Hat Ehrlichkeit Grenzen?

Wie ehrlich sollen Menschen mir gegenüber sein? Was will ich wissen, was lieber nicht?

Noch vor einigen Jahren hätte ich – ganz klar – gesagt: Ehrlichkeit ist IMMER besser als Unehrlichkeit oder zurückhaltendes Schweigen. Der Ton ist wichtig, aber (ehrlich gesagt) vielleicht doch zweitrangig.

Mittlerweile bin ich nicht mehr so sicher. Wenn ich meinem Mann einen Gefallen tue, bin ich enttäuscht, wenn er mir – ganz ehrlich – sagt, dass ihm dieser nicht viel oder nichts bedeutet. Dass meine Kinder (ehrlich gesagt) auch ohne meine Hilfe, meinen Rat und meine Anteilnahme sehr gut leben und handeln können, stimmt mich – neben allem Stolz – auch ein wenig traurig.

Wäre es besser, mich zunehmend mit der Wahrheit zu verschonen, um mir meinen Frieden oder die Illusion eigener Bedeutsamkeit zu lassen? Wenn hinter meinem Rücken gesagt würde: „Ach, mit der kann man nicht offen und ehrlich reden.“ – Wäre mir das lieber? Ich bezweifle es.

Wenn ich ehrlich bin: Die Ehrlichkeit und ich, wir haben ein ambivalentes Verhältnis.

Mehr als nur putzen

Unsere vier großen Kinder müssen, dürfen, sollen abwechselnd eins unserer Badezimmer putzen. Jeder macht es ein bisschen anders gründlich, besonders gern macht es keiner von ihnen. Letzten Samstag war ein Sohn dran, der sich anschließend gebührend aufregte über „Mädchen-Haare, -Schminksachen und -Deos, die überall herumstehen oder -liegen“ und immerzu im Weg sind.

Als ich heute dieses Bad betrat und benutzte, freute ich mich darüber, wie sauber und aufgeräumt es ist. Und ich dachte: So sehr sie diese Aufgabe nervt, so schnell aus ihrer Sicht die vier Wochen vergehen, bis der Einzelne wieder dran ist – so wunderbar dient dieses Bad-Putzen ihrer Persönlichkeit. Den eigenen Dreck zu beseitigen ist nicht schwer; sich um die Hinterlassenschaften anderer zu kümmern – das ist die höhere Kunst der Lebensschule.

Keine Geschenke

Ich bekomme und mache gern Geschenke. Trotzdem fällt es auch mir manchmal schwer, zu einem bestimmten Zeitpunkt – Geburtstag, Weihnachten – gute Geschenk-Ideen zu haben. Meine Geschwister und ich beschlossen daher vor Jahren, uns gegenseitig keine Geburtstags- oder Weihnachtsgeschenke zu machen. Das ist praktisch, wir empfinden es alle drei als Entlastung.

Besonders zwischen meiner Schwester und mir bedeutet diese Regelung jedoch nicht, dass wir uns nichts zuschicken – nämlich unserer Meinung nach lesens- und empfehlenswerte Lektüre. Wir lesen beide gern; und obwohl unser Geschmack nicht immer absolut übereinstimmt, bereichern die Buchgeschenke der einen die Lese-Erfahrung der anderen. Diesen Sendungen liegt stets der Hinweis bei, die Gabe nicht (miss-)zu verstehen. „Liebe Dagmar, das ist kein Ostergeschenk…“, las ich entsprechend gestern in dem Brief, den ich aus dem Briefkasten fischte. Beiliegend fand ich ein Buch, über das wir kürzlich am Telefon gesprochen hatten.

Ich genieße diese „Briefe“ von meiner Schwester sehr, denn sie kommen immer unerwartet und überraschend. Wir schenken uns nichts, meine Schwester und ich: Wir machen uns nur gegenseitig regelmäßig ein Nicht-Geschenk und damit jedesmal eine große Freude.

Zeh-Beben

Jeder ist schon mal mit dem kleinen Zeh irgendwo hängengeblieben. Bettfüße, Türen oder Türrahmen sind besonders geeignet dafür – der Schmerz ist immer derselbe: Unerwartet, sehr stark, sich in Windeseile ausbreitend über den ganzen Fuß – mit dem Epizentrum im kleinen Zeh. Erst nach einem langen Moment klingt das Schmerz-Beben ab.

Manchmal mag der Zeh gebrochen sein, meist tut er einfach nur fies weh. Wie auch immer, der Effekt ist allumfassend: Aus dem vollen Lauf oder dem müden Geschlurfe wird ein plötzliches Innehalten; Geist und Körper sind hellwach und fokussiert darauf, den Schmerz auszuhalten.

Leider ist in solchen Fällen fast nie jemand da, dem man die Schuld geben könnte. Leider verschulden wir derartige Zusammenstöße fast immer selbst – durch Unaufmerksamkeit, Müdigkeit oder schlicht durch Eile. Nur sehr emotionale Menschen machen den Türrahmen (oder so) verantwortlich und schreien nicht nur ihren Frust heraus, sondern auch den „Verursacher“ an…

Politisch unkorrekt, aber witzig

Ein Freund von uns hat seit Weihnachten ein neues Auto, einen BMW X7. Mich interessieren Autos nicht so sehr; aber mein Sohn wusste: Dieser Wagen ist noch größer ist als der, den unser Freund vorher fuhr. Als ich zu dem neuen Fahrzeug gratulierte, kam schlagfertig: „Irgendwas muss man Greta ja entgegensetzen, oder?“

Die Antwort mag noch so unüberlegt oder unreif trotzig klingen – sie brachte mich zum Schmunzeln.

Verschleiß

Wir sind vermessen, wenn wir meinen, körperlich immer gleich belastbar zu bleiben. Alles nutzt sich ab. Es gibt nichts, woran der Zahn der Zeit nicht nagt: Tote Materie wie Papier, Metall, Keramik und Plastik verrottet irgendwann. Erst recht gilt das für lebende Dinge wie Zellen, Knochen, Gewebe und die Körper, die aus ihnen gemacht sind. Ähnlich geht es dem Geist: Flexibilität und dauerhafte Lernbereitschaft sind gute Voraussetzungen, gedanklich jung zu bleiben. Aber auch das hat Grenzen. Alles unterliegt der Vergänglichkeit. Trotz aller Reparatur oder Korrektur – altersgemäßer Verschleiß ist unvermeidbar.

Wenn Abnutzungserscheinungen (an Körper und Geist) offensichtlich werden, kann es attraktiver sein, zum eigenen Alter zu stehen, als sich selbst und der Welt immerwährende Jugendlichkeit vorzugaukeln. Das nennt man Würde. Ihr kann der Verschleiß nichts anhaben. Warum, weiß ich auch nicht.

Wahl-Qual

Eine meiner Töchter möchte neue Schuhe haben – ob sie auch neue braucht, sei dahingestellt. Gestern waren wir in zwei Läden mit einer schier überwältigenden Auswahl an Schuhen. Leider blieb unsere Einkaufstour trotz des großzügigen Angebots erfolglos, aber ganz knapp:

„Wenn es die Schuhe
auch in nicht glänzend,
ohne Reißverschluss,
mit anderen Schnürsenkeln,
in einer anderen Farbe,
mit einer schlankeren Sohle,
in nicht so teuer,
ohne diesen hässlichen Aufdruck

gäbe, das wäre super.“

Wer die Wahl hat, hat die Qual – und am Ende keine neuen Schuhe.

Voll peinlich

Vor einiger Zeit wurde ich gefragt, ob ich meinen Kinder peinlich bin. Na klar, dachte ich – welche Mutter ist ihren Kindern nicht peinlich? Ich rede in der Öffentlichkeit zu laut oder bewege mich im Takt der Musik, die in Verkaufshäusern aus den Lautsprechern schallt. Es kann auch sein, dass ich in einem Restaurant so laut über etwas Lustiges lache, dass meine Kinder mich zischend zur Ordnung rufen. Oder ich spreche Söhne oder Töchter in der Schul-Teeküche mit „Na, mein Schatz“ an – voll peinlich.

Aus Liebe zu meinen Kindern versuche ich, mich in ihrer Gegenwart anders zu verhalten. Es gelingt nicht immer. Dennoch bleiben sie in solchen Momenten voll nett und barmherzig mir gegenüber. Ich freue mich darüber, denn ich weiß: Innerlich sind sie voll genervt.

Wetterfühlig?

Gestern regnete es mehr oder weniger den ganzen Tag. Mal stärker, mal weniger stark, zwischendurch intensiviert zu einer Art Schneeregen. Morgens war ich noch halbwegs trocken mit dem Rad durch den Nieselregen gekommen; ab Mittag ging draußen gar nichts mehr.

„Na, traut ihr euch raus?“, schien das Wetter uns zu fragen.

Gegen das Wetter kann man nichts tun. Manchmal ziehen wir uns wetterfeste Jacken an und gehen trotzdem raus. Gestern nicht, gestern wirkte jeder Protest zwecklos.

Deshalb lautete unsere Antwort: „Nö, wir bleiben hier drinnen. Bei DEM Wetter kann man ja gar nichts machen!“

Gar nichts? „Stimmt nicht“, dachten wir und buken Zimtschnecken. Schon beim Backen wunderbar duftend, beim Essen noch warm, weich, locker und süß – lecker.

Als wir glückselig das Ergebnis unserer Back-Aktion verzehrten, hatte der schlimmste Regen sich verzogen. Das klang nach: „Wenn meine Bemühungen um eine Schlecht-Wetter-Stimmung so ins Leere laufen, habe ich keinen Bock mehr.“

Geht doch.

Einfach so

2019 war ein ganz normales Jahr für uns. In unserem privaten Leben gab es keine Katastrophen und keine großen Höhepunkte. Es war trotzdem schön, keine Frage, nur ohne große Amplituden – es verlief einfach so vor sich hin. Dafür bin ich dankbar.

In meiner Küche hängt ein großer Terminkalender für alles, was so ansteht: Arztbesuche, Schulveranstaltungen, private Einladungen, manche Klassenarbeitstermine etc. Manches davon trage ich mit einem gewissen Vorlauf ein – den Kalender fürs nächste Jahr kaufe ich deshalb meist schon im Herbst und hänge ihn hinter den aktuellen. Gestern nahm ich den von 2019 einfach so ab und legte ihn in den Papiermüll.

Jetzt hängt da nur noch der Kalender für 2020, teilweise schon gefüllt mit Arztterminen, Schulveranstaltungen, privaten Einladungen, manchen Klassenarbeitsterminen etc. Dieses Jahr verläuft weiter – wie das letzte – einfach so vor sich hin. Das kann sich ändern, aber momentan ist es so. Dafür bin ich dankbar.

Auf den ersten Blick erinnert in meiner Küche nichts mehr an das vergangene Jahr, die sichtbaren Spuren von 2019 sind entsorgt. Das täuscht. Wahr ist: Die Erfahrungen und Erlebnisse von 2019 haben uns geformt – teilweise nicht ganz so sichtbar, aber dennoch mehr oder weniger deutlich. Kein Jahr lassen wir einfach so hinter uns, auch kein ganz normales. Einfach so lässt sich nur ein Kalender entsorgen – zum Glück!