Zeitzeugen

In alten Fotoalben entdecke ich: wie wir als Familie früher gefeiert oder Urlaub gemacht haben, viele mittlerweile verstorbene Verwandte und Freunde … und so manche modische Verwirrung:

Meine Großmütter tragen bei festlichen Anlässen jahrein, jahraus dieselben Kleider und sehen gut darin aus und vertraut. In ihrer Generation war Modebewusstsein ein seltenes Privileg; entsorgt wurde nur, was kaputt war oder nicht mehr passte.
Dagegen zeigen die Versuche, mich als Heranwachsende zu besonderen Gelegenheiten besonders hübsch zu kleiden, verheerende Ergebnisse. Mein Konfirmationskleid ist zwar selbst genäht, aber trotzdem kein positives Beispiel für ein Unikat. Offenbar hatte ich damals keinen eigenen Stil oder zu wenig Ich-Stärke, diesem treu zu sein.

Das macht diese Fotos zwar zu einer interessanten Reise in eine andere Zeit, aber für mich persönlich absolut ungeeignet für stolzes Umherzeigen. Aufheben werde ich nur zwei oder drei Beispiele. Diese werden unsere Kinder zum Schweigen bringen, wenn sie sich beschweren, ich hätte sie als Kleinkinder in geschmacklose Outfits gesteckt.

Zugehörig

„Du gehörst zu uns“, schreibt meine Schwester, „ganz dolle und immer.“ Ein Satz, der direkt ins Herz schießt und mir soooo guttut. Auch wenn unsere Lebensentwürfe verschieden und wir in einigem uneins sind: Wir gehören trotzdem zu einander. Schön, wenn wir kommunizieren, was der andere uns bedeutet!

Fünf Minuten … 

Fünf Minuten sind nicht gleich fünf Minuten. Fünf Minuten sind mal wunderbar und mal entsetzlich:
Fünf Minuten lockeres Joggen wirken entspannend, fünf Minuten Liegestütze überfordern die meisten.
Fünf Minuten Videos schauen verfliegen, fünf Minuten auf die Waschmaschine warten ziehen sich wie Kaugummi.
Fünf Minuten auf der Schaukel können langweilig werden, fünf Minuten an der Tischtennisplatte eher nicht.
Fünf Minuten einem leise Sprechenden zuhören strengen an, fünf Minuten Geschichten erzählen machen Spaß.
Fünf Minuten Vorwürfe verunsichern, kränken und verletzen uns; fünf Minuten ehrliches Lob sind Labsal für Seele und Körper.
Und so weiter und so fort.

Auf manche fünf Minuten unseres Lebens haben wir keinen Einfluss; andere liegen ganz in unserer Hand. Alle dauern gleich lang: die einen tröstlicherweise nur und die anderen glücklicherweise immerhin fünf Minuten.

Unwichtig?

„Geld ist nicht das Wichtigste“, sagt eine Frau zu mir. Stimmt, denke ich. Weil wir genug davon haben, können wir andere Dinge deutlich wichtiger für uns sein. Wer finanziell in Nöten ist, sieht das vielleicht ein bisschen anders.

Ein Verzicht: schweren Herzens und doch freiwillig

Ich kann viel machen und anderes nicht – weil nicht begabt oder nicht kreativ genug bin oder schlicht keine Energie habe. Manches schaffe ich zeitlich nicht und muss entscheiden, was ich tue und was ich dafür lasse. „Früher war mehr Lametta“, ist ein Satz, der mir diesbezüglich öfter durch den Kopf schießt: Als ich schwungvoller war, organisierter und ohne Job im Büro, schrieb ich mehr Briefe, war regelmäßiger im Garten und mit meinen Fotobüchern mehr „up to date“. Das ginge noch immer, aber nur mit erheblich mehr Disziplin – und für die fehlt mir die Lust. Es ist der Lebensphase geschuldet und natürlich trotzdem ein bisschen schade. Aber ich gräme mich nicht. Ich habe gerade wenig Lust auf durchgetaktete Tage und genieße stattdessen lieber ein paar zweckfreie Stunden. Dafür verzichte ich auf Tätigkeiten, die mir auch wichtig wären – aber eben im Vergleich nicht wichtig genug. 

Lokale Legende

Meine Laufrunde ist immer gleich; nur manchmal hänge ich noch eine Schleife dran. In den letzten Tagen habe ich das öfter gemacht, weil ich dadurch am Briefkasten vorbeikam. Die extra Strecke trägt den schönen Namen Haberwinkel – mit Straßenschild. Meine Lauf-App kürte mich deshalb kurzerhand zur „Local Legend von Haberwinkel“. Allerdings müsse ich aufpassen, dass mir diese Krone niemand wegnehme, steht da noch …

Mir sind in der App schon einige Male andere Lokale Legenden vorgeschlagen worden, meist mit dem diffusen Nachsatz „in deiner Nähe“. Bisher hatte ich zumindest ansatzweise eine gewisse Ehrfurcht vor der vermeintlichen Leistung dieser Leute: Eine Legende wird man nicht einfach so, dachte ich. Jetzt, da ich selbst eine bin, ist es mir eher peinlich. Ich hoffe, ich werde anderen App-Nutzern nicht als „Local Legend von Haberwinkel“ angezeigt. Denn das ist ausgesprochen lächerlich. Der Haberwinkel ist 0,49 Kilometer lang und wird von vielen anderen sicher häufiger durchquert als von mir. Ich hoffe, der eine oder andere von ihnen nutzt dieselbe Lauf-App wie ich. Gern trete ich den Titel wieder ab. Damit das gelingt, tue ich das Naheliegende: Ich suche mir eine namenlose extra Strecke.

(Un)fassbar

Wir wissen, dass Prüfungen schiefgehen können. Rein rational ist das fassbar. Tatsächlich durchzufallen, kommt dann meist unfassbar überraschend. Wir müssen uns mühselig damit arrangieren. Bei einem zweiten Versuch rechnen wir eher als beim ersten Mal damit, dass wir scheitern. Entsprechend sind wir über Gebühr unsicher und aufgeregt. Wie schön, wenn es dann doch klappt: Wir sind unfassbar erleichtert.

Es gibt einen feinen Unterschied zwischen dem Wissen, was möglich ist, und dem, was sich in uns abspielt, wenn wir etwas schon einmal erlebt haben. Er ist schwer in Worte zu fassen und nennt sich Erfahrung.

Gemeinsam unterwegs

Mein Mann gibt mir eine wunderbare Idee mit für meine Arbeit. „Mein Name spielt dabei keine Rolle“, sagt er. Zum einen verzichtet er gern auf das Lob, das er dafür bekommen könnte; zum anderen weiß er, dass es manchmal nicht hilfreich ist, die Quelle eines guten Rates zu nennen: Mancher reagiert verhalten, wenn ein Außenstehender sich „einmischt“.

Wie dem auch sei: Der Name meines Mannes mag in diesem Fall unwichtig sein. Aber sowohl seine Sicht auf Dinge als auch sein bisweilen sehr bewusstes In-den-Hintergrund-Treten inspirieren mich immer wieder – und spielen eine Rolle dafür, wer und wie ich bin. Im Idealfall wirkt sich diese positiv aus und gilt das umgekehrt ebenso.

Ich bin reich!

Im Kiosk mit Post-Tresen kauft eine Frau Geschenkpapier und eine Stange Zigaretten. Knapp 100 Euro zahlt sie dafür – mir bleibt die Luft weg. Wie schön, dass ich nicht rauche: Ich bin reich!

Von wem sie das wohl hat …

Meine Tochter kommt klatschnass aus dem Stall. Es dauert, bis sie sich das nasse Zeug vom Körper gezogen hat. „Zieh die Hosen doch einfach durch“, rate ich ihr deshalb, aber sie schüttelt den Kopf: „Ich mag das nicht.“ 

Zwei Tage später gerate ich beim Laufen in einen Regenschauer. Als ich mir zu Hause gedankenlos, mühselig und ohne Durchziehen die nassen Leggings von den Beinen pule, denke ich: Like mother, like daughter.