Vorgaben

Eine Straße in unserer Nähe wurde zur Fahrradstraße umgewidmet und sehr üppig mit den dabei üblichen Markierungen versehen: Alle 20 Meter sieht man weiße Fahrräder auf der Straße, mindestens zwei oder drei große rote Flächen – auf 200 Meter Länge. Die Markierungen sind erhaben und holperig: JEDER Radfahrer weicht ihnen aus. Bei Nässe und Kälte werden sie außerdem gefährlich rutschig. Mein Mann fährt täglich dort entlang. Kürzlich telefonierte er aus anderem Grund mit einem Verantwortlichen der Stadt und fragte freundlich nach. Ja, er wisse, dass das nicht optimal sei, sagte dieser, der ADFC habe sich auch schon gemeldet. Aber so seien eben die Vorgaben – wie alltagstauglich diese sind stelle sich immer erst durch Probieren heraus.

Meine Freundin hat einen neuen Kuhstall gebaut und musste dafür Ausgleichsflächen anlegen und Lerchen-Fenster im Acker stehenlassen. Lerchen sind Bodenbrüter: Dort, wo der Stall jetzt steht, können logischerweise keine Lerchen mehr brüten. Zwar hätten sie das vorher auch nicht getan – der Stall liegt direkt an einer Straße. Aber das spielt bei den Vorgaben keine Rolle: Die Ausgleichsflächen befinden sich nun ebenfalls direkt an der Straße und die Lerchen-Fenster liegen unweit der Route, die sämtliche Hundebesitzer der Gegend TÄGLICH benutzen. Welche Lerche wäre so doof, hier ihr Nest zu bauen? Gar keine – genau. Die Vorgabe ist da, aber alltagstauglich ist sie nicht.

In einem Artikel über Menschen, die sich um die Erfassung von Flüchtlingen kümmern, lese ich von den Schwierigkeiten, die damit verbunden sind. Abläufe stocken, Software erweist sich als nicht anwendbar – das erzeugt Stress und Ärger bei allen Beteiligten. Die Mitarbeiter in den Behörden werden jedoch nicht gefragt, wie es aus ihrer Sicht besser laufen könnte. Stattdessen macht man sie sogar noch verantwortlich, wenn´s hakt. In dem Artikel wird eine von ihnen zitiert: „Es sind immer die Vorgaben, die den Stress erzeugen, nie die Menschen auf dem Flur.“ Das klingt für mich nicht besonders alltagstauglich.

Vorgaben sind gut, wenn sie sich in der Praxis bewähren und diese bestenfalls erleichtern. Diejenigen, die sie beschließen, haben meist eine ungesunde Distanz zu den real existierenden Umständen `an der Basis´. Es wäre also schlau, die Entscheidungsträger würden sich vorher Rat holen: vornehmlich bei denen, die alltäglich von Vorgaben betroffen sind oder/und sie umsetzen müssen – Fahrradfahrer, Bauern, Mitarbeiter …

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