Duschbad

„Hallo Mama, ich habe dich sehr lieb, auch wenn dich das manchmal ärgert, wenn ich irgendetwas falsch mache. Entschuldigung!“, schreibt mir mein elfjähriger Sohn auf einen Zettel. Ich bin beschämt und nehme meinen Jüngsten in den Arm. Er wollte mir helfen: „Mama, ich fülle die Seife im Bad nach, die ist alle.“ Jaja, denke ich. Aufmerksam werde ich erst, als er hinterher sagt, die Nachfüll-Seife im Keller sei jetzt aufgebraucht. Ich weiß ziemlich gut über meine Bestände Bescheid und ahne, was er tatsächlich aufgebraucht hat. Ein Blick in den Müll bestätigt: Wir werden uns in der nächsten Zeit mit meinem Duschbad die Hände waschen.

Ärgerlich halte ich meinem Sohn die leere Packung vor die Nase: „Lies mal, was hier steht. Und jetzt geh in den Keller und lies, was dort auf den Beuteln steht.“ Betretenes Schweigen – er versteht: Ich ärgere mich über verbrauchtes Duschbad, anstatt mich über seine Hilfe zu freuen. Langsam kommen die Tränen – und ich verstehe: Mein sensibler Sohn wollte etwas Gutes tun, hat dafür aber keinen Dank, sondern Ärger geerntet.

Anschließend ist er traurig und entschuldigt sich für seinen „Fehler“. Auch ich bin anschließend traurig und entschuldige mich für mein Fehlverhalten. Es klingt nur, als wäre es dasselbe: Mein Sohn hat nicht alles richtig gemacht und hatte dabei mich im Blick. Ich habe nicht alles richtig gemacht und hatte dabei ebenfalls mich im Blick. 🙁 Falls mein Sohn nächstes Mal wieder freundlich helfen will, möchte ich vor allem ihn und sein Bemühen im Blick haben und weniger das Duschbad und mich.

Ärzte

Einige Ärzten befreien Menschen per Attest von der Maskenpflicht, so dass diese dann nicht maskiert herumlaufen – und vielleicht gegen die Corona-Maßnahmen protestieren. Andere Ärzten befreien Kinder per Attest von der Schulpflicht – weil deren Eltern aus Angst vor dem Corona-Virus lieber auf Heim-Unterricht umstellen.

Ich kann über beide Ärzte-Gruppen die Köpfe schütteln oder auch nur über eine von ihnen. Meine Reaktion hat nichts mit dem medizinischen Sachverstand der Ärzte zu tun: Dieser spielt für ihre Handlungsweise eine untergeordnete Rolle, außerdem kann ich ihn nicht beurteilen. Was ich von den jeweiligen Medizinern und ihrem Tun halte, hat viel mehr etwas mit MEINER Einschätzung der Lage zu tun und mit dem, was ICH für richtig, angemessen und gut halte. Den meisten Normalo-Menschen um mich herum unterstelle ich eine ähnlich geartete „vorgefertigte Meinung“, die sich aus allem möglichen speist. Uns stehen dieselben Informationen zur Verfügung; aber wir ziehen unterschiedliche Schlüsse. Die Grenze zwischen „klar richtig“ und „eindeutig falsch“ ist fließend. Unser aller Wissen und Überblick sind begrenzt. Das geht Wissenschaftlern ebenso wie Nicht-Wissenschaftlern. Würden wir das zugeben, hätte das Virus weniger Chancen, unsere Gesellschaft zu spalten – auch wenn es weiterhin solche und solche Ärzte gibt.

Vorbehalte

„Ist er nicht der Zimmermann, Marias Sohn, und der Bruder des Jakobus und Joses und Judas und Simon? Sind nicht auch seine Schwestern hier bei uns? Und sie ärgerten sich an ihm.“
Markus 6, 3

Jesus kommt in seine Heimat zurück – und merkt, dass er dort nicht viel ausrichten kann: „`Ein Prophet gilt nirgends weniger als in seinem Vaterland und bei seinen Verwandten und in seinem Hause.´ Und er konnte dort nicht eine einzige Tat tun, außer dass er wenigen Kranken die Hände auflegte und sie heilte.“ (Markus 6, 4)

Für Jesus galten dieselben Spielregeln, denen wir heute unterworfen sind: Gegen die Vorbehalte von Menschen, gegen ihr Schubladendenken und ihr festlegendes „Ich weiß, wer du bist und wie du tickst“ können wir wenig tun. Sind wir einmal „eingetütet“, bleiben wir dieselben – egal, wie sehr wir uns tatsächlich verändern. Auf den ersten Blick ist das wirklich schade – für uns: Wir werden nicht umfänglich wahrgenommen und vielleicht sogar völlig falsch verstanden. Auf den zweiten Blick ist es wirklich schade – für den anderen: Sein „Wissen“ verhindert, dass er staunt über uns oder sich reibt an uns, in jedem Fall aber inspiriert wird. Insgesamt ist es schade – für beide: Die Begegnung bleibt oberflächlich, nicht spannend; die Beziehung entwickelt sich nicht weiter.

„They tripped over what little they knew about him and fell, sprawling. And they never got any further.“ Mark 6, 3 ( The Message) „Sie stolperten über das Wenige, das sie von ihm wussten, fielen und blieben ausgestreckt liegen. Und dann kamen sie nicht weiter.“ (frei übersetzt)

(Nicht) üblich?

Es ist Neujahr, ich besuche meine Eltern und gehe mit meiner Mutter spazieren. Die wenigen, die außer uns noch unterwegs sind, reagieren überrascht auf mein „Frohes Neues Jahr!“, lächeln aber und antworten freundlich. „Das ist hier nicht üblich“, raunt mir meine Mutter nach der dritten Begegnung zu. Ehrlich gesagt ist mir das egal; ich wünsche trotzdem jedem, den ich am 1. Januar treffe, ein gutes, frohes oder auch gesegnetes Neues Jahr.

Einen Tag später bin ich wieder zu Hause und gehe eine Runde laufen. Jeder, der mir begegnet, ruft mir (wohlgemerkt am 2. Januar!) ein „Frohes Neues Jahr“ zu – ob ich denjenigen vom Sehen kenne oder nicht, spielt keine Rolle. Bei uns ist das offensichtlich eher üblich.

Aber hat „üblich“ überhaupt mit dem Ort zu tun und nicht vielmehr mit den dort lebenden Menschen? Ich schätze, wie es in den Wald hinein schallt, so schallt es auch heraus: Wird mein Gruß erwidert, werde ich damit weitermachen – und vielleicht andere anstecken. Ernte ich für mein „Frohes Neues Jahr“ hingegen öfter ein stumpfes Schweigen, gewöhne ich mir wahrscheinlich mein Grüßen wieder ab. Mein Umfeld färbt auf mich ab – und ich auf mein Umfeld. Was hier oder da üblich ist, hat auch ein wenig mit mir selbst zu tun.

Weihnachts-Lockdown

Durch Corona war unser Weihnachtsfest sehr ruhig. Natürlich ist es bei sieben Leuten per se nicht ruhig, aber in den drei freien Tagen dieses Jahr „irgendwie“ doch: Keine Besuche bei den Großeltern – wir sprengen jede erweiterte Verordnung, keine Besuche bei uns. Drei Tage nur wir. Teenager können tagelang chillen und ausgiebig schlafen; Nicht-Teenager verabreden sich am liebsten außer Haus. Ich war viel spazieren, viel allein und sehr still. Normalerweise macht mir das nicht viel aus, dieses Jahr schon, denn – wir waren die Wochen davor auch schon immerzu „nur wir“.

Meine Nachbarn meinten hinterher, man müsse sich ein Programm einfallen lassen – einfach so in die Tage hinein leben, schlage nach einer Weile jedem aufs Gemüt. Hätte ich das doch nur vorher gewusst! Für nächstes Weihnachten plane ich dementsprechend: gemeinsame Spiele, Spaziergänge, zur Not Koch-Aktionen und dergleichen. Es bleibt zu hoffen, dass mir für derartige Initiative in der Weihnachtszeit nicht die Energie fehlen wird – oder dass wir im Dezember 2021 ohne Lockdown davonkommen. Ich weiß, was mir lieber wäre.

Verlust

In der Fußgängerzone unserer Stadt ist es weihnachtlich geschmückt, aber die Straßen sind leer. Klar – der Einzelhandel hat noch zwei Wochen geschlossen, Lebensmittelläden gibt es nicht viele. Anstelle des normalen Weihnachtsmarktes steht auf einem Platz ein riesiger beleuchteter Tannenbaum und daneben ein einsamer Verkaufswagen für Lebkuchenherzen mit Text. Besucher gibt es so gut wie keine. Anstelle von Weihnachtskonzerten hören wir zu Hause Musik; sogar Gottesdienste stehen zur Disposition oder finden tatsächlich nicht statt – laut einiger Journalisten „aus Verantwortung und Nächstenliebe“.

Ich lege keinen Wert auf volle Straßen und Gedränge am Jahresende. Der Verzicht auf Glühwein, Zuckerstangen, gebrannte Mandeln und Schmalzgebäck ist für mich leicht zu verschmerzen. Die Hektik in den Straßen um Weihnachten herum regt mich eher auf – auch wenn ich selbst manchmal dazu beitrage. Und nicht alle Konzerte oder Weihnachtsfeiern sind nach meinem Geschmack. Dennoch: Manches reden wir uns schön – und tun so, als würde aus jedem gestrichenen Programm mehr Zeit für Besinnung und Familie. Aber es ist doch auch traurig, dass nichts öffentlich stattfinden kann! Die Leere in der Stadt wirkt trostlos – dabei ist sie nur ein kleiner Teil dessen, was anders ist. Der größte Verlust spielt sich hinter den Fassaden der geschlossenen Geschäfte und Kulturzentren ab; schwierig ist es vor allem für Marktbeschicker, nicht für die Besucher. Und einiges davon, was heute verschwindet, werden wir erst später betrauern.

Kommunikationswirbel

Jemand, den ich schätze, beantwortet meine Briefe, SMS oder Mails sehr sporadisch – meist mit großer Verzögerung. Jedesmal freue ich mich unbändig über seine Reaktion und schreibe dann gleich zurück – meist sehr ausführlich. Mit großer Sicherheit schaffe ich es dadurch, ihn wieder zum Verstummen zu bringen. So als wäre sein Kommunizieren wie ein glimmender Docht, der ab und an aufflackert – nur um dann von einem scheinbar(!) unkontrollierten Schwall aus Begeisterung und Information meinerseits ausgeblasen zu werden. Er braucht jedesmal Monate, um sich davon zu erholen und mir erneut ein kurzes Lebenszeichen zu senden. Dieses kommt IMMER, wenn ich schon gar nicht mehr damit rechne. Und dann freue ich mich so unbändig über seine Reaktion, dass ich gleich zurück schreibe – meist sehr ausführlich …

The praise and the truth

Answering my Christmas letter someone wrote: „You never disappoint.“ I stopped and smiled – somewhat sadly. That`s so not true, I thought. Ask the people closest to me and you will know: Sometimes I am disappointment personified.

Still: if I don`t think about it too long, if I don`t check with what I know about myself – it sounds wonderful: „You never disappoint.“ In the end it`s not true, but for a short moment I only read the praise and don`t doubt its truth.

Schwer (oder leicht?) zu beschenken

Mein Mann macht sich nichts aus Geschenken und noch weniger aus Überraschungen. Das ist schade, denn ich schenke gern. Allerdings hoffe ich dann auch auf eine begeisterte Reaktion – die man nicht bieten kann, wenn man sich aus Geschenken nichts macht. Nach anfänglicher Enttäuschung kann ich inzwischen gut damit leben, dass meine super Geschenke nicht immer Jubelrufe auslösen. Zu Weihnachten schenken wir uns einvernehmlich nichts; nur zum Geburtstag kann ich es (noch) nicht lassen, obwohl ich Ideen für meinen Mann nicht aus dem Ärmel schüttele: Er bleibt schwer zu beschenken – das weiß jeder, der ihn kennt.

Ich dagegen freue mich immer sehr über Geschenke – und halte mich für leicht zu beschenken. Bücher (gehen immer), selbst gebackene Kekse, Ringelsocken, ein Kino-Besuch, ein Dietrich Bonhoeffer-Kalender oder auch ein gemeinsamer Wanderurlaub: Ich freue mich über die verschiedensten Dinge und am meisten über das Beschenktwerden an sich. Außerdem habe ich Wünsche und scheue mich nicht, diese – auf Nachfrage – ehrlich zu äußern.

Die Kinder müssen uns nichts schenken, tun es aber gern. Meist schreiben sie uns wunderbare Briefe und binden eine „Kleinigkeit“ an. Bisher fiel ihnen das bei Mama leichter als bei Papa. Nicht so dieses Jahr, denn – mein Mann hatte einen konkreten Wunsch, ich nicht. Also hörte ich am Heiligabend den Satz: „Mama, du warst dieses Jahr echt schwer zu beschenken.“ Ich? Schwer zu beschenken? Kann nicht sein, dachte ich. (Aber ich dachte auch: Sie haben recht, ich weiß selbst nicht, was ich mir schenken sollte.) Laufsocken sind es geworden – wie wunderbar! Es gibt wohl kaum etwas, was dermaßen praktisch und gleichzeitig besonders für mich ist. Und das Beste: Da ich sie sehr regelmäßig benutzen werde, kann ich nächstes Jahr neue gebrauchen. Ab sofort bin ich noch leichter zu beschenken!

Nicht „so jemand“, aber „jemand anders“

In „meinem“ Feld-Wald-Gebiet treffe ich unsere ehemalige Postbotin. Sie ist seit zehn Jahren in Rente und wohnt anderswo. „So ein fröhliches Gesicht vergisst man nicht“, erwidere ich, als sie sich wundert, dass ich sie noch kenne. Sie freut sich über die Bemerkung: „Das ist aber lieb.“

Nach dieser kurzen Begegnung fällt mir eine Freundin meiner Tochter ein, die ebenfalls immer fröhlich ist und gute Laune ausstrahlt. Und ich merke: Ich wäre auch gern „so jemand“: Jemand, den man in Erinnerung behält, weil er so positiv über kommt, fröhlich ist und unbeschwert wirkt.

Aber – so bin ich nicht. Wenn ich in Gedanken versunken bin, ziert kein Lächeln mein Gesicht; in unbeobachteten Momenten schaue ich eher ernst und konzentriert als fröhlich und unbeschwert.

Das ist schade – aber es ist nur ein Teil der Wahrheit. Ich bin vielleicht keine ausgesprochene Frohnatur; aber ich nehme fröhliche Menschen wahr, freue mich über sie und sage ihnen, wie positiv sie auffallen. So bin ich.

„So jemand“ bin ich vielleicht nicht; dafür bin ich „jemand anders“.