Ich weiß auch was!

Ich höre einen Vortrag und werde den Inhalt komplett vergessen. Nur die Rednerin selbst hinterlässt einen bleibenden Eindruck bei mir: Sie erzählt von ihrem Mann, der viel weiß, alles gründlich durchdenkt und noch dazu überzeugend argumentiert: „Seien Sie mal mit so jemandem verheiratet – das ist anstrengend!“ Ich lächle wissend – und fühle mich verstanden. Gleich im Anschluss sagt sie fast trotzig diesen Satz: „Aber ich weiß auch was!“ Mein wissendes Lächeln wird zu einem staunenden Grinsen. Ihr Selbstverständnis begeistert mich.

Oft schon habe ich in Gesprächen verzweifelt nach Argumenten gesucht, die erklären, was ich meine, und entkräften, was der andere meint. Ohne Erfolg. Es mag sein, dass ich einfach nicht gut argumentieren kann; wahrscheinlicher ist, dass sich nicht alles begründen lässt. „Ich weiß auch was!“, denke ich dann, genau wie diese Frau; aber mir fehlt der Mut, es auszusprechen. Denn: Ich weiß nicht im Verstand, sondern woanders. Die guten und klugen Argumente meines Gesprächspartners zählen dort nicht – und können mich nicht überzeugen. Genauso wenig wie mein unbegründetes Wissen den anderen beeindruckt.

In solchen Momenten mache ich leicht einen Rückzieher und gebe mich geschlagen. Mir fehlen buchstäblich die Worte – aber wie soll man sich ohne diese verstehen? Bei der Suche nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner ist „Ich weiß auch was!“ nicht die beste Lösung, aber vielleicht manchmal die einzig mögliche. Noch besser wäre: „Du weißt auch was!“

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