Vom Leiten und Dienen

„Wer unter euch groß sein will, der sei euer Diener; und wer unter euch der Erste sein will, der sei euer Knecht.“
Matthäus 20, 26+27

Wer den Hut aufhat, muss einige besondere Eigenschaften mitbringen, das ist klar. Leiten kann nicht jeder. Normalerweise erwarten wir von Leitern eine hohe fachliche Kompetenz – nur die Besten an die Spitze. Dabei ist Know How aber nicht das Wichtigste. Ein Leiter braucht nicht derjenige zu sein, der weiß, wie man eine Aufgabe erledigt, eine Tätigkeit optimiert oder Prozesse effizient gestaltet. Das können seine Mitarbeiter im Idealfall mit Sicherheit besser – es ist IHR Tagesgeschäft. Stattdessen muss der Chef ein Händchen und Interesse für die Menschen mitbringen, für die er verantwortlich ist: Welche Schwächen und Stärken haben sie? Wie kann ich sie wertschätzen, ermutigen und motivieren? Die Antworten sind nicht nur von Mensch zu Mensch verschieden, sondern oft auch von Tag zu Tag – und das ist herausfordernd. Deshalb sind gute Leiter schwer zu finden. 

Jesus hat ganz richtig erkannt: Wer stolz ist, kann nicht leiten; ein Leiter braucht Demut. Er muss sich in den Dienst `seiner Leute´ stellen können (und wollen). Wenn ein Leiter das schafft – dann dienen ihm die Leute gern. Es klingt paradox, ist aber wahr: Wer anderen wirklich dient – nicht vorsätzlich, sondern ehrlich –, hat Autorität.

Lange nicht gesehen … 

Spontan besuche ich eine Freundin für einen gemeinsamen Kaffee. Auf dem Rückweg treffe ich eine Bekannte, die ich sehr lange nicht gesehen habe. Wir tauschen Nummern aus und verabreden uns lose. Danach springe ich noch schnell in einen Supermarkt, um etwas zu besorgen – und treffe eine weitere Bekannte, die ich sehr lange nicht gesehen habe. Wir nehmen uns direkt dort Zeit für ein kleines gegenseitiges Update.

Durch beide Begegnungen beschwingt radele ich nach Hause; dort finde ich einen Brief vor meiner Tür: Die dritte Bekannte, die ich sehr lange nicht gesehen habe, war offenbar direkt bei mir zu Hause. Einen Moment lang bin ich ein bisschen enttäuscht, dass ich sie verpasst habe. Man kann nicht alles haben, äh, alle sehen!

Sandkasten-Geschachere

Jede Mutter hat schon einmal am Sandkasten gestanden und ihren (und eventuell fremden) Kindern beim Spielen zugeschaut. Die Mit-Buddler tauschen oder kämpfen um Utensilien und bewundern oder zerstören die Werke anderer – je nach Situation einmütig oder rivalisierend. Die Stimmung wechselt blitzeschnell; es läuft nach erratischen Mustern, die sich der Logik von Erwachsenen-Hirnen komplett entziehen: Sandkasten-Geschachere. Am Ende einer Spieleinheit gehen die Streithähne müde auseinander und fangen beim nächsten Mal gerade wieder bei Null an. Nichts im Sandkasten hält länger als einen Tag; die Werke sind vergänglich, sowohl Streit als auch Harmonie binnen kürzester Zeit vergessen. Im Stundentakt werden die Sympathien und Strategien neu gemischt. Als Mutter mischt man sich am besten nicht ein: Die Kinder schaffen das schon – und wenn nicht, hat es keine weitreichenden Konsequenzen.

Ähnlich irritiert wie damals vor dem Sandkasten stehe ich heute manchmal vor dem, was von der Bundesregierung entschieden wird – diesmal bin ich verunsichert beziehungsweise erschrocken:

Deutsche Kernkraftwerke werden zum 31. Dezember vom Netz genommen, obwohl sie wahrscheinlich am 1. Januar ebenso sicher weiter dran bleiben könnten. Schon jetzt haben wir ein ernsthaftes Energie-Problem; sogar ich verstehe, dass auch Strom eine Form von Energie ist.

Warum auch immer muss man im Flugzeug keine Maske mehr tragen, im Zug aber doch? Die Entscheidung zu Masken in Schulen steht wohl noch aus oder liegt in Hand der Länder – das Ergebnis ist in beiden Fällen unvorhersehbar.

Ich weiß, dass die Abgeordneten verschiedener Parteien miteinander ringen – nicht nur im Sandkasten gehen die Meinungen zu einem Thema auseinander. Aber in der Regierung müssen andere Maßstäbe gelten, weil die Konsequenzen so viel weitreichender sind! Von Politikern erwarte ich, dass sie verhältnismäßig, verantwortungsvoll, nachvollziehbar und vor allem umsichtig agieren. Halbherzige Kompromisse und Sandkasten-Geschachere sind fehl am Platz; wir können morgen nicht wieder bei Null anfangen.

Stört mich doch!

Ich hätte nicht `Stört mich nicht!´ sagen sollen – weiß aber, dass es müßig ist, darüber nachzudenken. Passiert ist passiert: Ich hatte nichts gegen ein Loch vor unserer nicht benutzten Einfahrt. Deswegen bearbeitet ein Mann den Asphalt vor unserer Tür mit seinem Bohrhammer – schon den zweiten Tag und mittlerweile für Loch Nummer 2. Er macht dabei einen enormen Lärm. Ich nehme an, der Nachbar lässt irgendwelche Leitungen neu verlegen. Beide Löcher stören uns nicht beim Ausparken; ich kann also nichts dagegen haben. Hätte ich gewusst, wie sehr mich der Lärm beim Zuhause-Sein stört: Mein `Stört mich nicht!´ wäre mir wahrscheinlich nicht so leichtfertig über die Lippen gerutscht. Hinterher ist man immer klüger – und in diesem Fall tatsächlich auch etwas gestört.

Bescheiden oder stolz?

„Der Mensch sieht, was vor Augen ist; der Herr aber sieht das Herz an.“
1. Samuel 16, 7

In unserer Gemeinde hat fast jeder eine Aufgabe. Da sind zum Beispiel das Küchenteam, die Musiker und die Leute an der Technik. Einer hat das Geld im Blick, andere Mitarbeiter organisieren das Kinderprogramm, einige predigen. Wir alle halten regelmäßig das Gebäude in Schuss, zwei Handvoll kümmern sich betend um die innere Ordnung. Jeder trägt seinen Teil dazu bei, dass die Gemeinde lebt – äußerlich und innerlich. Dabei kommt uns die eine Aufgabe vielleicht bedeutsamer vor als die andere, aber Gott hat eine gänzlich andere Perspektive. Für ihn ist unsere Einstellung entscheidend als das, was wir tun: Ich kann mich fröhlich und bescheiden einbringen oder innerlich voller Stolz auf meinen Dienst sein. Der menschlich verständliche Gedanke `Ohne mich läuft hier nichts!´ ist nicht nur falsch, sondern auch vollkommen kontraproduktiv. Denn letztlich schadet er der Gemeinde (innerlich) mehr, als mein Tun ihr (äußerlich) nützt. Denn: „Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?“ (Matthäus 16, 26) Das gilt für den Predigtdienst, der viele inspiriert, ebenso wie für die sehr vergängliche Tätigkeit des Putzens, die niemand sieht.

Welch ein Typ?

Unsere Nachbarn hatten mir fürs Haus-Hüten zwei Pflanzen geschenkt, die ich auf den Terrassentisch stellte. Nach einer Weile pflanzte ich die beiden Exemplare in den Garten; die Übertöpfe bestückte ich neu: erst mit Lavendel und später mit Stacheldraht (heißt wirklich so). Meine Freundin staunt über meine Deko-Qualiäten. „Die Sommerferien sind zu Ende, ein weiteres Kind ist ausgezogen – ich kann jetzt doch dekorieren“, stelle ich fest. Sie widerspricht mir. Andere Leute würden das auch während der Sommerferien, mit kleinen Kindern und eventuell einem Hund schaffen. Sie hat Recht: Es hat nichts mit den Umständen zu tun, ob man dekoriert oder nicht – es ist typabhängig. Ebenso wie die Neigung, pünktlich zu erscheinen, im Voraus zu planen oder großzügige Geschenke zu machen … 

Happily ever after? Eher selten.

In der Zeitung lese ich in regelmäßigen Abständen von `Vorzeige-Ehen´, die nach Jahrzehnten enden – meist in `gegenseitigem Einvernehmen´. Mich macht das traurig; was erwarten wir von einer Ehe? Happily ever after kann es kaum sein. Die meisten, die heutzutage heiraten, wohnen vorher schon unter einem Dach und kennen die Probleme gemeinsamen Lebens: Kein Ehepaar kommt ohne `Ja, aber´ durch die ersten zehn Tage – geschweige denn Jahre. Manche der Differenzen sind sicherlich höchst undramatisch; in anderen Momenten würde man den anderen dagegen ganz gern austauschen. Aber das geht nicht einfach so, ist selten eine gute Lösung – und wahrscheinlich nie die beste. „Ertragt einer den anderen in Liebe“, heißt es in der Bibel (Epheser 4, 2b); gemeint sind hier die Gläubigen in der Gemeinde. Wie viel mehr gilt für Ehepaare: Ertragt einander!

Eine meiner Großmütter verlor ihren Ehemann im Krieg – und lebte danach 57 Jahre als Witwe. „Ich wollte nie wieder heiraten“, sagte sie oft und sprach bis ins hohe Alter nur positiv über ihren Mann. Trotzdem wusste dieselbe (schlaue) Oma: „Liebe Seele hab´ Geduld, es haben alle beide Schuld.“

Wer so ehrlich ist, die Ehe als Arbeitsfeld darzustellen, weiß auch, dass beide Partner gleichermaßen zu Schwierigkeiten beitragen: Kommunikationsmuster, die nicht zueinander passen; egoistische Motive in ihrem und seinem Herzen; ein völlig gegensätzlicher Umgang mit dem ganz normalen Stress des Alltags – oder mit dem lieben Geld … Die schlechten Tage warten manchmal schon innerhalb der nächsten halben Stunde auf ihren Einsatz. Spätestens wenn sie die guten überwiegen, wird es schwierig; aber auch für solche Phasen gilt: Ertragt einander! Gerade wenn man am liebsten davonlaufen würde und sich `einvernehmlich trennen´ mehr als verlockend klingt. Es ist wunderbar, verheiratet zu sein – und gleichzeitig anstrengend. Aber jenseits der Ehe winkt nur scheinbar die Freiheit. Es ist nämlich ebenso wunderbar und gleichzeitig anstrengend, allein und für alles selbst verantwortlich zu sein. Mit dem Alleinsein muss man sich ebenso arrangieren wie mit einem geliebten Partner – die Frage ist, was man besser erträgt.

Nötig oder möglich

Ich erhalte eine Mail, in der ein Bekannter ein privates Treffen bestätigt. Er schreibt kurz und knapp, ohne Zusatzinformationen. Wieder einmal bekomme ich es schwarz auf weiß, dass die meisten meiner Gesprächspartner (zumindest schriftlich) deutlich sparsamer kommunizieren als ich.

Wer nur das Nötigste sagt, lässt alles Mögliche weg – es ist wahrscheinlich Ansichtssache, ob dann etwas fehlt.

Viel einfacher

Ich bin da, wo ich vor zehn Jahren schon mal war: Wenn ich koche, reicht es für zwei Tage; die Wäsche läuft nebenbei; es bleibt Zeit und Raum für Dinge, die außer der Reihe stattfinden. Mit dem Auszug des zweiten Kindes sind wir nur noch fünf Personen; plötzlich, so scheint es, essen wir nur noch die Hälfte. Und auch vieles andere wirkt viel einfacher. 

Allerdings ist das keine absolute Aussage: Ich bin an sieben Leute gewöhnt und empfinde fünf als wenig – Müttern von drei Kindern geht es wohl ähnlich, wenn nur noch eins zu Hause wohnt. Wir wachsen mit unseren Aufgaben und stellen uns andersherum ebenso auf kleiner werdende Herausforderungen ein. Es ist und bleibt alles relativ.

Theoretisch: gut, praktisch: Luft nach oben

Wir diskutieren über Sinn oder Unsinn einer in der Schule verfassten Hausarbeit. Das Ziel derselben ist es, hinterher mehr über wissenschaftliches Arbeiten zu wissen als vorher: wie man recherchiert, Quellen korrekt benennt, das Wichtige vom Unwichtigen trennt und seine Erkenntnisse gut lesbar und verständlich zu Papier bringt. Das bisherige Konzept: Die Schüler belegen ein Seminarfach und schreiben anstelle von Klassenarbeiten eine kurze und eine längere Facharbeit – die Ergebnisse zählen nur wenig für die Gesamtnote.

Mein Sohn und ich zweifeln, dass dieses Format hilft, wissenschaftliches Arbeiten zu erlernen. Stattdessen suchen die meisten Schüler sich ein vermeintlich leichtes Thema, arbeiten dieses flüchtig ab und hoffen auf eine gnädige Note: so viel wie nötig, so wenig wie möglich. Mein Mann dagegen sieht das Ganze positiver. Wo wenn nicht in der Schule könne man erste Erfahrungen mit wissenschaftlichem Arbeiten machen?

Wir diskutieren über diesen speziellen schulischen Bildungsansatz – und reden doch aneinander vorbei. Während mein Sohn und ich die praktische Umsetzung bemängeln, begrüßt mein Mann die theoretische Idee dahinter.