Begleitet oder allein

Eine ältere Frau, die ich kenne, lebt allein und hat wenige Kontakte. Regelmäßig geht sie mit Hund und Rollator spazieren. Manchmal treffe ich sie, ab und zu gehen wir ein Stück gemeinsam. Letztens sah ich sie mit einer Frau, die sich als eine offiziell engagierte Begleiterin entpuppte. Ich sprach beide an und erkundigte mich bei meiner Bekannten, wie es ihr geht. Die Antwort war gewohnt langsam und kurz; sofort klinkte sich ihre Begleiterin engagiert ein. Sie redete schnell, fast ohne Punkt und Komma und übernahm dominant die Gesprächsführung. Leider war es mir dadurch fast unmöglich, ein paar Worte direkt mit meiner Bekannten zu wechseln.

Solch ein Begleitservice ist eine gute Sache: Menschen unterstützen ältere (und vielleicht einsame) Mitmenschen im Alltag und verbringen Zeit mit ihnen. Für diesen Dienst ist es gut, wenn man leicht ein Gespräch initiieren kann – und sich dabei auf denjenigen einlässt, dem man seine Zeit schenkt. `Reden ist Silber, Schweigen ist Gold´ enthält mindestens ein Körnchen Wahrheit. Ich wünsche meiner Bekannten jedenfalls, dass ihre Begleiterin sowohl redet als auch zuhört. Sonst würde ich mich schon während des begleiteten Spaziergangs darauf freuen, danach wieder allein zu sein – und meine Ruhe zu haben.

Niemand ist ganz allein

Bei Frederick Buechner lese ich ein Zitat von einem Dr. Donne, das anfängt mit “No man is an island”. (`Niemand ist eine Insel´, was so viel heißen soll wie `Niemand ist ganz allein´.) Buechner selbst schreibt dazu: „Anders ausgedrückt: Die Menschheit ist wie ein riesiges Spinnennetz: Wenn du es irgendwo anfasst, bringst du das ganze Ding zum Zittern. … Dabei ist es egal, wie wir uns anderen gegenüber benehmen – freundlich, gleichgültig oder feindselig: Es bleibt nie folgenlos. Das Leben, das wir anrühren, beeinflusst ein anderes und so weiter. Wir wissen nicht, wo überall oder wie lange dieses Zittern noch spürbar sein wird.“ (Frederick Buechner, A room called remember)

Ich finde diese Vorstellung einerseits tröstlich, andererseits hängt daran eine gewaltige Verantwortung: Wie ich mich EINEM Menschen gegenüber verhalte, bleibt nicht auf uns beide begrenzt. Es zieht seine Kreise über diese Begegnung hinaus – besonders hinsichtlich derer, die uns beiden sehr nahestehen. Werde ich ermutigt oder gelobt, freuen sich alle mit. Anders wirkt es sich aus, wenn mich jemand persönlich angreift und dadurch verletzt. Dann betrifft das meine Leute – sachlich – überhaupt nicht, und hat doch ganz viel mit ihnen zu tun. Vor allem mein Mann und meine Kinder spüren mein `Zittern´. Es kann sogar sein, dass ihnen die Angriffe mehr unter die Haut gehen als mir: Um einen anderen machen wir uns mehr Sorgen als um uns selbst. Sie können mich ermutigen und trösten, nur ganz allein lassen können sie mich nicht – “no man is an island.”

Betriebstemperatur

„Wenn du so weitergehst, drehe ich um“, sagt meine Tochter und meint das ganz ernst: „Sonst bekomme ich Seitenstechen!“ Ich gehe zügig und merke das erst, wenn jemand mit mir unterwegs ist. Es ist keine Absicht; ich will die anderen nicht abhängen: Ich habe einfach meine Wohlfühl-Geschwindigkeit.„Du gehst ganz schön flott“, sagt auch mein Mann bei gemeinsamen Spaziergängen und fragt, ob ich einen Gang runter schalten kann.

Im Sommer gehe ich nach Aufforderung problemlos ein wenig langsamer und passe mich an. Im Winter ist das schwieriger, vor allem in einem kalten Winter wie jetzt: Bewegung wärmt. Eine für mich angenehme Betriebstemperatur erreiche ich offenbar erst ab einem gewissen Tempo. Schade, dass es meinen Lieben anders geht. Ich friere schnell und nicht gern. Allein spazieren zu gehen, macht mir weniger aus… Um der Gemeinschaft willen hoffe ich auf einen baldigen Frühling!

Allein

Heute las ich in einem Artikel über Singles in der gegenwärtigen Krise die Sätze einer Frau Mitte zwanzig: „Ich kann ihn nicht mehr hören, den ewigen Rat: Ihr seid die digitale Generation, trefft euch online. Jahrelang sind wir davor gewarnt worden, dass zu viel Virtualität das Sozialleben aushöhlt. Jetzt soll sie das Allheilmittel sein. Dabei brauchen auch wir die Wärme von Menschen, die neben uns sitzen, uns umarmen, mit uns tanzen.“

Ich sehe das genau wie sie: Die digitale Verbindung von Menschen kann immer nur Ergänzung sein und ist vielleicht manchmal sehr praktisch, ein Ersatz für echtes Miteinander ist sie nicht. Nur analog funktionieren Nähe, Wärme, Vertrauen und wortloses Verstehen – aber genau das gehört zum Menschsein dazu. Allein Lebende müssen darauf schon seit Wochen weitgehend verzichten und kommen damit unterschiedlich gut zurecht. Ob „Trefft euch online“ ein guter Rat ist oder Merkels Bemerkung tröstet, dass es bis März doch überschaubar „kurz“ ist – ich bezweifle es. Singles können noch so gut digital vernetzt sein: Sie sind zur Zeit trotzdem viel mehr allein, als Menschen gut tut.

Komisch?

Es ist für mich kein Problem, ohne Begleitung in der Walachei unterwegs zu sein – egal, ob zu Fuß oder mit dem Rad. Dieses Alleinsein löst in mir keine Gefühle der Einsamkeit aus. Selbst wenn ich den Weg nicht kenne und mich neu orientieren muss, ist das Verlorensein nur `äußerlich´.

Ganz anders geht es mir in einer Großstadt: Inmitten von tausenden Menschen ist es von „allein“ nur ein kleiner Schritt zu „einsam“. Obwohl ich vielleicht genau weiß, wo ich mich befinde, fühle ich mich `innerlich´ verloren.

Allein gelassen

„Da verließen ihn alle und flohen.“
Markus 14, 50

Wenn ich ans Abendmahl denke, merke ich, dass ich das Sterben von Jesus nicht wirklich begriffen habe. Verstanden vielleicht, aber mit dem Herzen erfasst? Ich bezweifle es. Wir reden darüber, was es Jesus gekostet hat, ans Kreuz zu gehen. Aber diese Form der Versöhnung mit Gott an sich, das Konzept Sünde in seiner ganzen Fülle – bleibt mir fremd. Und so verweile ich während des Abendmahls nicht lange beim Tod Jesu, sondern bin schnell bei der Auferstehung. Es ist, als ließe ich Jesus in seinem Sterben allein – ebenso wie die Jünger damals.

Es ist, als würde ich sagen: „Wie kannst du nur so ein Opfer bringen müssen?“

Jesus ist bewusst ans Kreuz und in den Tod gegangen, obwohl er ahnte, dass viele Menschen sich schwertun würden mit seinem Sterben. Die Erfahrung hatte er zu Lebzeiten zur Genüge gemacht und 2.000 Jahre später ist es noch immer so: Es gibt viele Menschen, die mit Jesus und Glauben und einem Sündenbock für alle nichts anfangen können. Es gibt wahrscheinlich ebensoviele Menschen, die zwar irgendwie an Gott glauben, aber insgeheim das Opfer seines Sohnes ablehnen: „Für mich musst du nicht sterben. Ich komme auch so klar in diesem Leben und mit Gott. Ich nehme dieses gesamte Opfer-Paket einfach nicht in Anspruch.“ Und schließlich sind da diejenigen, die Jesus als Sohn Gottes anerkennen und sein Opfer ebenso, die aber trotzdem weiter versuchen, allein zurecht zu kommen. Sie versuchen insgeheim, allein und aus eigener Kraft gerecht und gut zu sein. Sie sehen mehr die Auferstehung und die Versöhnung mit dem Vater als dieses brutale Sterben. Sie halten diesen Tod nicht aus, jedenfalls nicht wirklich – in seiner ganzen Heftigkeit, in seiner Grausamkeit und in seiner Gottesferne.

Ich zähle mich dazu. Ich ertappe mich bei dem Gedanken, dass ich doch auch von mir aus ziemlich nett bin – barmherzig, freundlich gütig, geduldig… Ich ertrage dieses Sterben für mich nur schwer, ich gehe gern über zum positiven Ende der Auferstehung. Aber ebenso, wie wir als Menschen ganz körperlich durch den Tod noch immer hindurch müssen, durch das Sterben und alles, was damit verbunden ist – ebenso kommt vor der Auferstehung der Tod Jesu. Und vorher seine Einsamkeit, seine Zweifel, seine Angst und die Schmerzen. Dass Jesus das alles für mich erträgt, ist kein schöner Gedanke – und deshalb halte ich diesen nicht lange aus und lasse Jesus in seinem Sterben lieber allein. Ich fühle mich wohler, wenn ich an seine Auferstehung denke und daran glaube, dass sie auch für mich gilt.

Jesus dagegen lässt mich nicht allein, weder im Leben noch im Sterben. Jesus sagt nicht: „Wie kann sie nur?“ Jesus sagt: „Ich hab` dich lieb! Es geht nicht anders, vertraue mir.“

Ich kann das noch – allein

Vergangenes Jahr habe ich allein Urlaub gemacht. Drei Tage, eine Radtour. Ich habe selbst überlegt, was ich machen will, wohin die Reise gehen soll, wen ich besuchen werde. Dann bin ich losgezogen, allein. Kalt war´s Anfang April, regnerisch, nicht einladend fürs Radeln. Aber die Wege waren schön, das Land flach. Zwei Tage frierend auf super ausgeschilderten Radwegen, dann weiter – bei tollem Wetter – zum Teil quer durch die Walachei. Keiner an meiner Seite, der mir beim Wegsuchen geholfen hätte – und keiner an meiner Seite, der ein anderes Tempo schön gefunden hätte. Keiner zum Reden – und keiner, der meine Gedanken mit seinen durchkreuzt hätte. Keiner, der mich ermutigt hat, als es fast zu weit wurde – und keiner, der andere Pausenplätze hätte aufsuchen wollen. Allein und frei!

Zwei Leute habe ich besucht und auch das war – so ganz allein – besonders. Ich habe alle Wege gefunden, bin angekommen, hab mich verfahren und wieder korrigiert, den Mut nicht verloren und es gut mit mir allein ausgehalten. Ich kann das noch, ich kann noch allein unterwegs sein, alles hier zu Hause hinter mir lassen und einfach losziehen.