Die Macht der Worte

„Warum kreischen Sie denn herum wie eine Krähe?“, fragt mich der Mann am Telefon. Mir fallen einige Antworten ein: „Erstens kreische ich nicht – ich rede etwas lauter als sonst, und das tut mir leid. Zweitens bin ich nun mal überhaupt kein Glücksspiel-Teilnehmer. Und drittens habe ich das schon mehreren Ihrer Kollegen gesagt – in diversen kurzen Telefonaten: Mir wurde wiederholt zugesichert, man würde mich aus dem System nehmen.“ Nichts davon sage ich und lege auf. Das ist unhöflich, ich weiß. Aber ich rechne nicht mehr damit, dass MEINE Meinung in dieser Frage eine Rolle spielt. Zu oft schon hatte ich mein Desinteresse (freundlich und wortreich) bekundet – und einige Wochen später einen weiteren Anruf erhalten.

Derartige Gespräche ärgern mich, meine eigene Reaktion ebenfalls. Ich habe sicher nicht gekreischt wie eine Krähe; aber ich bin wohl etwas lauter geworden. Erzählt mir ein Anrufer von einem „Glücksspiel“, denke ich sofort: „Nicht schon wieder“, und, „das kann doch nicht wahr sein.“ Denn ich habe alles probiert: geduldig zuhören und mich freundlich erklären; sachlich verkünden, dass ich kein Interesse habe – gern auch mehrmals; ohne Erklärung direkt auflegen. Es führt wahrscheinlich ebensowenig zum Erfolg, etwas lauter zu werden. Das Thema ist geeignet, mich zu frustrieren; der heutige Vergleich mit einer kreischenden Krähe macht mich zusätzlich wütend.

Ein ähnlich gelagertes Telefongespräch fällt mir ein. Es ist lange her, damals hatten wir vier kleine Kinder. Der Anrufer fragte, ob ich mit regelmäßigen finanziellen Zuwendungen ein Projekt für Kinder unterstützen würde. Ich lehnte ab – derartige Dinge bespreche ich nicht am Telefon. „Sie haben wohl nichts für Kinder übrig, was?“, schloss daraufhin mein Gesprächspartner. Auch damals legte ich auf, ohne noch etwas zu sagen. Aber ich war wütend – und das ließ sich nicht ebenso leicht beenden wie das Telefonat.

Es erschreckt mich immer wieder, welche Macht die Worte Unbekannter über mein Befinden haben.

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