmele was von „ … eher praktisch veranlagt … fünf Kinder … familientauglich …“ und ernte einen mitleidigen Blick. Ob der Wagen neu ist, frage ich noch. „Ja, gerade abgeholt.“ Der Mann ist sichtlich begeistert von seiner Neu-Erwerbung: Er tänzelt darum herum, streicht hier drüber und wischt dort ein imaginäres Staubkorn weg. Der Wagen ist ein Hingucker – ein schnittiger Dodge Charger in einem sogar mir angenehmen Schwarz-Weiß. Aber, ehrlich gesagt: Mein Fahrrad gefällt mir besser.

Jeder findet andere Dinge schön:
Bei meiner Freundin sind es ihre Kühe – und jedes neue Kalb, das gesund und fit ist.
Für meinen Sohn ist das Personal-Ausweis-Foto einer Freundin schön – obwohl sie meiner Meinung nach im Original viel natürlicher (schöner?) aussieht.
Ich mag die Ästhetik von Apple-Geräten; eine Mutter findet ihre Kinder schön.
Unseren Küchentisch halte ich auch nach zwölf Jahren noch für schön, obwohl (oder weil) er mittlerweile viele Macken hat – praktisch … fünf Kinder … familientauglich.

Nicht schön fand ich 2019 in London die modernen Bürohäuser, die zwischen den – meiner Meinung nach schönen – alten Gebäuden emporragen. Der Architekt, mit dem ich damals unterwegs war, sah das anders: `Schön´ sei nur Geschmacksache und total willkürlich, meinte er: Wer entscheide denn überhaupt, ob die Gebäude aus dem 19. Jahrhundert schöner seien als die des dem 21ten? Schließlich würde sich Architektur immer weiterentwickeln: „Heute geht es weniger als früher darum, wie (schön) etwas aussieht. Stattdessen kommt es darauf an, wie nachhaltig und energie-effizient gebaut wird und ob Räume sich multifunktional nutzen lassen.“ Ich sehe die (mehr oder weniger schöne) Fassade, der Architekt schaut dahinter – und findet das wichtiger.

Die Kategorie `schön´ ist wahrscheinlich keine feste Größe, sondern sehr individuell und relativ. In Bezug auf Autos gefällt´s mir schlicht und geräumig. Wenn schon Hingucker, dann bitte ein Dodge Ram – aber gebraucht. Der ist zwar völlig überdimensioniert und nicht energie-effizient, dafür aber nachhaltig und multifunktional nutzbar. (Schön) praktisch halt!

Wenn die wüssten!

Manche meiner Ansichten sind für andere wahrscheinlich nur schwer nachvollziehbar. Umgekehrt gilt das sicher ebenso. Bei manchen Themen halte ich mich daher bewusst zurück – vor allem wenn mein Gegenüber sehr überzeugt wirkt. Innerlich lächelnd denke ich dann: Wenn der/die wüsste, welche Position ich habe!

Ich halte zum Beispiel nichts vom Gendern in der Sprache, das kann ich ganz pauschal so sagen: Ich fühle mich als Frau damit nicht besser repräsentiert und finde `Gendersprache´ weder geschrieben noch gesprochen attraktiv oder einen Gewinn. Dabei weiß ich, dass Sprache sich weiterentwickelt – und ich eine Menge davon wahrscheinlich `mitmache´, ohne es zu merken. Was mich aber stört, ist die Vehemenz, mit der Sprache heutzutage in eine geschlechtsneutrale Form gezwungen wird: Sternchen zu schreiben oder mit Gender-Pause zu sprechen ist (in bestimmten Kreisen) `längst überfällig´ und gehört zum guten Ton; es MUSS quasi so sein. Eine davon abweichende Sicht gilt leicht als rückschrittlich, wenn nicht sogar arrogant oder diskriminierend – und wird nur schwer toleriert.

Ein anderes Beispiel ist die Diskussion über das Gedicht von Amanda Gorman, einer schwarzen Amerikanerin, das diese zur Amtseinführung von Joe Biden vortrug. Als es ins Deutsche übersetzt werden sollte, `durfte´ das kein weißer Mann tun. Stattdessen suchte man dafür eine Frau – sie sollte möglichst noch in anderer Hinsicht eine Minderheit repräsentieren. Letztlich übernahmen drei Frauen den Auftrag. Ob das die Übersetzung besser gemacht hat – wer weiß es? Wir werden es nie herausfinden, es ist auch nicht (mehr) wichtig. Mich hat das irritiert: Einem weißen Mann wird von vornherein unterstellt, er könne die Worte (und Gefühle, Gedanken) einer schwarzen Frau nicht angemessen übersetzen. Eine solche Sichtweise ist mir zu eng. Zum einen kann nur Amanda Gorman selbst sagen, was sie mit ihrem Gedicht genau meinte – und was vielleicht auch einfach nur gut klang. Zum anderen gehören zu einem Text immer zwei: Autor und Leser. Ich schätze, selbst Amerikaner verstehen das Gedicht unterschiedlich. 300 Millionen Menschen haben nicht denselben Erfahrungs-, Bildungs- und Ideologie-Hintergrund. Wie viel schwieriger ist es für Nicht-Amerikaner, verwendete Metaphern und Bezüge richtig einzuordnen – selbst wenn sie formal korrekt übersetzt sind? Und zum dritten bin ich sicher, dass eine Übersetzung IMMER das Original verändert: Die perfekte gemeinsame Schnittmenge zwischen Autor und Übersetzer existiert nicht. Man kann sich um sie bemühen – klar; aber dabei sind äußere Merkmale nur ein Aspekt. Sprachgefühl, fachliches Können, Erfahrung und die Bereitschaft, einen Text zu durchdringen und verständlich in eine andere Sprache zu übertragen, sind mindestens ebenso wichtig – und haben wenig mit Geschlecht oder Hautfarbe zu tun. 

Drittes Beispiel: Die SPD hat ihre Ministerposten fast paritätisch mit Frauen und Männern besetzt. Ich finde das nicht grundsätzlich gut oder schlecht. Es stimmt, dass Männer in der Vergangenheit dominant vertreten waren in: Literatur, Musik, Politik, Kirchengeschichte. Frauen kümmerten sich hauptsächlich um Aufgaben im Haushalt und der Kindererziehung. Ich finde, beide Bereiche sind gleich wichtig für das menschliche Miteinander. Wer was machte, ergab sich auch aus unterschiedlichen Gaben und Interessen. Diese haben durchaus etwas mit dem Geschlecht zu tun – und sind nicht nur ein Konstrukt patriarchalischer Strukturen. Hilft uns eine Quote, damit alles gleichberechtigt zugeht? Ich bezweifle es – fürchte aber, damit anzuecken.

Unterschiedliche Positionen an sich sind kein Problem, wenn sie mich auch manchmal herausfordern. Schwierig wird es, wenn Intoleranz und Ausschließlichkeit ins Spiel kommen. Diese sind keine gute Gesprächsgrundlage; den Diskurs empfinde ich dann als anstrengend und (nicht nur ein bisschen) verlogen. Wir KENNEN alle nur unsere ganz persönliche Wahrheit. Jeder von uns bringt seine Geschichte mit, seine Prägung und seinen sehr begrenzten Einblick. Solange das jedem klar ist, bin ich weiter gern mit Menschen zusammen, die anderer Meinung sind. Bei manchen Themen halte ich mich aber bewusst zurück – vor allem wenn mein Gegenüber sehr überzeugt wirkt. Innerlich lächelnd denke ich dann: Wenn der/die wüsste, welche Position ich habe!

Ohne Bühne oder Amt

Wenn ich auf der Bühne stehe oder ein Amt inne habe, hören mich viele – und meine Worte haben viel Gewicht. Entsprechend geht mit einer Bühne oder einem Amt eine gewisse Verantwortung einher: Ich muss mir gut überlegen, was ich sage.

Das gilt insbesondere für Politiker, finde ich. Natürlich dürfen sie sagen, was sie denken – wir leben in einer Demokratie. Aber sie sollten berücksichtigen, dass ihre Worte viel Macht haben, und darum ausgewogen und bedacht formulieren. 

„Bundesgesundheitsminister Jens Spahn warnt vor einer 800er Inzidenz im Herbst“ steht in der Zeitung. Das werde passieren, sagt er, wenn sich bis September die Inzidenz weiter alle zwölf Tage verdoppelt. Natürlich kann niemand das so genau wissen, auch Jens Spahn nicht – obwohl ihm sicherlich viel mehr Daten zur Verfügung stehen (und die Zeit, diese auszuwerten) als mir. Eine so hohe Inzidenz ist nur eine Prognose. Noch dazu sagt sie nicht viel aus über die Hospitalisierung in unserem Land. Es wäre gut, beide Aspekte zusammen zu betrachten, um die Lage zu beurteilen. Zudem werden – so wird es seit Monaten propagiert – Geimpfte und Genesene nur mild erkranken: Eine Überlastung unserer Krankenhäuser ist daher auch bei hoher Inzidenz nicht zu erwarten. Spätestens nach diesen Überlegungen muss sich Jens Spahn fragen, was er mit seiner Aussage bezweckt, und antizipieren, welche Folgen sie haben kann.

Menschen, die nach Monaten dieser und ähnlicher Nachrichten ohnehin schon Angst haben, werden verunsichert und sehnen sich nach Halt. Andere Bürger sind von Corona genervt und wünschen sich ein Ende der Maßnahmen. Die Lösung für beide liefert Jens Spahn gleich mit: Die einzige Alternative sei eine Impfung, sagt er – wie viele anderen Politiker auch. Natürlich distanzieren sich alle von einer `offiziellen´ Impfpflicht, machen aber gleichzeitig von einer hohen Impfquote den Rückgang zur Normalität abhängig: In derselben Zeitung lese ich zwei Tage später, dass sich eine Quarantäne nur durch eine Impfung verhindern lasse – und nicht Geimpfte riskieren, ihren Urlaub absagen zu müssen. Das gelte jedoch nur für die Delta-Variante, bei der Gamma-Variante müssten auch Geimpfte in Quarantäne. Eine demokratisch garantierte Entscheidungsfreiheit hört sich anders an.

Aufgrund von Veranstaltungen mit einer positiv getesteten Person sind in unserer Gegend derzeit hunderte gesunde junge Menschen in Quarantäne. Sie selbst sind unbestritten nicht stark gefährdet, schwer an Covid-19 zu erkranken. Sehr wahrscheinlich hätten sie einen milden Verlauf – und würden im Anschluss als Genesene gelten. Inwiefern diese jungen Leute Covid-19 übertragen würden, wissen wir nicht – ebensowenig wie bei denen, die trotz einer Impfung ein zweites Mal erkranken. Warum also ist nur die Impfung ein probates Mittel für die Herdenimmunität, nach der wir streben? DAS lese ich nicht in der Zeitung, das frage ich mich.

Ich fühle mich durch viele Politiker und die meisten großen Medien in diesem Land tendenziös informiert, zu einer bestimmten Handlungsweise manipuliert, in meiner Freiheit beschnitten und hinsichtlich einer eigenen Meinung entmündigt. „Geht`s noch?“, frage ich mich. Wie lange soll Covid-19 noch unser einziges und größtes Problem sein? Was soll die Panikmache, was ist das Ziel der andauernden Impfpropaganda? Ich habe nichts gegen Impfungen; ich denke sogar, dass sich jeder impfen lassen sollte, der Angst vor einer durch das Corona-Virus ausgelösten Krankheit hat. Allerdings halte ich es für fragwürdig, die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben an diese Impfung zu koppeln. Der Druck in Richtung einer bestimmten Sicht- und Handlungsweise ist ungeheuer und wächst – aber natürlich dient alles zu meinem Besten.

Mich erinnert das ehrlich gesagt an Politik und Berichterstattung in der ehemaligen DDR. Auch dort kam man deutlich problemloser durchs Leben, wenn man dem staatlich vorgegebenen Kurs zustimmte und sich entsprechend verhielt. Alle anderen hatten`s schwerer. Ich weiß, dass dieser Vergleich hinkt (wie jeder andere auch) und ich so etwas kaum sagen kann, ohne mir Geschichtsverdrehung (oder Querdenkerei) vorwerfen lassen zu müssen. Aber ich habe kein Amt, stehe nicht auf einer Bühne und lebe in einer Demokratie. Die wenigen, die mich hören oder lesen, können sich gern und leicht von meiner Meinung distanzieren – sie hat kaum Gewicht.

Meine Meinung

In unserer Tages-Zeitung steht ein Artikel eines Journalisten, der schimpft. Er reagiert auf Künstler, die mittels satirischer Videos die Corona-Maßnahmen aufs Korn genommen haben. Seine Sätze sind scharf und verurteilend, der Tenor des Textes lautet: „Wie können die nur!“ Leider kritisiert der Autor weniger den Inhalt der Video-Clips, sondern vor allem andere Aspekte, die meiner Meinung nach wenig mit der Sache zu tun haben:

Er bemängelt, dass die beteiligten Künstler zu den besser verdienenden gehören, die sogar während dieser Corona-Zeit arbeiten können. Ich denke, das tut nichts zur Sache: Ich darf Missverhältnisse anprangern, unter denen ich selbst nicht am meisten leide. Ich sollte es sogar tun, wenn ich eine starke Stimme in der Gesellschaft habe. Das nennt man Solidarität.

Zudem kritisiert er, dass die beteiligten Künstler Applaus auch von der AfD bekommen. Das ist unglücklich, aber ich denke trotzdem, das tut nichts zur Sache: Ich darf eine Meinung vertreten, egal ob sie jemand teilt oder gutheißt, dem der Großteil der Gesellschaft mit Skepsis begegnet. Ich halte das für Meinungsfreiheit. Jegliche Form von „Sippenhaft“ empfinde ich als unsachlich. (Ich darf die betreffenden Beiträge ja auch gut finden, ohne automatisch für rechts- oder anderweitig radikal gehalten zu werden. Oder?)

Schließlich wirft der Autor den Künstlern vor, dass sie ihre Äußerungen in Satire verpacken. Vielleicht war es auch als Ironie gemeint. Ich denke, das tut nichts zur Sache: Zwar kann man Ironie missverstehen; aber wir haben keine allgemein gültige Instanz, die entscheidet, welches Stilmittel in welchem Fall angemessen ist und welches nicht. Wer die derzeitigen Maßnahmen (wie ironisch auch immer) in Frage stellt, ist nicht automatisch ein Covid-19-Leugner! Es kann nicht sein, dass das einzig akzeptierte Argument die bisher 80.000 Toten sind: Viele Tausende in unserem Land leiden derzeit eher unter den Maßnahmen als unter der Erkrankung selbst. Die Ironie der Künstler richtet sich gerade nicht an die Corona-Opfer, sondern an die politisch Verantwortlichen.

Es heißt in dem Artikel außerdem, der zynische Unterton sei ein Affront für all die erschöpften Pfleger und Ärzte und wirke wie Hohn auf die Angehörigen der Toten. Keiner spricht von einem Affront oder Hohn angesichts von Einschränkungen, wenn er dabei an Kinder denkt, die seit Monaten nicht beschult werden oder gemeinsam Sport treiben dürfen. Oder an Studierende, die ihre Uni noch nie von innen gesehen haben und allein vor ihren Laptops sitzen. Oder an Menschen, die mit dem Home Office nicht zurecht kommen, weil persönliche Kontakte auf der Arbeit fehlen. Oder an selbstständige Künstler, ob sie nun zur Kultur-Elite in unserem Land gehören oder nicht. All diese sollen noch ein bisschen durchhalten – oder sie werden als Egoisten beschimpft, wenn sie sich ebenso am Ende ihrer Kraft wähnen.

Es ist gut, dass der Autor seine Meinung klar äußert, das ist glücklicherweise möglich in einer Demokratie. Leider empfinde ich ihn dabei als verurteilend: Er lässt mir als Leser wenig Raum für meine (vielleicht abweichende) Meinung – es sei denn, ich möchte ebenso in einer Schublade landen wie die an der Aktion beteiligten Künstler selbst. Dabei haben diese lediglich auf Missverhältnisse aufmerksam gemacht und kritisch ihre Meinung geäußert. Warum sollten sie das weniger dürfen als der Journalist in unserer Tageszeitung?

Ich gebe den Künstlern in der Sache jedenfalls recht (und tue es mit zitternden Knien): Wir alle sind betroffen von Corona und den Maßnahmen – der eine so, der andere so. Nicht jede der Maßnahmen ist nachvollziehbar, und nicht jeder in unserem Land empfindet sie als verhältnismäßig. Die derzeitige Lage kann eine Elendserfahrung sein – auch für Menschen, die keine Toten zu beklagen haben. Das darf jeder sagen in unserem Land, ohne sich anschließend dafür entschuldigen zu müssen. Wir sollten das wieder aushalten lernen.

Eine Zumutung?

„Ab wann ist eigentlich ziviler Ungehorsam angebracht?“, fragt mich jemand. Es ist eine Reaktion auf die in unserem Landkreis verordnete Ausgangssperre zwischen 21 und 5 Uhr – für die nächsten zwei Wochen. Es sind Osterferien, die jungen Leute schlafen länger und verschieben ihren Rhythmus mehr in Richtung Abend. Meinem Mann gegenüber nenne ich diese Anordnung daher eine Zumutung für die jungen Menschen. „´Zumutung` ist zu scharf“, findet mein Mann, „ich würde sagen, die Lage ist misslich. Aber man kann Jugendlichen für einen begrenzten Zeitraum durchaus zumuten, ihren Rhythmus so anzupassen, dass sie nach 21 Uhr zu Hause sind.“

Ich sehe das anders, denn der normale Alltag junger Menschen hat sich ohnehin schon sehr verändert: Sie treiben seit Monaten kaum Sport, gehen in die Schule mit Abstandsregeln oder gar nicht, verbringen ihre Freizeit allein oder geplant in sehr kleinen Gruppen. Die kommenden Wochen lagen vor ihnen wie eine Perspektive zum Aufatmen: Ferien, hellere Tage, frühlingshafte Temperaturen. Eine WEITERE Einschränkung ist daher ein WEITERER erheblicher Dämpfer. Mit „unbeschwert genießen“ – in schon bestehenden Grenzen – ist durch die neue Regelung gleich wieder Schluss.

Vielleicht trifft weder „Zumutung“ noch „misslich“ genau, wofür ich halte, was eine Ausgangssperre besonders für Jugendliche bedeutet. „Herausfordernd“ klingt zu positiv; „enttäuschend“ schreibt den Behörden zu viel Macht über ihr Lebensgefühl zu. Ist diese Ausgangssperre ärgerlich, frustrierend, nicht nachvollziehbar oder unverhältnismäßig? Ich weiß es nicht. Willkommen ist sie jedenfalls nicht. Wir verlangen jungen Menschen eine Menge Vernunft ab und muten ihnen eine Menge Einschränkungen zu – in einer Lebensphase, in der sie normalerweise unvernünftig sind und Grenzen zumindest hinterfragen oder sogar ignorieren. Was das langfristig mit ihnen macht, werden wir später sehen. „Misslich“ sind Ausgangssperren in jedem Fall, für manchen vielleicht eine „Zumutung“. Es bleibt Ansichtssache, welches Wort es am besten trifft.

Zu lang?

Ich liebe es zu kommunizieren. Sehr gern tausche ich mich mit Menschen aus – vorzugsweise schriftlich und ausführlich. Das geht besonders gut durch Briefe oder auch E-Mails. Aber in den vergangenen 20 Jahren sind Briefe immer seltener und E-Mails immer kürzer geworden. Stattdessen kommunizieren viele hauptsächlich mittels diverser Kurznachrichten-Dienste. Das reicht den meisten Menschen, denn sie schreiben ohnehin nur noch sehr kurze Nachrichten.

Das ist mir bekannt. Mein Mann erinnert mich, dass die meisten Menschen auch nur noch sehr kurze Nachrichten lesen: Was zu lang aussieht, werde entweder nur kursorisch gelesen oder sofort gelöscht. Für Ausführlichkeit habe niemand Zeit; außerdem gehe die einzelne Nachricht unter in der Flut eintreffender Informationen. Auf den Inhalt komme es schon lange nicht mehr an, meint er, entscheidend sei die Länge.

Soll ich mein Schreibverhalten lieber anpassen an das heute übliche Leseverhalten? Mein Mann nickt. In der Kürze liegt die Würze, das kenne ich – und weiß, dass es stimmt. Aber: Gilt das immer?

Ist mir wichtiger, was ich schreiben oder wie ich es schreiben will? Beides gleichzeitig scheint nicht mehr zu funktionieren: Entweder ich dosiere bewusst, damit nur ja keiner meiner Gedanken verlorengeht. Oder ich bleibe meinem Stil treu. Am besten, ich mache ich es einfach mal so und mal anders. Denn letztlich lag es noch nie und liegt es auch heute nicht in meiner Hand, was der Empfänger mit meinen Worten macht. Er kann sich wegen der Länge gegen das Lesen entscheiden. Er kann auch das Gute behalten und den Rest ignorieren. Oder er wird alles lesen und denken: Das klingt nach Dagmar, fühlt sich an wie ein Wort-Tsunami und bringt mich zum Lächeln.

Nur …

„Ich wäre nie auf die Idee gekommen, nicht zu arbeiten.“ Das klingt fortschrittlich und emanzipiert. Der Satz stammt von einer Politikerin, die in der DDR aufgewachsen ist. Ich lese ihn in einer Sonderausgabe zum Tag der Deutschen Einheit. Gleich nach dem Zitat steht da: „Nahezu alle Ostfrauen würden diesen Satz wohl unterschreiben.“ Ach ja?, denke ich. Bin ich auch eine von diesen Ostfrauen, obwohl ich inzwischen im Westen lebe?

„Ich wäre nie auf die Idee gekommen, für eigene Kinder nicht zu Hause zu bleiben.“ Diesen Satz hätten bis vor zehn, fünfzehn Jahren (wahrscheinlich?) nahezu alle Westfrauen unterschrieben. Merkwürdigerweise klingt er nicht genauso fortschrittlich und emanzipiert. 

Aber: Nicht alle Ostfrauen sind arbeiten gegangen, weil sie es unbedingt wollten; nicht alle Westfrauen sind nicht arbeiten gegangen, weil sie nicht durften. Gesellschaftliche Gegebenheiten spielen eine große Rolle – und unsere persönliche Überzeugung wird von ihnen mehr beeinflusst, als wir uns eingestehen wollen.

Jedes Jahr um den 3. Oktober herum geht es um die Unterschiede zwischen DDR und BRD. Diese lassen sich anscheinend bestens illustrieren am Beispiel der (Nicht-)Berufstätigkeit von Frauen: `In der DDR konnten alle Frauen arbeiten gehen – und können es noch. Dort passte das Rollenverständnis und die Infrastruktur. In der BRD mussten die meisten Frauen zu Hause bleiben. Hier herrschte ein anderes Rollenverständnis und dementsprechend auch eine andere Infrastruktur. Zum Glück ändert sich das gerade…´ Wertfrei klingt das nicht. 

Mich nervt es jedes Jahr wieder neu. Als wären berufstätige Mütter eine nicht in Frage zu stellende Errungenschaft, die keinen Preis hat – außer vielleicht den, der in ausreichend Kindertagesstätten fließt. Und als würden alle „nicht arbeitenden“ Mütter genau das tun – nicht arbeiten. Solche Sätze sorgen nicht für Gleichberechtigung und die freie Wahl, sondern für Druck, der Mütter dort erwischt, wo sie besonders empfänglich sind: Mutter wollen sie sein; aber nur Mutter dürfen sie nicht sein wollen. Frau scheint nur gleichberechtigt und gleichwertig zu sein, wenn sie arbeitet – aber bitte nicht nur zu Hause.

Dadurch fällt es jungen Müttern heute schwer, für ihre Kinder länger als gesellschaftlich akzeptiert zu Hause zu bleiben. Sie müssen sich erklären, wenn sie „nicht arbeiten“ möchten – als wäre die Betreuung von Kindern nur Arbeit, wenn jemand anderes als die Mutter sie leistet. Als wäre all das, was nicht berufstätige Mütter sonst noch tun, nur nebensächlich und genauso gut nach dem Job zu erledigen: Haushalt, Hausaufgabenbetreuung, Ehrenamt, Nachbarschaftshilfe usw. Und auch als wäre es eben nicht genauso akzeptiert, wenn man sich heutzutage für Zeit und gegen Eile entscheidet: Zeit für Kinder und Familie, Zeit für Gespräche mit Menschen und für Unvorhergesehenes.

Es klingt so, als wären nur berufstätige Mütter fortschrittlich und emanzipiert. Die nicht berufstätigen finden sich durch solche Formulierungen automatisch einer anderen Kategorie zugehörig: Wer wie ich nur Hausfrau und Mutter ist, gilt als altmodisch; wir sind nicht nur finanziell, sondern auch in anderer Hinsicht abhängig – von unseren Männern und von einem längst überholten Rollenverständnis. Dass wir gern und ganz bewusst nur zu Hause arbeiten, lese ich nicht heraus aus solchen Betrachtungen. Aber vielleicht ist das auch nur meine Interpretation und nur ich habe Zeit, mir Gedanken darüber zu machen …