Per Anhalter unterwegs

In meiner Jugend war Trampen ein probates Mittel, um von A nach B zu reisen. Schon damals hatten unsere Mütter Angst um uns, schon damals haben es einige von uns trotzdem gemacht.

Heute denke ich differenzierter darüber nach: Noch immer finde ich, dass das spontane Unterwegssein mit völlig fremden Personen eine besondere Erfahrung ist. Nicht nur sind die Menschen interessant, die anhalten. Die zeitlich sehr begrenzten Gespräche haben eine ganz eigene Dynamik und oft überraschende Tiefe. Ich treffe Menschen außerhalb der eigenen Komfortzone und muss flexibel hinsichtlich des erreichbaren Reisezieles reagieren können. Vielleicht am wichtigsten: Trampen funktioniert nur mit Vertrauen, mit Misstrauen komme ich nicht weiter.

All das ist auf der Haben-Seite, all das trage ich als Schatz mit mir herum. Auf der anderen Seite ist da ein Risiko. Dieses Risiko ist solange kein Problem, wie alles gut läuft. Was aber, wenn meine Tochter beim Trampen doch an den Falschen gerät? Sofort macht der Preis, den sie womöglich bezahlen muss, die gesamte Haben-Seite zunichte. Ohne den Schatz guter Erfahrungen, belohnten Vertrauens und interessanter Begegnungen kann sie sicher auch sehr gut leben – und planbarer und organisierter von A nach B kommen.

Ich möchte meine Erfahrungen in dem Bereich nicht missen – ich war damals eher vertrauensvoll. Bezüglich meiner eigenen Kinder denke ich vorsichtiger. Die Entfernung zu „misstrauisch“ scheint klein zu sein und die sichere Alternative. Als grundsätzliche Haltung ist sie in meinen Augen jedoch absolut nicht erstrebenswert.

Talent – unterschätzt?

Wie wichtig ist Talent? Es gibt Leute, die sagen, Talent habe nur einen kleinen Anteil daran, ob jemand etwas richtig gut kann. Der Rest sei Disziplin und harte Arbeit. Stimmt wahrscheinlich, dazu gibt es sicher diverse Studien. Ich weiß nicht. Ich sehe in meinen Kindern durchaus, dass eine Menge einfach nur gelernt werden kann. Je länger sie sich mit einem Thema beschäftigen, umso besser werden sie damit umgehen können. Trotzdem behaupte ich, dass eine intrinsische Begeisterung – ein vorliegendes Talent – das Zünglein an der Waage ist, wer in einem Bereich gut oder sehr gut ist und wer diese Grenze überschreitet und ein echter Meister seines Fachs wird. – Warum?

Eine Tochter spielt Fußball, eine reitet. Beide können mit den Hobbies der Schwester wenig anfangen. Beide investieren sich sehr gern und ohne elterlichen Druck in ihre eigenen Interessen. Sie sind leidenschaftlich dabei und bringen beide eine Begabung für ihr jeweiliges Gebiet mit. Es stimmt: Dazu muss noch eine Menge Übung kommen, damit die eine eine gute Reiterin, die andere eine gute Fußballspielerin wird. Ich glaube dennoch, dass das vorhandene Talent in ihnen letztlich entscheidend ist. Der entscheidende Faktor, Zeit zu investieren, dranzubleiben, besser werden zu wollen. Ohne diese Bereitschaft geht es nicht. Und wer Kinder hat, weiß, wie schwer es ist, ein Kind – bei aller Lenkbarkeit – für etwas zu begeistern, wofür es kein Talent hat.

Liken, disliken, haten

„Wer unvorsichtig herausfährt mit Worten, sticht wie ein Schwert; aber die Zunge der Weisen bringt Heilung.“
Sprüche 12, 18

„Ich verstehe das nicht: Haben die nichts besseres zu tun, als youtube-Videos zu schauen, die sie nicht mögen, und diese dann hinterher zu ´haten`?“, kommentiert meine 14-jährige Tochter das Verhalten von Internet-Nutzern, die sich – meist im Schutze der Anonymität – geradezu verächtlich über die kreativen Bemühungen anderer Internet-Nutzer auslassen.

Es ist nicht so, dass meiner Tochter alles gefällt – keineswegs. Sie ist durchaus in der Lage, sich kritisch zu äußern. Aber es liegt ihr fern, etwas verbal runterzumachen. Sie weiß schon, wie sehr abfällige Äußerungen schmerzen. Und sie weiß, dass Lob ermutigt.

Offensichtlich besonders begabt

Meine Nichte hat uns eine Weihnachtskarte geschickt. Sie hat persönliche Worte gefunden, an uns gedacht – das ist schön. Vor allem aber sieht man der Karte selbst an, dass hier ein besonders begabter Mensch am Werk war: Schon auf dem Umschlag ein kleines Bild, das klarstellt: Dies ist ein Weihnachtsgruß. Innen dann eine handgefertigte Karte. Mit wenigen, allerdings gekonnt platzierten Pinselstrichen hat sie bunte Figuren aufs Papier gezaubert. Sie sind nicht ausgeformt oder klar erkennbar, es ist mehr ein Spiel aus Farben. Die Karte ist geschmackvoll gestaltet und spiegelt eine Leichtigkeit wieder, die mir in künstlerischen Dingen total abgeht. Ich bewundere meine Nichte und sehe ihre Begabung, die über das Normale hinausgeht, über das Durchschnittliche ohnehin.

Mein Friseur fällt mir ein, der wirklich gut Haare schneiden kann. Nicht nur besser als die Laienschneiderin in mir, die unseren Kinder mehr oder weniger zufriedenstellend die Haare stutzt. Besser auch als die meisten seiner Zunft. Einfach sehr, sehr gut – und es scheint ihm wenig Anstrengung abzuverlangen. Er muss sich konzentrieren beim Schneiden, er muss etwas tun, es ist Arbeit für ihn. Vor allem aber hat er den entscheidenden Blick, wem was steht, wo noch etwas geschnitten werden muss, damit eine Frisur gut sitzt – nicht nur eine Woche lang.

In der Schule meiner Kinder ist ein Mädchen, die kann ungewöhnlich gut singen. Bei einem Chorauftritt letztens hatte sie ein klitzekleines Solo. Schon beim ersten Ton hat man gehört: Hier singt jemand in einer anderen Liga. Volumen klang da mit, Töne, die nicht nur richtig sind, sondern etwas zum Schwingen bringen in den Zuhörern.

Besonders begabt sind nur wenige Menschen und auf ganz verschiedene Weise. Besondere Begabung ist selten und sofort erkennbar. Wenn ich ihr begegne, zaubert sie mir ein neidloses Lächeln ins Gesicht.

Dreist

Bei Aldi gibt es einen Parkbereich, der mit einem totalen Halteverbot versehen ist – damit die Lieferlaster besser rangieren können. Totales Halteverbot und ein Kreuz auf dem Boden.

Heute kam eine Frau in einem Jeep und parkte dort, obwohl noch viele weitere Parkplätze frei waren – allerdings nicht so nah an Aldis Eingangstür. Das Auto stand da nur kurz, vielleicht sieben Minuten. Ich dachte trotzdem: „Das ist dreist.“ Ich selbst würde das nie, nie, nie machen. Weil ich mich nicht in ein Halteverbot stelle, jedenfalls nicht ohne Not. Und wenn ich bei Aldi einkaufe, bin ich nicht in einer Notsituation.

Es ist sicher nicht schlimm, da kurz zu stehen; man könnte es auch falsch verstandene Hörigkeit nennen, dass ich auf diesem Platz nie, nie, nie parken würde. Dennoch finde ich es dreist. Mehr noch: Ich finde es nicht nur dreist. Noch dazu finde ich es armselig, wenn ich möglichst nah ran muss an den Eingang und nicht bereit bin, ein paar Schritte zu gehen. Armselig und ignorant und arrogant-anspruchsvoll.

Manches „dreist“ bewundere ich und wünsche mir mehr Mut zur Dreistigkeit – in diesem Fall nicht. In diesem Fall hoffe ich, unsere Gesellschaft geht nicht total den Bach runter.

Briefe – nicht abgeschickt

Manchmal schicke ich Briefe nicht ab. Wenn ich nicht ganz zufrieden bin mit ihnen oder unsicher, ob sie losgeschickt werden können. Was mache ich mit ihnen? Ich werfe sie nicht weg, ich verstaue sie irgendwo. Bisweilen finde ich einen Brief wieder und lese ihn noch einmal. Meist geht es mir dann immer noch so: Ich bin nicht ganz zufrieden oder unsicher, ob er so losgeschickt werden sollte. Noch immer kann ich den Brief schlecht wegwerfen. Warum?

Die nicht abgeschickten Briefe sind meist solche, in die sehr ehrliche Gedanken geflossen ist. Oft sind sie mir nicht leicht gefallen – und meist finde ich sie sprachlich sehr gelungen. Wenn ich sie wieder lese, ist es so, als würde ich mit mir selbst kommunizieren. Also hebe ich sie weiter auf.

Heute habe ich einen wiedergefunden, den ich fast gänzlich vergessen hatte. Ich habe ihn gelesen und zögere. Die Frage, für wen ich ihn aufhebe, kann ich nicht beantworten. Ich werde ihn wahrscheinlich trotzdem nicht wegwerfen. Komisch.

PS: Ich bin kein Messie …

Aufschieberitis

Ich kenne eine, die leidet an Aufschieberitis. Das heißt: Sie leidet nicht wirklich daran – im Gegenteil: Meist tänzelt sie ganz fröhlich und entspannt durchs Leben. Jedenfalls über lange Zeiträume hinweg. Dazwischen geschaltet sind Tage oder manchmal auch Wochen, in denen sie abarbeiten muss, was sich angestaut hat. Hektisch, schnell und unter dem Druck einer einzuhaltenden Frist. In dieser Zeit geht nicht viel anderes, ist sie leicht frustriert und kann dann ihre Aufgaben nicht besonders zufriedenstellend erledigen – es fehlt die Ruhe.

Mich würde das wahnsinnig machen und mir die Tänzel-Zeit dazwischen vermiesen. Ich könnte die langen Phasen der Entspannung nicht als solche erleben, ich würde leiden an meiner eigenen Aufschieberitis. Das ist wahrscheinlich der Grund dafür, dass ich eher ein Vorschuss-Arbeiter bin. Für Leute wie mich gibt es kaum längere Pausen – es gibt immer etwas zu tun.

Ich denke, dass keiner aus seiner Haut kann; aber manchmal beneide ich die Frau mit der Aufschieberitis. Sie wirkt sorglos und zwischendurch echt unbeschwert.

Wenn ich aussuchen würde, wäre ich gern eine Kombination: Ein bisschen von beidem. Es ist eine Gabe, Dinge liegen zu lassen, die nicht drängen. Meine fünf Kinder haben mich schon ein wenig gelassener (und langsamer) gemacht, dafür bin ich dankbar. Aber ein echter Aufschieber bin ich noch immer nicht.

Wie sehe ich aus?

Zum Mittagessen brate ich Zucchinipuffer, ein Essen, das alle mögen, aber mich für eine Weile an den Herd bindet. 13.42 Uhr – ein Geistesblitz: Um 13.45 Uhr habe ich einen Termin in der Grundschule! Ha, Schreck, was tun? Grundstimmung: Schuldgefühle und Hektik, Tunnelblick. Ich rufe an. „Kommen Sie doch noch vorbei, wir schieben Sie dann dazwischen.“ Ich schalte in Erledigungsmodus:

In großer Eile werfe ich mir etwas über, ziehe die Schuhe an, die im Flur stehen, und rase mit dem Rad in die Schule. Ich komme zu spät, klar, sie schieben mich dazwischen. Zwanzig Minuten später stehe ich wieder auf der Straße. Weil ich schon mal in der Stadt bin, gehe ich noch zu Rossmann. Aus dem Augenwinkel sehe ich eine entfernte Bekannte, die sehr auf sich achtet. Wir kennen uns nicht (mehr) gut; ich habe sie früher immer eher als bewertend empfunden. Plötzlich sehe ich mich wie in einem Spiegel: Wanderschuhe mit den Spuren der Feldmark, Hose – genauso, mein geliebter Mantel, den mein Mann eher als Kutte bezeichnet und nur noch für Garteneinsätze geeignet hält. Ich gehe der Bekannten nicht aus dem Weg, bin aber froh, dass sie sich in den Untiefen von Rossmann verliert, während ich schon zahle und den Heimweg antrete.

Zu Hause denke ich der Situation hinterher. Etwas hat mich für einen Moment aus meiner grundsätzlichen „Ich fühl mich wohl in meiner Haut“-Stimmung geworfen. Wieso war es mir plötzlich so bewusst, wie ich aussehe? Wie wäre es mir in der Begegnung mit jemandem gegangen, der auf sich achtet, mich aber gut kennt und mir grundsätzlich wohlgesonnen ist?

Es ist nicht wirklich wichtig, aber es ist mir trotzdem nicht unwichtig, welchen Eindruck ich hinterlasse. Da gibt es ganz allgemeine Konventionen, denen ich mich – meist unbewusst – automatisch beuge: Ich gehe beispielsweise nicht im Schlafanzug zum Einkaufen. Darüber hinaus existiert ein komplexes Geflecht aus Prägung, Selbstwahrnehmung und Selbstbewusstsein, das darüber bestimmt, wie ich mich der Welt aussetze. Es ist mir nur in klar definierten Grenzen egal, wie ich auftrete und was andere von mir denken – ich bin mir dieser Grenzen nur oft nicht bewusst.

Ich geh´ ins Bett.

Feierabend. Wir sitzen im Wohnzimmer, mein Mann und ich. „Wir haben heute im Gottesdienst … gesungen“, sage ich. Er versteht die Information an sich und die Botschaft dahinter. Kein Kommentar nötig, wir sind beide zufrieden.

Eine unserer Töchter geht vorbei: „Wozu haben sie dich gezwungen?“ Wir lächeln müde. Es ist ja schön, wie die Kinder teilhaben an unserem Leben – und auch an jedem dahingeworfenen Kommentar, sei er für ihre Ohren bestimmt oder nicht. Ich kann mich entscheiden, ob ich erkläre, was ich eigentlich meinte, oder sage: „Das war nur für Papa.“ In jedem Fall muss ich eine Erklärung hinterher schieben. Und mein Mann muss sie sich anhören.

Ist ja nicht schlimm. Gar nicht schlimm. Es kommt nur regelmäßig vor. Sehr regelmäßig. Und das zieht uns manchmal die Nerven aus. An einem Tag, an dem schon viel geredet wurde (also im Grunde ziemlich oft) ist das manchmal der Tropfen, der meinen Mann aus dem Wohnzimmer spült: „Ich geh ins Bett.“

Das letzte Wort

Diskussionen leben von Argumenten. Klar: Über Fakten kann man sich austauschen, über Befindlichkeiten weniger. Mir gehen leider oft die Argumente aus. Ich bin anders schlau. An Stelle von begründbaren Fakten gibt es bei mir etwas anderes. Intuition, Instinkt. Diese lassen sich manchmal nicht leicht in Worte fassen und sind daher nur wenig überzeugend. Leider. Dadurch stehe ich in kontroversen Gesprächen schnell – symbolisch gesprochen – mit dem Rücken zur Wand.

Dennoch bin ich genau wie jeder andere Mensch interessiert daran, das letzte Wort zu haben. Dieses ist aber oft denjenigen vorbehalten, die eben noch ein Argument aus der Tasche ziehen können. Weil ich nicht zu ihnen gehöre, ist mein letztes Wort des öfteren: „Ich weiß, was ich weiß.“ Und egal, wie oft mein Mann sagt, so könne man doch nicht argumentieren (weiß ich selbst), oder es mit einem milden Lächeln quittiert und sich seinen Teil denkt: Es ist manchmal meine Rettung; und ich verwende es nur, wenn ich überzeugt bin, dass mein Gespür in der Sache wirklich von Belang ist.

Bei Malcolm Gladwell, einem meiner Lieblingsautoren, hat dieses Phänomen sogar einen Namen: „The power of thinking without thinking.“

Über Menschentypen wie mich sagt er: „Did they know why they knew? Not at all. But they knew.“ Ich weiß, was ich weiß.