Es fällt uns schwer, Dinge wegzuwerfen, die noch funktionieren. Stattdessen sind wir Fans von „second hand“. Unsere Plattform der ersten Wahl ist eine Art digitaler Flohmarkt, inklusive des vor allem im Orient üblichen Handelns. Fast immer findet sich dort jemand, der gegen einen kleinen Obolus das haben möchte, was wir nicht mehr brauchen. Manchmal braucht es nur eine gute Umschreibung; darin ist mein Mann besonders gut: So wird unser hässlicher Ton-Pott kurzerhand zu einem mediterranen Blumentopf – und wechselt im Nu den Besitzer!
Begegnung in der Heimat
Zeit, das ist es, was der Mensch braucht. Welch schlauer Mensch hat das wohl gesagt? Ich weiß es nicht. Wir brauchen, haben und füllen Zeit. Und manchmal bleibt dann keine zweckfreie Zeit, um „einfach mal“ etwas zu machen: mit Menschen zu reden beispielsweise, die wir zufällig beim Spaziergengehen treffen. Einer von ihnen heißt Torsten und hatte heute ebenso Zeit für einen Plausch am Wegesrand wie ich.
Aus dieser Begegnung wird sicher keine neue Freundschaft. Beim nächsten Mal gibt´s vielleicht nur ein Lächeln und ein wissendes „Guten Tag“; wir werden nicht anknüpfen können an ein relevantes Kennenlerngespräch. Und doch bin ich dankbar für diese zweckfreie halbe Stunde. Etwas davon bleibt – bei mir zumindest: Das Gespräch mit Torsten verstärkt ganz unerklärlich mein Gefühl für Heimat.
Passend
Da erwähne ich gegenüber meiner Schwägerin, dass ich leider nicht mehr so zum Briefeschreiben komme wie früher. Prompt schickt sie mir ein Buch mit dem vielversprechenden Titel „The correspondent“ – mit einer Briefeschreiberin im Zentrum des Geschehens. Ich freue mich über das anlasslose und unerwartete Geschenk mindestens ebenso wie darüber, dass der Buch-Titel so zu mir passt. Wie schön, dass es Schwägerinnen gibt, die zuhören!
In Ordnung
„Ist es in Ordnung, wenn ich nur direkt vor der Tür Schnee wegfege?“, fragt mich mein Mann, kurz bevor er zur Arbeit fährt. Ich überlege eine Millisekunde und antworte dann mit: „Ja.“ Hinterher merke ich, dass meine Reaktion etwas voreilig war. „Es kommt darauf an, was du hören möchtest“ wäre ehrlicher gewesen – oder sogar ein „Nein“.
Beides sage ich in dem Moment aber nicht. Wieso? Mein Mann ist auf dem Sprung und eine zügige Antwort vonnöten. Eine solche kommt bei mir aus dem Bauch heraus – und da „liegen“ die Bedürfnisse anderer eben sehr oft über meinen eigenen. Außerdem meine ich, seiner Formulierung zu entnehmen, welche Reaktion er bevorzugen würde.
Letztendlich ist es natürlich „in Ordnung“, dass ich selbst den restlichen Schnee wegschippe. Ich kann später zur Arbeit und finde gekehrte Wege auch wichtig und angenehm. Nur als mein ebenfalls Schnee schaufelnder Nachbar mich fragt, ob ich keine Kerle zu Hause hätte, muss ich lächeln.
Respekt
In einem Klamotten-Laden duzt die Verkäuferin an der Kasse die Kunden, die bezahlen wollen. Die Dame vor mir ist in meinem Alter und akzeptiert stillschweigend. Auch mich fragt die sehr junge Frau: „Möchtest du eine Tüte?“ Ich verneine und frage zurück, ob es Firmenphilosophie sei, jeden Kunden zu duzen. Sie wird rot und erklärt stammelnd, sie würde ihre Kollegen ja auch duzen. Weil es mich wirklich interessiert, frage ich noch einmal, ob das eine Vorgabe sei. Schließlich würde sie mich auf der Straße sicher nicht duzen.
Die Verkäuferin druckst herum, wechselt sofort zum Sie – und ist dabei ein ganz bisschen pampig: „Möchten SIE eine Tüte?“ Ich lehne wieder ab, nehme meinen Bon und verabschiede mich.
Bin ich kleinlich, frage ich mich auf dem Weg nach Hause, oder sogar spießig? Wenn ja: Macht mir das etwas aus? Nö. Ich mag es einfach nicht, wenn Leute mich gnadenlos niederduzen, nur weil ich bei ihnen einkaufe. Es hat weniger mit dem Alter zu tun, dafür mehr mit Respekt. Andere mögen das altmodisch finden oder überholt; für mich persönlich gehört zum Du eine gewisse persönliche Beziehung.
Namen sind Schall und Rauch …
In einem Supermarkt tragen die Mitarbeiter Namensschilder, auf denen neuerdings nur ein Vorname zu lesen ist. Ich frage den Mann an der Kasse, ob das eine neue Unternehmenskultur sei. „Nein, das wurde so entschieden, weil es Stalking-Fälle durch Kunden gab“, erklärt er mir, „ganz übel.“ Sie als Mitarbeiter hätten für Meier, Müller, Schulze plädiert, aber das habe die Geschäftsleitung nicht gewollt. Also seien es Vornamen geworden, sagt er.
Ich finde das komisch. Die Kunden bleiben anonym – und können die Verkäufer mit Vornamen anreden. Für mich passt das nicht zu ihrer Beziehung: Was interessiert die Kunden mein Vorname? Wäre ich dort angestellt, würde ich mir einen fürs Namensschild ausdenken – Kategorie Meier, Müller, Schulze. Je nach Generation kämen also Andreas, Max oder Kevin in Frage beziehungsweise Susanne, Marie oder Chantal. Der Mann, mit dem ich rede, heißt – laut Schild zumindest – Sebastian. Ob´s stimmt? Keine Ahnung. Es ist mir letztlich auch egal. Aber mein Vertrauen in Namensschilder ist angeknackst.
Worum geht`s?
In der Klasse meines Sohnes sprechen sie darüber, wie es jemandem geht, der verletzt wurde – durch Erwartungen, Vorwürfe, Anschuldigungen … Gemeinsam tragen die Schüler anhand einer gezeichneten Person zusammen, wie man verletzt werden kann. Außerdem erzählt die Lehrerin von ihren eigenen Erfahrungen. „Sprechen Sie jetzt von sich selbst oder von ihm?“, fragt ein Schüler und deutet auf das Strichmännchen. Bevor die Lehrerin antworten kann, meldet sich eine andere Mitschülerin: „Wer hat entschieden, dass die Zeichnung ein `Er´ ist?“ Die halbe Klasse stöhnt (leise, aber genervt) auf, einige schauen irritiert, alle sind raus aus dem Thema. Es ist egal, ob es sich bei der Person um einen Mann oder eine Frau handelt; in diesem Zusammenhang ist das Geschlecht vollkommen irrelevant. Aber die Frage danach durchbricht den ursprünglichen Gedankengang – und drängt das, worum es geht, höchst erfolgreich in den Hintergrund.
Friedemann, Friede-Mann, Friede! Mann!
Eine der Geheimwaffen in unserer Ehe heißt Friedemann. Er ist der Joker, wenn einer von uns sich – absichtlich oder unabsichtlich – missverständlich ausdrückt. Sage ich zum Beispiel, dass WIR noch den Gartenschlauch einrollen sollten, muss mein Mann nur „Friedemann?“ flüstern – schon werde ich konkret: „Ist die Spreng-Saison für dich erledigt? Ich möchte am Wochenende den Gartenschlauch einrollen“ wäre eine Alternative oder, noch besser: „Bitte rolle den Gartenschlauch ein und bringe ihn in den Keller; wir brauchen ihn dieses Jahr nicht mehr.“
Durch Friedemann kommunizieren wir ehrlicher, konkreter, oft humorvoller – und irgendwie friedlicher. Es ist faszinierend, dass das Ehepaar Schulz von Thun seinen Sohn ausgerechnet Friedemann genannt hat. Und sehr passend!
Kindermund tut Wahrheit kund …
„Etwas ist erst verschwunden, wenn deine Mutter es auch nicht mehr finden kann.“
Wie schade!
Seit etwa 500 Jahren werden Nachrichten der Allgemeinheit versendet, anfangs natürlich mit Hilfe von Postkutschen oder ähnlichem. Das dauerte. Bis zu unseren heutigen Transportstandards war es ein weiter Weg: Meine Briefe in der ehemaligen DDR brauchten eine Woche. Als die Mauer fiel und Briefe plötzlich innerhalb eines Tages beim Adressaten ankamen, war ich sehr beeindruckt. Denn ich liebe Briefe – als Absender und als Empfänger.
Und jetzt setzen die Dänen vollkommen auf digitale Nachrichten. Bei unseren nördlichen Nachbarn gibt es ab sofort keine Briefzustellung mehr; auch die Briefkästen sollen demnächst abgebaut werden. Wer einen Brief versenden will, muss dies mit privaten Anbietern tun – oder selbst abliefern.
Der Mann in unserem Schreibwarenladen mit Post-Bereich findet das ebenso bedauerlich wie ich. „Der handgeschriebene Brief stirbt aus“, sagt er, „dabei freut sich jeder mehr darüber als über eine digitale Nachricht.“ Wir sind uns einig: Solange wir können, werden wir Briefe schreiben.

