Richtig, falsch oder anders?

Aus Fehlern lernen wir, heißt es. Aber selbst wenn wir keine Angst hätten, Fehler zu machen – sie sind nicht unser Ziel. Stattdessen bemühen wir uns (vielleicht unbewusst), das vermeintlich Richtige zu tun Dinge. Dabei gibt es oft nicht nur eine „richtige“ Lösung, denn es heißt auch: Viele Wege führen nach Rom. Keiner von ihnen ist nur falsch, keiner nur richtig.

Trotzdem habe ich oft den Eindruck, etwas falsch zu machen – jedesmal, wenn ich mich für eine andere als die scheinbar optimale Alternative entscheide. „In diesen Kategorien denke ich nicht“, sagt jemand, der mir nahesteht. Um „falsch“ oder „richtig“ gehe es abgesehen von ethischen Fragen in den seltensten Fällen. Ich würde das gern glauben – und mutiger anders leben.

Ein Unterschied

Gestern klingelte ein Kurierbote der Post; es war ein Mann mit schwarzer Hautfarbe. (Darf ich das überhaupt so schreiben?) Er händigte mir mein Päckchen aus, ich wollte mich bedanken und platzte gedankenlos heraus mit: „Thank you – einen schönen Tag noch“, woraufhin er mich lächelnd anschaute und antwortete: „For you, too!“

Im Nachhinein schäme ich mich: Wieso gehe ich davon aus, dass er kein Deutscher ist und noch dazu Englisch besser versteht? Ich wollte nichts Diskriminierendes sagen, glücklicherweise hat er mich offenbar auch nicht so verstanden. Dennoch steht fest, dass ich allein aufgrund der äußeren Erscheinung einen Unterschied mache – wie unbewusst auch immer.

Erledigt – ja, fertig – nein

Home Schooling in Woche acht oder neun: Täglich oder auch wöchentlich stellen die Lehrer Aufgaben bereit – morgens, mittags, nachmittags, abends … Die Kinder können sich die Zeit selbst einteilen und auswählen, was sie zuerst machen. Das ist ein Vorteil des Home Schoolings. Es gibt sicherlich weitere.

Meine Töchter bekommen andauernd neue Aufgaben (deutlich mehr als meine Söhne), erledigen alle – und sind doch nie wirklich fertig. Ihre Tage fühlen sich an, als würden sie ein Boot ausschöpfen, in das ständig neues Wasser hinein fließt: Wenn sie drei von zunächst sieben Aufgaben abgearbeitet haben, kann es sein, dass danach immer noch sechs Aufgaben zu erledigen sind. Mathematisch logisch ist das nicht – und noch dazu sehr frustrierend. Nicht das Lernen steht im Vordergrund: Sie wollen einfach nur fertig werden. Da sich das seit Wochen als unerreichbares Ziel erweist, erledigen sie ihre Arbeit mit wenig Enthusiasmus. Das ist sehr schade und ein Nachteil des Home Schoolings. Es gibt sicherlich weitere.

Postbotin mit Zeit

Postboten haben es meist eilig; sie haben viel zu tun. Zu uns kommt die Post meist erst am späten Nachmittag – wir liegen kurz vor dem Ende einer Tour. Wir haben schon verschiedene Postboten erlebt; momentan ist es eine Frau. Seit einiger Zeit kommt sie mit dem Auto und hat einen Teil der Pakete dabei. Deshalb klingelt sie öfter als früher und übergibt die jeweilige Post persönlich. Immer reden wir dann ein paar Worte. Das tut sie offenbar bei all ihren Kunden: Oft sehe ich sie in der Nachbarschaft an der Haustür oder im Vorgarten stehen und reden.

Diese Postbotin ist ausgesprochen freundlich und wirkt NIE gehetzt – das bewundere ich. Sie fängt früh an und ist oft lange unterwegs. Dennoch nimmt sie sich für jede direkte Begegnung einen Moment Zeit. Während Corona ist der Postbote vielleicht für manche der einzige persönliche Kontakt: Wie schön, dass unsere Postbotin in diesen Momenten keine Eile ausstrahlt, sondern Ruhe und Aufmerksamkeit.

Breaking or bending?

I am fifty years old and not the same person I was ten years ago. I was, am and will be changed by experience, by my own conscious efforts or through active decisions. My heart, my attitude towards people, my acceptance of circumstances – all this changes awfully slowly, but change it does.

This change can take place through breaking or bending. Breaking is done to something or someone. It doesn`t take much time and in the end the broken thing or person is destroyed. To bend something or someone, on the other hand, is a time consuming process: Either the material needs to have suitable properties or the person needs to offer their cooperation and consent. In the end, the thing or person that is bent still retains its own essence or personality, and most of its power and ability.

I believe God is the driving force behind everything that happens in my life – chances, motivation and the ability to decide. He knows my strengths and weaknesses and also what needs to change in me to be a loving, patient and compassionate person. Because God loves me, he doesn`t break, he bends – using time, effort, patience and humility. He has more patience and readiness to adapt to my pace on life’s journey than I have myself, and is more than willing to start anew with me, again and again.

It may take much longer, but, given the choice, I`d rather be bent than broken ….

Die Macht der Worte

„Warum kreischen Sie denn herum wie eine Krähe?“, fragt mich der Mann am Telefon. Mir fallen einige Antworten ein: „Erstens kreische ich nicht – ich rede etwas lauter als sonst, und das tut mir leid. Zweitens bin ich nun mal überhaupt kein Glücksspiel-Teilnehmer. Und drittens habe ich das schon mehreren Ihrer Kollegen gesagt – in diversen kurzen Telefonaten: Mir wurde wiederholt zugesichert, man würde mich aus dem System nehmen.“ Nichts davon sage ich und lege auf. Das ist unhöflich, ich weiß. Aber ich rechne nicht mehr damit, dass MEINE Meinung in dieser Frage eine Rolle spielt. Zu oft schon hatte ich mein Desinteresse (freundlich und wortreich) bekundet – und einige Wochen später einen weiteren Anruf erhalten.

Derartige Gespräche ärgern mich, meine eigene Reaktion ebenfalls. Ich habe sicher nicht gekreischt wie eine Krähe; aber ich bin wohl etwas lauter geworden. Erzählt mir ein Anrufer von einem „Glücksspiel“, denke ich sofort: „Nicht schon wieder“, und, „das kann doch nicht wahr sein.“ Denn ich habe alles probiert: geduldig zuhören und mich freundlich erklären; sachlich verkünden, dass ich kein Interesse habe – gern auch mehrmals; ohne Erklärung direkt auflegen. Es führt wahrscheinlich ebensowenig zum Erfolg, etwas lauter zu werden. Das Thema ist geeignet, mich zu frustrieren; der heutige Vergleich mit einer kreischenden Krähe macht mich zusätzlich wütend.

Ein ähnlich gelagertes Telefongespräch fällt mir ein. Es ist lange her, damals hatten wir vier kleine Kinder. Der Anrufer fragte, ob ich mit regelmäßigen finanziellen Zuwendungen ein Projekt für Kinder unterstützen würde. Ich lehnte ab – derartige Dinge bespreche ich nicht am Telefon. „Sie haben wohl nichts für Kinder übrig, was?“, schloss daraufhin mein Gesprächspartner. Auch damals legte ich auf, ohne noch etwas zu sagen. Aber ich war wütend – und das ließ sich nicht ebenso leicht beenden wie das Telefonat.

Es erschreckt mich immer wieder, welche Macht die Worte Unbekannter über mein Befinden haben.

Erfahrungen

Den Friseur-Lockdown erleben wir sehr unterschiedlich. Diejenigen, die schon immer selbst Hand angelegt haben, kommen zurecht wie immer. Langhaarige ebenso. Alle anderen sparen Geld und Zeit und lernen außerdem: Ein akkurat gestutzter Schopf ist nicht existenznotwendig. Beides sind positive Erfahrungen.

Ganz anders erleben Friseure die erzwungene Auszeit: Für das geschulte Auge sind all die ungeschorenen Häupter sicherlich kein schöner Anblick – und die gewonnene Freizeit ist existenzbedrohend. Beides sind negative Erfahrungen.

Nur eine Rücksendung

Ich muss eine Rücksendung abschicken. Weil ich Papier sparen möchte, entscheide ich mich für die Variante, bei der man nur eine Nummer auf das Original-Adress-Etikett schreibt. Mit Rad und Anhänger fahre ich los – das Paket ist groß, und ich will hinterher noch einkaufen. Bei der Post stelle ich fest, dass man Pakete dieses Lieferdienst an der Tankstelle abgeben muss. Also fahre ich weiter und erfahre, dass die von mir eingetragene Nummer offenbar falsch ist.

Für die richtige Nummer oder ein Retouren-Etikett muss ich wieder nach Hause radeln. Dort entscheide ich mich für das Etikett und fahre zum zweiten Mal mit meinem Paket durch die Gegend. Diesmal klappt es: Endlich ist der Anhänger leer, ich kann einkaufen fahren.

Das Ganze dauert und nervt ein wenig, bringt mich aber auch zum Schmunzeln: Ich erinnere mich an eins meiner Lieblingsbücher von Sven Nordqvist – „Eine Geburtstagstorte für die Katze“. Darin entscheidet Kater Findus am Morgen, dass er (mal wieder) Geburtstag hat und Petterson eine Torte backen soll. Der hat nichts dagegen; allerdings stoßen sie auf einige Hindernisse: Ihnen fehlt Mehl, also müssen sie einkaufen fahren. Aber das Rad ist platt. Das Werkzeug zum Flicken liegt im Tischlerschuppen – und der ist verschlossen. Den Schlüssel finden sie nach kurzer Suche im Brunnen. Um ihn hochzuziehen, brauchen sie die Angel vom Dachboden. Auf den Dachboden kommen sie nur mit der Leiter. Die jedoch steht hinter dem Schuppen – auf der Weide, auf der ein wütender Stier grast. Einfallsreich lenken sie den Stier ab und tragen die Leiter nach Hause.

Jetzt endlich können sie loslegen: Angel vom Dachboden besorgen, Schlüssel angeln, Rad flicken, Mehl kaufen, Eier aus dem Hühnerstall holen und (schließlich!) eine Torte für Findus backen. Alles passiert ohne viel Ärger und in großer Gelassenheit – nur Findus ist etwas ungeduldig. Beide genießen am Ende ihre Torte und verlieren kein Wort mehr darüber, wie viel Arbeit sie damit hatten.

Das Buch wirkt wie aus der Zeit gefallen; von Instant-Befriedigung ist dort nichts zu spüren. Es beschreibt herrlich die Tage, an denen nicht auf Anhieb alles glatt läuft. Trotzdem können es ganz wunderbare Tage sein – wenn man sich nicht dem Ärger hingibt, sondern einfach tut, was getan werden muss.

„Viel hilft viel“ oder „weniger ist mehr“?

„Viel hilft viel“, heißt es: Viel Liebe ist gut, ebenso viel Barmherzigkeit und Güte; auch Freundlichkeit, Geduld und Demut lassen sich kaum überdosieren. Für einige andere Dinge gilt dagegen „weniger ist mehr“: Salz und Zucker, Alkohol, Fett, aber auch Konsum, Ehrgeiz, Entschiedenheit … – schier endlos ist die Liste der Dinge, die man besser maßvoll einsetzen sollte.

Bewegung

Bewegung tut mir gut, vor allem draußen. Wenn es daran mangelt, merke ich es sofort. Körper und Seele leiden darunter: Ich werde müde oder unruhig, gleichzeitig staut sich Frust an. Großzügig lasse ich meine Familie daran teilhaben – mein Mann bezeichnet mich in solchen Fällen als angriffslustig.

Was tun? Spazieren gehen ist wunderbar, eine Runde laufen wirkt noch besser. Wie gut, dass der wunderbare Schnee so schnell wieder getaut ist und die Feldmark mir wieder offen steht!