Wir „kommunizieren“ unterschiedlich, selbst wenn wir dieselbe Sprache sprechen. Eine Bekannte von mir lernt zum Beispiel gern neue Leute kennen und merkt sich ihre Geschichten. Ich habe kein so gutes Gedächtnis und bin ehrlich gesagt nur begrenzt interessiert an neuen Kontakten. Lieber rede ich mit Menschen, die ich schon kenne, und vertiefe bestehende Beziehungen. Außerdem schreibe ich manchmal noch lieber einen Brief. Dadurch habe ich eher Zugang zu einem bestimmten Typ Mensch und meine Bekannte zu einem anderen Typ. Eins ist nicht besser als das andere, sondern jeder redet eben, wie ihm „der Schnabel gewachsen“ ist.
Will ich das wissen?
Gespräche sind dann am interessantesten, wenn sie persönlich werden. Das schafft Nähe und Vertrauen und erweitert unseren Horizont. Auch wenn Prominente zum Beispiel in Talkshows oder Interviews etwas Privates preisgeben, machen sie sich nahbar. Selbst weltbekannte Berühmtheiten sind eben Menschen und müssen Kinder erziehen, an ihrer Ehe arbeiten und haben manchmal keine Lust auf ihre Jobs. Wir schätzen diese Augenhöhe. Außerdem ist es interessant, wie „berühmter Mensch“ und „normaler Alltag“ gemeinsam funktionieren oder eben nicht.
Allerdings geht solcherart Vertraulichkeit meiner Meinung nach manchmal zu weit: und zwar in Bezug auf intime Details. Es scheint als modern und mit der Zeit gehend zu gelten, explizit und ungefragt über sexuelle Vorlieben und Erfahrungen zu sprechen und dabei keinerlei Scham zu empfinden. Jedoch entsteht hierdurch weder Nähe noch erweitern derartige Erfahrungen meinen Horizont. Geht es nur mir so, dass ich bestimmte Enthüllungen gar nicht hören will? Wie peinlich, denke ich, wenn jemand öffentlich derart nach Aufmerksamkeit schreit.
Mach´ mal!
„Wir müssen mal wieder den Keller aufräumen“, nuschelte ich früher unklar vor mich hin, bevor Friedemann Schulz von Thun in unseren ehelichen Dialog trat. Heutzutage greife ich in solchen Fragen gern zu einem eindeutigen: „Mein Schatz, könntest du bitte …?“ Mein Mann dankt es mir und antwortet bisweilen mit einem ebenso klaren „Gern, aber nicht heute.“
Derart kommunikations-sensibilisiert reagiere ich skeptisch darauf, wenn ein „Wir“ eher übergriffig als gemeinschaftsfördernd klingt. Denn: Für wen kann ich sprechen? Selten für große Gruppen. Politiker machen das immerzu – Redner auf Demonstrationen ebenfalls. Oft liegen sie falsch.
Ansichtssache?
Es gebe einen schönen neuen Text für das Volkslied Kein schöner Land in dieser Zeit, erzählt ein Musiker. „Da sind sicherlich die Gottesbezüge verschwunden“, vermute ich, weil ich ihn ein bisschen kenne. Er nickt begeistert und strahlt. „Gott mag es schenken, Gott mag es lenken, er hat die Gnad“, heißt es in dem Lied und in einer anderen Strophe: „… der Herr im hohen Himmel wacht. In seiner Güten uns zu behüten hat er bedacht.“
Als Kinder des christlichen Abendlandes dichten wir Lieder um, die einen christlichen Bezug haben. Wir ereifern uns über einen christlichen Profi-Fußballer, der am Ende einer Partie mit Mitspielern betet – und sind offen skeptisch gegenüber allem, was er von sich gibt. Wir belächeln insgeheim diejenigen, die „So wahr mir Gott helfe“ ernst meinen. Gleichzeitig geben wir uns weltoffen und extrem tolerant. Unsere Türen stehen allen anderen Kulturen dieser Welt weit offen, während wir unsere eigene mit Füßen treten: Ich frage mich, wie lange das gut gehen kann, bis wir uns selbst verlieren.
Zugehörig
„Du gehörst zu uns“, schreibt meine Schwester, „ganz dolle und immer.“ Ein Satz, der direkt ins Herz schießt und mir soooo guttut. Auch wenn unsere Lebensentwürfe verschieden und wir in einigem uneins sind: Wir gehören trotzdem zu einander. Schön, wenn wir kommunizieren, was der andere uns bedeutet!
Eine Frage des Respekts
In der Mediathek läuft eine Doku über Polizeiarbeit in einer deutschen Großstadt. Es geht nicht um Mord und Totschlag, sondern um andere Delikte. Zum Beispiel befreien Beamte einen Schwan von einer Angelsehne. Ein anderes Team überprüft einen Busfahrer, der mindestens einen Unfall verursacht hat und angeblich alkoholisiert ist. Wie sich herausstellt, spricht der Busfahrer kaum Deutsch und ist tatsächlich mit 1,7 Promille unterwegs. Entsprechend nehmen die Beamten ihn mit auf die Wache. Sie reden ruhig mit ihm, freundlich und respektvoll. Die einzige Frau im Team ist ebenso ruhig und freundlich, duzt den Mann aber. Ich frage mich, warum: weil er ein Alkoholproblem hat oder weil er unsere Sprache nicht spricht? Wie ruhig und freundlich wäre sie wohl, wenn er sie ebenfalls duzen würde …
Einfach so ist nicht so einfach
Ich bringe das Auto in die Werkstatt und komme auf dem Rückweg bei einer Freundin vorbei. Spontan klingele ich. Sie öffnet erst spät und dann zögerlich. „Ich muss gleich weg und habe keine Zeit“, sagt sie – was völlig verständlich und unproblematisch ist. Schließlich bin ich nicht angekündigt und muss damit rechnen, dass es nicht passt. Nur ihr sehr neutrales Gesicht irritiert mich: Sie scheint sich kein Bisschen zu freuen, mich zu sehen, geschweige denn zu bedauern, dass sie keine Zeit hat. Schade.
Unsere Begegnung an der Haustür wirft sofort die Frage auf, ob sie irgendein Problem mit mir hat. Habe ich mich zu lange nicht gemeldet oder: Ist es ihr nicht recht, wenn ich einfach so vor der Tür stehe? Ich weiß es nicht und muss mich zwingen, darüber nicht länger nachzugrübeln. Ich bin unangekündigt – sie hat keine Zeit. Das ist schade, aber nicht zu ändern und hat nichts mit unserer Beziehung zu tun. Fertig.
Selbst wenn ich mental einen Haken an diese Erfahrung machen kann, ist es emotional nicht ganz so einfach: Es wird mir in Zukunft schwerer fallen, einfach so bei ihr zu klingeln.
Mediterraner Blumentopf
Es fällt uns schwer, Dinge wegzuwerfen, die noch funktionieren. Stattdessen sind wir Fans von „second hand“. Unsere Plattform der ersten Wahl ist eine Art digitaler Flohmarkt, inklusive des vor allem im Orient üblichen Handelns. Fast immer findet sich dort jemand, der gegen einen kleinen Obolus das haben möchte, was wir nicht mehr brauchen. Manchmal braucht es nur eine gute Umschreibung; darin ist mein Mann besonders gut: So wird unser hässlicher Ton-Pott kurzerhand zu einem mediterranen Blumentopf – und wechselt im Nu den Besitzer!
Begegnung in der Heimat
Zeit, das ist es, was der Mensch braucht. Welch schlauer Mensch hat das wohl gesagt? Ich weiß es nicht. Wir brauchen, haben und füllen Zeit. Und manchmal bleibt dann keine zweckfreie Zeit, um „einfach mal“ etwas zu machen: mit Menschen zu reden beispielsweise, die wir zufällig beim Spaziergengehen treffen. Einer von ihnen heißt Torsten und hatte heute ebenso Zeit für einen Plausch am Wegesrand wie ich.
Aus dieser Begegnung wird sicher keine neue Freundschaft. Beim nächsten Mal gibt´s vielleicht nur ein Lächeln und ein wissendes „Guten Tag“; wir werden nicht anknüpfen können an ein relevantes Kennenlerngespräch. Und doch bin ich dankbar für diese zweckfreie halbe Stunde. Etwas davon bleibt – bei mir zumindest: Das Gespräch mit Torsten verstärkt ganz unerklärlich mein Gefühl für Heimat.
Passend
Da erwähne ich gegenüber meiner Schwägerin, dass ich leider nicht mehr so zum Briefeschreiben komme wie früher. Prompt schickt sie mir ein Buch mit dem vielversprechenden Titel „The correspondent“ – mit einer Briefeschreiberin im Zentrum des Geschehens. Ich freue mich über das anlasslose und unerwartete Geschenk mindestens ebenso wie darüber, dass der Buch-Titel so zu mir passt. Wie schön, dass es Schwägerinnen gibt, die zuhören!

