Jeder?

„Jeder Tote ist einer zu viel.“ Seit das Corona-Virus uns beschäftigt, habe ich diesen Satz schon mehrmals in Leserbriefen in unserer Tageszeitung gelesen. Er impliziert, dass jeder Tote im Zusammenhang mit Corona vermeidbar ist. Das sehe ich anders – und bin unsicher, ob ich das „darf“. Wenn jemand von meinen Lieben sterben würde, wäre meine Trauer groß. Und dennoch denke ich: Nicht jeder Tote (durch Krankheit) ist einer zu viel, denn nicht jeder ist vermeidbar, auch nicht jeder Corona-Tote. Ebensowenig wie all die Toten vermeidbar sind, die an Herz-Kreislauf- oder verschiedenen Atemwegserkrankungen sterben, oder die vielen, die sich jedes Jahr das Leben nehmen.

Nicht immer ist der entscheidenden Faktor, ob jemand „Risikopatient“ ist. Zwar können wir statistisch vorher Schlüsse ziehen, wie wahrscheinlich jemand verstirbt. Diese Voraussagen treffen häufig ein – aber eben nicht immer. Es sterben Menschen, von denen wir es nicht gedacht hätten, an Krankheiten, die wir für nicht tödlich gehalten hätten. Es ist nicht wahr, dass jeder Tote einer zu viel ist. Der Tod lässt sich letztlich nicht verhindern – nicht einmal in unserer medizinisch hervorragend versorgten Gesellschaft. Tote gehören zum Leben dazu.

Hin und her

„Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“
Psalm 90, 12

Dieser Vers zwingt zu einem ernsthaften Realisieren der Vergänglichkeit des Lebens, obwohl sich der Gedanke an das Ende gut verdrängen lässt – auch, weil ich nicht weiß, wann das Ende da sein wird. Ich weiß nur: Dieses Leben geht vorüber.

Sollte ich also oft an den Tod denken, stets mit ihm rechnen, mir selbst und meinen Lieben täglich mein drohendes Sterben in Erinnerung rufen? Ich glaube nicht. Wir können nicht mit der ständigen Perspektive der Endlichkeit durch unsere Tage gehen: „Es könnte das letzte Mal sein, dass wir in der Runde so zusammenkommen; vielleicht werde ich nie wieder so etwas Tolles erleben; was, wenn das mein letzter Sommer wäre?“ Das Ziel ist weder ein Gefühl der Traurigkeit oder gar Ohnmacht noch depressiver Fatalismus. Ich soll nur nicht verdrängen oder ignorieren, dass meine Tage begrenzt sind. Es ist klug, wenn ich dieser Wahrheit Raum gebe in meinem Denken.

Dem gegenüber steht ein anderer Vers, der mich gedanklich auf das Heute fokussiert. Aus seinen Zeilen klingt Leichtigkeit:

„Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.“
Matthäus 6, 34

Wie beruhigend: Der morgige Tag muss mich heute noch gar nicht interessieren. Den Herausforderungen von heute kann ich mit Schwung und Kraft begegnen, das Glück von heute darf ich mit allen Fasern genießen. Morgen ist heute zweitrangig, morgen kommt mit seinen eigenen Überraschungen – vielleicht positiv, vielleicht negativ.

Zwischen diesen beiden Versen schwingt mein Bewusstsein hin und her. Eine gute Balance habe ich, wenn ich weder auf der einen noch auf der anderen Seite verharre. Gedankliche Weite zulassen, die Spannung aushalten, aktiv Schwung holen und immer wieder die Mitte suchen – ausgewogenes Leben ist wie schaukeln.

Allein gelassen

„Da verließen ihn alle und flohen.“
Markus 14, 50

Wenn ich ans Abendmahl denke, merke ich, dass ich das Sterben von Jesus nicht wirklich begriffen habe. Verstanden vielleicht, aber mit dem Herzen erfasst? Ich bezweifle es. Wir reden darüber, was es Jesus gekostet hat, ans Kreuz zu gehen. Aber diese Form der Versöhnung mit Gott an sich, das Konzept Sünde in seiner ganzen Fülle – bleibt mir fremd. Und so verweile ich während des Abendmahls nicht lange beim Tod Jesu, sondern bin schnell bei der Auferstehung. Es ist, als ließe ich Jesus in seinem Sterben allein – ebenso wie die Jünger damals.

Es ist, als würde ich sagen: „Wie kannst du nur so ein Opfer bringen müssen?“

Jesus ist bewusst ans Kreuz und in den Tod gegangen, obwohl er ahnte, dass viele Menschen sich schwertun würden mit seinem Sterben. Die Erfahrung hatte er zu Lebzeiten zur Genüge gemacht und 2.000 Jahre später ist es noch immer so: Es gibt viele Menschen, die mit Jesus und Glauben und einem Sündenbock für alle nichts anfangen können. Es gibt wahrscheinlich ebensoviele Menschen, die zwar irgendwie an Gott glauben, aber insgeheim das Opfer seines Sohnes ablehnen: „Für mich musst du nicht sterben. Ich komme auch so klar in diesem Leben und mit Gott. Ich nehme dieses gesamte Opfer-Paket einfach nicht in Anspruch.“ Und schließlich sind da diejenigen, die Jesus als Sohn Gottes anerkennen und sein Opfer ebenso, die aber trotzdem weiter versuchen, allein zurecht zu kommen. Sie versuchen insgeheim, allein und aus eigener Kraft gerecht und gut zu sein. Sie sehen mehr die Auferstehung und die Versöhnung mit dem Vater als dieses brutale Sterben. Sie halten diesen Tod nicht aus, jedenfalls nicht wirklich – in seiner ganzen Heftigkeit, in seiner Grausamkeit und in seiner Gottesferne.

Ich zähle mich dazu. Ich ertappe mich bei dem Gedanken, dass ich doch auch von mir aus ziemlich nett bin – barmherzig, freundlich gütig, geduldig… Ich ertrage dieses Sterben für mich nur schwer, ich gehe gern über zum positiven Ende der Auferstehung. Aber ebenso, wie wir als Menschen ganz körperlich durch den Tod noch immer hindurch müssen, durch das Sterben und alles, was damit verbunden ist – ebenso kommt vor der Auferstehung der Tod Jesu. Und vorher seine Einsamkeit, seine Zweifel, seine Angst und die Schmerzen. Dass Jesus das alles für mich erträgt, ist kein schöner Gedanke – und deshalb halte ich diesen nicht lange aus und lasse Jesus in seinem Sterben lieber allein. Ich fühle mich wohler, wenn ich an seine Auferstehung denke und daran glaube, dass sie auch für mich gilt.

Jesus dagegen lässt mich nicht allein, weder im Leben noch im Sterben. Jesus sagt nicht: „Wie kann sie nur?“ Jesus sagt: „Ich hab` dich lieb! Es geht nicht anders, vertraue mir.“

Wenn die Worte fehlen

Ich war vor Jahren bei einer Beerdigung. Trauerfeier, Bestattung, hinterher noch in ein Lokal zum Kaffeetrinken. Die Gäste kannten sich größtenteils untereinander und hatten sich lange nicht gesehen. In den Gesprächen ging es um den Austausch von Informationen über einander: „Wie geht es dir, was machst du so, wie geht es den Kindern?“ Der Anlass unseres Zusammenseins rückte in den Hintergrund und so auch die Person, um die wir trauerten.

Ich war damals eine der Jüngeren, eher eine Randfigur, aber etwas fiel mir auf: Durch den Tod war eine Lücke entstanden. Diese Lücke war voll mit Worten über uns, nicht über den Toten. Das fand ich schade. Nach ein wenig Überwindung stand ich auf und erzählte von ihm. Wie ich ihn erlebt und was ich an ihm geschätzt hatte und welche Besonderheit mich immer an ihn erinnern würde. Meine „Rede“ unterbrach den Gesprächsfluss – kurz. Danach ging das Miteinander weiter; aber einige sagten: „Danke für deine Worte; die Erinnerung tat gut.“

Wenn anderen die Worte fehlen, möchte ich mich trauen: Der Tod reißt eine Lücke; er darf nicht auch noch die Erinnerung nehmen.

Ostern

Pünktlich zu Ostern las ich einen Artikel in der Zeitung, in dem es um zwei Wissenschaftler ging und ihre These, dass Jesus wahrscheinlich gar nicht tot war nach der Kreuzigung. Laut dieser These war er wahrscheinlich „nur“ in ein Kohlendioxid-Koma gefallen, die Aufbewahrung in der kühlen Gruft tat ihm dann gut. Daraufhin versteckte er sich ein paar Wochen, um nicht noch nachträglich gefangengenommen und hingerichtet zu werden. Und seine Himmelfahrt machte dann möglich, dass er unter neuer Identität den Rest seines Lebens irgendwo ganz nicht-öffentlich verbringen konnte.

Natürlich ist die These schöner formuliert und begründeter ausgeführt; aber darum geht es jetzt nicht. Ich war erstaunt, was dieser Artikel alles in mir ausgelöst hat:

Anfangs ärgerte ich mich, dass jemand sich auf die Fahnen schreibt, DIE zentrale Wahrheit und Botschaft des Christentums anzuzweifeln und dann auch noch – 2.000 Jahre später – wissenschaftlich zu begründen. Der Autor des daraus hervorgegangenen Buches bezeichnete dieses angeblich selbst als „Schriftchen“ – auch das hat mich geärgert. Schriftchen. Das klingt so harmlos. Dabei sind die Zweifel, die er sät, keineswegs harmlos. Die Verunsicherung, die er stiftet, ist nicht harmlos: Sie kann für Menschen folgenschwer sein, Menschen in eine Krise führen. Solange das Schriftchen behauptet, die Wahrheit zu kennen, und nicht gleichermaßen Offenheit für eigenen Irrtum demonstriert, sind die geäußerten (wissenschaftlich begründeten) Vermutungen eine Herausforderung für jeden ernsthaft an Jesus glaubenden Menschen auf dieser Welt.

Weiter habe ich mich gefragt, ob ich nicht froh sein müsste über derartige Thesen. Ich bin doch auch an Wahrheit interessiert, ich möchte mich dem nicht sperren: Zweifel an etwas zu haben, ist nicht per se schlecht. Meine Wahrheitssuche geht jedoch nicht soweit, dass ich Lust hätte, das Buch zu lesen. Mit dieser Art Zweifeln möchte ich mich nicht auseinandersetzen, da hinein möchte ich meine Energie nicht investieren. Ehrlich gesagt? Interessiert mich nicht. Die historische Glaubwürdigkeit Jesu stellt heutzutage kaum jemand in Frage; ich habe in diesen Fragen nicht den Anspruch, auf dem neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisstand zu sein. Ich bin ein Schaf in der Masse der Gläubigen und überlasse derartige Untersuchungen und ihre Auswertung, Bestätigung oder Widerlegung gern anderen.

Meine abschließenden Gedanken gingen zu Gott selbst. Ich kenne ihn als einen liebenden Vater und einen eifernden Gott, der auch zornig sein kann. Um Menschen, die seinen Namen in den Schmutz ziehen, kümmert er sich selbst. Er will nicht, dass wir verurteilen und richten. Jesus selbst hat uns das vorgelebt. Als Petrus dem Soldaten des Hohepriesters ein Ohr abschlug, weil dieser Jesus verhaften wollte, da heilte Jesus dieses Ohr: „Lasst ab! Nicht weiter!“ (Lukas 22, 51) Oder: „Steck dein Schwert in die Scheide! Soll ich den Kelch nicht trinken, den mir mein Vater gegeben hat?“ (Johannes 18, 11)

Gott hatte schon immer Widersacher. Gott hat seine eigene Art, mit ihnen umzugehen: Für sie – wie auch für mich – hat er seinen Sohn auf diese Welt geschickt, durch die Kreuzigung sterben und nach drei Tagen auferstehen lassen. Das ist Ostern – auch wenn viele Menschen es feiern, ohne die Wahrheit dahinter zu verstehen oder zu glauben.

Tod – Juni 2016

Ganz plötzlich und – für mich – unerwartet ist einer meiner ältesten Freunde gestorben. Im Frühjahr noch habe ich dem Drang nicht nachgegeben, ihm einfach mal so zu schreiben, sondern habe mich auf den Sommer vertröstet – auf seinen Geburtstag. Im Juni erreichte mich die Todesanzeige; und ich frage mich, warum ich einen Anlass brauchte, mich zu melden? Zu spät, unwiderruflich zu spät. Wie schade!

Im Lesen seiner alten Briefe (unsere Kommunikationsebene) von vor knapp dreißig Jahren lebt die Zeit wieder auf, treffe ich das Mädchen wieder, das ich damals war. Ein bisschen ist dieses Mädchen, das so nur er kannte, mit verschwunden und nicht mal mehr in meiner Erinnerung präsent.

Warum weine ich – um seinetwillen, um meinetwillen, um der verpassten Gelegenheiten willen, um seiner Familie willen, die ohne ihn weiter leben muss? Für wen sind meine Tränen? Und: Was tue ich, wenn ich das nächste Mal den Impuls verspüre, mich bei einem alten Freund zu melden?

Juni 2018: Ich vermisse ihn noch immer – besonders im Sommer. Aber vor allem bin ich dankbar für die Freundschaft, die uns verband, für die Briefe, die gemeinsame Zeit. Meine Dankbarkeit überlebt seinen Tod, mein Freund bleibt Teil meines Lebens.