Körper-Formen

Eine Werbung zeigt eine junge Frau, die von sich sagt, sie fühle sich unwohl in ihrem Körper – wegen zu viel Hüftspecks. Jetzt aber habe sie eine super Lösung gefunden: Sie benutze eine Art Shirt mit `body shaping´-Funktion, so dass (ihre Worte) „es nicht mehr über den Hosenbund quillt“. Das Oberteil enge nicht ein und sei sehr bequem zu tragen – ihr „confidence boost“ für den Tag.

Ich werde nachdenklich. Natürlich gehe auch ich nicht nackt auf die Straße und schätze Klamotten nicht nur wegen ihrer wärmenden Wirkung oder um meine Schamzonen zu bedecken. Auch für mich ist Kleidung ein Mittel, mich selbst (und meinen Körper) vorteilhaft zu präsentieren. Dennoch käme es mir ein wenig wie Selbstbetrug vor, würde ich die Stellen meines Körpers, mit denen es mir nicht gut geht, weg- oder hin-formen – um selbstbewusster auftreten zu können. Langfristig stärkender für mein Selbstwertgefühl wäre es sicher, meine Problemzonen entweder als zu mir gehörig zu akzeptieren oder ihnen buchstäblich zu Leibe zu rücken.

Die Kraft, die in mir steckt

Mein Sohn sagt, Durchhalten fange im Kopf an. Das ist wahr. Ich merke es jedesmal, wenn ich morgens eine Planke mache: Mindestens die letzte Minute schaffe ich nicht, weil mein Körper so kräftig ist, sondern weil mein Geist weiß: „Ich kann noch ein bisschen länger!“

Grenz-Erweiterung

Ich laufe immer im selben Tempo – denke ich. Tatsächlich stimmt das schon seit einigen Jahren nicht mehr: Ich fühle mich zwar noch immer so schnell wie früher, werde aber – altersbedingt – immer langsamer. Nur wenn ich die Zeit stoppe, registriere ich den Unterschied. (Also stoppe ich die Zeit nicht oder nur höchst selten.)

Die Zeit selbst ist mir egal; ich habe kein Ziel im Kopf, das ich erreichen möchte. Dennoch breche ich manchmal aus meinem normalen Trott aus und fordere meinen Körper heraus. Nur dadurch verhindere ich, dass ich immer schneller immer langsamer werde: Wenn ich beweglich bleiben möchte, muss ich regelmäßig an die Grenze gehen – oder darüber hinaus: Das ist (buchstäblich) kein Spaziergang, setzt aber vorher unbekannte körperliche Reserven frei.

Was für den Körper gilt, stimmt ebenso für den Geist: Geistig beweglich bleibt nur, wer gedanklich an die Grenze geht – oder darüber hinaus. Dabei kann eine neue Sprache helfen, ein Musikinstrument, eine Debattier-Runde … Auch die Beschäftigung mit Sichtweisen jenseits meiner eigenen Denk-Grenzen trainiert die mentale Flexibiliät: Das ist herausfordernd, beflügelt aber den Geist.