Zeit ist Geld!

Abends im Supermarkt: Ich brauche unbedingt Filtertüten für den Kaffee am nächsten Tag. Meine bevorzugte Sorte kostet 0,69 pro Packung, ist aber nicht vorrätig. Die Alternative kostet fast viermal so viel: 2,69€. Ich denke an unseren Kaffee, nehme eine Packung der teuren Filtertüten mit und gehe weiter zur Gefriertruhe. Auf dem Weg treffe ich eine Bekannte, die ich sehr selten sehe; wir sprechen kurz. Fünf Minuten später auf dem Weg zur Kasse passiere ich das Kaffee-Regal. Ein junger Mann füllt es auf: Kaffee, Cappuccino – meine Filtertüten sind auch dabei. Ich tausche das besonders exklusive Markenprodukt wieder aus und freue mich: Zeit ist Geld!

Ein Hobby

„Ich habe keine Zeit für ein Hobby“, sagt eine Bekannte in einer Vorstellungsrunde mit zehn Frauen. Schade ist das, finde ich, auch wenn ich ahne, wovon sie spricht: Alleinerziehend mit drei kleinen Kindern bleibt nicht viel Zeit für sie als Mensch. Dennoch würde ich gern widersprechen, lasse es aber. Zu sehr macht jeder seine eigenen Erfahrungen und mag sich diese nicht absprechen lassen. Ich denke zurück an die Zeit, als ich fünf kleine Kinder hatte, von denen das älteste gerade in die erste Klasse ging. Auch für mich war diese Lebensphase herausfordernd und zeitfressend. Ganz ohne Hobby fühlte ich mich dennoch nicht. Vielleicht war ich egoistisch; aber was mir wirklich wichtig war, baute ich irgendwie ein in meine Tage: Beim Laufen begleitete mich fast immer ein Kind – selbst radelnd oder geschoben im Kinderwagen. Geschrieben habe ich abends oder in der Mittagspause, ausgiebig gelesen selten oder nachts – und war dann am nächsten Tag entsprechend müde.

Heute sind die Kinder größer, meine Zeit ist anders gefüllt. Noch immer laufe, schreibe und lese ich gern, vielleicht etwas intensiver als früher. Ein weiteres Hobby ist nicht dazugekommen; mit dem Reiten bin ich noch in der Probephase. Ob daraus ein Hobby wird, wird sich zeigen. Nur was mir wirklich wichtig ist, werde ich dauerhaft einbauen in meine Tage.

Eingestimmt

In anderthalb Wochen besuche ich einen meiner ältesten Freunde; wir haben uns lange nicht gesehen. Der Alltag überlagert ein wenig die Vorfreude auf diese gemeinsame Zeit. Um mich einzustimmen auf meinen Ausflug in die Vergangenheit, höre ich Herbert Grönemeyer – funktioniert wunderbar.

Postbotin mit Zeit

Postboten haben es meist eilig; sie haben viel zu tun. Zu uns kommt die Post meist erst am späten Nachmittag – wir liegen kurz vor dem Ende einer Tour. Wir haben schon verschiedene Postboten erlebt; momentan ist es eine Frau. Seit einiger Zeit kommt sie mit dem Auto und hat einen Teil der Pakete dabei. Deshalb klingelt sie öfter als früher und übergibt die jeweilige Post persönlich. Immer reden wir dann ein paar Worte. Das tut sie offenbar bei all ihren Kunden: Oft sehe ich sie in der Nachbarschaft an der Haustür oder im Vorgarten stehen und reden.

Diese Postbotin ist ausgesprochen freundlich und wirkt NIE gehetzt – das bewundere ich. Sie fängt früh an und ist oft lange unterwegs. Dennoch nimmt sie sich für jede direkte Begegnung einen Moment Zeit. Während Corona ist der Postbote vielleicht für manche der einzige persönliche Kontakt: Wie schön, dass unsere Postbotin in diesen Momenten keine Eile ausstrahlt, sondern Ruhe und Aufmerksamkeit.

Nicht dazu gekommen?

„Ich bin nicht dazu gekommen, mich früher zu melden“, beginne ich meinen Brief und muss lächeln: Es klingt passiv – so, als könne ich nichts dafür. Dabei ist es ein sehr aktiver Vorgang, „zu etwas zu kommen“ oder eben nicht. Ich bin nicht früher zu diesem Brief gekommen, weil ich andere Dinge lieber tun wollte oder wichtiger fand. Meine Prioritätenliste lege ich selbst fest – auch wenn ich natürlich gewissen Zwängen unterliege.

Für mich jedenfalls gilt: Zum Joggen bin ich in den vergangenen 30 Jahren fast durchgängig gekommen – zum Klavierspielen nicht. Viele Briefe habe ich (früher oder später) geschrieben, Zeit mit unseren Kindern verbracht, mich draußen aufgehalten, Bücher gelesen und einiges mehr.

Wenn uns etwas wirklich wichtig ist, kommen wir auch dazu. Was wir lieben, vernachlässigen wir nicht.

Gott und die Zeit (2)

„Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende.“
Prediger 3, 11

Jeder Moment für sich ist lang oder kurz, intensiv oder unwichtig; die Summe meiner Momente ist begrenzt durch Anfang und Ende. Die Zeit meines Lebens rinnt mir davon oder an mir vorbei – wie auch immer, aber weg ist sie ist nicht: Selbst die Vergangenheit ist in gewisser Weise noch heute präsent. Meine 50 Lebensjahre bis heute sind zwar vorüber, in der Rückschau bleiben es aber doch 50 Jahre – und außerdem „sieht“ man sie an mir: Wirklich vergänglich ist nicht die Zeit, sondern Dinge, Umstände und Personen.

Gott dagegen wirkt unbegrenzt, er selbst ist Anfang und Ende: Er scheint über der Zeit zu stehen und ist in jedem Moment gleich präsent – sei dieser nun vergangen oder (aus unserer Sicht) noch gar nicht geschehen. Etwas davon hat er in unser Herz gelegt: Zumindest ab und zu sehne ich mich nach der Ewigkeit, in der kein „leider verpasst“ oder „muss ich unbedingt noch“ existiert. Ich freue mich darauf, dass persönliche Befindlichkeiten und Sympathien keine Rolle mehr spielen werden – perfekter äußerer und innerer Friede, anstrengungsfrei. Besonders attraktiv, aber kaum vorzustellen: In der Ewigkeit ist jede Gemeinschaft unmittelbar – mit Jesus und mit den Glaubensgeschwistern, deren Lebenszeit mit meiner nicht oder nur teilweise übereinstimmt. In der Ewigkeit sind auch wir nicht mehr von der Zeit begrenzt.

Gott und die Zeit (1)

Wir sind ungeduldig, wenn wir mittendrin stecken in einer „Sache“, um die Gott sich doch bitte kümmern soll – es aber nicht tut. Dann beten wir: „Schöpfer des Himmels, wie viel Zeit lässt du dir noch?“ Andererseits freuen wir uns, wenn und dass Gott unser – manchmal schneckengleiches – Lebenstempo mitgeht. Wie schwerfällig und langsam wir uns auch verändern: Er weicht uns nicht von der Seite – und treibt uns erst recht nicht an. In diesen Momenten sind wir dankbar, dass Gott „alle Zeit der Welt zu haben scheint“ und uns die „Zeit lässt“, die wir brauchen.

Verfügbare Zeit

„Du hast doch Zeit“, höre ich oft und denke: `Du doch auch!´ Wir haben alle dieselbe Menge verfügbarer Zeit, wir füllen sie nur unterschiedlich:

Wer feste Arbeitszeiten und einen Chef hat, kann nur über einen Teil seiner Stunden frei verfügen.

Ich arbeite zu Hause und habe keinen Chef. Allein mein eigener Anspruch treibt mich durch meine Tage. Termine kann ich deshalb besser einrichten als andere. Aber auch ich verfüge nur über eine begrenzte Anzahl an Stunden. Sie vergehen unaufhaltsam – ob ich `arbeite´, lese, Sport treibe oder mich mit einer Freundin treffe.

Ich kann schieben, einrichten und mich verfügbar machen. Ganz frei verfügen kann ich über meine Zeit trotzdem nicht – auch wenn es von außen betrachtet so wirken kann.

Keine Zeit

Ein Bekannter ruft an, er hat einen Schreib-Auftrag für mich. Normalerweise habe ich spontan Zeit und seine Projekte sind nicht eilig. Dieses Mal ist es anders: Ich habe spontan keine Zeit, sein Projekt ist eilig. Schlechtes Timing – wie schade!

Die Zeit

Die Zeit stoppt nicht, sie vergeht: Ich werde jedes Jahr älter und verändere mich sehr langsam – im Tagesverlauf kaum wahrnehmbar. Bei anderen Ereignissen – Katastrophen oder Erfolgen – ist von jetzt auf gleich alles anders. Aber die Zeit hält trotzdem nicht an und lässt sich erst recht nicht zurückdrehen. Das kann ich als gnädig oder erbarmungslos empfinden – je nachdem, was passiert und wie ich damit zurechtkomme.

Die Zeit interessiert sich nicht für uns; die Zeit heilt nicht alle Wunden und lässt sich nicht besitzen. Wir haben keine Zeit; die Zeit hat uns – fest im Griff.