Kein Gemüse? 

Ein Freund meiner Schwester ist Orthopäde. Ich frage ihn manchmal um Rat, diesmal wegen meiner Arthrose im Daumensattelgelenk. „Schonen“, sagt er unter anderem, „alles vermeiden, was reizen könnte.“ Ich muss mich vergewissern, ob ich ihn richtig verstanden habe. Wie soll ich bitte den Daumen meiner linken Hand schonen, wenn ich ihn für fast jeden Haltegriff benötige – zum Gemüseschnippeln zum Beispiel? „Kein Gemüse“, ist seine trockene Antwort, „bis auf weiteres jedenfalls.“ Das ist keine Alternative für mich. Ganz kurz schießt mir das Wort Haussklave durch den Kopf – völlig unangemessen, geradezu absurd. Meinen Großmüttern wäre das im Traum nicht eingefallen; ich schäme mich. Es bleibt also nur eins, weitermachen wie bisher, Orthopäden-Rat hin oder her.

Im Märzen der Bauer …

Nach meiner Erfahrung der vergangenen Jahre ist der Winter im März noch nicht vorbei. Es ist zwar schon länger hell und morgens zwitschern Vögel, die in den Monaten bisher die Schnäbel hielten. Einige sonnige und vergleichsweise warme Tag fühlten sich außerdem schon sehr nach Frühsommer an. Verlässlich ist jedoch nichts davon, weshalb ich meine Winterkleidung vor April sicher nicht in den Schrank packe. Die nächtlichen Temperaturen momentan geben mir recht.

Entsprechend habe ich noch keine Lust auf Gartenarbeit, bin aber froh, dass es unseren Bauern anders zu gehen scheint. Auf meinen Spaziergängen kann ich sehen, dass sie die vergangenen Wochen gut genutzt haben: Es wächst und grünt – das macht Hoffnung. „Solange die Erde steht …“, schießt es mir durch den Kopf, „… soll nicht aufhören Saat und Ernte …“, den Bauern sei Dank, „… Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht“, Gott sei Dank! (1. Mose 8, 22)

Zeitgeist: Last minute

Eine Mutter möchte ihrem Kind in weiter Ferne etwas nachschicken, was es zu Hause vergessen hat. Der Karton fürs Paket steht schon bereit; es ist Dienstag. Da schreibt das Kind, ein Freund würde am Wochenende ohnehin kommen: Dem könnte die Mutter das Vergessene mitgeben. Oh, wie praktisch, freut sich die Mutter und geht nicht zur Post.

Am Freitagmorgen meldet sich der Freund. Er warte noch auf Rückmeldung eines anderen Freundes, dann könne es konkrete Absprachen geben. Eine halbe Stunde später kommt eine Sprachnachricht, der andere Freund fahre nicht mit. Allein habe er keinen Bock auf die weite Fahrt, vielleicht ein andermal – sorry.

Die Mutter packt das Paket und bringt es zur Post.

Zwei Stunden später meldet sich der Freund wieder: Der andere Freund komme doch mit – wann würde es passen, das Zeug abzuholen?

„Machst du Witze?“, schreibt die Mutter zurück. Eines ihrer anderen Kinder sitzt unbeteiligt (und an der Misere unschuldig) auf dem Sofa. Es ist krank, kann nicht weg und muss ihn sich anhören, den mütterlichen Rat: „Im Umgang mit älteren Personen wären eine gewisse Planung und Verbindlichkeit sehr freundlich und angebracht.“ 

Ob´s was nützt? Keine Ahnung.

Manchmal fragt die Mutter sich, inwiefern man ihm widerstehen kann, dem Zeitgeist.

Gestern – heute – morgen 

Die Post ist heute geschlossen; glücklicherweise kann ich im Vorraum trotzdem Geld abheben. Eine Frau tritt ein und bleibt erwartungsvoll vor der Tür stehen. „Es ist heute geschlossen“, sage ich. Die Frau schaut mich verständnislos an. „Nix verstehen“, sagt sie – ehrlich. „Heute“, versuche ich es wieder und zeige mit meinen beiden Zeigefingern nach unten, als wäre das Hier und Jetzt genau da, wo ich stehe. Sie schaut mich weiter ratlos an. Also krame ich Zettel und Stift hervor und notiere das heutige Datum: „13.3. … heute … geschlossen“, erkläre ich und beschränke mich auf die Kernaussagen. Sie schaut auf ihre Uhr, nickt und geht. „13.3., das ist heute“, rufe ich ihr noch hinterher. Wahrscheinlich ist auch das vergebens; die Frau reagiert überhaupt nicht.

Auf dem Nachhauseweg denke ich, dass ich vom Datum hätte sprechen sollen: Gestern war der 12.3. und morgen wird der 14.3. sein. Vielleicht hätte sie mein heute dann verstanden. Wahrscheinlich erfordert Deutsch für Ausländer mehr Struktur und Zeit; vielleicht sind Begriffe wie gestern, heute und morgen viel zu abstrakt für den Einstieg. Mein Trost: Dass die Post geschlossen war, hat die Frau verstanden. Ob sie morgen damit rechnet, dass das nur für heute, äh, dann gestern, galt – ich weiß es nicht.

Familie anders

Unser Miteinander verändert sich. Der älteste Sohn hatte mit 16 Jahren ein komplett anderes Familienleben als der jüngste heute in demselben Alter. Zwar haben beide vier Geschwister, dieselben Eltern und dasselbe Zuhause. Man ist hier tagsüber manchmal ganz allein. Wenn bei gemeinsamen Mahlzeiten einer fehlt, sitzen eben nur noch drei am Tisch und nicht mehr sechs. Und ein Glas Gewürzgurken reicht auch ohne Beschränkung für mehr als ein Abendessen. Natürlich kommt der Einzelne jetzt leichter zu Wort, wenn er das denn will. Durch meinen Job außerhalb erlebe ich zum ersten Mal, was mit Qualitätszeit gemeint ist – und fühle mich in meiner Ahnung bestätigt: Sie ist eine Illusion. Du kannst den so wichtigen Langzeit-Kontakt innerhalb der Familie nicht komprimieren und ans Ende des Tages verlagern. Bei uns jedenfalls funktioniert das nicht mit den `guten Gesprächen nach Feierabend´: Sicherlich geht es auch ohne. Es ist, wie es ist, und nicht alles ist schlecht – sondern mal wieder nur anders.

(K)ein Besuch

Eine Freundin von weit weg fragt, ob sie für ein paar Tage bei uns wohnen und von hier aus eine Konferenz besuchen kann. Ihre Mail erwischt mich in einem ungünstigen Moment: Wir haben drei intensive Wochen mit einigen extra Ereignissen hinter uns und fühlen uns ausgelaugt. Erst am Wochenende sprachen wir darüber, dass wir unser Programm bewusster beschränken müssen. Meine spontaner erster Gedanke lautet daher: `Nein.´

Ich rede mit meinem Mann darüber; für ihn ist die Sache weniger eindeutig. Letztlich einigen wir uns darauf, dass ich einen Kompromiss vorschlage: treffen ja, aber kürzer. Wie sage ich meiner Freundin, dass mir ihr Besuch zu viel ist – zumindest so, wie sie ihn sich vorstellt? Es fällt mir schwer, die richtigen Worte zu finden, aber irgendwann schicke ich die Mail ab.

Ein paar Stunden später auf dem Sofa halte ich meine Entscheidung noch immer für gut – und komme mir dennoch brutal vor. Es ist nicht so leicht, die Erwartung eines anderen zu enttäuschen. Schließlich ist sie meine Freundin! Für wen sonst würde ich gern mein Haus öffnen? Andererseits: Wer, wenn nicht eine Freundin, kann eine ehrliche Antwort aushalten und hat diese auch verdient?

Abgelaufen

Ein Mindesthaltbarkeitsdatum ist eine gute Sache. Wer abgelaufene Lebensmittel isst, kann krank werden; wenn Batterien oder Akkus lange liegen, verlieren sie einiges ihrer Leistung; andere Materialien werden mit der Zeit brüchig oder porös. Deshalb ist es nicht nur bei Lebensmitteln gut zu wissen, bis wann man etwas verbrauchen oder benutzen sollte.

Kürzlich war ich bei einer Erste-Hilfe-Schulung. Wir übten verschiedenen Verbände, um im Ernstfall nicht nur theoretisch zu wissen, wie das geht: eine stark blutende Wunde behandeln. Auch Verbandsmaterial hat ein Ablaufdatum, erfuhr ich. Bei sterilen Kompressen leuchtet mir das ein – offenbar kann Sterilität nachlassen. Mullbinden oder anderes nicht steriles Zeug ist ungefähr 20 Jahre haltbar, auf jeden Fall begrenzt. Entsprechend sollten wir all das zum Üben benutzte Verbandsmaterial in den Müll werfen. Mir fiel das schwer – und es passt nicht zu der Nachhaltigkeit, über die alle immerzu reden.

Also nahm ich meine Übungsmaterialien nach der Schulung mit nach Hause. Ich brauche nur sehr selten Verbandszeug; der Inhalt meiner privaten Hausapotheke hat sicher schon längst das Verfallsdatum überschritten. Das interessiert mich nur mäßig. Beim nächsten verstauchten Knöchel oder einer stark oder weniger stark blutenden Wunde bin ich ausgestattet. 

Wichtig? Unbedingt!

Es kommt nur sehr selten vor, dass ich den Geburtstag eines Freundes vorüberziehen lasse, ohne handschriftlich zu gratulieren – das ist mir wichtig. Ich selbst freue mich sehr über echte Post und denke, dass es anderen auch so geht. Einige Rückmeldungen geben mir recht.

Durch verschiedene Extras in den vergangenen drei Wochen sind mir zwei Geburtstage durchgerutscht. `Ach, egal´, denke ich für einen kurzen Moment, `dann lasse ich es eben dieses Jahr´. Aber dann schreibe ich doch, verspätet – so what? Ich möchte mich nicht von einer vorübergehenden Fülle des Lebens abhalten lassen von etwas, was mir wichtig ist.

Eine meiner Töchter und ein Sohn schreiben meinem Mann zum Geburtstag; die anderen gratulieren per Video-Call: alles sehr individuell und wertschätzend. Diese konkreten Geburtstagsgrüße berühren ihn – sie sind ihm wichtiger, als Geschenke es je sein könnten.

Nicht aus dem Glas …

Ich mache Abendbrot: Kartoffeln schälen … Zwiebeln, Knoblauch und Rauchenden anbraten … Grünkohl aus dem Glas dazu … „Im Urlaub kochen wir, aber richtig: Da gibt´s kein Gemüse aus dem Glas, sondern alles ist ganz frisch“, rauscht es durch meinen Kopf. Wer hat mir das nur erzählt, frage ich mich und weiß, dass ich in dem Moment leicht betreten schwieg. Denn ich kann nicht mithalten mit so viel zeitraubender Kreativität.

Kochen ist nicht meine Leidenschaft, sondern ein super Mittel zum Zweck der Verköstigung meiner Familie. Seit 25 Jahren sitzen – bis auf sehr seltene Ausnahmen auch im Urlaub – täglich zwei bis sieben Personen bei uns am Esstisch und haben Hunger. Fertiggerichte gibt es so gut wie nie. Aber in den seltenen Fällen, in denen Grün- oder Rotkohl serviert werden, kommen diese aus dem Glas und Linsen oft aus der Dose. `Nicht aus dem Urschleim´, nennt meine Mutter das, und ich bin dankbar, dass ich es mir – ohne schlechtes Gewissen – leichter machen kann als zum Beispiel meine Großmütter.

Geschmacklich mag `alles ganz frisch´ etwas anderes sein, das gebe ich zu. Vielleicht probiere ich es irgendwann mal aus, wenn ich ganz viel Zeit habe …