Gewürze, Bananen und die Freiheit

Unser Mittagessen ist würzig und sehr scharf. Mein Sohn fragt sich, wie das Essen früher schmeckte, als die Menschen keine Zutaten aus aller Welt verwenden konnten. „Eintöniger vielleicht“, sagt mein Mann, „das betrifft ja nicht nur Gewürze: Martin Luther hat wahrscheinlich in seinem ganzen Leben nie eine Banane gesehen.“ Damals kamen die Leute normalerweise kaum raus aus ihrem Geburts-Umfeld – ich schätze, ohne sich beengt zu fühlen. In der DDR dagegen ging der Mangel an Bananen (unter anderem) einher mit einer Behinderung der persönlichen Freiheit.

Heute und hier im Westen gehören Bananen (und Cayenne-Pfeffer) zum Standard; außerdem ist unser Radius größer. Aber noch immer reicht uns meistens unsere Scholle. Wir müssen nicht `in der Welt zu Hause sein´ oder außergewöhnliche Gewürze besitzen, um uns frei zu fühlen. Es reicht, dass wir es tun könnten.

In anderen Ländern wiederum, zum Beispiel in Nordkorea, fühlen Menschen sich unfrei, weil sie eingesperrt sind. Auch eine mit Cayenne-Pfeffer verfeinerte Banane kann nichts daran ändern.

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