Talent

Eine Freundin erzählt von ihrem Sohn; sie nennt ihn (wiederholt) sehr talentiert. Bei dem Wort horche ich auf. Ich persönlich kenne nur wenige Menschen, die ich (objektiv) für sehr talentiert halte. Zwei Leute fallen mir ein, die mich zum Staunen bringen: Eine Bekannte von mir ist Ärztin und hat einen brillanten Verstand – nicht nur medizinisch: umfangreiches Allgemeinwissen, schnelle Auffassungsgabe, vielfältig interessiert, redegewandt. Der zweite ist ein ehemaliger Mitschüler meines Ältesten, der mühelos einen bemerkenswerten Abiturschnitt erreicht hat, zwei oder drei Instrumente spielt und in allem sehr bescheiden ist. Solche Leute sind selten.

Unsere Kinder würde ich nicht als sehr talentiert bezeichnen. Vielleicht sind sie es, aber ich kann das nicht beurteilen: Schließlich betrachte ich sie (subjektiv) durch meine Mutter-Brille, sehe ihre Stärken und Schwächen und bin grundsätzlich begeistert von ihnen. Ihr Talent spielt dabei keine Rolle.

Talent – unterschätzt?

Wie wichtig ist Talent? Es gibt Leute, die sagen, Talent habe nur einen kleinen Anteil daran, ob jemand etwas richtig gut kann. Der Rest sei Disziplin und harte Arbeit. Stimmt wahrscheinlich, dazu gibt es sicher diverse Studien. Ich weiß nicht. Ich sehe in meinen Kindern durchaus, dass eine Menge einfach nur gelernt werden kann. Je länger sie sich mit einem Thema beschäftigen, umso besser werden sie damit umgehen können. Trotzdem behaupte ich, dass eine intrinsische Begeisterung – ein vorliegendes Talent – das Zünglein an der Waage ist, wer in einem Bereich gut oder sehr gut ist und wer diese Grenze überschreitet und ein echter Meister seines Fachs wird. – Warum?

Eine Tochter spielt Fußball, eine reitet. Beide können mit den Hobbies der Schwester wenig anfangen. Beide investieren sich sehr gern und ohne elterlichen Druck in ihre eigenen Interessen. Sie sind leidenschaftlich dabei und bringen beide eine Begabung für ihr jeweiliges Gebiet mit. Es stimmt: Dazu muss noch eine Menge Übung kommen, damit die eine eine gute Reiterin, die andere eine gute Fußballspielerin wird. Ich glaube dennoch, dass das vorhandene Talent in ihnen letztlich entscheidend ist. Der entscheidende Faktor, Zeit zu investieren, dranzubleiben, besser werden zu wollen. Ohne diese Bereitschaft geht es nicht. Und wer Kinder hat, weiß, wie schwer es ist, ein Kind – bei aller Lenkbarkeit – für etwas zu begeistern, wofür es kein Talent hat.