(Nicht) effektiv

„Wenn ich viel um die Ohren habe, bin ich effektiver“, sagt eine alte Schulfreundin am Telefon. Momentan ist sie (nicht effektiv) in Quarantäne und hat Zeit. Drei Wochen ist sie (mit Mann und zwei Söhnen) schon zu Hause; ihr fehlt der Job. Das Nebeneinander von Beruf und Familie strengt sie zwar an. Schon lange schwingt in unseren Gesprächen mit, dass ihr Leben zu voll ist und sie zu viel zu tun hat. Dennoch ändert sie nichts daran, denn: Sie will arbeiten (gern auch viel), Geld verdienen und für ihre Rente sorgen; sie will die Karrierestufe halten, die sie erreicht hat. 

Sie könnte die Zwangspause genießen und nach drei Wochen erholt sein und entspannt. Stattdessen ist sie unruhig – und froh, dass sie bald wieder arbeiten gehen kann. Morgen fangen sie wieder an, die langen Tage im Job und zusätzlich zu Hause das große Haus mit dem noch größeren Garten. Und das jüngere Kind, das Unterstützung braucht – und sie nicht will. Dann wird meine Freundin wieder gestresst sein, aber eben auch effektiv: Das ahnt sie und freut sich darauf.

Sie ist für das zu Hause-Sein so verdorben, wie ich verdorben bin für einen geregelten Beruf – schießt es mir durch den Kopf. Ich bin auch beschäftigt, aber effektiv bin ich dabei nicht. Was heißt das schon – effektiv? Ich denke nicht in dieser Kategorie, sie kommt in meinem Leben nicht vor. Stattdessen praktiziere ich die sogenannten „soft skills“: Ich bin belastbar, kann mich in andere hineinversetzen, kommunizieren und halte Konflikte aus, bin vertrauenswürdig, kann meine Zeit gut einteilen, mich selbst beherrschen, bin neugierig, motiviert und flexibel – und all das nicht immer gleich gut. Jeder andere braucht diese Fähigkeiten auch, aber ich brauche sie nicht für einen Job: Mein Job besteht darin, sie auszuleben.

Es ist nicht effektiv, hier zu Hause die Basisstation für meine Familie zu bilden, mit einer einsamen alten Frau spazieren zu gehen, Gespräche am Gartenzaun zu führen oder ermutigende Karten zu schreiben. In Gesprächen wie mit meiner Freundin denke ich, das sei zu wenig. Nach einer Weile weiß ich wieder: Mir reicht es; für mich ist es genug, nicht effektiv zu sein.

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