Namen sind Schall und Rauch …

In einem Supermarkt tragen die Mitarbeiter Namensschilder, auf denen neuerdings nur ein Vorname zu lesen ist. Ich frage den Mann an der Kasse, ob das eine neue Unternehmenskultur sei. „Nein, das wurde so entschieden, weil es Stalking-Fälle durch Kunden gab“, erklärt er mir, „ganz übel.“ Sie als Mitarbeiter hätten für Meier, Müller, Schulze plädiert, aber das habe die Geschäftsleitung nicht gewollt. Also seien es Vornamen geworden, sagt er.

Ich finde das komisch. Die Kunden bleiben anonym – und können die Verkäufer mit Vornamen anreden. Für mich passt das nicht zu ihrer Beziehung: Was interessiert die Kunden mein Vorname? Wäre ich dort angestellt, würde ich mir einen fürs Namensschild ausdenken – Kategorie Meier, Müller, Schulze. Je nach Generation kämen also Andreas, Max oder Kevin in Frage beziehungsweise Susanne, Marie oder Chantal. Der Mann, mit dem ich rede, heißt – laut Schild zumindest – Sebastian. Ob´s stimmt? Keine Ahnung. Es ist mir letztlich auch egal. Aber mein Vertrauen in Namensschilder ist angeknackst.

Worum geht`s? 

In der Klasse meines Sohnes sprechen sie darüber, wie es jemandem geht, der verletzt wurde – durch Erwartungen, Vorwürfe, Anschuldigungen … Gemeinsam tragen die Schüler anhand einer gezeichneten Person zusammen, wie man verletzt werden kann. Außerdem erzählt die Lehrerin von ihren eigenen Erfahrungen. „Sprechen Sie jetzt von sich selbst oder von ihm?“, fragt ein Schüler und deutet auf das Strichmännchen. Bevor die Lehrerin antworten kann, meldet sich eine andere Mitschülerin: „Wer hat entschieden, dass die Zeichnung ein `Er´ ist?“ Die halbe Klasse stöhnt (leise, aber genervt) auf, einige schauen irritiert, alle sind raus aus dem Thema. Es ist egal, ob es sich bei der Person um einen Mann oder eine Frau handelt; in diesem Zusammenhang ist das Geschlecht vollkommen irrelevant. Aber die Frage danach durchbricht den ursprünglichen Gedankengang – und drängt das, worum es geht, höchst erfolgreich in den Hintergrund.

Friedemann, Friede-Mann, Friede! Mann!

Eine der Geheimwaffen in unserer Ehe heißt Friedemann. Er ist der Joker, wenn einer von uns sich – absichtlich oder unabsichtlich – missverständlich ausdrückt. Sage ich zum Beispiel, dass WIR noch den Gartenschlauch einrollen sollten, muss mein Mann nur „Friedemann?“ flüstern – schon werde ich konkret: „Ist die Spreng-Saison für dich erledigt? Ich möchte am Wochenende den Gartenschlauch einrollen“ wäre eine Alternative oder, noch besser: „Bitte rolle den Gartenschlauch ein und bringe ihn in den Keller; wir brauchen ihn dieses Jahr nicht mehr.“

Durch Friedemann kommunizieren wir ehrlicher, konkreter, oft humorvoller – und irgendwie friedlicher. Es ist faszinierend, dass das Ehepaar Schulz von Thun seinen Sohn ausgerechnet Friedemann genannt hat. Und sehr passend!

Wie schade!

Seit etwa 500 Jahren werden Nachrichten der Allgemeinheit versendet, anfangs natürlich mit Hilfe von Postkutschen oder ähnlichem. Das dauerte. Bis zu unseren heutigen Transportstandards war es ein weiter Weg: Meine Briefe in der ehemaligen DDR brauchten eine Woche. Als die Mauer fiel und Briefe plötzlich innerhalb eines Tages beim Adressaten ankamen, war ich sehr beeindruckt. Denn ich liebe Briefe – als Absender und als Empfänger.

Und jetzt setzen die Dänen vollkommen auf digitale Nachrichten. Bei unseren nördlichen Nachbarn gibt es ab sofort keine Briefzustellung mehr; auch die Briefkästen sollen demnächst abgebaut werden. Wer einen Brief versenden will, muss dies mit privaten Anbietern tun – oder selbst abliefern.

Der Mann in unserem Schreibwarenladen mit Post-Bereich findet das ebenso bedauerlich wie ich. „Der handgeschriebene Brief stirbt aus“, sagt er, „dabei freut sich jeder mehr darüber als über eine digitale Nachricht.“ Wir sind uns einig: Solange wir können, werden wir Briefe schreiben.

Lob-Kritik-Ratio

In der Regel werde ich mehr gelobt als getadelt. Wenn jemand sagt, dass ich etwas gut gemacht habe, freue ich mich, sehr sogar.  Es kommt auch vor, dass ich kritisiert werde. Theoretisch ist das kein Problem; konstruktive Kritik ist super und lehrreich. Praktisch nagt sie an mir. Und ich merke, dass mich Kritik mehr runterzieht, als Lob mich aufrichtet: wie ein Sack voll Zweifel gegenüber einem klitzekleinen Bisschen Zufriedenheit und Stolz.

Ein Haifisch kann einen einzigen Blutstropfen riechen, und zwar in einem Olympia-Schwimmbecken. Er hat eine sehr gute Nase. Wir sind ebenso sensibel, wenn es um Kritik geht, und vertragen nicht viel.

„Vergeben sollt ihr siebenmal siebzigmal“, sagt Jesus – was so viel heißt wie „immer wieder“. Das passt auch für Lob. Und Kritik nur, wenn´s dem anderen hilft, sich zu verändern.

Raus mit dir

Wir haben Besuch im Hospiz: Vikare, die sich innerhalb des Themas Seelsorge über Hospizarbeit informieren wollen. Die vier jungen Männer kommen teilweise von weither; schon bei der Vorstellung erahne ich ihre sicherlich interessanten Biografien. Sofort frage ich sie: Wieso, weshalb, warum – und wieso hier? Meine Kollegin wird unruhig und bittet mich, ein Foto zu machen. Gleich darauf verabschiedet sie mich freundlich, aber nachdrücklich: „Du fragst immer so viel, aber jetzt übernehme ich.“

Erst war ich ein bisschen enttäuscht und geschockt. Schließlich bin ich rausgeflogen. Aber es gibt unangenehmere Gründe. „Du fragst immer so viel“ verstehe ich als Kompliment!

Lass was von dir hören!

„… wie schön, mal wieder deine Stimme zu hören“, schreibt mir eine Freundin in einer kurzen digitalen Nachricht. Ich stutze, denn ich hatte sie nicht angerufen, sondern ihr einen Brief geschickt. Sie wählt ihre Worte mit Bedacht, das weiß ich. Insofern lese ich ihre Formulierung mit großer Freude: In dem, wie ich ihr geschrieben habe, was ich ihr geschrieben habe, konnte sie meine Stimme hören. Dafür bin ich dankbar und fühle mich motiviert, meinem liebsten Hobby weiter nachzugehen.

Die vergangenen Monate waren derart angefüllt mit allem Möglichen, dass ich nur sehr selten Stift und Papier zur Hand nahm. Das muss sich ändern. Denn persönliche Briefe sind tatsächlich bestens geeignet, „etwas von sich hören zu lassen“.

Missverständlich

Wenn ich jemanden frisiere, wasche oder schminke, kann ich sagen: „Warte, ich bin noch nicht fertig mit dir.“ Dann wird der- oder diejenige sich gern noch ein wenig gedulden.

Wenn ich jemandem den Kopf wasche oder die Visage poliere, kann ich sagen: „Warte, ich bin noch nicht fertig mit dir.“ Dann wird der- oder diejenige nicht geduldig darauf warten, dass ich fortfahre.

Es gibt nicht viele Sätze, die man so derart unterschiedlich verstehen kann!

Sinn versus Unsinn

Auf einer Internetseite lese ich folgenden Absatz: 

„… (die) das Verhältnis von Therapeut*in und Klient*in als eines definiert, in dem Therapeut*innen Begleiter und Unterstützer sind und die Klient*innen die Experten ihrer selbst. Darum sprechen Gestalttherapeut*innen auch nicht von Patient*innen, sondern von Klient*innen …“

Es steht außer Frage, dass dieser Satz sich schwierig lesen und verstehen lässt: schon allein wegen der vielen Substantive. Es wäre leicht und freundlich gewesen, die beiden Verben `begleiten´ und `unterstützen´ zu integrieren. Zudem vermisse ich als aufmerksamer Leser ein konsequentes Durchgendern. Auch Begleiter, Unterstützer und Experten existieren schließlich als männlich, weiblich oder divers. Von daher müsste es wie folgt heißen:

„… (die) das Verhältnis von Therapeut*in und Klient*in als eines definiert, in dem Therapeut*innen Begleiter*innen und Unterstützer*innen sind und die Klient*innen die Experten*innen ihrer selbst. Darum sprechen Gestalttherapeut*innen auch nicht von Patient*innen, sondern von Klient*innen …“

Allerdings sieht dieses Ungetüm noch lächerlicher aus als die erste Version. Vielleicht entschieden sich die Autoren auch deswegen dreimal für eine gender-neutrale Schreibweise. Gut so: Schließlich ist für die beabsichtige Aussage das Geschlecht der jeweiligen beteiligten Person vollkommen irrelevant. Mein Vorschlag für die Zukunft wäre eine Formulierung, die nicht nur leichter lesbar, sondern auch verständlicher ist: 

„… (ist) das Verhältnis von Therapeut und Klient als eines definiert, in dem Therapeuten begleiten und unterstützen und den Klienten dadurch helfen, ihrer eigenen Expertise zu vertrauen und diese anzuwenden. Darum sprechen Gestalttherapeuten auch nicht von Patienten, sondern von Klienten …“