Ratlos

Eine ältere Dame in meiner Nachbarschaft hat Geburtstag. Ich schreibe eine Karte und besuche sie; sie ist allein und freut sich, dass ich komme. Auf meine Frage, wie es ihr geht, antwortet sie: „Immer schlechter.“ Vor drei Wochen war sie gestürzt, dabei hatte sie sich den Arm gebrochen. Jetzt benutzt sie ihren Rollator zur Sicherheit auch im Haus. Es sei mühselig, das Leben, erzählt sie mir, und einsam, nur ihr Hund lenke sie ab und tue ihr gut. Ich frage, ob sie schon wieder schreiben kann oder malen – eines ihrer Hobbys, in der Wohnung hängen viele ihrer Bilder. Sie verneint alles: Der Stift sei ihr schon vorher aus der Hand gerutscht; und zum Malen habe sie auch keine Lust mehr.

Es ist eine bedrückende Atmosphäre in ihrer Wohnung: Meine Bekannte wirkt beschwert, antriebslos und allein; andererseits bezeichnet sie sich als menschenscheu. „Regelmäßige Gesellschaft wäre mir schnell zu viel“, sagt sie. Unser Gespräch mit ihr läuft nicht `von selbst´ – ich empfinde es als mühselig. Nach einer Weile verabschiede ich mich, fast mit einem schlechten Gewissen: Ich bin ratlos, was ihr gut tun und unseren Gesprächen eine frische Note geben würde. Daher komme ich mir unbeholfen und unzulänglich vor und besuche sie selten – keine gute Lösung. 

Die Frau ist resigniert und erwartet nicht mehr viel vom Leben: Ihre Schwermut überlagert alles andere wie abgestandene, schlechte Luft. Man müsste gründlich durchlüften – buchstäblich und metaphorisch gesprochen. Meine Besuche sind nur ein kleines, schwaches Lüftchen, das (fast) nichts bewirkt.

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