Wunderbares Hören

„Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele.“
Psalm 139, 14

Im Wald höre ich oft einen Specht, sehe ihn aber selten. Das klopfende Geräusch ist typisch, es klingt immer ähnlich – sogar die Anzahl der Klopfer scheint immer dieselbe zu sein. An sonnigen Tagen fällt mir auf, dass ich mehr höre als sonst: Es hallt ein wenig nach, die einzelnen Klopfer sind klarer. Ich schätze, die messbare Lautstärke verändert sich kaum; aber mein Ohr nimmt dennoch Unterschiede wahr: Hören ist nicht nur eine Frage der Lautstärke.

Bei meinem Spaziergang höre ich nicht nur den Specht, sondern zwitschernde Vögel, einen Trecker und aus der Ferne Autolärm. Ich könnte mit geschlossenen Augen orten, wo welches Geräusch herkommt. Mein eigenes Atmen ist mir am Nächsten; aber das höre ich schon gar nicht mehr: Mein Gehirn blendet mal das eine, mal das andere Geräusch aus – je nachdem, was ich hören will. Es ist erstaunlich, was menschliche Sinnesorgane leisten. In Gesprächen `höre´ ich sogar, was nicht gesagt wird: Traurigkeit, Unsicherheit, Wut, Angst, aber auch Erstaunen, Freude, Begeisterung – und manchmal, wenn jemand lügt: Hören ist nicht nur eine Frage der Lautstärke.

Am Ende ihres Lebens hörte meine Oma schlecht, benutzte aber nur ungern ihr Hörgerät. Das verstärkte zwar alle Geräusche, machte aber auch Nuancierungen kaputt: Hören ist nicht nur …

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