„Etwas ist erst verschwunden, wenn deine Mutter es auch nicht mehr finden kann.“
Entweder Mutter oder Mensch?
Da regt eine Journalistin sich darüber auf, dass Mütter sich in den Sozialen Medien verbal gegenseitig die Augen aushacken. Die Nur-Mutter-oder-in-Teilzeit-arbeitende-Fraktion auf der einen und die in Vollzeit arbeitenden auf der anderen Seite. Die einen stöhnten den lieben langen Tag über die Anstrengungen des Mutterseins; die anderen seien einfach besser organisiert – und würden beneidet. Die Kolumnistin regt sich wortreich darüber auf, wie Mütter sich beschimpfen. Und gleich darauf wirft sie mit pauschalen Aussagen um sich, die genau dasselbe tun: schimpfen.
Arbeiten zu gehen, vertreibe ihrer Meinung nach die Langeweile, die man als Mutter haben müsse, wenn man sich auf seine Kinder konzentriert. Und ohne Langeweile bleibe für Social-Media-Shitstorms keine Zeit mehr … Kinder bräuchten ihrer Meinung nach Mütter, die in der Welt Erfolge feiern … Es gebe nämlich etwas Wichtigeres, nämlich das Leben außerhalb ihrer Mutterschaft. „Denn in Wirklichkeit ist das Leben als Mutter nicht besonders erfüllend … Mutterschaft ist dröge. Dröge im tiefsten Sinne“, schreibt sie und hat gleich die Lösung parat: „Raus aus dem Leben als Mutter und rein ins Leben als Mensch.“
Ich bekam von diesem Gezanke auf Social Media bisher nichts mit – und mir hat nichts gefehlt. Jetzt darf ich mir bei der Zeitungslektüre die Leviten lesen lassen.
Von Kindern und Müttern
Wir fahren selten mit dem Auto durch die Waschanlage, sehr selten. Daher war ich gestern ehrlich überrascht, wie laut es da drin ist – und erinnerte mich an eine ähnlich einprägsame Erfahrung vor einigen Jahren. Damals war mein jüngster, etwa dreijähriger Sohn dabei. Er saß ruhig und erwartungsvoll in seinem Kindersitz, allerdings nur wenige Sekunden. Mit diesem Lärm hatte er nicht gerechnet und fing an zu weinen. Ich nahm ihn auf den Schoß – sofort wurde er wieder still: Kleine Kinder haben kleine Sorgen, gegen die mütterlicher Trost und körperliche Nähe wie eine Wunderwaffe wirken. Das ist super – auch für die Mutter.
Heute kam meine fast 16-jährige Tochter aufgewühlt nach Hause. Sie hat seit Monaten Stress mit einer Person: Manchmal ist diese freundlich, oft aber unberechenbar unfreundlich, genervt und vorwurfsvoll. Meine Tochter belastet diese gestörte Beziehung mal mehr, mal weniger – heute brach sie deswegen in Tränen aus. Ich nahm sie in den Arm, aber ihr Frust und ihre Trauer blieben: Große Kinder haben große Sorgen, gegen die mütterlicher Trost und körperliche Nähe leider nur wenig ausrichten können. Das ist höchst bedauerlich – auch für die Mutter.
Holz hacken ist leichter
„Man muss heutzutage flexibel einsetzbar sein, denkst du nicht?“, fragt mich ein sehr junger Angestellter unseres Supermarktes. Ich habe keine Ahnung, ich bin nicht berufstätig. „Ach ja, du bist Hausfrau“, sagt er. „Und Mutter“, ergänze ich. Er lächelt ein wenig verständnislos – so als wäre das dasselbe. „Mutter ist mehr Arbeit als Hausfrau“, schiebe ich deshalb hinterher. Jetzt schaut er tatsächlich ungläubig. Eine Frau hinter mir mischt sich ein: „Manchmal ist Holz hacken leichter.“ Sofort erinnere ich mich an mein Studium: Ich wohnte mit sieben anderen auf einem Bauernhof, die Zimmer waren nur mit Holzöfen beheizbar. Für das Brennmaterial hatten wir selbst zu sorgen. Die Frau hat recht: Holz zu hacken ist vergleichsweise leicht (und monoton); es lässt sich immer mal ein Stündchen damit füllen und irgendwann ist man fertig. Der Job als Mutter ist abwechslungsreicher, funktioniert nicht stundenweise und dauert viel länger.
Mutter im Paket
Mutter: Das klingt weich, zärtlich und zugleich kraftvoll und entschlossen. Ich liebe, ermutige, tröste, versorge, verteidige … Meine Kinder finden das super – ich auch.
Mutter: Das klingt nach ´kompromisslos` und ´am längeren Hebel`. Ich bin Stein des Anstoßes, setze Grenzen und lege Regeln fest. Meine Kinder finden das anstrengend – ich auch.
An meiner mütterlichen Autorität scheuern sie sich ihre Widerworte und Unarten ab – und erfahren Schliff und Korrektur.
Von mir ausgesprochene Verbote würden die Kindern manchmal gern ignorieren – und orientieren sich trotzdem daran.
Meine Regeln laden die Kinder zum Übertreten ein – und sind doch ein geschätzter Rahmen.
Für die weichen Mutter-Attribute sind die Kinder heute dankbar, für die anstrengenden werden sie erst später dankbar sein. Das ganze Mutter-Paket bekommen sie heute schon.
(Mutter-)Tag
Aus Gewohnheit wache ich um halb sieben auf und wälze mich eine halbe Stunde später aus dem Bett. Das Haus ist ruhig, alle anderen schlafen noch. Als mein Mann aufsteht, um zu frühstücken und dann zu seiner Mutter zu fahren, schickt er mich aus der Küche: „Du könntest eigentlich eine Weile spazieren gehen. Den Tisch musst du nicht decken. Ich bin dann weg, wenn du wiederkommst.“
Ich gehe bei einer Freundin vorbei, der ich als Überraschung einen Blumengruß mit Karte von ihrer weit entfernt wohnenden Tochter vor die Tür stelle. Auf meiner üblichen Runde treffe ich eine ältere Dame, für die ich einkaufe, weil ihre Tochter ebenfalls weit weg wohnt und nicht oft vorbeischauen kann. Wir wünschen uns gegenseitig einen schönen (Mutter-)Tag.
Um zehn lande ich wieder zu Hause, wo mich die Kinder beglückwünschen und ungeduldig zum Frühstück bitten – sie sind seit einer halben Stunde damit fertig, alles vorzubereiten. Es gibt das, was es sonntags immer gibt, dazu noch jede Menge Obst, denn: Noch immer esse ich Zucker nur „verpackt“ in Obst oder Milch.
Nach unserem kleinen „Familiengottesdienst“ auf dem Sofa gehen ein Sohn und ich laufen. Der weitere Sonntag plätschert eher ruhig und entspannt vor sich hin: Ich rede mit der einen oder anderen Tochter, lese meinem Jüngsten was vor oder sitze allein auf der Terrasse. Irgendwann treffen wir uns wieder, ich koche Abendbrot, mein Mann kommt nach Hause. War das ein schöner (Mutter-)Tag? Ja. Ich bin Mutter und hatte einen schönen Tag!

