Bleib so, wie du bist! Oder?

„Ich will so bleiben, wie ich bin“, hieß es vor Jahren in einem Werbeslogan; die Antwort war ein gehauchtes: „Du darfst!“ Es ging dabei `nur´ um das körperliche Erscheinungsbild – heutzutage, hierzulande und vor allem für junge Menschen ein sehr wichtiges Thema. „Bleib so, wie du bist!“ ist ein Zuspruch, der sich eher auf das Innenleben befasst. Im ersten Moment freut man sich darüber, denn darin stecken Lob und Wertschätzung. Aber der Satz ist sicherlich nicht ganz ernst gemeint – und geht ein wenig an der Realität vorbei: Menschen entwickeln sich weiter, machen Fehler, lernen dazu und verändern sich mit der Zeit – sie reifen. Das ist normal und gut so. „Bleib so, wie du bist!“ ist zu allgemein und greift zu kurz.

Für mich jedenfalls ist Stillstand nicht die erste Wahl: Ich bin froh, dass ich von mancher starren Sichtweise abrücken konnte und heute öfter das große Ganze sehe, anstatt mich über Kleinigkeiten zu ärgern. Meine Meinung muss ich nicht immer sagen; ich kann inzwischen ganz gut nur zuhören. Solche Dinge fallen unter `reifer geworden´, aber nur im Sinne eines Zwischenfazits. Bei mir ist durchaus weiteres Wachstumspotential vorhanden: Ich wäre gern geduldiger und gelassener, zufriedener und dankbarer, ausgeglichener und mehr um Frieden bemüht. Noch immer nehme ich mich manchmal selbst zu wichtig, habe in Diskussionen eine klare Vorstellung vom Ergebnis, scheue kontroverse Gespräche und kann nicht gut mit Kritik umgehen. In all dem möchte ich nicht so bleiben, wie ich bin, sondern mich verändern. Irgendwann kann ich hoffentlich fröhlicher andere Positionen stehenlassen, mutiger meine Meinung sagen und demjenigen danken, der mich auf meine Fehler und Schwächen hinweist. Fertig werde ich damit nie sein, denn das innere Wachstum geht lebenslang weiter: Glücklicherweise bleibe ich nicht so, wie ich gerade bin.

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