Was ist schon klug?

Ein Freund eines Freundes ist ein paar Jahre jünger als wir, verheiratet, lebensfroh, besonnener Lebensstil. Trotzdem ist er schwer erkrankt. Mit `seinem´ Krebs lebt man maximal noch zwölf Monate, sagt das Internet. Genau weiß es kein Mensch. Wir sind schockiert und betroffen und können uns nicht vorstellen, wie es ihm und seiner Frau geht. Stattdessen fragen wir uns: Was würden wir tun? Chemotherapie – ja oder nein? Wie würden wir unsere Tage, Wochen und Monate gestalten; was wäre uns wichtig für die begrenzte Zeit, die uns (wahrscheinlich) noch bliebe.

Allerdings bleiben diese Gedankenspiele rein theoretisch und nicht real. Sie werden schnell wieder zugeschüttet vom prallen Leben und der trügerischen Gewissheit, es ginge noch sehr lange so weiter wie bisher. Wir verdrängen das Ende des Lebens so weit in die Zukunft, das es mit unserer Gegenwart nichts zu tun hat. Dadurch leben wir vielleicht unbeschwert; weise scheint es laut Bibel aber nicht zu sein: „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden!“, heißt es im Psalm 90, Vers 12. Klug werden wir, wenn wir den Gedanken an den Tod Raum geben in unserem Heute. Denn dann werden wir das tun, was uns wirklich wichtig ist: Zeit mit unseren Liebsten verbringen, auf Reisen gehen, unsere Memoiren verfassen oder, oder, oder. Der eine oder andere käme vielleicht sogar auf die Idee, Lotto zu spielen oder vierzehn Stunden am Tag zu arbeiten. Nur zu! Hauptsache, jeder lebt bewusst so, als hätte er nicht alle Zeit der Welt – unabhängig davon, wie andere ihre Tage füllen. Denn: Unser Leben ist begrenzt. Es kann morgen zu Ende sein, nächste Woche, in ein paar Jahren oder erst, wenn wir alt und lebenssatt sind. Genau weiß es kein Mensch.

Entdecke mehr von mehr.klartext-schreiben

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen