Verdrängen oder abgeben

„In der Angst rief ich den Herrn an; und der Herr erhörte mich und tröstete mich.“
Psalm 118, 5

„Worin besteht eigentlich der Unterschied zwischen verdrängen und abgeben?“, fragt mich meine Freundin: „In beiden Fällen ist etwas weg.“ Spontan denke ich: Beim Verdrängen sind meine Augen geschlossen, beim Abgeben geöffnet. Aber ist das alles?

Dieselbe Freundin hat Brustkrebs; seit März ist sie in Behandlung – Chemo, Nebenwirkungen, Bestrahlung. Wir treffen uns fast wöchentlich zum Reden und Beten. Wir könnten den Gedanken daran verdrängen, dass sie sterben kann. Die damit verbundenen Gefühle wie Angst und Unsicherheit wären aber weiterhin da: Auch wenn wir sie ignorieren, bleiben sie machtvoll. Unterschwellig würden sie bestimmen, wie es meiner Freundin innerlich geht, wie sie denkt und handelt.

Tatsächlich sprechen wir über den Gedanken, dass sie sterben kann. Die damit verbundenen Gefühle wie Angst und Unsicherheit ignorieren wir nicht, sondern geben sie an Gott ab. Auf wundersame Weise verlieren sie an Kraft: Stattdessen schenkt Gott Frieden und Vertrauen. Diese bestimmen, wie es meiner Freundin innerlich geht, wie sie denkt und handelt.

Verlust

Auf einer Postkarte, die ich mittlerweile verschickt habe, stand der Vers: „Die Furcht vor Verlust ein Pfad zur dunklen Seite ist.“ Dazu ein Bild von Yoda, DEM Jedi-Master aus Starwars.

Ich bin kein Fan von „Krieg der Sterne“, ich blicke überhaupt nicht durch. Nur ein paar Namen sind mir im Laufe der Jahre durch meine Söhne immer wieder begegnet – und ich kann sie normalerweise den Guten oder Bösen zuordnen. Yoda verkörpert die Weisheit der Guten und die Macht. Wenn man das überhaupt in einem Satz sagen kann und darf.

Yoda ist so weise, dass ich ihn kaum verstehe: Auch dieser Ausspruch über die Furcht vor Verlust ist mir ein Rätsel. Eine mögliche Lösung erschloss sich mir letztens im Garten. Angst ist eine starke Triebfeder. Ich schätze, die Angst um mir liebe Menschen würde mich zu allem möglichen befähigen. Was könnte schlimmer sein als der Tod des Ehemannes, eines Kindes? Ich rede wie die Blinde von der Farbe, denke aber, dass man den Tod anderer „überlebt“. Nicht unbedingt unbeschadet, vielleicht noch nicht einmal besonders intakt. Aber danach wäre noch immer Dagmar da.

Was aber, wenn es um den Verlust meiner eigenen Identität ginge? Stünde sie auf dem Spiel, wäre ich ebenfalls zu allem bereit – und noch dazu wäre mir alles egal. Wie kann ich sie verlieren? Indem ich mich abhängig mache von der Meinung anderer, mich definiere über die Meinung anderer. Menschenfurcht nennt Gott das wohl. Überlasse ich es Menschen und nicht Gott, mir meine Identität zuzugestehen – oder eben auch nicht -, dann werde ich zu deren Spielball. Die Furcht vor Verlust der Identität könnte Yoda also meinen. Der Weg dahin ist gepflastert mit Angst:

Angst vor Ablehnung,
Angst vor Be- oder Verurteilung,
Angst, mich zu blamieren,
Angst, ein schlechtes Bild abzugeben,
Angst, nicht dazuzugehören,
und so weiter und so fort.

Diese Ängste verleiten mich zu Lüge und Prahlerei oder zum Versteckspielen.

Ist meine Identität in Gott verankert, verblassen die Ängste und erübrigen sich die Umgehungs-Strategien. Gott nimmt mich an, liebt mich, gibt mir einen Wert.

„Menschenfurcht bringt zu Fall; wer sich aber auf den Herrn verlässt, wird beschützt.“
Sprüche 29, 25

Vielleicht hat Yoda das nicht gemeint, aber so kann ich ihn verstehen.

Freiheit und Angst

Im Vorbeifahren sehe ich auf einem Feld ein Windrad. Zu dessen Füßen stehen mehrere Autos. Ich schaue nach oben – und sehe auf der Spitze des Windrades einen Menschen. Freihändig und ruhig steht er da. Wahrscheinlich ist er gesichert, wahrscheinlich ist da oben genug Platz zum Rand, wahrscheinlich hat er keine Höhenangst. Der Anblick sendet mir trotzdem heiße und kalte Schauer über die Haut – ich spüre die Angst, die er meiner Meinung nach haben müsste. Wenige Sekunden später frage ich mich, ob er sich vielleicht nicht ängstlich, sondern frei fühlte. Aber ist die Grenze dazwischen immer ganz klar?

Freiheit ist ein hohes Gut. Wer frei ist, wird von nichts gehalten oder gebremst. Wer frei ist, kann ohne Zwänge aus vielen möglichen Wege auswählen. Das ist wunderbar und eine Last zugleich – nicht umsonst heißt es „Qual der Wahl“. Was genau quält uns? Ich denke, es ist die Angst, etwas anderes zu verpassen oder mit dem eingeschlagenen Weg nicht klarzukommen. Wo die Freiheit grenzenlos ist, kann sich auch Angst breitmachen.

Freiheit ist großartig, gute Grenzen sind es auch.

Was mir Angst macht

Dominante Menschen, Unehrlichkeit, ungeklärte Beziehungen, Wut – meine eigene und die von anderen. Manchmal auch Krach, aber das spielt sich auf einer anderen Ebene ab. Und vielleicht noch ein paar andere Dinge…

Real oder fiktiv

Spannende Filme sind nichts für mich: Ich kann sie nicht sehen, ohne mich zu fürchten oder zu erschrecken. Mein Kopf weiß, dass es sich nur um eine Geschichte handelt; mein Gefühl lässt sich dennoch nicht abschalten – auch ohne Special Effects erlebe ich (auch leichte) Spannung als beängstigend. Sogar hervorsehbare Situationen sind mir schnell zu aufregend. Lieber schaue ich nicht hin.

Gute Filme machen so etwas, sie gehen unter die Haut, das soll so sein. Nicht die Trennung von Realität und Fiktion fällt mir schwer. Mir ist schon klar, dass ein Film ein Film ist und nicht die Wahrheit. Ganz real ist aber die Angst in mir, die Aufregung – ich kann sie körperlich spüren. Ist doch komisch. Im wahren Leben würde ich mich nicht als ängstlich und schreckhaft bezeichnen. Was Filme angeht, schon.

Angst – ein sich wandelnder Begleiter

Mit acht Jahren hatte ich Angst im Dunkeln, war nicht gern allein. Meine Eltern haben alles dafür getan, mich nicht allein zu lassen und mir die kindliche Angst vor der Dunkelheit zu nehmen.

Mit 18 war von Angst im Dunkeln bei mir keine Spur mehr vorhanden. Dafür hatte meine Mutter Angst um mich – ganz erhebliche. Die einsamen Abkürzungen durch den Wald, die leeren Straßenzüge mitten in der Nacht habe ich dennoch angstfrei in Kauf genommen, um selbständig mit dem Rad von A nach B zu kommen.

Jung verheiratet mit 28 sorgte sich plötzlich mein Mann, wie und ob ich nachts sicher radelnd nach Hause komme – und in mir machte sich eine gewisse Unsicherheit breit. Lästig, aber durch das Vermeiden von Schleichwegen zu beherrschen.

Im nicht mehr ganz so zarten Alter von 38 Jahren und mit fast fünf Kindern im Schlepptau gab es wenig Zeit für nächtliche Eskapaden – und überhaupt wenig Gelegenheit, allein zu sein.

Heute, zehn weitere Jahre später, bin ich besorgt um meine halbwüchsigen Kinder, wenn diese allein des Nachts unterwegs sind. Geht es darum, ihnen mit dem Rad entgegenzufahren – kein Problem: Um mich mache ich mir keine Gedanken, um mich habe ich keine Angst.

Interessant. Tätern ist das Alter der Opfer doch wahrscheinlich egal. Außerdem sind nachts alle Katzen grau (= einheitsalt). Die Bedrohung ist dieselbe (mindestens), das Gefühl „Angst“ hat sich über die Jahre sehr gewandelt. Eine Liedzeile weht mir durch den Kopf: „In wieviel Not hat nicht der gnädige Gott über mir Flügel gebreitet!“ Und wieviel Gefahr hat Gott schon abgewendet, bevor ich sie registriert habe.