Alle Jahre wieder

Wie jedes Jahr Ende Dezember kommt seit einigen Tagen mehr private Post als sonst. Weihnachten schreiben auch Menschen noch Briefe oder Karten, die das sonst nicht tun. Ich freue mich sehr über jeden Gruß; einige sind tatsächlich unerwartet, alle freundlich, zwei oder drei besonders: Solche ehrlichen und wertschätzenden Worte sagen oder schreiben wir uns sehr selten. Brauchen wir einen äußeren Anlass, um loszuwerden, was uns wirklich bewegt? Sind wir zum Jahresende in einer anderen Stimmung als das Jahr über oder haben wir einfach mehr Zeit? Es ist mir egal, ich freue mich einfach – alle Jahre wieder.

Nicht überstanden

„Frohe Weihnachten“, wünscht ein älterer Herr der Kassiererin im Supermarkt – am 8. Januar. Ihre Antwort ist prompt und eindeutig: „Na, Weihnachten haben wir Gott sei Dank erstmal wieder überstanden; ein schönes Wochenende reicht.“ Wie schade, wenn Weihnachten kein willkommenes Fest mehr ist, sondern ertragen werden muss! Immerhin hat Gott der Frau dabei geholfen – aber das klingt vielleicht nur für mich seltsam.

Auch ich bin Anfang Januar nicht traurig, dass Weihnachten vorbei ist: Ich habe die Deko weggeräumt, begrüße das baldige Ferienende und freue mich, dass die Tage wieder länger werden: Der normale Alltag mit Struktur und Aufgaben ist eine schöne Perspektive. Aber ich habe die Weihnachtszeit nicht nur `überstanden´, sondern genossen – und ich würde die Feiertage anders gestalten, wenn sie mir wie ein Verpflichtung vorkämen.

Gesegnete Weihnachten!

Viele Menschen auf dieser Erde feiern Weihnachten, viele andere nicht. Weihnachten ist das Fest der Christen – klar, dass Moslems, Buddhisten, Hindi, Juden kein Bedürfnis haben, Weihnachten zu feiern. Kürzlich ist mir allerdings ein Christ begegnet, der Weihnachten auch nicht feiert. Für ihn ist es klar, dass Gott Mensch geworden ist; er braucht kein besonderes Fest, um sich daran zu erinnern. Zudem wird in der Bibel nicht ausdrücklich dazu aufgefordert. Stimmt alles.

Entsprungen ist Weihnachten aus einem heidnischen Was-weiß-ich-Fest. Die frühe Kirche hat es aufgegriffen, die Kirchengeschichte zu dem gemacht, was es heute ist. Man muss nicht mitfeiern, das ist klar. Man kann modifizieren und nur bestimmte Aspekte mitmachen. Man kann bis ins kleinste Detail alles in Frage stellen, was die jahrhundertealte Tradition uns heute als Weihnachtsfest präsentiert. Stimmt auch alles.

Es ist durchaus berechtigt, für sich selbst herauszufinden, was dazugehört und was nicht. Ich persönlich tue das auch: Ich führe bestimmte Familientraditionen aus meiner Ursprungsfamilie nicht fort – und vermisse sie nicht. Es ist mir außerdem klar, dass der weihnachtliche Konsumwahn überhaupt nichts mit den Geschenken für das Kind in der Krippe zu tun hat. Trotzdem bin ich nicht soweit, Weihnachten für mich ganz zu streichen oder völlig neu zu erfinden. Gott ist Mensch geworden in einer demütigen und einzigartigen Art und Weise, die mein Denken übersteigt. Mein ganz persönliches Weihnachtsfest mit all seinen Unvollkommenheiten und Inkonsequenzen ist eine zu wertvolle besondere Erinnerung daran, als dass ich es streichen wollte.

In diesem Sinne: Gesegnete Weihnachten!