Laufen – nur fast wie immer

Eine meiner Töchter läuft zu Hause regelmäßig; sie will das auch im Urlaub machen. Wir suchen uns eine Strecke raus und starten – aufgrund der hohen Temperaturen – erst am frühen Abend. Nach einem Kilometer ist das Ende der ersten Steigung noch nicht zu sehen. Meine Tochter ist niedersächsisches Flachland gewohnt; das ostwestfälische Hügelland fordert sie heraus: erheblich. „So eine besch… Laufrunde hatte ich noch nie“, ist eine der weniger drastischen Aussagen, die sie trifft. Wir unterbrechen den Lauf einige Male und gehen kurze, zu steile Abschnitte. Das dadurch mögliche Atemholen nutzt meine Tochter zum Schimpfen: „Wer geht denn hier freiwillig laufen, das mach´ ich nie wieder.“

Schon zwei Tage später ist der Ärger grundlegend verflogen. Dieselbe `besch… Runde´ weckt weniger Frust über als Lust auf die Herausforderung. Meine Tochter lässt sich vom hügeligen Gelände diesmal seltener zum Gehen zwingen. Dieser Ehrgeiz ist erstaunlich, hat aber deutliche Grenzen: Für `regelmäßig´ reicht meiner Tochter das niedersächsische Flachland … 

Laufen und Wind

Wenn es nicht junge Hunde regnet oder eisglatt ist, die Luft vor Hitze steht oder wir krank sind, gehen wir dienstags laufen – und donnerstags und einmal am Wochenende. Wir sind nicht dogmatisch, aber für regelmäßigen Sport ist eine gewisse zeitliche Struktur hilfreich. Vorgestern war Dienstag; es regnete nicht, nur die Ausläufer vom Sturmtief Sabine wehten noch über den Landkreis. Als wir uns also – vom böigen Gegenwind fast zum Stillstand ausgebremst – über unsere gewohnte Laufstrecke kämpften, gaben wir sicherlich ein komisches Bild ab. Mein Mann sprach`s aus: „Bei diesem Wetter jagen andere nicht einmal ihren Hund vor die Tür.“

Ich musste schmunzeln, konnte aber nicht antworten – dazu reichte meine Atemluft nicht. In Gedanken stimmte ich ihm zu: Wer uns sieht, denkt auch, wir hätten nicht alle Latten am Zaun, nicht alle Tassen im Schrank – oder nicht alle Flügel am Windrad. Mir fiel Frederick Buechners leicht spöttischer Kommentar zu Läufern ein: „Wenn du nicht von ihnen selbst wüsstest, dass sie beim Laufen Glücksgefühle verspüren – in ihren vom Schmerz verzerrten, leicht gequälten Gesichtern würdest du es nicht sehen.“ (Frederick Buechner, Whistling in the Dark, frei übersetzt) Es mag anders aussehen, aber wir laufen freiwillig und wirklich gern.

Allzweckwaffe

Ich bin schlechter Laune und unausgeglichen – ich gehe laufen.

Ich möchte meine Ruhe haben, eine halbe Stunde allein sein und nicht abgelenkt von häuslichen Pflichten – ich gehe laufen.

Ich hatte eine Erkältung und habe mich länger nicht wirklich bewegt – ich gehe laufen.

Ich will mich an der frischen Luft auspowern und habe keinen Bock auf Gartenarbeit – ich gehe laufen.

Ich will meiner Freundin mehr als was Nettes zu ihrem besonderen Geburtstag aufschreiben und brauche Ideen – ich gehe laufen.

Ich bin (vielleicht unberechtigt) wütend und weiß nicht wohin mit meiner Wut – ich gehe laufen.

Laufen ist eine Allzweckwaffe, geht (fast) immer, dauert nicht lange, ist total effektiv. Ich praktiziere das schon einige Jahrzehnte, mal sehen wie lange mein Körper noch mitläuft. Ab und an finde ich schon Gefallen an der Alternative – spazieren gehen.