Kein Märchen

Es war einmal ein Mensch, der lebte in meiner Stadt. Er war nicht besonders umgänglich – den weichen Kern verbarg eine harte, abweisende Schale. Er war auch sehr allein; in seinem Leben gab es keine Familie und nur wenige Bekannte. Bei unseren Begegnungen wurde mir bewusst, wie ungleich Menschen im Leben zurechtkommen – aufgrund sehr unterschiedlicher Startbedingungen. Ab und zu sahen wir uns, dann zog er einige hundert Kilometer weg, in den Südosten der Republik. Wir blieben in Kontakt: Auf jeden Brief von mir schrieb er ein paar dankbare Zeilen per Mail. Ein paar Jahre hatte er einen Hund; außerdem besuchter er eine ältere Dame in seiner Nachbarschaft, bis diese ins Heim umzog.

Im letzten Jahr erwähnte er ein paar Mal, dass es ihm gesundheitlich nicht gut gehe und er kaum noch aus der Wohnung komme – dann kam plötzlich nichts mehr. Seither misslingt jeder Versuch, ihn zu kontaktieren; Briefe bleiben unbeantwortet, Mails kommen als `unzustellbar´ zurück. Wahrscheinlich ist er verstorben; ich hoffe, er war am Ende nicht so allein, wie sein Leben es vermuten ließ. Ich weiß, dass andere ihn als verletzend und herablassend wahrnahmen. Mir bleibt er ganz anders in Erinnerung: als jemand, der treu war, genügsam und sehr dankbar für freundliches Interesse.

Abgekoppelt?

Eine Hausaufgabe meines Sohnes – dritte Klasse – machte mir in erschreckender Weise bewusst, dass wir unsere Kinder abkoppeln vom deutschen Allgemein-Bildungsgut. Märchen finden bei uns nicht statt. Demnach erkannte er auch nur Hänsel und Gretel anhand von „zwei Geschwister begegnen im Wald einer Hexe“; bei Rotkäppchen war er trotz „ein Mädchen mit einem roten Käppchen will seine Großmutter besuchen und trifft auf einen Wolf“ ahnungslos, der „Frosch, den die Prinzessin gegen die Wand warf“, tat ihm eher leid… Bildungsauftrag nicht erfüllt, würde ich sagen. Dabei liegt dem gar keine bewusste Entscheidung gegen Märchen zugrunde: Ich fand und finde einfach andere Geschichten schöner zum Vorlesen. Kann ich und muss ich da etwas nachholen? Kommt man auch ohne Märchen-Wissen durch ein deutsches Leben? Was ist das überhaupt, was macht ein deutsches Leben aus? Was gehört traditionellerweise noch dazu?

Heute beim Abendbrot kam das Gespräch auf Tanzstunde. In den Klassen der beiden großen Jungen (neunte und zehnte Klasse) gehen ihrer Einschätzung nach „ganz viele“ zur Tanzstunde. Der Älteste: „Ich habe dazu keine Lust, denn ihr würdet mich da sicher in Jeans und Turnschuhen hinschicken, keinen Anzug oder so, ihr seid minimalistisch.“

Abgehängt? Sind unsere Kinder abgehängt, weil uns derartige Dinge nicht wichtig sind? Sind wir abgehängt? Unsere eigenen Tanzstunden-Erinnerungen sind – verglichen mit heutigen Standards – eher schräg: tatsächlich Jogginghose und Turnschuhe beziehungsweise ein Tanzpartner, der zu musikalisch für den Viervierteltakt war… Außerdem lässt sich mittlerweile eine gewisse Hüftsteife nicht leugnen; und so viel Gelegenheit, unsere vor Jahrzehnten gelernten Tanzschritte regelmäßig zu üben, bietet sich in unserem Alltag nicht. Lieber machen wir etwas anderes… Laufen, lesen, spazieren gehen.

Das Thema scheint uns nun doch einzuholen: In ein paar Jahren – wenn nichts dazwischen kommt – macht der Große Abitur. Heutzutage muss man beim Abiball mindestens einen Walzer hinlegen, wenn nicht drei Viertel des Abends als Paar auf der Tanzfläche verbringen können. Oje! Davon sind wir weit entfernt; und wir sind ihm ohnehin schon oft peinlich, weil wir angeblich so anders ticken als die normalen Eltern seiner Freunde.

Eine Lösung muss her – aber nicht jetzt. Wir schieben das auf: Ein Crashkurs zwei Wochen vor dem Ereignis muss reichen. Improvisation passt besser zu uns als das mühselige Herumgequäle in einem Tanzkurs für alte Anfänger. Einen Abend schaffen wir dann schon.