Zeitgeist: Last minute

Eine Mutter möchte ihrem Kind in weiter Ferne etwas nachschicken, was es zu Hause vergessen hat. Der Karton fürs Paket steht schon bereit; es ist Dienstag. Da schreibt das Kind, ein Freund würde am Wochenende ohnehin kommen: Dem könnte die Mutter das Vergessene mitgeben. Oh, wie praktisch, freut sich die Mutter und geht nicht zur Post.

Am Freitagmorgen meldet sich der Freund. Er warte noch auf Rückmeldung eines anderen Freundes, dann könne es konkrete Absprachen geben. Eine halbe Stunde später kommt eine Sprachnachricht, der andere Freund fahre nicht mit. Allein habe er keinen Bock auf die weite Fahrt, vielleicht ein andermal – sorry.

Die Mutter packt das Paket und bringt es zur Post.

Zwei Stunden später meldet sich der Freund wieder: Der andere Freund komme doch mit – wann würde es passen, das Zeug abzuholen?

„Machst du Witze?“, schreibt die Mutter zurück. Eines ihrer anderen Kinder sitzt unbeteiligt (und an der Misere unschuldig) auf dem Sofa. Es ist krank, kann nicht weg und muss ihn sich anhören, den mütterlichen Rat: „Im Umgang mit älteren Personen wären eine gewisse Planung und Verbindlichkeit sehr freundlich und angebracht.“ 

Ob´s was nützt? Keine Ahnung.

Manchmal fragt die Mutter sich, inwiefern man ihm widerstehen kann, dem Zeitgeist.

Verbindlichkeit adé

Das Dahinschwinden von Werten und Zwängen, die für meine Eltern noch Standard waren, erfüllt mich nicht nur mit Freude und Erleichterung, sondern auch mit leiser Wehmut und lautem Bedauern. Schön ist, dass ich nicht bis zur Selbstaufgabe pünktlich sein muss, um in meinem Freundeskreis noch eingeladen zu werden. Schön ist auch, dass man auf Anfragen mit einem klaren „Nein“ antworten kann: Ich muss Erwartungen nicht erfüllen, um als vollwertiges Mitglied einer Gemeinschaft akzeptiert zu werden. Unsere Kinder dürfen auch mal nicht zum Training gehen; in der Regel tun sie das aber doch, sind sie verbindlich.

Es ist nämlich ausgesprochen schade und äußerst unglücklich für die Charakterbildung, wenn man unangenehmen Terminen oder Personen fernbleibt und sich den Weg des geringsten Widerstandes als den einzig gehbaren und der eigenen Seele zumutbaren aneignet. Auf diesem werden so überlebensnotwendige Fähigkeiten wie Durchhaltevermögen und Frustrationstoleranz, Kreativität und Flexibilität nicht gelernt. Und wie wichtig erweisen diese sich im manchmal so langweiligen und unspektakulären Alltag!