Peinlich (2)

Es ist ein Unterschied, ob ich anderen peinlich bin oder ob mir selbst etwas peinlich ist. Beides ist nicht schön, aber auch kein Weltuntergang. Gegen das erste kann man nichts tun, gegen das zweite schon.

Peinlich

Unser Sohn hat ein Fußballspiel; die Mannschaften sind ausgeglichen stark. Jeder will gewinnen, aber die einzelnen Spieler haben Spaß und gehen fair miteinander um. Natürlich sind Emotionen `im Spiel´: Kampfgeist, Frust, Leidenschaft, Enttäuschung und Begeisterung wechseln sich ab – manchmal binnen weniger Minuten. Soweit ist alles normal und wunderbar und sorgt für intensive, aber sportliche Stimmung.

Oft zeigen vor allem Eltern spielender Fußballer ein starkes Engagement, das ist großartig. Sie ermutigen und trösten ihre eigenen Kinder. Auch das ist normal und wunderbar. Leider bleibt es nicht bei positiver Verstärkung; einige Spielereltern lassen kein gutes Haar an der gegnerischen Mannschaft und kritisieren die meisten Schiedsrichter-Entscheidungen. Zudem kennen sie sich in allem besser aus als der Rest und sind laut dabei: Wann ist der Ball im Abseits; was ist ein Foul – und was nicht; wie, was und wann sollte der Schiedsrichter pfeifen? Am Spielrand sind ebenfalls Emotionen `im Spiel´: Wut, Begeisterung, Überheblichkeit, Aggression, Schadenfreude wechseln sich ab – manchmal binnen weniger Minuten. All das mag normal sein, ist aber keineswegs wunderbar, sondern unsportlich: Es sorgt eher für schlechte Stimmung.

Auch ich schaue zu und bin emotional beteiligt. Trotzdem halte ich mich verbal zurück. Ich kenne mich nicht genug aus und empfinde viele Bemerkungen als unsportlich. Vor allem ich weiß, dass mein Sohn die meisten Einmischungen vom Spielfeldrand nicht schätzen würde – sie wären ihm peinlich …

Peinlich (1)

Ich denke immer weniger darüber nach, ob ich peinlich bin – und verdanke das meinem Alter. Unsere Kinder lernen in ihrer Jugendgruppe jetzt schon: Der beste Schutz vor Peinlichkeit ist, sich mutig zum Affen zu machen. Wer sich nicht vor allem danach richtet, was andere von ihm denken könnten, erntet eher Bewunderung als peinlich berührte Blicke.

Die entscheidende Frage ist, ob man sich in Gänze akzeptiert fühlt: Wenn ich mich angenommen weiß, so wie ich bin, verliere ich die Angst, abgelehnt oder belächelt zu werden. Der erste Schritt dahin könnte sein, dass ich mich selbst so annehme, wie ich bin.

Es ist schön, wenn man das mit dem Alter lernt; noch schöner ist es, wenn man viel früher dahinter kommt.

Voll peinlich

Vor einiger Zeit wurde ich gefragt, ob ich meinen Kinder peinlich bin. Na klar, dachte ich – welche Mutter ist ihren Kindern nicht peinlich? Ich rede in der Öffentlichkeit zu laut oder bewege mich im Takt der Musik, die in Verkaufshäusern aus den Lautsprechern schallt. Es kann auch sein, dass ich in einem Restaurant so laut über etwas Lustiges lache, dass meine Kinder mich zischend zur Ordnung rufen. Oder ich spreche Söhne oder Töchter in der Schul-Teeküche mit „Na, mein Schatz“ an – voll peinlich.

Aus Liebe zu meinen Kindern versuche ich, mich in ihrer Gegenwart anders zu verhalten. Es gelingt nicht immer. Dennoch bleiben sie in solchen Momenten voll nett und barmherzig mir gegenüber. Ich freue mich darüber, denn ich weiß: Innerlich sind sie voll genervt.

Was mir peinlich ist – und was nicht

In einem Gespräch über Peinlichkeiten erwähnten Freunde von mir Fehler, die ihnen unterlaufen, hauptsächlich mit ihrer Arbeit verbundene. Ich horchte ihn mich hinein und fand dort – bezogen auf meine Hausfrauen-Arbeit – nur ein leeres Feld: Es ist mir nicht peinlich, wenn durch meine „Fehler“ die Wäsche nicht rechtzeitig trocken wird, das Essen nicht so gut schmeckt, kein Klopapier mehr im Haus ist oder das Badezimmer nicht frisch geputzt ist. Es tut mir leid, ja, aber peinlich ist es mir nicht. Vielleicht liegt es daran, dass diese Fehler nur Menschen bemerken, die mich grundsätzlich sehr gern haben – meine Familie, und mir derartige „Fehler“ selten unterlaufen.

Es gibt bei mir noch eine andere Reaktion auf meine eigenen Unzulänglichkeiten: Wenn mir das Auto absäuft, ärgere ich mich – über das Auto. Wenn ich vergesse, die Mülltonne unseres Nachbarn rauszustellen, obwohl er mich darum gebeten hat, ist mir das unangenehm, ja. Und dann suche ich eine Lösung, biete meine eigene Mülltonne als Alternative an oder so.

Peinlich ist negativ besetzt. Meinen Kindern ist es peinlich, wenn ich auf der Straße laut lache. Ich frage mich: „Warum? Ist lachen schlimm? Ist es, wie ich lache? Ist es mein Alter? Lacht man mit knapp 50 nicht mehr (laut auf der Straße)?“ In der Brigitte gab es mal Sprüche wie „Mit 40 hat man (auf halbe Sachen) keine Lust mehr“. Ich würde hinzufügen: „Über 40 ist einem nicht mehr soviel peinlich“.

Ein paar Dinge gibt es aber doch: Meine charakterlichen Fehler sind mir peinlich. Ungeduldiges Aufbrausen gehört dazu, ungerechtfertigtes Beschuldigen meiner Kinder, das voreilige Be- oder gar Verurteilen von Menschen auch. Wenn mich die Not eines anderen nicht interessiert, wenn ich nur mit halbem Ohr zuhöre, wenn ich nur auf den Moment warte, in dem ich MEINE Meinung zu dem Thema loswerden kann – solche Dinge sind mir peinlich. Merkt ja kaum einer, könnte ich sagen. Stimmt. Ich merk`s. Und Gott auch.

Ach ja, Rechtschreibfehler, die sind mir auch peinlich. Sehr sogar.

Lachen

Es gibt unterschiedliche Versionen von Lachen. Schon durch die verbale Unterscheidung in Lächeln, Lachen, Gelächter, Kichern, Erheiterung, Glucksen etc. wird deutlich, dass Lachen nicht gleich Lachen ist – und auch nicht dasselbe mit uns macht.

Es gibt eine Sorte, die mag ich besonders: Das ist ein Lachen, gegen das man sich nicht wehren kann, das den ganzen Körper erfasst und einen hilflos zurück lässt. Ich habe das selten, meist auch nicht besonders vorhersehbar, aber jedes Mal genieße ich es – und fühle mich darin total jung, wie ein Kind. Vielleicht ist es deshalb so schön, weil es beinhaltet, dass man nicht zuständig, nicht vernünftig, nicht kontrolliert, sondern reichlich enthemmt und unbeherrscht ist.

Meine eigenen Kinder betrachten mich, wenn es soweit ist, immer mit einer gewissen Skepsis – wie Mama im Rausch oder so. Passt irgendwie nicht zu einem Erwachsenen und würde auch nicht zu einem 16-Jährigen passen: Der hätte sich besser im Griff, das würde ihm nicht passieren, so weit würde er es nicht kommen lassen. Vielleicht ist dieses ganz bestimmte, infantile, ungebremste Lachen in einem Menschen das beste Zeichen, dass er Kindheit und Jugend und auch frühes Erwachsenenalter erfolgreich abgeschlossen hat. Ab Mitte 40 (oder wann auch immer) ist einem nicht mehr so viel peinlich.