Wunderbares Hören

„Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele.“
Psalm 139, 14

Im Wald höre ich oft einen Specht, sehe ihn aber selten. Das klopfende Geräusch ist typisch, es klingt immer ähnlich – sogar die Anzahl der Klopfer scheint immer dieselbe zu sein. An sonnigen Tagen fällt mir auf, dass ich mehr höre als sonst: Es hallt ein wenig nach, die einzelnen Klopfer sind klarer. Ich schätze, die messbare Lautstärke verändert sich kaum; aber mein Ohr nimmt dennoch Unterschiede wahr: Hören ist nicht nur eine Frage der Lautstärke.

Bei meinem Spaziergang höre ich nicht nur den Specht, sondern zwitschernde Vögel, einen Trecker und aus der Ferne Autolärm. Ich könnte mit geschlossenen Augen orten, wo welches Geräusch herkommt. Mein eigenes Atmen ist mir am Nächsten; aber das höre ich schon gar nicht mehr: Mein Gehirn blendet mal das eine, mal das andere Geräusch aus – je nachdem, was ich hören will. Es ist erstaunlich, was menschliche Sinnesorgane leisten. In Gesprächen `höre´ ich sogar, was nicht gesagt wird: Traurigkeit, Unsicherheit, Wut, Angst, aber auch Erstaunen, Freude, Begeisterung – und manchmal, wenn jemand lügt: Hören ist nicht nur eine Frage der Lautstärke.

Am Ende ihres Lebens hörte meine Oma schlecht, benutzte aber nur ungern ihr Hörgerät. Das verstärkte zwar alle Geräusche, machte aber auch Nuancierungen kaputt: Hören ist nicht nur …

Vom selektiven Hören

„Es gibt bitte JETZT Essen“, rufen wir energisch durch das Haus. Wir wissen, dass freundliches Bitten selten dafür sorgt, dass jemand kommt. Meist dauert es fünf Minuten, bis alle am Tisch sitzen. „Ich hab` das nicht gehört“ ist die beliebteste Erklärung, stimmt aber nur selten. Denn ich weiß, dass unsere Kinder sehr gut hören – allerdings gern nur selektiv: Als mich kürzlich ein Kind nach einem Eis fragt, erlaube ich es leise. Prompt schallt es die Treppe runter: „Wassereis? Ich auch!“ Wahrscheinlich wäre auch ein Nicken nicht `ungehört´ geblieben…

Vom Reden und Hören!

Meiner Beobachtung nach ist es in den seltensten Fällen so, dass ein Gespräch nach klar definierten, alle Beteiligte zufriedenstellende Parameter abläuft. Nur mit wenigen Menschen gelingt ein Dialog nach folgendem Muster: Fragen, zuhören, abwarten, nachfragen, fertig erzählen lassen und dann vielleicht selbst vorsichtig die eigene Position dazu verkünden – aber nur, wenn das gewollt ist. Was ich stattdessen immer wieder erlebe ist: Fragen, aufs Stichwort warten und dann die eigene Geschichte zum Besten geben. In uns steckt ein unbändiger Drang, die eigenen Gedanken loszuwerden. Beim Punkt „zuhören“ wird es für viele schwer. Auch für mich!

Das Problem ist: Das Erzählen von Geschichten macht noch kein Gespräch. Ohne Zuhören geht’s nicht.

Blind audition

Um eine Stimme oder die Fertigkeit an einem Instrument vorurteilsfrei beurteilen zu können, gibt es heutzutage etwas, das nennt sich „blind audition“, was soviel wie „Blindes Vorsingen/Vorsprechen“ bedeutet. Orchestermusiker werden teilweise so berufen, um geschlechtsspezifische Vorbehalte der Jury von vornherein auszuschließen. Auch sogenannte Castingshows bedienen sich dieses Hilfsmittels, um sich nicht von dem optischen Eindruck ablenken zu lassen, den ein Kandidat macht.

Es ist nun einmal so, dass wir Menschen mit allen Sinnen zur Kenntnis nehmen und eben nicht nur das: Wir fällen Urteile in Sekundenbruchteilen. Am schnellsten nimmt das Auge wahr, das Ohr ist langsamer. Gefällt uns, was wir sehen, hat das, was wir hören, eine gute Chance, positiv bewertet zu werden. Erleben wir den optischen Eindruck als abstoßend, wird vorurteilsfreies Hören schwierig – egal wie schön klingt, was unsere Ohren erreicht. Nicht alle können sich frei machen von dem Gesamteindruck, den ein Mensch hinterlässt – und der wird maßgeblich von unserer Sicht bestimmt.

Kürzlich habe ich erlebt, dass das nicht nur für Töne, sondern auch für die Formulierungsfähigkeit gilt – jedenfalls bei mir: Ich habe eine Mail gelesen von jemandem, den ich nicht kannte. Der Schreibstil war besonders, erfrischend leicht, humorvoll, lebendig und mich sehr ansprechend. Wunderbar. Einige Wochen später habe ich den Menschen dazu kennengelernt. Dieser wirkte auf den ersten Blick introvertiert und eher nicht gesprächig. Die Stärken dieser Person liegen nicht in der persönlichen Begegnung – zumindest nicht in der ersten. Ohne die besagte Mail wäre mein Eindruck ein ganz anderer als mit und mein Interesse auch. Ohne die besagte Mail würde ich vielleicht keine weitere Begegnung wünschen oder gar initiieren. Es wäre schade um den Kontakt, aber das weiß ich nur, weil der Mensch die Chance einer „blind audition“ bei mir hatte…

Was die Stimme offenbaren kann

Ich höre, wenn jemand lächelt, während er redet. Sogar am Telefon. Andere können das auch, es ist keine Kunst. Ich finde es spannend, dass die Stimme so wenig verbergen kann, dass man lächelt. Zwar könnte ich nicht sagen, woran ich es höre, was sich anders anhört, aber ich höre es. Faszinierend. Höre ich genauso auch Wut? Ich glaube, ja. Oder Traurigkeit, die auch. Unsere Stimme ist ein offenes Tor hinein in unsere Gefühle – ob wir es wollen oder nicht. Vielleicht können Schauspieler die Stimme dahingehend modulieren, dass sie Gefühle vortäuschen oder unterdrücken können; Normalsterbliche können das nicht ohne weiteres, sondern nur, wenn sie sich bemühen. Oder?

Im normalen Tagesgeschäft begegnen mir andauernd Menschen (nicht digital!), denen ich nicht abspüre, in welcher Stimmung sie sich gerade befinden. Woran liegt das? Leben wir in einem Miteinander, in dem Gefühle keinen Platz haben? Ist unsere Gemeinschaft darauf ausgerichtet, nur Sachinformationen auszutauschen? Ich schätze, manches wollen wir gar nicht wissen, manche Gefühlsuntiefe ist auch nicht für jedermann; und die meisten Begegnungen sind kurz und bleiben oberflächlich.

Außerdem ist sich nicht jeder seiner eigenen Befindlichkeit bewusst. Ich kann mir vorstellen, dass das auch mit unserer Geschäftigkeit zu tun hat. Wir laufen im Erledigungsmodus durch unseren Alltag und funktionieren. Mal gut, mal weniger gut. Das ist nicht per sé schlecht: Manches muss einfach gemacht werden. Aber wir brauchen die Pausen, ganz sicher. Nicht um Nabelschau zu betreiben, sondern um Mensch zu sein. Dann sind Begegnungen möglich, in denen man die Stimmung hört – und im besten Fall reagieren und Anteil nehmen kann. Das ist wohl das, was wir menschliche Gemeinschaft nennen.

Ich freue mich jedenfalls immer, wenn ich jemanden lächeln höre…