Was bin ich froh!

Mal wieder sitze ich im Zug; ein Kind quengelt am anderen Ende des Abteils, dann hört es auf. Als es mit seinen Eltern ein paar Stationen später aussteigt, sehe und höre ich es wieder: ein kleines Mädchen, vielleicht fünf Jahre alt. Sie schreit und tobt und schlägt den vor ihr gehenden Vater auf den Hintern – bis dieser sein Handy aus der Hosentasche zieht und ihr hinhält. Dann starrt sie beim Aussteigen still aufs Display. Ich bin keine Expertin in Erziehungsfragen, aber innerlich lege ich die Stirn in Falten. Hier wird ein Tobsuchtsanfall belohnt. Ein Kind setzt seinen Willen durch, obwohl die Eltern anders entschieden hatten – und hat buchstäblich den letzten Schrei. Und die Eltern erlauben ihrem Kind etwas, was zumindest weder Kreativität fördert noch als `pädagogisch wertvoll´ gilt. Ich ahne, womit das Mädchen schon die Stunde Zugfahrt vorher verbrachte: mit kindgerechten und die Medienkompetenz schulenden Video-Spielen.

Was bin ich froh, dass Mobiltelefone noch nicht omnipräsent waren, als wir kleine Kinder hatten! Wir konnten sie und uns sehr lange vor den digitalen Medien bewahren – und taten es entschlossen und konsequent. Ich würde es heute noch genauso tun, aber es wäre wahrscheinlich deutlich anstrengender.

Vom Können

„Dass unsere Ehe möglicherweise scheitern könnte“, habe ich geschrieben, „reicht nicht aus als Motivation, mir einen Job zu suchen.“ Das stimmt, eine andere muss her. Derzeit suche ich einen Job, der außerhalb der Familienarbeit liegt. Wieso? Weil ich damit tatsächlich Geld verdienen und meine anderen Gaben einsetzen könnte.

Auf dem Arbeitsmarkt gelte ich jedoch als `unerfahren´, als `nicht vom Fach´. Im Gegensatz zu Menschen, die sich von einer Berufstätigkeit in die andere bewerben, scheint mein Tun der letzten 20 Jahre unerheblich zu sein: Dabei hat die Familienarbeit mich Dinge gelehrt, die in einem Job gut nutzbar wären. Das wissen leider nur wenige Arbeitgeber. Ich halte also Ausschau nach einem, der nicht an Zertifikaten, sondern an Kompetenzen interessiert ist.

Denn ich kann einiges:
Deutsch und Englisch – habe aber keinen Abschluss in Germanistik oder Anglistik,
tippen, telefonieren und organisieren – bin aber keine Sekretärin,
Termine und Ereignisse planen und koordinieren – darf mich aber nicht Event-Manager nennen …

Außerdem kann ich:
auf unterschiedlichste Bedürfnisse eingehen,
empathisch reagieren,
Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden,
Prioritäten festlegen,
im Trubel die Ruhe bewahren,
konsequent entscheiden, wo´s langgeht, und gleichzeitig flexibel den gegenüber bleiben, die mitgenommen werden müssen,
lernen …
und sehr gut kochen: meist ohne Rezept.

Peinlich (2)

Kindern ist fast überhaupt nichts peinlich: Sie sind sich selbst treu, ohne es selbst zu wissen.
Ab einem gewissen Alter ist ihnen dagegen fast jedes Verhalten peinlich, das sich von dem der breiten Masse abhebt – egal, was sie selbst dazu denken.
Noch später sind jungen Menschen manchmal ihre Eltern peinlich – vor allem wenn diese sich nichts dabei denken, was andere von ihnen denken.
Insgeheim bewundern wir alle wahrscheinlich die Menschen, die sich selbst treu sind, ohne dass ihnen das peinlich ist: Erwachsene, die sich in der Hinsicht wie Kinder verhalten.

Erst reden, dann denken

Wir kommunizieren unterschiedlich und können dies äußerst vielfältig tun: persönlich reden, am Telefon oder einander schreiben – per Brief, Mail, WhatsApp, SMS etc. Und dann gibt´s da noch die Sprachnachricht. Diese ist für den Absender sicher super praktisch – man nimmt sie so `nebenbei´ auf, muss nicht tippen und kann an das Anliegen einen Haken machen. Mir als Empfänger allerdings sind Sprachnachrichten meist zu lang. Sechs bis zehn Minütchen, das klingt kurz, fühlt sich aber lang an: Ohne den anderen zu sehen, höre ich nur zu; Denkpausen machen mich ungeduldig. Vis-à-vis ist `erst reden, dann denken´ schon anstrengend genug. Aber manchmal geht es im persönlichen Gespräch nicht anders. Für eine Sprachnachricht jedoch gilt unbedingt `erst denken, dann reden´; alles andere ist für den Zuhörer einfach nur anstrengend und nervig. Finde ich. 

Wind und Wetter

Meine jüngere Töchter fährt morgens mit dem Rad in die Schule: Es regnet und hagelt, der Wind kommt aus allen Richtungen. Ihre ältere Schwester muss erst später hin und erwischt eine kurze Regenpause. Nach der zehnten Stunde kommen beide wieder durch herrliches Novemberwetter nach Hause – und sind zwar nass, aber fröhlich. Vor allem die Jüngere erzählt quietschvergnügt von der Hinfahrt mit ihren beiden Freunden: Einer fuhr ohne Schutzblech, so dass sich seine helle Hose binnen kürzester Zeit verfärbte – schlammbraun. Der andere war schon nass, als die anderen beiden (etwas verspätet) am Treffpunkt ankamen. Meine Tochter fand das alles dermaßen amüsant, dass sie (vom Lachen völlig außer Puste) darum bat, bitte langsamer zu fahren. Die beiden Jungen lehnten ab – weniger amüsiert als genervt. Also strampelte mein Kind laut lachend hinterher.

In der Schule angekommen waren alle drei klitschnass. Das tut mir leid. Andererseits freue ich mich über ihr gemeinschaftliches Radfahren; es erinnert mich an meine Schulzeit – weitgehend ohne Elterntaxis oder motorisierte Mitschüler. Außerdem bewundere ich den Galgenhumor meiner Tochter, der sie bei Wind und Wetter animiert zu atemberaubenden Gelächter.

Eine Stelle

Ich melde mich telefonisch auf eine ausgeschriebene Stelle: im Büro (m/w/d). Einige der Anforderungen bringe ich nicht mit, andere dagegen schon. Im Gespräch mit dem Arbeitgeber erfahre ich, dass sie jemanden suchen, der auch das Lager sortieren kann: einen kräftigen Mann – obwohl das natürlich niemand so ausschreiben würde.

Einige Tage später sehe ich eine andere Stelle im Netz: im Büro (m/w/d). Wieder bringe ich einiges mit, anderes nicht. Im Kleingedruckten steht, dass sie jemanden suchen, der auch die Bewirtung der Gäste bei Konferenzen sowie das Aufräumen hinterher übernimmt: eine Kaffee kochende Frau– obwohl das natürlich niemand so ausschreiben würde.

Erziehung

„Das ist Erziehung“, sagt die junge Frau, als ich mich darüber freue, dass ihr junger Hund mich nicht ankläfft. „Naja, ein bisschen ist es auch die Persönlichkeit, oder?“, gebe ich zu bedenken. Schließlich ist der Kerl erst 16 Wochen alt. „Nein, das ist Erziehung.“ Sie ist vielleicht Anfang 20 und klingt sehr überzeugend: „Er kann bellen, aber wann er es darf und tut, das ist Erziehung.“ Hut ab, denke ich; schön, wenn das mit Hunden so einfach ist!

An meinen fünf Kindern erlebe ich nämlich, wie beschränkt der Einfluss von Erziehung ist. Ihr gegenüber stehen manchmal ganz viel Charakter und genetisches Erbe: Sind die Kinder intro- oder eher extrovertiert? Können und wollen sie reden über ihre Gefühle – und wenn ja: mit uns? Außerdem kollidieren unsere Regeln bisweilen erheblich mit ihrem Bedürfnis, sich frei entfalten zu können. Und nicht immer finden wir ein gutes Maß zwischen Ermutigen und Ermahnen. Dazu werden die Kinder ja auch noch älter und lassen sich zunehmend prägen von Freunden, die sie sich vollkommen selbstständig auswählen … Auf all unsere erzieherischen Bemühungen haben unsere fünf dann eben auch entsprechend unterschiedlich reagiert: Zwar kommen sie aus einem Stall, meistern das Leben aber jeder auf seine Art – eben ihrer Persönlichkeit entsprechend. Um im Bild zu bleiben, bellt der eine nie und ist die andere manchmal nur schwer zu bändigen.

Was mit dem einen Kind funktioniert, muss ich bei dem anderen gar nicht erst probieren. So schlau bin ich inzwischen – und schüttele alternative Erziehungsstile dennoch nicht aus dem Ärmel. Mit einem Hund wäre alles leichter gewesen, schätze ich. Aber ich hab` viel lieber eine Handvoll Kinder zu Hause und gehe dafür allein im Wald spazieren.

Was wäre, wenn?

„Ich will nicht abhängig sein von meinem Mann, deshalb bin ich schnell wieder arbeiten gegangen.“ Diese Logik ist mir schön öfter begegnet. Es heißt dann, Frauen stünden sonst schließlich – im Falle einer Trennung – mit leeren Händen da: in Bezug auf ein Auskommen und ihre Rente. Ich kann dieses Argument nur schwer nachvollziehen. Für mich war es nie schwierig, finanziell von meinem Mann abhängig zu sein. Er war und ist in anderer Hinsicht von mir abhängig: nämlich von dem, was ICH in die Familie einbringe.Ich stelle mich nicht darauf ein, dass wir uns möglicherweise trennen könnten – weder gedanklich noch in meinem Tun.

Ich bin weder arrogant, egoistisch oder naiv, sondern vertraue auf Gottes Hilfe und Beistand – wie in so vielen anderen Fragen auch. `Möglicherweise´ ist eine zu schwache Motivation, mir eine Arbeit zu suchen. Ich rechne ja auch nicht damit, dass eins meiner Kinder schwer krank wird oder mein Mann stirbt: beides sehr mögliche Szenarien, die ich (im Gegensatz zu einer eventuellen Trennung) überhaupt nicht beeinflussen kann. Trotzdem male ich mir nicht aus, was wäre, wenn jemand meiner Lieben krank werden oder sterben sollte. Stattdessen genieße ich das Leben mit ihnen und ihre Freude, ihre Fähigkeiten, Persönlichkeiten und so weiter. Genauso erlebe ich unsere Ehe eben auch, mit Höhen und Tiefen – ohne mir auszumalen, was wäre, wenn sie eines Tages zerbrechen könnte.

Besonders nicht interessiert

„Wie war Australien?“, fragt er mich. „Wunderbar“, sage ich, „ich war so richtig weg von meinem Alltag und konnte einmal richtig abschalten.“ Meine kurze Sprechpause nutzt er, um mir von seinen Urlauben zu erzählen, wie und wobei er richtig abschalten kann (beim Wandern), ab wann er sich wieder nach seiner gewohnten Umgebung sehnt (spätestens nach zehn Tagen) und dass man zweijährige Kinder unterwegs oft tragen muss … Die Krönung bildet ein längerer Bericht über eine unvergessliche Wohnwagen-Reise auf die Lofoten in den 90er Jahren. Unsere halbe Stunde ist um; ich fahre nach Hause. Der Mensch ist nett freundlich; ich kann ihm gut zuhören. Aber so dermaßen offensichtlich nicht interessiert zu sein am Ergehen anderer – wahrscheinlich, ohne es selbst zu merken: Das ist schon besonders.

Vom Segnen

`Gott segne dich!´ Wer anderen Gottes Segen zuspricht, weiß, dass das Entscheidende im Leben nicht aus uns selbst kommt: Gelingen und zuversichtliche Gedanken können wir ebenso wenig generieren wie Kraft für herausfordernde Zeiten, Freude und einen Blick für das Schöne, Dankbarkeit und Frieden im Herzen, Geduld mit und Liebe für unsere Nächsten usw. Mit all dem kann nur Gott uns beschenken – uns segnen eben.