Erster – und zweiter – Eindruck

In der Bahn begegnete mir letztens ein freundlicher Mann ungefähr in meinem Alter. Er las ein deutsches Buch, fragte, ob bei mir noch Platz sei, setzte sich und schaute mich ab und an lächelnd an. Erster Eindruck – sympathisch. Als er ausgestiegen war, sah ich ihn über den Bahnsteig davongehen, ganz in Ruhe. Wie nebenbei spuckte er – deutlich sichtbar – mit einer leichten Drehung des Kopfes links von sich auf den Bahnsteig, ohne sein Tempo zu verlangsamen. Ich schaute betreten weg: Ich finde Spucken absolut eklig. Es gehört nicht nur nicht zu meinem Verhaltensrepertoire, sondern ich stehe diesem Tun eher von Grund auf ablehnend gegenüber. Weder sehe ich einen Sinn darin, noch finde ich, man sollte diesen sehr privaten Akt seinen Mitmenschen zumuten.

Meine Abneigung ist sicherlich zu hundert Prozent gelernt; nirgendwo gibt es ein allgemeingültiges Gesetz, das Spucken wertet. Wahrscheinlich mag es keiner, wenn ihm vor die Füße oder gar ins Gesicht gespuckt wird – das ist ganz objektiv verwerflich. Aber das Ausspucken an sich gehört in manchen Kulturen einfach dazu. Strenggläubigen Moslems beispielsweise wird es während des Ramadans sogar vorgeschrieben, weil sie tagsüber weder etwas essen, noch überhaupt etwas hinunterschlucken dürfen. (Allerdings war der Ramadan während meiner Zugfahrt schon einige Wochen vorbei.)

Dieser freundliche Mensch spuckte also auf den Bahnsteig. Ich weiß nichts über ihn, aber dieses Ausspucken schmälerte den ersten (oberflächlichen, aber positiven) Eindruck erheblich: Er war bis dato ein in meinen Augen angenehmer Mitreisender gewesen, er war und ist vielleicht ein wirklich sehr netter Mensch, eher still und immerhin ein Leser(!!!). Zu all dem passte das Spucken nicht. In der Öffentlichkeit zu spucken, würde mir nicht in den Sinn kommen; es ist – für mich – ein No-Go: Nicht einmal beim Laufen finde ich es nötig oder gar schön, allerhöchstens verzeihlich. Im Grunde sagt das demonstrative Ausspucken nichts über den Charakter dieses Menschen, gar nichts. Trotzdem bekam er von mir beim zweiten Eindruck Sympathie-Punkte abgezogen …

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