Nebenbei Schule

Am Küchentisch arbeiten und lernen diejenigen unserer Kinder, die gern in Gesellschaft sind. Sie – und somit auch ich – beschäftigen sich (heute) mit Erdkunde, Latein, Französisch, Politik, Deutsch und Mathe. Ich beantworte Fragen zu dem einen oder anderen Fach und bereite irgendwann nebenbei das Mittagessen vor. Zwei weitere Kinder sitzen oben an ihren Schreibtischen; manchmal kommen auch sie nicht allein weiter. (Der Abiturient darf in die Schule.) Ich weiß nicht immer die Antwort auf fachliche Fragen, aber als ermutigendes und die allgemeine Stimmung belebendes Element bin ich super.

„Hier sieht es nach Arbeit aus“, sagt mein Mann, als er nach Hause kommt, und scheint mich ein wenig zu beneiden: „Ich schätze, du wirst durch den Lockdown zur Universalgelehrten.“ Er hat nur ein bisschen recht. Die Beschäftigung mit verschiedenen Fächern macht mir Spaß und versüßt mir das Kochen: Ich kann nebenbei altes Wissen wiederbeleben und Synapsen neu verknüpfen. Allerdings hoffe ich, die „echten“ Schüler kommen gelehrter (als vorher und als ich) aus dem Lockdown heraus.

Schule

Eine meiner Töchter sollte letztens ein englisches Gedicht schreiben zum Thema Corona. Mein Sohn muss eine Ersatzleistung über drei DIN A4-Seiten abgeben – Thema: Corona und ich (frei interpretierbar). Und um das momentan nicht stattfindende Fach Sport-Theorie mit Leben (und einer Hausaufgabe) zu füllen, dürfen die Schüler ein Bewerbungsvideo drehen. Gern kann das unkonventionell und kreativ sein: Der Lehrer gab vor: „Traut euch, nur ich schaue das an!“ 

Ich bin begeistert. Wenn Schule so ist, wäre ich gern (nochmal) Schüler. Aus meiner Schulzeit kenne ich derartige Aufgabenformate nicht: Wir mussten in Mathe rechnen, in den Sprachen Vokabeln lernen oder Texte schreiben, in den Naturwissenschaften die Fakten lernen und anwenden. Es hat mir nicht geschadet, natürlich nicht. Vielleicht kann ich nur deshalb heute meiner Tochter bei ihrem Gedicht helfen, den Text meines Sohnes korrigieren und ein bisschen aufpolieren und ihm Ideen für ein „mittelmäßig verrücktes“ Bewerbungsvideo liefern?

Ich habe den Eindruck, mir machen die Hausaufgaben meiner Kinder mehr Spaß als ihnen…

Was man so braucht …

Meine großen Söhne haben Stundenpläne, durch die sie oft erst nach der zehnten Stunden nach Hause kommen. Das ist anstrengend und schlägt auf die Stimmung – so auch gestern. Der eine hatte einen Stapel Bücher aus der Bibliothek unterm Arm. Er braucht sie für eine Hausarbeit, zu der er sich zwingen muss, und schaute voller Unlust auf die Lektüre. Der andere war ebenso genervt und schimpfte: „Es ist unglaublich, wie viel man lernen muss – und einfach nie wieder braucht.“ Während er die Treppe hochging, murmelte er vor sich hin: „Ich muss nicht wissen, wie viele Elektronen ein Wasserstoffatom hat.“

Es stimmt, denke ich: Inhaltlich braucht man Vieles davon nie wieder, aber das WIE des geistigen Arbeitens – gerade auch in Themenbereichen, die einen nicht interessieren – braucht man eben doch immer wieder. Mit ungeliebten Aufgaben zu kämpfen und sie klaglos zu erledigen, das hilft im Erwachsenenleben. Wahrscheinlich braucht man diese Kompetenz in den meisten Jobs, ganz sicher aber in jeder Art Familien- oder Single-Leben.

Kein Herrschaftswechsel

Wenn Eltern ein Kind einschulen, hören sie meist die Voraussage, dass die Lehrerin für das Kind ziemlich bald größere Autorität haben wird Mutter oder Vater. „Frau Soundso hat aber gesagt, dass ich das nicht machen muss“, wird zur stärksten Drohung, die man der künftigen Schulkind-Mutter entgegen schleudern kann. Als hätte ich als Mutter nichts mehr zu sagen oder würde mein Kind ab sofort nur noch durch Schule lernen und geprägt werden.

Ich sehe das anders: Ich kann ganz viel nicht, wofür die Lehrer meiner Kinder besser ausgebildet sind. Andererseits kann und mache ich ganz viel, wofür die Lehrer meiner Kinder nicht zuständig sind. Von daher bleibt es als Mutter meine Aufgabe, mein Kind zu unterstützen und das zu ergänzen, was Schule nicht leisten kann oder nicht leistet. Radfahren und Schwimmen beispielsweise. Mit einem Autoritäten-Wechsel hat das nichts zu tun.

Das durch die Schule vermittelte Wissen ist mir nicht egal. Noten sind mir allerdings weniger wichtig als das, was unsere Kinder tatsächlich lernen und verstehen. In der Grundschule war es mir deshalb egal, ob die Rechtschreibung dort nicht beherrscht werden musste, das Schriftbild keine Rolle spielte oder es der Lehrerin reichte, wenn Vokabeln nur mündlich sitzen: Ich habe trotzdem mit den Kindern für Diktate geübt, auf eine ordentliche Handschrift geachtet und Vokabeln schriftlich abgefragt – ob die Lehrerin das verlangte oder nicht. In der weiterführenden Schule begleite ich weniger, lege aber noch immer Wert darauf, dass unsere Kinder die Grundlagen mitbekommen. Insofern habe ich meinen sehr persönlichen Anspruch an Schulbildung – und mache mich unabhängig von dem, was dem jeweiligen Lehrer wichtig ist.

Andererseits weigere ich mich, auf die Schimpftiraden meiner Kinder zu hören, wenn „der Lehrer Schuld war“ am schlecht ausgefallenen Vokabeltest oder der „viel zu schweren“ Klassenarbeit. Ich halte es für wichtig, dass Kinder ihren Lehrern grundsätzlich mit Respekt begegnen, sie ernst nehmen und ihre Autorität nicht in Frage stellen. Dazu gehört, dass Schüler sich in der Schule bemühen. Insofern arbeiten wir zusammen, die Lehrer und ich. Für die Kinder. Nicht weil ich schlauer bin als die Lehrer, sondern weil ich meine Kinder mehr liebe, bin ich (noch) die letzte Autorität für meine Kinder. Diese verleiht mir nicht das Recht, die Autorität von Lehrern infrage zu stellen. Aber sie betraut mich mit der Pflicht, trotz des Schuleintritts immer noch die letzte Instanz für meine Kinder zu sein.

Was man in der Schule lernt – und was nicht

Mein jüngster Sohn kann sprechen und zuhören. Das hat er zu Hause gelernt, neben vielen anderen Dingen, die nichts mit der deutschen Sprache zu tun haben. Er weiß, dass man miteinander reden kann – direkt oder per Telefon. Für andere Kommunikationswege und auch, um noch mehr zu lernen, muss man schreiben und lesen können. Das – und viele andere Dinge – lernt er in der Schule, er ist in der vierten Klasse. Deutschunterricht ist wichtig, aber auch mühsam, denn unsere Sprache hat viele Worte und ein kompliziertes Regelwerk. Wir helfen ihm, indem er zu Hause redet, liest und manchmal etwas schreibt.

Heute kam er aus der Schule nach Hause und sagte als erstes: „Mama, das war so cool – wir hatten keinen Deutschunterricht.“ „Wieso? Kannst du schon alles oder war die Lehrerin krank?“ „Nein, wir hatten stattdessen Klassenrat, weil XY gemobbt wird. Über WhatsApp, da werden von anderen Mitschülern blöde Sachen über sie ins Internet gestellt. Das kann jetzt die ganze Welt sehen – naja, vielleicht nicht die GANZE, aber doch ziemlich viele Leute. Und die Dinge bleiben ja da stehen, weißt du?“

Ja, weiß ich. Noch bevor die Kinder heutzutage wissen, wie man richtig Schreckschraube schreibt, bezeichnen sie einander so und schlimmer – aber nicht mehr direkt von Angesicht zu Angesicht, sondern von einem mobilen Handgerät zum nächsten. Und „alle Welt“ kann daran teilhaben. Es ist wichtig, dass die Kinder darüber sprechen – keine Frage. Aber ich denke, für diese Lernfelder sind die Eltern zuständig. Deutschunterricht hilft Kindern, gut mit ihrer Muttersprache umzugehen. Eltern helfen ihren Kinder, gut miteinander umzugehen. Wenn es sein muss auch mittels eines Gerätes, das Kinder bedienen können, ohne lesen und schreiben zu können.

Schule kann sich nicht um die gesamte Erziehung kümmern – auch wenn wir gern jemanden hätten, den wir für alles verantwortlich machen können.