Was länge währt, wird mehr geschätzt?

Für die Kinder-Zimmer haben wir neue Türen gekauft. Gestern und heute wurden sie eingebaut. Die Türen sind weiß, sehen toll aus, schließen wunderbar und lassen Flur und Zimmer heller und geräumiger erscheinen. Schade, dass wir das nicht schon früher gemacht haben!

Die Kinder staunen, wie Türen auch aussehen und schließen können. Der Unterschied macht den Unterschied: Die Erfahrung von vorher und nachher ist es, die für die Kinder den Begriff „neu“ mit Leben erfüllt – und sie selbst mit Begeisterung und Dankbarkeit. Gut, dass wir das erst jetzt gemacht haben!

Trecker-Demo

Letztens fuhren lauter Trecker durch unsere Stadt – auf dem Weg zu einer Demo nach Hannover. Ich blieb mit meinem Rad an einer Ecke stehen und schaute ihnen zu. „Sorry, ich wäre jetzt auch lieber zu Hause“, las ich am Heck eines Treckers und musste lächeln: Die hinter der Kolonne schleichenden Autofahrer sahen nur teilweise verständnisvoll aus.

Ihre Arbeit ist für die meisten der Bauern eher ein Lebenskonzept als ein Job. Als Lohn bekommen sie – auf die Stunden gerechnet – nicht besonders viel Geld, dafür aber umso mehr Menge Kritik von allen Seiten. Landwirte demonstrieren nicht für geregelte Arbeitszeiten oder mehr Urlaub, Weihnachtsgeld oder sonstige Dinge, die andere Berufsgruppen gern verändert hätten. Sie wünschen sich angemessenere Preise für die Produkte, die sie produzieren, und eine Gesellschaft, die ihnen nicht nur Verachtung entgegenbringt, sondern Wertschätzung. Denn: Bauern pflegen unsere Kulturlandschaft und produzieren Dinge, die wir wirklich zum Leben brauchen. Aber das artikulieren wir nicht. Stattdessen schimpfen wir, sie würden die Natur verschandeln und das Grundwasser verpesten – und zeigen durch unser Einkaufsverhalten, dass wir nicht viel für sie übrig haben.

Auch ich kaufe nicht nicht nur regionale Produkte, schon gar nicht ausschließlich „Bio“. Aber ehrlich gesagt: Ich würde gern die hiesigen Landwirte unterstützen – wenn ich nur wüsste, wie das abgesehen von Einkäufen in Hofläden noch aussehen könnte. An der Straße stehen und winken, wenn hunderte Trecker zur Demo nach Hannover fahren, reicht nicht.

Eine Entwicklung

Ein guter Freund von mir wird heute 50. Wir kennen uns schon über 30 Jahre, und ich schrieb ihm – wie immer – einen Brief. Obwohl mir das Besondere eines runden Geburtstages nicht einleuchtet, wurde es dieses Jahr ein längerer Brief. Als ich fertig war, fiel mir ein, was ich zu schreiben vergaß:

Dass ich jedesmal an ihn denke, wenn ich Herbert Grönemeyer höre.
Dass ich dankbar bin, dass wir nie ein Paar, sondern immer nur gute Freunde waren – und heute noch sind.
Dass ich staune über seine Großzügigkeit.
Dass er jede Gesprächsrunde bereichert.
Dass ich seine Offenheit schätze und seine Bereitschaft, auch über Schwierigkeiten zu reden.
Dass seine Treue und Initiative unsere Freundschaft erhalten.
Dass sein positiver und zufriedener Blick aufs Leben mich beeindruckt.

Zwischen uns liegen 250 Kilometer, zwischen unserem Miteinander damals und heute über drei Jahrzehnte. Beides verträgt unsere Freundschaft sehr gut.

Im Kino

Ich war in „Das perfekte Geheimnis“, ein neuer deutscher Film mit Starbesetzung. Im Trailer wurde angedeutet, dass einige Dialoge unter der Gürtellinie angesiedelt sein würden – trotzdem wollte ich den Film sehen. Ich hatte die Thematik so verstanden: Jeder hat ein digitales Handgerät. Nach außen hin tun wir so, als wäre es nur eine praktische Organisationshilfe in unserem Leben. De facto ist es das Tor zu unserer überaus schützenswerten Privatsphäre – die wir mit niemandem teilen wollen. Wir geben das nur nicht so gern zu.

Natürlich weiß ich, dass es Geheimnisse gibt; es wäre komisch, würde jeder alles mit jedem teilen. Es variiert, wo wir diese „privaten“ Gedanken aufbewahren – im Handy, im Tagebuch, in unserem Hirn. Ich war also gespannt darauf, welche Geheimnisse zur Sprache kommen würden: Ansichten zum Umgang mit straffälligen Jugendlichen (oder Flüchtlingen), die bisweilen anstrengend langsame Rechtssprechung in unserem Land, Zukunftsängste, frappierende Verdienstunterschiede, Positionen zu Amerika – oder gar zu Israel, das Klima?

Mir war klar, dass es auch um Intimes gehen würde. DAS hatte ich dem Trailer entnommen. Letztlich kamen wenige andere Themen zur Sprache: Brustvergrößerung, „Ich will Mama sein, trau mich aber nicht“ sowie ein kleiner Exkurs zu Homosexualität. Aber sonst? Ging es fast ausschließlich um SEX – in (für mich) zu deutlicher Sprache. Das fand ich schade. Abgesehen davon, dass mich vulgäre Sprache eher abstößt als amüsiert, dachte ich: Reden Menschen heute wirklich so? Gibt es keine anderen Geheimnisse als die, wer außerhalb seiner festen Beziehung mit wem intim ist beziehungsweise digital die Nähe sucht, die ihm analog fehlt? Können wir sonst über alles reden?

Mannomann.

Ich kann mir vorstellen, dass selbst in der vertrautesten Gruppe bestimmte Themen vermintes Gelände sind: Politik, die persönliche Weltanschauung oder Minderwertigkeitsgefühle. Überzeugungen liegen oft weit auseinander, und wir gelangen mit unserer Toleranz schnell an unsere Grenzen. Aber ein Film, der sich diesen Geheimnissen wenigstens ansatzweise gewidmet hätte, wäre aus meiner Sicht deutlich interessanter, herausfordernder und inspirierender gewesen. (Aber vielleicht nicht so erfolgreich …)

Inspiration (3): You never know!

„Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg; aber der Herr allein lenkt seinen Schritt.“
Sprüche 16, 9

Abenteuerlust und „Schritt für Schritt“ sind nur zwei Stichworte im Zusammenhang mit dem Buch-Geschenk, die mich bisher ins Nachdenken gebracht haben. Eine weitere Erkenntnis ist die, das suboptimale Lebensvoraussetzungen nicht das Leben definieren müssen: Du weißt nie, durch wen oder was eine Wendung eintreten kann. Das kann eine menschliche Begegnung sein, sich überraschend verändernde Umstände, das Zusammentreffen von „zur richtigen Zeit am richtigen Ort“ oder eine eigene mutige Entscheidung – aus dem Bauch heraus oder gut überlegt. Auch in der Lebensmitte hört das nicht auf: Ich kann noch immer Chancen nutzen, für Veränderungen offen sein und mich dem, was kommt, zuversichtlich stellen. Anders als der Autor des Buches glaube ich, dass all diese Erfahrungen, Begegnungen und Führungen ihren Ursprung in Gott haben. Letztlich definiert er mein Leben. Das kann mich dann doch mutig und abenteuerlustig machen.

Inspiration (2): Schritt für Schritt

„Ein Betrübter hat nie einen guten Tag; aber ein guter Mut ist ein tägliches Fest.“
Sprüche 15, 15

Der abenteuerlustige Autor, dessen Buch mir zu Weihnachten geschenkt wurde, bekam in sehr jungen Jahren die Worte „Schritt für Schritt“ mit auf den Weg: Zu dem Zeitpunkt war er 17 Jahre alt und ohne Schulabschluss. Sein Denken reichte nicht über den einzelnen Tag hinaus; hinsichtlich seiner Zukunft war er ahnungslos und frustriert. Damals ermutigte ihn dieser Rat, überhaupt loszuziehen; 30 Jahre später hilft ihm „Schritt für Schritt“ noch immer, sich von Herausforderungen nicht einschüchtern zu lassen.

Ich bin dankbar, dass ich das Buch gerade zum jetzigen Zeitpunkt geschenkt bekommen habe. Das Jahr hat gerade erst begonnen, und schon erscheint es mir zu voll.

Tagesgeschäft:
Abgesehen von „Beruf“, Haushalt und Gemeinde gibt es Projekte, die mich nicht nur praktisch beschäftigen, sondern auch gedanklich. Die Beziehungen zu Mann und Kindern brauchen meine Zeit. Dasselbe gilt für Freundschaften – und meine eigene Ausgeglichenheit.

Jahresspezifische Extras:
Im Kalender stehen schon einige Auswärts-Wochenenden – runde Geburtstage, Treffen mit Familie und Freunden. Unsere eigenen Geburtstage sind ebenfalls geeignet, eine Menge Leute einzuladen – und teilweise tun wir es. Die Pläne der Kinder für Unternehmungen sind vielfältig und betreffen (oft noch) die ganze Familie.

Persönliche Sonderwünsche und -Vorhaben:
Fotobücher gestalten, an einem Tanzkurs teilnehmen, ein Buch schreiben, mich allein aufmachen und meine Komfortzone verlassen (diesmal ohne zu fliegen?), vielleicht doch mal wieder ans Klavier setzen?

Für alles scheint meine zur Verfügung stehende Zeit nicht auszureichen. Und ich denke: „Mir ist schon jetzt alles zu viel!“

Was tun? Schritt für Schritt, eins nach dem anderen, manches vielleicht auch parallel – und dann währenddessen und hinterher staunen, was alles möglich ist.

Inspiration (1): AbenteuerLust

Ein Freund schenkte mir ein Buch – den Bericht über eine Lebensreise. Ich könne es „als Inspiration für meine nächste Reise verstehen“, hieß es in seinem Begleitbrief. Noch habe ich das Buch nicht gelesen, aber ich ahne, dass des Autors Mut, Risikobereitschaft und Abenteuerlust in einer anderen Liga anzusiedeln sind als meine eigenen: Länder wie der Irak, Afghanistan oder der Libanon stehen nicht auf meiner bevorzugten „to-go“-Liste. Dem freundlichen Buchschenker gegenüber gab ich ein wenig kleinlaut zu, nicht so mutig und risikobereit wie der Autor zu sein. Trotzdem bedankte ich mich für den Inspirationsversuch – und freue mich ehrlich auf die Lektüre.

Nach weiteren Überlegungen frage ich mich, ob man Mut überhaupt vergleichen und bewerten kann: Jeder hat eine andere Komfortzone, die zu verlassen nicht so leicht ist. Die eine wandert allein durch England oder radelt quer durch Norddeutschland. Der andere erkundet Millionen-Metropolen in Fernost. Und die Nächste arbeitet selbständig auf einer Alm mit allen Konsequenzen und Zuständigkeiten, die dazugehören. Zu allem gehört Mut, aber wieviel? Jedes „Abenteuer“ erfordert, dass man sich etwas Neues, teilweise Unbekanntes zutraut und zumutet. Für jede dieser „Reisen“ zwingend notwendig ist die Bereitschaft, sich auf Situationen einzulassen, die uns über das Vertraute hinaus herausfordern.

Ich mag tatsächlich nicht sehr mutig sein, aber das ist es nicht, was mich von einer Reise in den Libanon abhält: Fast ebenso unattraktiv wie die Rucksackreise durch eine Krisenregion erscheint mir persönlich eine exklusive Kreuzfahrt oder der sturmgeprägte Segeltörn über den Atlantik. Für all das fehlen mir nicht der Mut und der Sinn fürs Abenteuer, sondern schlicht und ergreifend die Lust.

Abfärbend

Ich bin nicht allein auf der Welt und auch nicht schon ganz fertig – Menschen färben auf mich ab:

Mein Verständnis für Politik steigt, wenn ich mit politisch interessierten und informierten Menschen zusammen bin.

Rede ich Englisch mit einem Muttersprachler, beflügelt mich seine Kompetenz; stottert der andere vor sich hin, verfalle auch ich leicht in primitive Satzkonstruktionen.

Erzählt mir eine Freundin mit Begeisterung von einer teuren Neuerwerbung, werde ich – zumindest gedanklich – großzügiger hinsichtlich besonderer Ausgaben.

Bin ich mit einem Menschen zusammen, der dankbar und positiv durch sein (ganz normales und nicht nur komplikationsloses) Leben geht, kann sich das auswirken auf meinen Umgang mit schwierigen Situationen.

Was färbt von mir ab? Ich bin nicht sicher, aber ich weiß, was ich mir wünsche: Ich würde auf Menschen gern barmherzig und ermutigend wirken oder sie wenigstens zum Lächeln bringen.

Vom Wie des Was

Ein Bekannter berichtete von einem Seminar zum Thema Gesprächsführung und Konfliktlösung. Zur Anwendung kam das Modell des sogenannten Kommunikationsquadrats. Zu diesem gehören:
der Sachinhalt (worüber ich informieren will),
der Beziehungshinweis (wie stehe ich zu dir, was halte ich von dir)
der Appell (was will ich dir damit sagen)
und die Selbstkundgabe (was will ich von mir offenbaren).
Jeder sendet auf diesen vier Kanälen; jeder empfängt auch auf diesen vier Kanälen. Die Chance für Missverständnisse (und Konflikte) liegt – rein rechnerisch – bei 16.

Selbstkundgabe: Das Wort klingt hölzern und ein bisschen nach `wichtig´: „He, Leute, hört her – ich sage euch jetzt, was mit mir los ist. Dann müsst ihr nicht spekulieren, sondern wisst genau, woran ihr mit mir seid.“ In der Tat soll die Selbstkundgabe den Ist-Zustand so konkret wie möglich und so umfassend wie nötig beschreiben – um Spekulationen und Unterstellungen zu vermeiden. Ziel ist es, mögliche Missverständnisse (und Konflikte) auf ein Minimum zu reduzieren.

Aber „rein rechnerisch“ ist nicht alles. Denn es bleibt die Frage, ob Selbstkundgabe das Miteinander tatsächlich erleichtert oder vielleicht sogar erschwert. Die Antwort hängt auch davon ab, wie viel der Einzelne sagt und wie interessant und verständlich er formuliert. Ich mag noch so gut informiert werden: Wenn mir die Selbstkundgabe meines Gegenübers auf den Keks geht, wird das Gespräch durch sie nicht in konfliktarme Gewässer geleitet. Es geht also – wie so oft – fast mehr um das WIE als um das WAS.