Zwischen Nutzen und Schaden

Mit vier Jahren trank meine Mutter unbeabsichtigt und unbeobachtet einen Schluck einer farblose Flüssigkeit. Danach mochte sie für einige Zeit überhaupt nichts mehr hinunterschlucken, denn es handelte sich leider um Essig Essenz: gut geeignet zum Würzen und Putzen, zum Trinken (unverdünnt) dagegen nicht. Auch deswegen war meine Mutter immer sehr vorsichtig, was (vermeintlich harmlose) Nahrungsmittel angeht. Trotzdem hatte auch sie später Essig Essenz im Haus – der Nutzen überwiegt den Schaden durch unachtsamen Gebrauch.

Außerdem stand im Garten meiner Eltern eine große Eibe. Meine Mutter ist botanisch bewandert (Apotheker-Wissen) und wusste, dass an Eiben so ziemlich alles giftig ist: Nadeln, Rinde und Samen; nur der die Samen umhüllende rote Samenmantel ist nicht giftig und schmeckt süß. Wenn man den Kern nicht zerbeißt, passiert einem nichts. Daher durften wir diese als Kinder manchmal probieren. 

Von einer Bekannten (promovierte Biologin) weiß ich, dass sogar Pferde sterben können, wenn sie übermäßig viel Eibengrün konsumieren. In unserem Garten wachsen trotzdem viele Eiben. Auch unsere Kinder wissen, dass Eiben giftig sind. Keiner von uns käme auf die Idee, deren Nadeln oder Rinde zu essen – und Pferde lassen wir nicht rein. Wir haben auch die roten Samenmantel schon mal probiert. Aber im Grunde stehen Eiben in unserem Garten aus anderen Gründen: Sie sind immergrün, lassen sich hervorragend in Form schneiden, treiben dankbar immer wieder aus und spenden schönes Grün für Adventsgestecke – der Nutzen überwiegt den Schaden durch unachtsamen Gebrauch.

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