Richtig, falsch oder anders?

Aus Fehlern lernen wir, heißt es. Aber selbst wenn wir keine Angst hätten, Fehler zu machen – sie sind nicht unser Ziel. Stattdessen bemühen wir uns (vielleicht unbewusst), das vermeintlich Richtige zu tun Dinge. Dabei gibt es oft nicht nur eine „richtige“ Lösung, denn es heißt auch: Viele Wege führen nach Rom. Keiner von ihnen ist nur falsch, keiner nur richtig.

Trotzdem habe ich oft den Eindruck, etwas falsch zu machen – jedesmal, wenn ich mich für eine andere als die scheinbar optimale Alternative entscheide. „In diesen Kategorien denke ich nicht“, sagt jemand, der mir nahesteht. Um „falsch“ oder „richtig“ gehe es abgesehen von ethischen Fragen in den seltensten Fällen. Ich würde das gern glauben – und mutiger anders leben.

„Richtig“

Ich treffe eine Frau aus der Nachbarschaft mit ihrem kleinem Hund. Der Hund ist jung, ungestüm und noch nicht gut erzogen; kurzerhand nimmt sie ihn auf den Arm und setzt ihn in ihren Fahrradkorb. Früher habe sie immer große Hunde gehabt, erzählt sie mir. Ein „richtiger Hund“ habe für sie bei 50 Zentimeter Schulterhöhe angefangen. Heute ist sie froh, dass es auch kleinere Exemplare gibt; ein großer Hund wäre nicht mehr „richtig“ für sie. Die Sicht auf Dinge ändert sich – im Verlauf weniger Jahre: Was heute „richtig“ ist, wird nicht über Nacht „falsch“, kann aber übermorgen unpraktisch sein oder einfach nicht mehr in mein Leben passen.

Wie geht`s richtig?

„Den Juden bin ich wie ein Jude geworden …, den Schwachen bin ich wie ein Schwacher geworden …, ich bin allen alles geworden… „
1. Korinther 9, 20+22

Diese Zeilen sprechen davon, wie Paulus sich in seinem Predigen anpasst an seine Zuhörer, um wirklich verstanden zu werden. Er stellte sich auf die Leute ein, mit denen er zu tun hatte. Das ist ein guter Rat, wenn man bei Menschen etwas erreichen will – sich erstmal auf sie einlassen. Dann lassen sie sich vielleicht auch auf uns und unsere Ansicht ein. Wenn ich das nur könnte! Es fällt mir ja schon schwer, in guter Art und Weise auf meine Kinder einzugehen:

Einer meiner Söhne klagte kürzlich darüber, dass Schule zwar vielleicht weniger Arbeit sei als ein Job, aber: „Wenn man – nicht als Lehrer – von seinem Job nach Hause kommt, ist man fertig. In der Schule muss man immer noch Hausaufgaben machen und für Tests und Arbeiten lernen. Da ist immer so ein Druck.“ Anstatt zuzuhören und seine Aussage zu bestätigen, lehne ich mich in meinem Stuhl zurück und bemerke: „Du weißt dich diesem Druck aber geschickt zu entziehen.“ Er schaut mich an, zischt: „Ihr versteht überhaupt nichts!“, und stürmt aus der Küche.

Manchmal habe ich den Eindruck, ich kann es nur falsch machen: Entweder ich sage die Wahrheit – und ruiniere die Stimmung. Oder ich stimme meinem Gegenüber kommentarlos zu – und schmälere die Ehrlichkeit des Miteinanders. Wie so oft hätte ich gern das richtige Händchen für die goldene Kommunikationsmitte!

Schwarzfahren?

Ich bin mit der Bahn unterwegs. Weil ich Geld sparen möchte, wähle ich Zugbindung. Verspätung lässt mich meinen ersten Anschlusszug verpassen. Ich muss improvisieren und von der ICE-Verbindung auf eine Regionalbahn umsteigen. Auch der nächste Anschlusszug ist dadurch unerreichbar. Für die letzten Kilometer meiner Reise entscheide ich mich für eine Vorortbahn, die mich meinem Ursprungsziel sehr nahebringt, aber gar nicht dort hält – es ist für meine Freundin egal, an welchem Dorfbahnhof sie mich abholt.

Während ich im letzten Zug sitze, frage ich mich, ob mein Ticket hier überhaupt gilt. Meine Befürchtungen, gegen die Regeln zu verstoßen, lassen sich nur schwer unterdrücken. Zu allem Überfluss befindet sich direkt gegenüber meines Sitzes ein Schild, auf dem steht: „Hier drücken wir kein Auge zu. Fahren ohne gültige Fahrkarte kostet Sie mindestens 60 Euro.“ Mit dem Spruch vor Augen warte ich unentspannt die 15 Minuten ab, die die Fahrt dauert – und hoffe, dass kein Schaffner kommt. Erleichterung durchströmt mich, als die Durchsage für meinen Halt ertönt. Ich gehe zur Tür. Dort steht: „Wir hoffen, Sie hatten eine nette Fahrt mit uns.“ Etwas gequält muss ich lächeln.

Woher in mir rührt dieses tiefsitzende Bedürfnis, mich korrekt zu verhalten? Bin ich in solchen Fragen sehr deutsch – oder sehr ostdeutsch? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich mit einem latenten Schuldgefühl im Zug saß: „Es muss mir die 60 Euro wert sein, zur Not bezahle ich sie.“ Ich hätte nicht diskutiert, ich hätte alles zugegeben – obwohl ich ebenso tiefsitzend wusste, dass mein Handeln kein klassisches Schwarzfahren war. Trotzdem: Tief in mir drin spüre ich in solchen Fällen eine starke Grenze zwischen „richtig“ und „falsch“. Seltener kommt – für mich selbst – ein großzügiges „auch in Ordnung“ zum Einsatz. Das verbrauche ich stattdessen freigebig für andere.

Die Gnade zwischen richtig und gut

„So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.“
Römer 3, 28

Zwischen richtig und falsch liegt in Mathematik manchmal nur eine Zahl, in einem Text ein Wort, in einem Wort ein Buchstabe. Im wahren Leben gibt es neben richtig und falsch unter anderem auch noch gut. Zwischen richtig und gut spielt sich mehr ab, als man auf den ersten Blick denkt: Pünktlich sein oder zu einem privaten Treffen mit der ganzen Familie stressfrei und ohne Streit ankommen. In einer Diskussion nicht nachgeben und Recht behalten oder um Verständnis ringen und das mit dem Recht nicht klären – aber dafür gemeinsam Essen kochen (oder so). Sich der Obrigkeit unterordnen – um jeden Preis – oder sich wie Bonhoeffer für den Widerstand entscheiden – auch um jeden Preis.

Ich will nicht sagen, dass Regeln dazu da sind, ignoriert zu werden – keinesfalls. Aber Regeln als alleiniger Maßstab erscheinen mir nicht in einen leb-baren Alltag zu münden. Denn: So richtig eindeutig ist „richtig“ oft nicht zu definieren. Was von einer Seite richtig aussieht, kann sich auf der anderen Seite zwar vielleicht nicht falsch, aber auch nicht gut anfühlen. Und dann ist „richtig“ zwar manchmal die einfachere Lösung, aber keine gute. Für „nicht richtig“ brauche ich meistens Mut und immer Vertrauen, dass mir mit Gnade begegnet wird. Bei Gott liegt zwischen richtig und gut Jesus mit seiner Vergebung.