Pippi und Lotta

In unserer Nähe wohnt eine Familie mit zwei Töchtern, nennen wir sie Pippi und Lotta. Pippi ist elf, normal begabt und geht in die Schule; Lotta ist ungefähr acht, geistig behindert und spricht kein Wort – außer „Mama“. Die beiden Mädchen wohnen im Grünen und sind viel draußen. Kürzlich ging ich spazieren und hörte Pippi schon von weitem: „Lotta, nein!“ Es folgten ein paar unverständliche Worte und dann der Ausruf: „Los, geh` die Hühner ärgern!“

Ich wurde nachdenklich. Lotta wird sich weiterentwickeln und viel lernen. Wahrscheinlich wird sie weiter unterbrechen und „stören“, wenn sie mitspielen oder auf sich aufmerksam machen möchte. Sie wird auf ihre Weise und in ihrer Welt Grenzen erleben (und einige überwinden) – und manchmal verärgert sein, manchmal trotz oder wegen ihrer Begrenzungen unbekümmert und glücklich. Pippi wird sich ebenfalls weiterentwickeln und viel lernen – unter anderem, herausfordernden Menschen etwas anderes zu entgegnen als: „Such dir ein anderes Opfer.“ Auch in Pippis Leben wird es Grenzen geben: Einige wird sie überwinden, andere muss sie akzeptieren – das wird sie zum Teil ärgern, zum Teil glücklich machen.

Auf den ersten Blick sind die Möglichkeiten der beiden sehr unterschiedlich, im Kern ähneln sie sich. Weil sie Schwestern sind, werden sie immer wahrnehmen, dass es nicht nur ein „normal“ gibt. Wer kann sagen, welches das erfülltere Leben ist?

Freiheit und Grenzen

Wir sind frei zu reden, was wir denken,
zu lernen, was uns interessiert,
zu reisen, wohin wir möchten,
zu protestieren, wogegen wir wollen.

Aber wir sind begrenzt von
der Meinung anderer,
unserer eigenen Prägung,
Vorurteilen.

Je ehrlicher wir unsere Grenzen wahrnehmen, umso weniger halten sie uns gefangen.