Nähe oder Distanz

Mit einem alten Schulfreund verbringe ich nur einmal im Jahr ein Wochenende – und trotzdem fühle ich mich ihm nah. Manche Leute, die ich jeden Sonntag im Gottesdienst treffe, bleiben mir fremd. Und in meiner WG vor 25 Jahren war ich einigen nah und anderen nicht – obwohl wir alle gut miteinander ausgekommen sind. 

Emotionale Nähe und Distanz sind unabhängig von räumlicher Nähe und Distanz.

Vom Können

Ich muss kurz warten, denn: Ein LKW-Fahrer steuert sein Fahrzeug samt zweiachsigem Hänger rückwärts von der Straße in eine relativ enge Einfahrt. Er schafft es beim zweiten Versuch und ohne etwas zu beschädigen – Bäume, Straßenschilder oder ungünstig geparkte Autos. Ich kann und darf LKW fahren, aber DAS könnte ich nicht – und würde es nicht versuchen.

Alex Honnold ist ein amerikanischer Kletterer. Eine Dokumentation beschreibt, wie er allein und ohne Sicherung eine 1.000 Meter hohe Steilwand besteigt. Beim Zuschauen bekomme ich feuchte Hände. Die Kameramänner in der Wand sind ebenfalls Kletterer, aber DAS, was Honnold da gemacht hat, könnten sie nicht – und würden es nicht versuchen.

Zwischen `können´ und `können´ liegen manchmal Welten.

Selbstbewusst

Selbstbewusst, das heißt: mir meiner Selbst bewusst – oder dessen, was ich für mein Selbst halte. Denn es ist möglich, dass ich mich verzerrt wahrnehme und mich begabter oder unbegabter einschätze, als ich tatsächlich bin. Aber egal, wie falsch ich liege: Wichtiger ist wohl, dass ich `Ja´ sagen kann zu der Frau, die ich (in meinen Augen) bin.

Zweimal Herbst

Von weitem sieht ein Herbstwald wie ein wunderbares Ganzes aus. Im Sonnenlicht leuchtet alles in einer Mischung aus letztem Grün, Gold und Rot. Kommt man näher heran, sieht man die weniger wunderbaren Details: Die meisten Blätter haben dunkelbraune Flecken und sind eingerissen. Jedes Blatt ist weniger golden strahlend als einfach nur gelb oder welk.

Zum einen: Beides gehört zum Herbst – aus der Ferne überzeugt die Optik, nahe dran riecht´s leicht moderig und raschelt beim Durchlaufen.

Zum anderen: Viele kleine mangelhafte Details sorgen gemeinsam für ein wunderbares Gesamtbild.

Zwischen Nutzen und Schaden

Mit vier Jahren trank meine Mutter unbeabsichtigt und unbeobachtet einen Schluck einer farblose Flüssigkeit. Danach mochte sie für einige Zeit überhaupt nichts mehr hinunterschlucken, denn es handelte sich leider um Essig Essenz: gut geeignet zum Würzen und Putzen, zum Trinken (unverdünnt) dagegen nicht. Auch deswegen war meine Mutter immer sehr vorsichtig, was (vermeintlich harmlose) Nahrungsmittel angeht. Trotzdem hatte auch sie später Essig Essenz im Haus – der Nutzen überwiegt den Schaden durch unachtsamen Gebrauch.

Außerdem stand im Garten meiner Eltern eine große Eibe. Meine Mutter ist botanisch bewandert (Apotheker-Wissen) und wusste, dass an Eiben so ziemlich alles giftig ist: Nadeln, Rinde und Samen; nur der die Samen umhüllende rote Samenmantel ist nicht giftig und schmeckt süß. Wenn man den Kern nicht zerbeißt, passiert einem nichts. Daher durften wir diese als Kinder manchmal probieren. 

Von einer Bekannten (promovierte Biologin) weiß ich, dass sogar Pferde sterben können, wenn sie übermäßig viel Eibengrün konsumieren. In unserem Garten wachsen trotzdem viele Eiben. Auch unsere Kinder wissen, dass Eiben giftig sind. Keiner von uns käme auf die Idee, deren Nadeln oder Rinde zu essen – und Pferde lassen wir nicht rein. Wir haben auch die roten Samenmantel schon mal probiert. Aber im Grunde stehen Eiben in unserem Garten aus anderen Gründen: Sie sind immergrün, lassen sich hervorragend in Form schneiden, treiben dankbar immer wieder aus und spenden schönes Grün für Adventsgestecke – der Nutzen überwiegt den Schaden durch unachtsamen Gebrauch.

Einfach machen!

Mit 21 wollte ich gern nach Australien. Zwar sprach einiges dagegen: Es war teuer, die Organisation zu analogen Zeiten einigermaßen kompliziert, ich brauchte Zeit – und die Freiheit, mein Leben hier hinter mir zu lassen. Aber letztendlich habe ich es einfach gemacht: Ich bin für einige Monate hingeflogen, habe in Familien gelebt und auf deren Höfen mitgearbeitet. Heute – 30 Jahre später – erinnere ich mich sehr gern an diese Zeit und die Leute dort.

Durch Briefe (total altmodisch) bin ich noch immer unregelmäßig in Kontakt und erhalte weiter einen Einblick in das Leben in `Down Under´. Gerade lese ich außerdem ein Buch mit demselben Titel – ein Reisebericht von Bill Bryson. Er beschreibt Australien so freundlich, humorvoll und authentisch, dass ich sehnsüchtig werde, noch einmal hinzufliegen. Aber ich tue es nicht – bisher. Denn ich würde gern einige Wochen bleiben, in Familien leben und auf ihren Höfen mitarbeiten. Derartig unterwegs ist man aber eher mit Anfang 20 als mit Anfang 50. Heute spricht zu viel dagegen: Es ist teuer, kompliziert (nicht nur durch Corona), und ich habe zu wenig freie Zeit – und nicht die Freiheit, mein Leben hier hinter mir zu lassen.

Manches sollte man einfach machen und nicht auf später verschieben – wie gut, dass ich damals den Mut hatte.

Ins Wort schreiben

Gespräche laufen besser, wenn man sich gegenseitig ausreden lässt: erst reden, dann zuhören, dann antworten. Leider wird heutzutage in Talkshows genau das Gegenteil praktiziert. Obwohl das wahrscheinlich alle Teilnehmer nervt und noch dazu die Zuschauer am heimischen Bildschirm, scheint es selten anders zu gehen – was vielleicht mit Einschaltquoten zu tun hat.

In der schriftlichen Konversation ist das Nacheinander einfacher zu praktizieren: Wenn ich einen Brief erhalte, ist der andere `fertig´; ich kann zwar zügig antworten, ihm aber nicht `ins Wort schreiben´. Selbst schnell übertragene Mails laufen nach dem Schema: erst schreiben, dann lesen, dann antworten.

Unterhaltungen per SMS, WhatsApp, Threema etc. sind eine Mischung: persönlichen Gesprächen im Tempo sehr ähnlich, aber schriftlich geführt. Sie eignen sich hervorragend für den schnellen Austausch zwischendurch – und leider auch wunderbar zum Unterbrechen: Da diese Kurznachrichtendienste vor allem für spontane Mitteilungen genutzt werden, versendet man leichter auch Gedanken, die vielleicht nicht gut überlegt und vor allem nicht fertig gedacht sind. Mir geht es jedenfalls so. Dann `lege ich nach´ und schreibe den nächsten Gedanken direkt hinterher – und versende ihn ebenso. Gleichzeitig trudelt aber manchmal schon die erste Antwort meines Gegenübers ein. Daraus entwickelt sich bisweilen ein lustiges Hin-und-Her-Geschnattere am Handy: schreiben (1), schreiben (2), lesen (1), antworten (auf 1), lesen (2), schreiben (3 auf Antwort 1), antworten (auf 2), lesen (3), antworten (auf 3) …

Sich digital `ins Wort zu schreiben´, überfordert nach kürzester Zeit auch den versiertesten Kommunikator. Ich verliere dabei schnell den Überblick und breche ab – oder rufe den anderen an. Sich im persönlichen Gespräch ins Wort zu fallen, ist ebenso unübersichtlich und außerdem ziemlich unhöflich – übrigens auch in Talkshows.

All the difference

“But now, God´s message, the God who made you in the first place, Jacob, the One who got you started, Israel: `Don´t be afraid, I´ve redeemed you. I´ve called your name. You´re mine.
When you´re in over your head, I´ll be there with you. When you´re in rough waters, you will not go down. When you´re between a rock and a hard place, it won´t be a dead end – because I am God, your personal God, the Holy of Israel, your Savior.”
Isaiah 43, 1-3

For me as a Christian, life is not necessarily better than for anybody else: it is not always easy, I experience conflicts or problems, just like everyone else does. But as a Christian I am better off, because in everything Christ is with me. My basic need to be loved and accepted is met in Jesus Christ, no matter the circumstances. I am not alone – and that makes all the difference.

Ohne Ziel zum Ziel

Männer sind zielgerichteter als Frauen. Mir zumindest fällt es schwer, vorher zu wissen, wo ich hin will – und trotzdem komme ich meist genau da an, wo ich hinwollte. Das gilt für meine groben Lebenswege ebenso wie für meinen Alltag: Ich habe ein Zimmer in unserem Haus, in dem mein Schreibtisch steht. Es ist ein Durchgangsraum. Dort steht auch der Kinder-Computer und ein Drucker; allerdings benutzt diesen nur noch das jüngste Kind regelmäßig.

Seit Jahren ist dieses Zimmer auch eine Sammelstelle: Hier lagern Fotoalben, Zeichnungen und hingekritzelte Notizen der Kinder, die ich nicht wegwerfen kann. (Was beschreibt schließlich besser, wie wütend Kinder manchmal auf ihre Eltern sind, als ein abgerissener Zettel mit den Worten: „Und morgen wird nicht alles wieder in Ordnung sein!“)

Seit Jahren herrscht in diesem Zimmer daher auch ein gewisses Chaos: Schließlich ist es nicht nur Arbeits-, sondern auch Lebensraum. Schon eine Weile wollte ich hier mehr Platz für mich haben – wusste aber nicht genau, wie. Ich brauchte Hilfe und fragte meinen Mann. Er arbeitet gern zielorientiert, ließ sich aber trotzdem auf mein diesbezüglich unklares Projekt ein. Wir räumten ab, zogen sämtliche Stecker, bewegten Möbel … Währenddessen blieb ich unsicher, wo wir enden würden; aber gleichzeitig entstand eine wunderbare neue Anordnung. Mit dem Endergebnis bin ich hoch zufrieden: Ich habe jetzt das, was ich haben wollte, auch wenn ich es vorher nicht wusste.

Neue Sicht

Der Sommer ist vorbei; es ist kalt, nass und wolkig-dunkel. Bis gestern dachte ich deshalb mit Grauen an die kommenden sechs Monate, bis es zumindest ansatzweise wieder T-Shirt-warm sein wird.

Seit heute sehe ich: Die Blätter sind zu einem beträchtlichen Teil schon gelb oder orange, einige fallen runter. Der Wind weht ungestüm, es regnet den ganzen Tag mehr oder weniger stark, die Sonne (ohnehin nicht sichtbar, weil hinter Wolken verborgen) wird sich um 18 Uhr weitgehend verabschiedet haben. Plötzlich bin ich mitten drin – im Herbst.

Mit dieser neuen Sicht kommt tatsächlich Freude auf: Drinnen ist´s gemütlich, der Garten kommt zur Ruhe; ich habe noch mehr Zeit für Bücher und Briefe. Und wenn ich doch nach draußen gehe, ist das Nach-Hause-Kommen umso schöner!