Ostern – sehr real

Ferien sind Pausenzeiten. Noch dazu sind für ein verlängertes Wochenende nur drei von uns zu Hause. Ich tauche ab in nicht strukturierten relativ freien Tagen, rede wenig und lasse mich treiben. Dann nimmt der Alltag langsam wieder Fahrt auf: Das Auto muss in die Werkstatt; Familienmitglieder kommen zurück beziehungsweise für Ostern nach Hause; das Wetter eignet sich plötzlich (endlich?) doch für Gartenarbeit. Am Ostersonntag habe ich alles da fürs Frühstück – aber wenig Osterfreude im Herzen und auch nicht österlich dekoriert. In den Losungen lesen wir einen Vers, der mich trifft: „Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.“ (Offenbarung 1, 18) Mal wieder erlebe und spüre ich: Egal, wie ich mich fühle, Jesus ist auferstanden – er ist wahrhaftig auferstanden! Heute Morgen (mehr als sonst) ist das Trost und Hoffnung zugleich.

(Als wäre das nicht genug, steht vor der Tür ein Korb, großzügig gefüllt mit hartgekochten bunten Eiern und schokoladigen Freundlichkeiten. Gott sorgt für die Seele und den Leib.)

Ostern ohne Ostereier

Es ist Ostern, und bei uns findet sich kein einziges buntes Ei: Ich habe die Dekoration dieses Jahr im Keller gelassen und werde die Schoko-Eier meines Lieblings-Schokoladen-Fabrikanten erst nächste Woche kaufen. Dafür habe ich diese Woche viel über „Ostern“ nachgedacht und in der Bibel gelesen:

Jesaja schreibt über Jesus, den Sohn Gottes: „Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet.“ (Jesaja 53, 3) SOLCHER Verachtung bin ich noch nie begegnet; ich kann sie mir nicht wirklich vorstellen. Sie ist eine schreckliche Perspektive – und wird auch für Jesus nur annehmbar mit einem Ziel: „Aber er ist um unserer Missetat willen verwundet und um unserer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.“ (Jesaja 53, 5)

Jesus wusste, was ihn erwartete – verlassen zu werden von Menschen und Gott. Trotzdem entschied er sich freiwillig dafür: „Abba, mein Vater, alles ist dir möglich; nimm diesen Kelch von mir; doch nicht, was ich will, sondern was du willst!“ (Markus 14, 36) Wie leicht wir das lesen – als hätten wir Erfahrung mit „Kelchen“, die jemand „von uns nehmen“ möge: Für uns hieße das, nicht in die „falsche“ Mannschaft gewählt zu werden, auf einem Fest einen anstrengenden Gesprächspartner schnell wieder loszuwerden oder um die Aufgabe herumzukommen, die – nicht umsonst – niemand übernehmen will. Die Wahrheit ist: Wir haben keine Ahnung von Kelchen!

Jesus sagte also Ja – und schon ging es los: Im Moment der Anklage nahmen die Jünger Abstand: „Da verließen ihn alle und flohen.“ (Markus 14, 50)
Bei der Kreuzigung war Jesus vollkommen allein: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen.“ (Markus 15, 34b)
Und erst während seines Todes wurde Jesus als der erkannt, der er wirklich war: „Der Hauptmann aber, der dabeistand, ihm gegenüber, und sah, dass er so verschied, sprach: `Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen.´“ (Markus 15, 39b)

Ist damit alles zu Ende? Nein: Jesus blieb weder tot noch im Grab: „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier, er ist auferstanden.“ (Lukas 24, 5+6) Deshalb können wir noch heute Jesus nah sein – wenn auch anders als unmittelbar körperlich: „Es ist noch eine kleine Zeit, dann wird mich die Welt nicht mehr sehen. Ihr aber sollt mich sehen, denn ich lebe, und ihr sollt auch leben.“ (Johannes 14, 19)

Es ist Ostern, und bei uns findet sich kein einziges buntes Ei. Stattdessen „sehe“ ich Jesus und freue mich darüber, dass er lebt.

Ostern

Pünktlich zu Ostern las ich einen Artikel in der Zeitung, in dem es um zwei Wissenschaftler ging und ihre These, dass Jesus wahrscheinlich gar nicht tot war nach der Kreuzigung. Laut dieser These war er wahrscheinlich „nur“ in ein Kohlendioxid-Koma gefallen, die Aufbewahrung in der kühlen Gruft tat ihm dann gut. Daraufhin versteckte er sich ein paar Wochen, um nicht noch nachträglich gefangengenommen und hingerichtet zu werden. Und seine Himmelfahrt machte dann möglich, dass er unter neuer Identität den Rest seines Lebens irgendwo ganz nicht-öffentlich verbringen konnte.

Natürlich ist die These schöner formuliert und begründeter ausgeführt; aber darum geht es jetzt nicht. Ich war erstaunt, was dieser Artikel alles in mir ausgelöst hat:

Anfangs ärgerte ich mich, dass jemand sich auf die Fahnen schreibt, DIE zentrale Wahrheit und Botschaft des Christentums anzuzweifeln und dann auch noch – 2.000 Jahre später – wissenschaftlich zu begründen. Der Autor des daraus hervorgegangenen Buches bezeichnete dieses angeblich selbst als „Schriftchen“ – auch das hat mich geärgert. Schriftchen. Das klingt so harmlos. Dabei sind die Zweifel, die er sät, keineswegs harmlos. Die Verunsicherung, die er stiftet, ist nicht harmlos: Sie kann für Menschen folgenschwer sein, Menschen in eine Krise führen. Solange das Schriftchen behauptet, die Wahrheit zu kennen, und nicht gleichermaßen Offenheit für eigenen Irrtum demonstriert, sind die geäußerten (wissenschaftlich begründeten) Vermutungen eine Herausforderung für jeden ernsthaft an Jesus glaubenden Menschen auf dieser Welt.

Weiter habe ich mich gefragt, ob ich nicht froh sein müsste über derartige Thesen. Ich bin doch auch an Wahrheit interessiert, ich möchte mich dem nicht sperren: Zweifel an etwas zu haben, ist nicht per se schlecht. Meine Wahrheitssuche geht jedoch nicht soweit, dass ich Lust hätte, das Buch zu lesen. Mit dieser Art Zweifeln möchte ich mich nicht auseinandersetzen, da hinein möchte ich meine Energie nicht investieren. Ehrlich gesagt? Interessiert mich nicht. Die historische Glaubwürdigkeit Jesu stellt heutzutage kaum jemand in Frage; ich habe in diesen Fragen nicht den Anspruch, auf dem neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisstand zu sein. Ich bin ein Schaf in der Masse der Gläubigen und überlasse derartige Untersuchungen und ihre Auswertung, Bestätigung oder Widerlegung gern anderen.

Meine abschließenden Gedanken gingen zu Gott selbst. Ich kenne ihn als einen liebenden Vater und einen eifernden Gott, der auch zornig sein kann. Um Menschen, die seinen Namen in den Schmutz ziehen, kümmert er sich selbst. Er will nicht, dass wir verurteilen und richten. Jesus selbst hat uns das vorgelebt. Als Petrus dem Soldaten des Hohepriesters ein Ohr abschlug, weil dieser Jesus verhaften wollte, da heilte Jesus dieses Ohr: „Lasst ab! Nicht weiter!“ (Lukas 22, 51) Oder: „Steck dein Schwert in die Scheide! Soll ich den Kelch nicht trinken, den mir mein Vater gegeben hat?“ (Johannes 18, 11)

Gott hatte schon immer Widersacher. Gott hat seine eigene Art, mit ihnen umzugehen: Für sie – wie auch für mich – hat er seinen Sohn auf diese Welt geschickt, durch die Kreuzigung sterben und nach drei Tagen auferstehen lassen. Das ist Ostern – auch wenn viele Menschen es feiern, ohne die Wahrheit dahinter zu verstehen oder zu glauben.