Es gibt immer ein Aber?

Stimmt, habe ich gesagt, aber das war vielleicht ein bisschen vorschnell. Im Hebräischen gibt’s nämlich keins, die sagen einfach immerzu „und“. Das wirbelt mein Denken durcheinander und (nicht aber!) kann die Schwere aus manchen Sätzen nehmen. Ein „aber“ relativiert nicht nur, es schwächt ab: „Es war ein wunderbarer Tag, aber es hat geregnet.“ Also war der Tag wohl doch nicht ganz so wunderbar? Dagegen: „Es war ein wunderbarer Tag, und es hat geregnet“, heißt dann wohl, der Regen war Teil des wunderbaren Tages, er hat diesen nicht geschmälert.

Im Alltag bin ich sicherlich zu un-hebräisch für ein Leben ganz ohne „aber“ – und zu spontan, zu relativierend, zu vorsichtig. Wenn ich mir Zeit lasse, ganz sicher bin und mutig, kann ich´s ab und an weglassen.

Es gibt immer ein Aber!

Als junge Frau dachte ich – ganz intuitiv -, es gäbe immer ein Aber. Drei Jahrzehnte später weiß ich, dass diese Ahnung stimmt, weil man alles von verschiedenen Seiten, aus verschiedenen Perspektiven betrachten kann. Es stellt sich jeder Sachverhalt anders dar, wenn man ihn durch eine andere Brille anschaut. Wie sagen die Indianer? „Du kannst jemand anderen erst kennen, wenn du eine Weile in seinen Mokassins gelaufen bist.“

Ein Nachteil ist, dass sich dadurch alles endlos zerreden lässt und daraus folgend – niemand hört mehr richtig zu. Plus: Mutig geäußerte Meinungen und Überzeugungen werden immer seltener.

Als mittelalte Frau frage ich mich noch dazu, warum das so ist, warum es immer ein Aber gibt. Wollen wir tolerant und liebevoll sein? Geht es uns in erster Linie darum, den anderen zu verstehen und so stehen zu lassen, wie er denkt und argumentiert? Vielleicht haben wir auch nur ganz viel Angst, bei einer „Falschaussage“ erwischt zu werden und relativieren deshalb alles und immerzu. Wie sagte schon mein hoch verehrter Dietrich Bonhoeffer: „Den größten Fehler, den man im Leben machen kann, ist, immer Angst zu haben, einen Fehler zu machen.“

Also lasse ich manche meiner Gedanken einfach so stehen, auch wenn sie ein Thema dann eben nicht erschöpfend abhandeln, sondern (relativ) einseitig und subjektiv. Ich habe vielleicht nicht recht, aber ich liege auch nicht ganz falsch.

Zeitsprung

Vor einigen Wochen bin ich mit meinen beiden älteren Söhnen (16 und 15 Jahre alt) spazieren gegangen. Nicht ganz freiwillig (ihrerseits), sondern verordnet. Vor etwa zehn Jahren haben wir das auch öfter gemacht: `Kinder lüften´ habe ich das genannt. Sie sind damals gern mitgekommen, aber zum Zeitvertreib war eine ausgedachte Geschichte von Mama eine willkommene Zugabe. Einen hatte ich mindestens an der Hand, und die beiden jüngeren Schwestern waren sicherlich auch dabei.

Letztens waren sie weder an einer Geschichte noch am Handhalten interessiert – wie peinlich. Sie sind zehn Jahre älter und gefühlt einen Meter größer als damals. Aber – bin ich auch zehn Jahre älter? Ich kann es nicht glauben! Wir machen dasselbe, aber es fühlt sich ganz anders an.

Heiliger Rasen

Einer unserer entfernten Nachbarn pflegte letztens seinen Rasen, ganze 30 Quadratmeter. „Mein Rasen ist mir heilig, da investiere ich richtig, da wächst kein Unkraut drin…“ Aha.

Eine Freundin von mir findet Kochen kreativ und entspannend. Macht sie ab und an mal am Wochenende, dann aber richtig.

Und ich? Mähe unsere 500 Quadratmeter Rasen oder lasse sie von den Söhnen mähen – jedesmal unter sportlichen Gesichtspunkten, um mich oder sie zu motivieren. Mehr Pflege bekommt der Rasen nicht: Ich bin froh über jede Ecke, die nicht englisch ist und schnell nachwächst, sondern vermoost und bei wenig Regen von allein kurz bleibt.

Ich koche auch, manchmal sogar gern. Jeden Tag für sieben Personen, fünf davon noch im Wachstum. Manchmal habe ich mehr Lust, manchmal weniger. Meist geht es darum, in weniger als einer Stunde ein Essen zu kreieren, das alle satt macht, den meisten schmeckt, mehr oder weniger gesund ist und nicht Unmengen kostet. Kreativ? Weniger, eher pragmatisch.

Was schließe ich daraus? Wir sind, was wir sind, und wir gewichten, wie wir gewichten, weil unsere Umstände uns dazu bringen. Ein geringer Teil ist die Persönlichkeit, die wir mitbringen; der wahrscheinlich deutlich größere Aspekt wird bestimmt von den Gegebenheiten, in und mit denen wir leben. Das zu wissen, könnte relativieren, wie absolut die Aussagen sind, die wir treffen.

Lachen

Es gibt unterschiedliche Versionen von Lachen. Schon durch die verbale Unterscheidung in Lächeln, Lachen, Gelächter, Kichern, Erheiterung, Glucksen etc. wird deutlich, dass Lachen nicht gleich Lachen ist – und auch nicht dasselbe mit uns macht.

Es gibt eine Sorte, die mag ich besonders: Das ist ein Lachen, gegen das man sich nicht wehren kann, das den ganzen Körper erfasst und einen hilflos zurück lässt. Ich habe das selten, meist auch nicht besonders vorhersehbar, aber jedes Mal genieße ich es – und fühle mich darin total jung, wie ein Kind. Vielleicht ist es deshalb so schön, weil es beinhaltet, dass man nicht zuständig, nicht vernünftig, nicht kontrolliert, sondern reichlich enthemmt und unbeherrscht ist.

Meine eigenen Kinder betrachten mich, wenn es soweit ist, immer mit einer gewissen Skepsis – wie Mama im Rausch oder so. Passt irgendwie nicht zu einem Erwachsenen und würde auch nicht zu einem 16-Jährigen passen: Der hätte sich besser im Griff, das würde ihm nicht passieren, so weit würde er es nicht kommen lassen. Vielleicht ist dieses ganz bestimmte, infantile, ungebremste Lachen in einem Menschen das beste Zeichen, dass er Kindheit und Jugend und auch frühes Erwachsenenalter erfolgreich abgeschlossen hat. Ab Mitte 40 (oder wann auch immer) ist einem nicht mehr so viel peinlich.