Er oder sie?

Eine Freundin von mir ist Lehrerin. Für einen ehemaligen Schüler musste sie kürzlich das Zeugnis neu ausstellen, weil er neuerdings eine Frau ist und anders heißt. Es war eine langwierige Prozedur, weil die Schule inzwischen mit einem anderen Computerprogramm arbeitet. Noch immer ist meine Freundin froh, dass sie das hinbekommen hat. „Inzwischen will er Lokführerin werden“, erzählt sie zum Abschluss. Man kann schon mal durcheinanderkommen; es ist kein böser Wille, und wir schmunzeln. Gut, dass er, nein sie, nicht da ist.

Gestern – heute – morgen 

Die Post ist heute geschlossen; glücklicherweise kann ich im Vorraum trotzdem Geld abheben. Eine Frau tritt ein und bleibt erwartungsvoll vor der Tür stehen. „Es ist heute geschlossen“, sage ich. Die Frau schaut mich verständnislos an. „Nix verstehen“, sagt sie – ehrlich. „Heute“, versuche ich es wieder und zeige mit meinen beiden Zeigefingern nach unten, als wäre das Hier und Jetzt genau da, wo ich stehe. Sie schaut mich weiter ratlos an. Also krame ich Zettel und Stift hervor und notiere das heutige Datum: „13.3. … heute … geschlossen“, erkläre ich und beschränke mich auf die Kernaussagen. Sie schaut auf ihre Uhr, nickt und geht. „13.3., das ist heute“, rufe ich ihr noch hinterher. Wahrscheinlich ist auch das vergebens; die Frau reagiert überhaupt nicht.

Auf dem Nachhauseweg denke ich, dass ich vom Datum hätte sprechen sollen: Gestern war der 12.3. und morgen wird der 14.3. sein. Vielleicht hätte sie mein heute dann verstanden. Wahrscheinlich erfordert Deutsch für Ausländer mehr Struktur und Zeit; vielleicht sind Begriffe wie gestern, heute und morgen viel zu abstrakt für den Einstieg. Mein Trost: Dass die Post geschlossen war, hat die Frau verstanden. Ob sie morgen damit rechnet, dass das nur für heute, äh, dann gestern, galt – ich weiß es nicht.

Wichtig? Unbedingt!

Es kommt nur sehr selten vor, dass ich den Geburtstag eines Freundes vorüberziehen lasse, ohne handschriftlich zu gratulieren – das ist mir wichtig. Ich selbst freue mich sehr über echte Post und denke, dass es anderen auch so geht. Einige Rückmeldungen geben mir recht.

Durch verschiedene Extras in den vergangenen drei Wochen sind mir zwei Geburtstage durchgerutscht. `Ach, egal´, denke ich für einen kurzen Moment, `dann lasse ich es eben dieses Jahr´. Aber dann schreibe ich doch, verspätet – so what? Ich möchte mich nicht von einer vorübergehenden Fülle des Lebens abhalten lassen von etwas, was mir wichtig ist.

Eine meiner Töchter und ein Sohn schreiben meinem Mann zum Geburtstag; die anderen gratulieren per Video-Call: alles sehr individuell und wertschätzend. Diese konkreten Geburtstagsgrüße berühren ihn – sie sind ihm wichtiger, als Geschenke es je sein könnten.

Kreativ mit KI?

Im Internet `stolpere´ ich über eine Frau, die Kreativ-Workshops anbietet, unter anderem: Kreativ schreiben mit KI. Mit ihren Angeboten ist sie voll im Hier und Jetzt, sozusagen. Sie wirbt mit Begriffen wie `Female Empowerment´ und `Storytelling im Change-Prozess´.  Auch ihre Preise lassen vermuten, dass sie gut im Geschäft ist – nicht ganz meine Liga. Wahrscheinlich kann sie super schreiben und andere erfolgreich anleiten, das auch zu tun.

Dennoch bin ich nur eingeschränkt begeistert beziehungsweise verhalten bis skeptisch. Will ich etwas erschaffen und mich dabei durch Künstliche Intelligenz beflügeln lassen? Kreativität braucht Inspiration, das ist klar. Für mich ist es dennoch ein Unterschied, ob mich real existierende Dinge inspirieren wie Menschen oder Geschichten oder ein Algorithmus. Bei KI fehlt mir der dahinterliegende Geist, die menschliche Komponente der Unvollkommenheit. Meine eigene Kreativität ist begrenzt, nicht perfekt und manchmal mühsam. Das ist nicht immer angenehm, aber dafür ehrlich. Es käme mir unlauter vor, eine Abkürzung über KI zu nehmen – selbst wenn der Leser meiner Texte keinen Unterschied erkennen könnte.

Ein Wort – und noch eins

`Ein Wort gibt das andere´, sagt man und meint damit, dass sich ein Streit gern mal hochschaukelt. Wenn keiner der Beteiligten aktiv das weiße Tuch schwingt, nehmen die ausgetauschten verbalen Unfreundlichkeiten zu an Aggression und Lautstärke.

`Irgendwann gab ein Wort das andere´, schreibe ich meinem Schwiegervater und beziehe mich auf das aktuelle ZEIT-Rätsel, dessen Lösung ich ihm wie jede Woche zuschicke. Je mehr der gesuchten Begriffe ich herausfand, desto leichter erschlossen sich jene, die mir noch fehlten.

Genaugenommen passt die Redewendung nicht ganz – und trifft trotzdem wunderbar, was ich sagen will. Ich schätze, mein Schwiegervater hat genug Training im `Um-die-Ecke-Denken´ und wird mir zustimmen. 

Im Gespräch

Direkt nach der Arbeit bin ich mit einer Freundin verabredet. Mein Kopf ist noch voll vom Tag; es fällt mir schwer, mich zu konzentrieren. Deshalb schweife ich gedanklich immer wieder ab und bearbeite weiter, was mich im Büro beschäftigt hat. Was meine Freundin sagt, erreicht mich nur wie durch einen Nebel. Meine Antworten sind halbherzig und oberflächlich. Ich ertappe mich dabei, dass ich vermittle, interessiert zuzuhören – und es aber nicht wirklich bin. Immer wieder muss ich mich `zurückholen´ in das Hier und Jetzt. Es dauert eine kleine Weile, bis ich nicht nur körperlich, sondern auch mental da bin: mit meiner Freundin im Gespräch.

Mein Ding

Menschen spielen leidenschaftlich Fußball oder Klavier, verschlingen Bücher jeder Art, lieben das Kochen, basteln, stricken, fotografieren oder reiten. Die Möglichkeiten, einer Sache begeistert nachzugehen, sind Legion.

Ich mache einiges gern, vielleicht sogar sehr gern: laufen gehen oder wandern, lesen, im Wohnzimmer tanzen und dergleichen. All das geht allein, das ist gut. Nur für eine meiner Leidenschaften brauche ich ein Gegenüber – fürs Kommunizieren, am liebsten schriftlich. Es funktioniert nur, wenn andere sich darauf einlassen. Dadurch kann ich es nur begrenzt praktizieren, das ist schade. Denn es ist einfach mein Ding.

Diskussionskultur: geht gar nicht!

Die Welt ist nicht schwarz-weiß, sondern schillert in vielen Schattierungen von grau. Aber nicht selten erlebe ich Gespräche über Politik, in denen völlig klar ist, welche Meinung die einzig wahre ist – und alle anderen Positionen `gehen ja wohl gar nicht´. Ohne mich auf der einen oder anderen Seite des politischen Spektrums positionieren zu wollen, finde ich das irritierend. Helmut Schmidt soll gesagt haben: „Eine Demokratie, in der nicht gestritten wird, ist keine.“ Nur, wie geht das, Streiten?

Nehmen wir mal an, ein paar Kinder sitzen im Sandkasten und streiten sich, wie gespielt wird. Selten funktioniert es von allein, öfter hagelt es böse Blicke, Sandduschen oder gar Schläge. Keine normaldenkende Mutter würde in einem solchen Fall tatenlos danebenstehen, geschweige denn die anderen Kinder von der Sandkastenkante schubsen. Stattdessen helfen Mütter ihren Kindern, KOMPROMISSE auszuhandeln. „So geht das aber nicht“, heißt es dann, „ihr könnt euch sicher einigen.“ Weil nur so das Zusammenspielen funktioniert.

Die erste Regel für `gutes Streiten´ ist sicherlich, einander zuzuhören – und anzuerkennen, dass der andere nicht automatisch komplett bescheuert ist, nur weil er eine andere Meinung hat. Toleranz nennt man das: ein Geltenlassen anderer Überzeugungen. In der Praxis des Diskutierens scheint schon das häufig eine zu hohe Hürde. Viel einfacher ist es, bestimmte Ansichten einfach unter `geht gar nicht´ abzulegen und die eigene Meinung noch ein bisschen lauter rauszuschreien. Nur bringt uns das leider überhaupt nicht weiter in unserem demokratischen Miteinander. Im Gegenteil entsteht eine Geht-gar-nicht-Diskussionskultur, über die sich meiner Meinung nach nur eins sagen lässt: geht gar nicht!

Bleib? Nö!

Hundebesitzer sind ebenso bei Wind und Wetter draußen wie Eltern kleiner Kinder oder Läufer. Die meisten sind freundlich – ob sie ihren Hund nun im Griff haben oder nicht. Manche reden nur mit ihrem Hund, nicht aber mit dem Menschen, dem der Hund gerade hinterherrennt. Damit kann ich inzwischen leben, sofern das Tier aufgrund des Geschimpfes irgendwann von mir ablässt.

Ein Hundebesitzer, dem ich – glücklicherweise – sehr selten begegne, redet jedoch überhaupt nicht: auch nicht mit seinem Hund. Stattdessen bleibt er, also der Hundebesitzer, stehen, wenn er mich sieht. Ohne Blickkontakt stellt er sich vor seinen vierbeinigen Liebling. Verständlicherweise ist dieser umso neugieriger und starrt mir gespannt entgegen. Wenn ich ehrlich bin, macht das keinen besonders vertrauenerweckenden Eindruck. Entsprechend nervös gehe (oder jogge) ich dann an beiden vorbei – zurecht: In einer fließenden Bewegung drängelt sich der Hund hinter seinem Herrchen vorbei und springt mir vor die Füße, soweit es die dann plötzlich straff gespannte Leine zulässt. Und noch immer: kein einziges Wort.

Der Mensch könnte wissen, dass ein zufällig vorbeilaufender Spaziergänger mit seinem Hund weder um die Wette rennen noch spielen möchte. Aber der Hund? Der weiß das nicht, dem muss man das sagen, meinetwegen mit einem: „Bleib!“ oder: „Hiergeblieben!“ Irgendetwas, es ist mir egal. Aber ganz ohne Kommunikation macht der Hund eben, was ER will.

Wie nett ausbaldowert!

In einem Artikel in der Zeitung wird der Sprecher irgendeiner Staatsanwaltschaft zitiert – indirekt: Die drei Terroristen hätten `die Gegend ausbaldowert´, steht da. Ausbaldowert, ich muss lächeln: Wie lange habe ich dieses Wort nicht mehr gehört, geschweige denn gelesen!

Besagter Sprecher ist wohl nicht mehr der Jüngste, denke ich, und er redet, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Juristensprech hört sich anders an – Zeitungsdeutsch auch. Welcher Journalist das wohl ausbaldowert hat, diese Aussage so ungeglättet zu übernehmen …