Multitaskingfähig? Nur sehr beschränkt!

In einem Anflug von morgendlichem Größenwahn versuche ich, mir gleichzeitig die Zähne zu putzen und die Haare zu föhnen. Mit dem Ergebnis bin ich zwar zufrieden, aber es dauert ebenso lange, als wenn ich es nacheinander gemacht hätte. Außerdem muss ich mich sehr konzentrieren, mit der linken (Föhn-)Hand nicht ebenso kreisförmige Bewegungen zu machen wie mit der rechten, die sich um die Zähne dreht.

Mancher behauptet ja, er könne bügeln und dabei fernsehen; auch stricken und häkeln soll vor der Glotze möglich sein. Ich kann es nicht ausprobieren – wir haben keinen Fernseher. Aber ich würde sicher scheitern. Mir bereitet beim Bügeln schon das Telefonieren Probleme – unter anderem, weil das Telefon sich so schlecht mit der Schulter einklemmen lässt. Bei engagierten Antworten meinerseits bügele ich außerdem minutenlang auf der Stelle. Auch wenn ich mit Sprach- oder Textnachrichten auf dem Handy beschäftigt bin, stehe ich für mein Umfeld nicht mehr zur Verfügung. „Mach erstmal fertig, Mama“, sagen meine Kinder meist: Denn ich beende Sätze abrupt, reagiere mit sehr großen Pausen oder rede Unsinn. Überhaupt, für Handy plus Irgendetwas habe ich weder Talent noch Ehrgeiz.

Offenbar falle ich in die Kategorie Eins-nach-dem-anderen-Mensch. Gleichzeitig könnte ich nur etwas in Richtung Kaugummi kauen und reden. Da ich kein Kaugummi-Mensch bin, beschränkt sich mein Multitasking auf Dinge wie spazieren gehen und beten.

Umschreiben? Macht nichts!

Beim Umschreiben meines Führerscheins von Papier zu Karte sehe ich, dass ich diesen offenbar erst einen Monat nach meinem 18ten Geburtstag ausgehändigt bekam. Dabei hätte ich schwören können, ich wäre damals genau an meinem Geburtstag mit Freunden ins Kino gefahren. Ich weiß sogar noch, welchen Film wir geschaut haben (Dirty Dancing), in welchem Kino wir waren (Filmmuseum in Potsdam) und wer dabei war. Doch heute Morgen stand da dieses andere Datum, alle anderen Informationen offensichtlich korrekt – und ich zweifle.

Es ist eine Weile her, beruhige ich mich, in fast 37 Jahren kann man sich im Datum schon mal um einen Monat vertun. Was aber ist mit meinen anderen Wahrheiten; was, wenn alles andere auch nicht stimmt? Wenn es nicht Dirty Dancing war, nicht das Filmmuseum in Potsdam und auch nicht meine beiden liebsten Abi-Freunde, mit denen ich mich noch heute treffe? Müsste ich auch meine Erinnerung `umschreiben´? Die Fakten wären falsch, aber wen kümmert´s! Wie es sich damals anfühlte im Auto (auf irgendeiner Fahrt, irgendwann und irgendwohin), das werde ich weiterhin spüren: eine Mischung aus erwachsen, übermütig, frei und leicht. Selbst wenn deren Ursache nur eine Illusion ist, verursacht mir die Erinnerung daran auch in Zukunft ein warmes Gefühl im Bauch. 

Mein Lohn

Ich lese vier paar Bachelor-Arbeiten Korrektur. Weil die Probanden fast gleichzeitig abgeben müssen, habe ich nicht viel Zeit. Aus Erfahrung weiß ich, dass man IMMER etwas übersieht – und hoffe, dass es in diesem Fall nicht zu viel sein wird. Als Bezahlung wünsche ich mir farbige Socken, die ich nicht nur mag, sondern wirklich gut gebrauchen kann. Ebenso schnell, wie ich gelesen habe, besorgen die Herren meine Socken. Ich packe sie aus und weiß: Mein Lohn ist wunderbar und wird mich noch lange an diesen Korrekturauftrag erinnern.

Gute Gründe?

Ich würde gern mehr Klavier spielen beziehungsweise üben. Aber ich tue es nicht und habe immer gute Gründe dafür:

Ich will zum Beispiel niemanden stören – das Klavier steht im Wohnzimmer.
Es soll auch niemandem aus meiner Familie wegen meiner musikalischen Entfaltung mangeln an Essen oder sauberer Wäsche.
Bereitwillig nehme ich Rücksicht darauf, wenn sich jemand lieber mit mir unterhalten als mir beim Musizieren zuhören möchte.
Ein paar andere Kleinigkeiten blockieren oft die Zeiten, in denen ich spielen könnte. Denn wenn ich ganz ehrlich bin, mache ich einige Dinge noch lieber, als mich ans Klavier zu setzen: nämlich Briefe zu schreiben beziehungsweise spazieren oder laufen zu gehen. 

All das resultiert darin, dass mein Klavierspiel sich kaum verbessert. Wenn es mir leichter fiele, hätte ich mehr Freude und würde es lieber tun – da bin ich sicher. Dafür müsste ich mehr üben. Aber meine guten Gründe schieben sich immer wieder dazwischen.

Es ist ärgerlich, aber eindeutig: So wird das nichts mit meiner Klavier-Virtuosität.

Ge(kenn)zeichnet

Falten sind unwiderruflich: Sind sie erstmal da, wird man sie nicht wieder los. Ich denke, auch Botox und Co. können dagegen nur sehr begrenzt etwas tun – abgesehen davon, dass sich mir ohnehin nicht erschließt, wieso jemand ewig aussehen will wie von vorgestern. Wie dem auch sei: Ich habe, anders als mein Mann, auf der Stirn neben altersbedingten Quer- auch der ernsthaften Konzentration geschuldete Längs-Falten: das schon einmal erwähnte Toss (triangle of sadness).

Diese fälschlicherweise Wut-Falten genannten Kerben zwischen den Augenbrauen haben sich bei mir inzwischen verstetigt. Mein Mann versucht ab und zu, sie wegzustreichen: „Komm, entspann dich“, säuselte er kürzlich. Er sei nur neidisch, konterte ich, ich wäre eben – im Gegensatz zu ihm – in besonderer Weise vom Leben gekennzeichnet … Wir sind kurz still, dann lächelt er mich an und sagt freundlich: „Gut, dass du nicht vom Leben gezeichnet bist!“ 

Mind blowing

Ich lese eine Bachelor-Arbeit Korrektur. Es geht um autonomes beziehungsweise durch Regelmechanismen unterstütztes Fahren. Ich verstehe nicht viel, eigentlich fast nichts. Aber ein Satz bleibt mir hängen: „Dies entspricht den theoretischen Erwartungen, dass enge Kurven sowohl für den menschlichen Fahrer als auch für ein autonomes Fahrzeug eine höhere Herausforderung darstellen.“ Das stimmt, denke ich, hätte ich aufgrund meiner Erfahrungen als Autofahrerin auch so erwartet. Interessant, wie schwer es ist, solch eine Gewissheit des gesunden Menschenverstandes empirisch zu belegen. Der Rest der Arbeit ist wohl das, was man als `mind blowing´ bezeichnet, wenn man das mal wörtlich übersetzt: mein Gehirn wegblasend.

Ein Programm für: geht doch!

Ich schöpfe die Möglichkeiten meines Computers nicht aus. Ich benutze nur einige der vorhandenen Programme aus – und keines davon beherrsche ich umfassend. `Für meine Bedürfnisse reicht es´, war bisher oft mein Leitspruch. Nur manchmal kam ich an die Grenzen meiner Anwender-Sachkenntnis und dachte, dass ich mich gern mehr auskennen würde.

Momentan ist es wieder soweit, denn ich würde gern einen Umklapp-Kalender bestücken – mit Sprüchen, in einem bestimmten Format, mit Hintergrund. Der Mensch, der mir die Blätter ausdrucken wird, empfahl mir eins dieser Programme, das ich besitze, aber kaum benutze. Nicht mein Medium, denke ich spontan, und frage meine Nichte um Rat. Sie antwortet sofort, schreibt was von `echt gut für Anfänger´ und `das Internet fragen´. Im Zweifelsfall könne ich gern auch noch einmal bei ihr durchklingeln. Die Generation heißt für mich weder X noch Y oder gar Z, sondern: Ich kann das und wenn nicht, frag ich Google. 

Durch ihre Ratschläge und Du-schaffst-das-schon-Schubser ermutigt, mache ich mich ans Werk. Schon nach kurzer Zeit habe ich sowohl den Dreh raus als auch ein tolles Ergebnis. Jetzt noch eine Probeversion beim Herrn Drucker abliefern, ob das für ihn passt – und dann los. Geht doch, denke ich.

Ich staune, was man heutzutage alles machen kann, und sehe vor meinem inneren Auge meine Schwester. Vor etwa 38 Jahren tippte sie ihre Diplomarbeit auf der Schreibmaschine, mit fünf Durchschlägen – ein Fehler und sie musste die Seite ein zweites Mal tippen. Davon sind wir heute meilenweit entfernt und träumen nicht einmal mehr davon. Alles, was wir aber noch immer brauchen: uns ran- und etwas zutrauen. 

Fassungslos und sehr dankbar

Mein Mann erzählt mir von einem schwierigen Gespräch, das er geführt hat. Ich staune über sein Geschick. Spontan lasse ich mich hinreißen zu einem ehrlichen: „Du bist großartig!“ Er lacht sich schlapp. Ich bin fassungslos, was für eine Perle ich da geheiratet habe – und nach fast 27 Jahren sehr dankbar.

Leider fachfremd

„Dafür bin ich zu wenig Orthopäde …“, sagt meine Frauenärztin und ich stutze einen klitzekleinen Moment. Denn glücklicherweise ist sie kein Fachidiot, wie man so sagt, sondern hat einen vertrauenerweckend ganzheitlichen Blick auf die Physis. Aber wieso mein Oberarm bei bestimmten Bewegungen schmerzt, kann sie mir leider nur ganz grob beantworten. Irgendwas von entzündeter Sehne weiß sie zu berichten. Die dadurch ausgelösten, von ihr beschriebenen Symptome passen zu dem, was ich erlebe. Mit den Wechseljahren hat die ganze Sache ihrer Meinung nach nichts zu tun – eher mit meinem Alter an sich. Und was sich dagegen tun lässt, will und kann sie mir auch nicht sagen. Denn dafür sei sie zu wenig Orthopäde. Schade eigentlich! 

Wunderbar!

„Das kannste dir nicht ausdenken!“, sagt mein Sohn, wenn etwas wortwörtlich wunderbar ist: eine Situation 100-prozentig passt oder etwas einfach super läuft etc. Jemand anderes spricht dann vielleicht von einem tollen Zufall; aber wir wissen, was er meint – nämlich dass Gott seine wunderbaren Finger im Spiel hat.

Einige Job-Möglichkeiten der letzten Monate kamen nicht zustande – oft aus mir nicht ersichtlichen Gründen. Der Job, den ich jetzt habe, ist Neuland für mich. Ich muss mich konzentrieren und kann und muss täglich viel dazulernen. Aber die meisten meiner Aufgaben passen zu mir, als hätte jemand sie genau zugeschnitten auf meine Gaben und Interessen. Einfach wunderbar – das kannste dir nicht ausdenken.