Ich sitze mit einer Freundin in einem Café. An einem der anderen Tische sitzen ebenfalls zwei Frauen. Einer von beiden rutscht die Serviette aus der Hand – sie lässt sie auf den Boden fallen und winkt ab. Servietten-Müll wird morgen nicht mehr hier liegen; irgendwer muss diese Serviette aufheben. Das weiß ich und die Frau weiß es auch, aber offenbar ist es ihr egal. Die ganze Situation dauert keine 20 Sekunden. Später wird einer der Kellner die Serviette aufheben und sich nichts dabei denken – verglichen mit anderen Dingen ist das eine Kleinigkeit. Kann alles sein. Aus meiner Sicht ist ein derartiges Verhalten dennoch vollkommen ungehörig.
Im Schatten
Da wird ein Schwede, mal wieder, erst Olympiasieger im Stabhochsprung und verbessert dann seinen eigenen Weltrekord auf die beachtliche, wahnwitzige, fast unvorstellbare Höhe von 6,25m. Der Zweitplatzierte freut sich über 5,95m – ebenfalls sehr hoch, aber eben doch deutlich darunter. Und ich denke an die vielen Sportler, die irgendwie im Schatten anderer stehen.
Solange Manuel Neuer zwischen den deutschen Fußballpfosten hin und her springt, bleibt für Sven Ulreich (beim FC Bayern) und Marc-André ter Stegen (in der Nationalmannschaft) eben oft nur die Bank.
Und so sehr sie bewundert und geschätzt wird: So manche junge Frau wünschte sich vielleicht, nicht gerade zur selben Zeit wie Simone Biles nach Turn-Sternen greifen zu wollen …
Und das sind nur die, die es bis nach ganz oben schaffen. Wie viele großartige Sportler müssen sich mit dem Schattenplatz des Ewig-Zweiten zufriedengeben oder die (Ersatz-)Bank drücken? Der Unterschied zwischen Ruhm und Ehre auf der einen Seite und dem zweifelhaften Glanz des Vizes liegt wahrscheinlich selten an einem `nicht gut genug´. Manchmal ist es einfach nur unverschuldetes schlechtes Timing, das einem den Weg in die Sonne des Erfolgs versperrt.
Olympia
Was würden wir machen ohne große Sport-Ereignisse wie Olympia? Wir hätten mehr Zeit für laue Sommerabende auf der Terrasse und weniger Anlass für Nationalstolz; wir hielten uns selbst für ziemlich sportlich und wüssten weniger darüber, wie leistungsstark der menschliche Körper tatsächlich sein kann. Ob Sport uns interessiert oder nicht: Eine Olympiade ist eine tolle Sache!
Gespräch, fortlaufend und improvisiert
Die Kundin vor mir packt ihre Waren ein und spricht nebenbei mit der Kassiererin – es geht um Urlaub. Die Frau an der Kasse hatte schon im Juni ein paar Tage frei und wird im September nach Usedom fahren. Sie würden die Räder mitnehmen, sagt sie und: „Hauptsache trocken.“ Mittlerweile bin ich aufgerückt und erwähne, dass sich das Wetter an der See ja immer sehr schnell ändern würde, manchmal auch zum Guten.
Die Kundin vor mir zieht los; das Gespräch läuft weiter. Ich erwähne unsere diesjährige Route nach Rügen. „Wir fahren auch immer so“, sagt die Kassiererin, „bis Ludwigslust auf der Landstraße, dann weiter auf der A20.“ Das sei so entspannt. Ich nicke und bezahle. Die Kundin nach mir schaltet sich ein und sagt, dass man bis Ludwigslust erstmal kommen müsse.
Was noch gesagt wird, höre ich nicht mehr; ich steige aus. Das Gespräch läuft weiter – mit einer gewissen Eigendynamik. Es ist ein bisschen wie im Improvisations-Theater: mit der Kassiererin als dem einzigen festen Ensemblemitglied.
Ein besonderer Tag
Weil ich nachts wach gelegen habe, starte ich ziemlich müde in meinen Tag. Vor mir liegt ein buntes Portfolio an Dingen, die ich tun muss, sollte oder möchte: diverse Schreibtisch-Jobs einerseits und dazu profaner praktischer Kram. Die Reihenfolge bleibt mir überlassen; das ist nicht immer eine gute Sache. Ich fange einfach `irgendwo´ an und hoffe, dass ich am Ende des Tages einiges geschafft haben werde.
Im Laufe des Tages springe ich vom Schreibtisch zum Wäscheständer, fahre einkaufen und führe ein Telefon-Interview; nochmal Wäsche, außerdem saugen und bügeln – und wieder ein bisschen schreiben. Es fühlt sich an wie ein großes Durcheinander und die Zeit verfliegt. Nach und nach landen immer mehr Projekte in der Kategorie `erledigt´.
Es gibt Tage, an denen mir ein derartiges Hin und Her den letzten Nerv raubt und ich kaum etwas abhaken kann. Heute aber empfinde ich die Abwechslung von Denken und Tun als wunderbar erfrischend. Meine Laufrunde am frühen Abend bildet den anstrengenden, aber gelungenen Abschluss eines besonderen Tages.
Antanzen
„Ich will aber nicht schon so früh antanzen“, schreibt meine Freundin, und es versetzt mir einen Stich. Wir haben ein kleines gemeinsames Projekt; vielleicht habe ich ein wenig mehr den Hut auf. Es geht darum, wann wir uns am nächsten Morgen treffen – ihr ist mein Vorschlag offenbar zu früh. Das wäre kein Problem, man kann ja unterschiedlich viel letzte, individuelle Vorbereitung benötigen. Aber ihre Formulierung trifft mich doch, denn ich lasse sie nicht `antanzen´. Ich lade höchstens ein oder schlage vor oder bitte sie. Meine spontane Reaktion ist dann auch unangemessen: Dann komm doch auf den letzten Drücker, denke ich nämlich, ich schaff das auch alleine!
Glücklicherweise sage ich nicht, was ich denke, sondern spreche an, was `antanzen´ in mir auslöst. So hatte sie es natürlich nicht gemeint; mein Verstand weiß das auch. Trotzdem bleibt da ein klitzekleiner Rest an Unbehagen. Aber am nächsten Morgen kommt sie lachend und augenzwinkernd angetanzt – buchstäblich. Und dann ist wirklich alles wieder gut. Ich hoffe, in Zukunft klingt etwas von diesem Amüsement in mir nach, wenn es darum geht, irgendwo antanzen zu müssen.
Die Mama-Wo-Frage
„Mama, weißt du, wo mein … ist?“ Fast immer antworte ich mit: „Ja!“
Erstaunlicherweise funktioniert das auch noch mit den Kindern, die schon längst ausgezogen sind und nur noch auf Kurzbesuch hier vorbeikommen. Wenn sie die Mama-Wo-Frage nicht mehr stellen, stehen sie wahrscheinlich wirklich auf eigenen Füßen …
Faszinierend
Am frühen Abend kriechen einige Nacktschnecken (scheinbar) ziellos über unsere Terrasse. Ich weiß nicht, was sie dort suchen oder wie sie sich orientieren: Vielleicht sind die Steine noch warm von der Sonne oder trockener als die angrenzenden Beete nach all dem Regen der vergangenen Tage. Irgendetwas scheint die Nacktschnecken anzulocken. Dieses Jahr gibt es besonders viele von ihnen; ich finde sie ein bisschen eklig. Heute beobachte ich die Exemplare auf unserer Terrasse eine Weile. Sie schlängeln sich nicht wie eine Schlange und ziehen ihren Körper auch nicht wie eine Raupe auseinander. Stattdessen gleiten sie langsam, gleichmäßig und lautlos dahin – wie genau sie das tun, bleibt mir verborgen.
Gott hat sich sehr viele verschiedene Tiere ausgedacht; manche gefallen mir, manche nicht. Nacktschnecken gehören zur zweiten Kategorie und freiwillig fasse ich sie nicht an. Aber wie sie sich fortbewegen, das fasziniert mich.
Ein voller Erfolg!
Wir fahren zum Weinmarkt in die Stadt. Es ist gutes Wetter und entsprechend ist die Veranstaltung gut besucht. Sehr gut sogar: Sitzplätze sind sowieso belegt, aber auch Stehplätze sind schwer zu finden. Lediglich ein paar schmale, gewundene Pfade quer durch die Menge sind zu erkennen. Also quetschen wir uns hindurch – im Entengang mit einigen anderen, die auch (noch) kein Weinglas in der Hand haben. Während wir im Schneckentempo vorankommen, sehen wir einige Bekannte. Im Strom der Gehenden ist Stehenbleiben keine Option; zum Reden ist es zu laut.
Nach etwa fünf Minuten lichtet sich die Menge und wir landen vor den Toilettenwagen. Dort treffen wir eine unserer Töchter mit zwei Freundinnen. Sie warten auf `die anderen´, bevor sie sich fröhlich in das Gewimmel stürzen wollen. Dass es voll ist und sehr laut, stört sie nicht: „Ist halt so und besser, als wenn nix los wäre.“ Sie hat recht; für die Stadt ist die Fülle super und buchstäblich ein voller Erfolg: Das Geschäft in den angrenzenden Lokalen brummt ebenfalls.
Wir wählen für den Rückweg zu unseren Fahrrädern eine andere Strecke und fahren fröhlich wieder nach Hause. Auf der Terrasse sitzt man an diesem lauen Sommerabend auch gut – in Ruhe und (wer will) mit Wein.
Einer kann (nicht), ein anderer kann´s einrichten …
„Wenn du wirklich gar nicht kannst, kann ich das übernehmen …“, schreibt eine Bekannte. Und ich denke unwillkürlich, das ist ein Wolf im Schafspelz beziehungsweise eine Absage verpackt in einer Zusage. Ich empfinde ihre Worte als freundlich, aber dennoch unmissverständlich – und leicht manipulativ. Habe ich eine Wahl? Ja, man hat immer eine Wahl, aber diese hat einen Preis: Entweder ich sage zu und setze mich in diesem Fall fünf Stunden ins Auto, obwohl ich meinen Samstag auch zu Hause gut füllen kann. Oder ich sage ab und riskiere ein schlechtes Gewissen. Denn, wer kann schon `wirklich gar nicht´? Ich kann manchmal (und so auch dieses Mal) höchstens `nicht so gut´, was soviel heißt wie: „Ich hätte eine bessere Alternative!“ Von dort bis `wirklich gar nicht´ kann ich eine ganze Menge einrichten.