Keine Arbeit – und doch zu tun

„Wozu hätte ich denn dann meine Ausbildung gemacht, wenn ich gar nicht arbeiten ginge?“, fragte mich kürzlich eine Frau. Mich regt die Frage ein wenig auf – wahrscheinlich weil ich genau das nicht tue: (meiner Ausbildung gemäß) arbeiten. Dabei kommt mir vieles von dem zugute, was ich während meiner Ausbildungen gelernt habe, weniger fachlich, aber doch irgendwie: Ich kann und muss täglich organisieren, verhandeln, alles Mögliche planen, die Finanzen im Blick behalten, mich durchbeißen, Entscheidungen treffen, Prioritäten setzen, Kompromisse schließen und mehr tun als Dienst nach Vorschrift. Würde es irgendeinen Unterschied machen, wenn ich all das in einem Beruf täte – egal ob meiner Ausbildung gemäß oder artfremd? In den Augen meines Gegenübers wäre es wahrscheinlich legitimer, wenn ich überhaupt berufstätig wäre: Quereinsteiger sind heutzutage geschätzt und modern (und gelten als flexibel).

Ich aber bin noch immer hauptsächlich (nur) zu Hause tätig. Niemand würde das als Arbeit bezeichnen – vor allem weil ich kein Geld damit verdiene. Aber dass ich deshalb nicht arbeite, glaubt nur der, dessen Haushalt sich `von allein´ macht und der nicht mit Kindern zusammenlebt. Dennoch ist Arbeit den Berufstätigen vorbehalten, die das, was ich tue, in ihrer Freizeit erledigen: einkaufen, kochen, sich um die Wäsche kümmern, den Garten pflegen, Kinder erziehen. Denn richtige Arbeit ist (in den Köpfen der Menschen) immer verknüpft damit, Geld zu verdienen. Allerdings greift das meiner Meinung nach zu kurz: Während die Putzfrau meiner Nachbarn arbeitet, putze ich nur mein eigenes Haus. Die Tätigkeit ist dieselbe, wir bezeichnen sie nur unterschiedlich – dabei verändert sie sich nicht oder wird dadurch wertvoller, weil jemand dafür bezahlt wird.

Meine Ausbildung lohnt sich nicht nur dann, wenn ich sie auch für einen Beruf nutze. Was ich heute tue, ist auf jeden Fall Folge meiner Vergangenheit – auch wenn ich die eine oder andere Weiche anders gestellt habe als ursprünglich anvisiert. Zwar muss ich nicht jeden Tag zur Arbeit, aber ich mache mich jeden Tag an die Arbeit. Und ich bin froh, dass ich etwas zu tun habe, was gebraucht wird und mir meist und noch immer so viel Spaß macht!

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