Nicht aus dem Glas …

Ich mache Abendbrot: Kartoffeln schälen … Zwiebeln, Knoblauch und Rauchenden anbraten … Grünkohl aus dem Glas dazu … „Im Urlaub kochen wir, aber richtig: Da gibt´s kein Gemüse aus dem Glas, sondern alles ist ganz frisch“, rauscht es durch meinen Kopf. Wer hat mir das nur erzählt, frage ich mich und weiß, dass ich in dem Moment leicht betreten schwieg. Denn ich kann nicht mithalten mit so viel zeitraubender Kreativität.

Kochen ist nicht meine Leidenschaft, sondern ein super Mittel zum Zweck der Verköstigung meiner Familie. Seit 25 Jahren sitzen – bis auf sehr seltene Ausnahmen auch im Urlaub – täglich zwei bis sieben Personen bei uns am Esstisch und haben Hunger. Fertiggerichte gibt es so gut wie nie. Aber in den seltenen Fällen, in denen Grün- oder Rotkohl serviert werden, kommen diese aus dem Glas und Linsen oft aus der Dose. `Nicht aus dem Urschleim´, nennt meine Mutter das, und ich bin dankbar, dass ich es mir – ohne schlechtes Gewissen – leichter machen kann als zum Beispiel meine Großmütter.

Geschmacklich mag `alles ganz frisch´ etwas anderes sein, das gebe ich zu. Vielleicht probiere ich es irgendwann mal aus, wenn ich ganz viel Zeit habe …

Mitbeschäftigt

Eins unserer Kinder leiht sich unser Auto, um einige Dinge aus der bisherigen Wohnung zu transportieren und bei uns zwischenzulagern: nach Hause kommen und die Autositze ausbauen, mit dem Auto wieder los, am nächsten Tag mit zwei Ladungen wieder herkommen, Autositze wieder rein. Dann will es eine Nacht hier übernachten und mit zwei Taschen und einem Rucksack per Zug aufbrechen in eine neue Stadt. Im Grunde ist ja nur das Kind beschäftigt; klingt also überschaubar für uns.

So ganz stimmt es nicht: Autositze auf der Terrasse abdecken, Umzugskram im Haus unterbringen, zwei Leute mehr als sonst da (Kind bringt einen Freund und dessen Zeug gleich mit). Die beiden sind ausgehungert, müde und erschöpft. Bevor sie am nächsten Tag fahren, sortieren ihre einzulagernden Schätze um und packen ihre Taschen: `Scotty, bitte einmal quer durch die Republik beamen´ wäre eine traumhafte Alternative. Geht leider nicht, also ab zum Bahnhof und weg sind sie – fast. Nicht mehr mit dem Umzug des Kindes beschäftigt bin ich erst, als es sich Stunden später aus der neuen Interimsheimat meldet. 

Vorübergehend, hoffentlich

Mit leichtem Gepäck ist der Sohn vor einigen Jahren ins Studium und in eine andere Stadt gezogen. Er nahm kaum etwas mit, sein Zimmer blieb fast unverändert eingerichtet. 

Drei Jahre später wechselt er für ein halbes Jahr den Wohnort. Was sich in der Zeit angesammelt hat, lagert er vorübergehend bei uns ein. Ein paar Sachen wandern in den Keller, der Rest verteilt sich – glücklicherweise nicht gleichmäßig – im Haus.

Ich bin einerseits froh, dass wir den Platz haben. Andererseits hoffe ich, dass vorübergehend nicht zu einer Dauerleihgabe wird.

Kreativ mit KI?

Im Internet `stolpere´ ich über eine Frau, die Kreativ-Workshops anbietet, unter anderem: Kreativ schreiben mit KI. Mit ihren Angeboten ist sie voll im Hier und Jetzt, sozusagen. Sie wirbt mit Begriffen wie `Female Empowerment´ und `Storytelling im Change-Prozess´.  Auch ihre Preise lassen vermuten, dass sie gut im Geschäft ist – nicht ganz meine Liga. Wahrscheinlich kann sie super schreiben und andere erfolgreich anleiten, das auch zu tun.

Dennoch bin ich nur eingeschränkt begeistert beziehungsweise verhalten bis skeptisch. Will ich etwas erschaffen und mich dabei durch Künstliche Intelligenz beflügeln lassen? Kreativität braucht Inspiration, das ist klar. Für mich ist es dennoch ein Unterschied, ob mich real existierende Dinge inspirieren wie Menschen oder Geschichten oder ein Algorithmus. Bei KI fehlt mir der dahinterliegende Geist, die menschliche Komponente der Unvollkommenheit. Meine eigene Kreativität ist begrenzt, nicht perfekt und manchmal mühsam. Das ist nicht immer angenehm, aber dafür ehrlich. Es käme mir unlauter vor, eine Abkürzung über KI zu nehmen – selbst wenn der Leser meiner Texte keinen Unterschied erkennen könnte.

Multitaskingfähig? Nur sehr beschränkt!

In einem Anflug von morgendlichem Größenwahn versuche ich, mir gleichzeitig die Zähne zu putzen und die Haare zu föhnen. Mit dem Ergebnis bin ich zwar zufrieden, aber es dauert ebenso lange, als wenn ich es nacheinander gemacht hätte. Außerdem muss ich mich sehr konzentrieren, mit der linken (Föhn-)Hand nicht ebenso kreisförmige Bewegungen zu machen wie mit der rechten, die sich um die Zähne dreht.

Mancher behauptet ja, er könne bügeln und dabei fernsehen; auch stricken und häkeln soll vor der Glotze möglich sein. Ich kann es nicht ausprobieren – wir haben keinen Fernseher. Aber ich würde sicher scheitern. Mir bereitet beim Bügeln schon das Telefonieren Probleme – unter anderem, weil das Telefon sich so schlecht mit der Schulter einklemmen lässt. Bei engagierten Antworten meinerseits bügele ich außerdem minutenlang auf der Stelle. Auch wenn ich mit Sprach- oder Textnachrichten auf dem Handy beschäftigt bin, stehe ich für mein Umfeld nicht mehr zur Verfügung. „Mach erstmal fertig, Mama“, sagen meine Kinder meist: Denn ich beende Sätze abrupt, reagiere mit sehr großen Pausen oder rede Unsinn. Überhaupt, für Handy plus Irgendetwas habe ich weder Talent noch Ehrgeiz.

Offenbar falle ich in die Kategorie Eins-nach-dem-anderen-Mensch. Gleichzeitig könnte ich nur etwas in Richtung Kaugummi kauen und reden. Da ich kein Kaugummi-Mensch bin, beschränkt sich mein Multitasking auf Dinge wie spazieren gehen und beten.

Umschreiben? Macht nichts!

Beim Umschreiben meines Führerscheins von Papier zu Karte sehe ich, dass ich diesen offenbar erst einen Monat nach meinem 18ten Geburtstag ausgehändigt bekam. Dabei hätte ich schwören können, ich wäre damals genau an meinem Geburtstag mit Freunden ins Kino gefahren. Ich weiß sogar noch, welchen Film wir geschaut haben (Dirty Dancing), in welchem Kino wir waren (Filmmuseum in Potsdam) und wer dabei war. Doch heute Morgen stand da dieses andere Datum, alle anderen Informationen offensichtlich korrekt – und ich zweifle.

Es ist eine Weile her, beruhige ich mich, in fast 37 Jahren kann man sich im Datum schon mal um einen Monat vertun. Was aber ist mit meinen anderen Wahrheiten; was, wenn alles andere auch nicht stimmt? Wenn es nicht Dirty Dancing war, nicht das Filmmuseum in Potsdam und auch nicht meine beiden liebsten Abi-Freunde, mit denen ich mich noch heute treffe? Müsste ich auch meine Erinnerung `umschreiben´? Die Fakten wären falsch, aber wen kümmert´s! Wie es sich damals anfühlte im Auto (auf irgendeiner Fahrt, irgendwann und irgendwohin), das werde ich weiterhin spüren: eine Mischung aus erwachsen, übermütig, frei und leicht. Selbst wenn deren Ursache nur eine Illusion ist, verursacht mir die Erinnerung daran auch in Zukunft ein warmes Gefühl im Bauch. 

Mein Lohn

Ich lese vier paar Bachelor-Arbeiten Korrektur. Weil die Probanden fast gleichzeitig abgeben müssen, habe ich nicht viel Zeit. Aus Erfahrung weiß ich, dass man IMMER etwas übersieht – und hoffe, dass es in diesem Fall nicht zu viel sein wird. Als Bezahlung wünsche ich mir farbige Socken, die ich nicht nur mag, sondern wirklich gut gebrauchen kann. Ebenso schnell, wie ich gelesen habe, besorgen die Herren meine Socken. Ich packe sie aus und weiß: Mein Lohn ist wunderbar und wird mich noch lange an diesen Korrekturauftrag erinnern.

Gute Gründe?

Ich würde gern mehr Klavier spielen beziehungsweise üben. Aber ich tue es nicht und habe immer gute Gründe dafür:

Ich will zum Beispiel niemanden stören – das Klavier steht im Wohnzimmer.
Es soll auch niemandem aus meiner Familie wegen meiner musikalischen Entfaltung mangeln an Essen oder sauberer Wäsche.
Bereitwillig nehme ich Rücksicht darauf, wenn sich jemand lieber mit mir unterhalten als mir beim Musizieren zuhören möchte.
Ein paar andere Kleinigkeiten blockieren oft die Zeiten, in denen ich spielen könnte. Denn wenn ich ganz ehrlich bin, mache ich einige Dinge noch lieber, als mich ans Klavier zu setzen: nämlich Briefe zu schreiben beziehungsweise spazieren oder laufen zu gehen. 

All das resultiert darin, dass mein Klavierspiel sich kaum verbessert. Wenn es mir leichter fiele, hätte ich mehr Freude und würde es lieber tun – da bin ich sicher. Dafür müsste ich mehr üben. Aber meine guten Gründe schieben sich immer wieder dazwischen.

Es ist ärgerlich, aber eindeutig: So wird das nichts mit meiner Klavier-Virtuosität.

Ge(kenn)zeichnet

Falten sind unwiderruflich: Sind sie erstmal da, wird man sie nicht wieder los. Ich denke, auch Botox und Co. können dagegen nur sehr begrenzt etwas tun – abgesehen davon, dass sich mir ohnehin nicht erschließt, wieso jemand ewig aussehen will wie von vorgestern. Wie dem auch sei: Ich habe, anders als mein Mann, auf der Stirn neben altersbedingten Quer- auch der ernsthaften Konzentration geschuldete Längs-Falten: das schon einmal erwähnte Toss (triangle of sadness).

Diese fälschlicherweise Wut-Falten genannten Kerben zwischen den Augenbrauen haben sich bei mir inzwischen verstetigt. Mein Mann versucht ab und zu, sie wegzustreichen: „Komm, entspann dich“, säuselte er kürzlich. Er sei nur neidisch, konterte ich, ich wäre eben – im Gegensatz zu ihm – in besonderer Weise vom Leben gekennzeichnet … Wir sind kurz still, dann lächelt er mich an und sagt freundlich: „Gut, dass du nicht vom Leben gezeichnet bist!“ 

Ein Wort – und noch eins

`Ein Wort gibt das andere´, sagt man und meint damit, dass sich ein Streit gern mal hochschaukelt. Wenn keiner der Beteiligten aktiv das weiße Tuch schwingt, nehmen die ausgetauschten verbalen Unfreundlichkeiten zu an Aggression und Lautstärke.

`Irgendwann gab ein Wort das andere´, schreibe ich meinem Schwiegervater und beziehe mich auf das aktuelle ZEIT-Rätsel, dessen Lösung ich ihm wie jede Woche zuschicke. Je mehr der gesuchten Begriffe ich herausfand, desto leichter erschlossen sich jene, die mir noch fehlten.

Genaugenommen passt die Redewendung nicht ganz – und trifft trotzdem wunderbar, was ich sagen will. Ich schätze, mein Schwiegervater hat genug Training im `Um-die-Ecke-Denken´ und wird mir zustimmen.